Da geht sie hin auf Reisen

Unsere Babytrage geht auf Reisen. Mal wieder. Nur dieses Mal ohne uns.

Seit Kind 2 so ungefähr vier Monate alt war, hat sie uns täglich begleitet. Überall hin. Auf unsere Elternzeittour quer durch die Lande, in die Hohe Tatra, die Kanaren, Panama und USA. Sie war immer im Einsatz. Wenn der Kleine müde war. Wenn er quakig war. Wenn er nicht schlafen konnte. Wenn wir auf die Berge hoch und in die Schluchten runter wanderten. Wenn wir durch ein Städtchen flanierten. Immer hing er wie ein kleines Äffchen vorne an unseren Bäuchen und Rücken. Stundenlang. Jeden Tag. Wir haben in den ersten 14 Monaten kaum einmal den Kinderwagen benutzt. Und das nicht nur, weil uns unsere tollen Hebammen eingeimpft hatten: „Babys sind Säuglinge und TRAGlinge“, sondern weil es einfach praktisch war. Barrierefrei sozusagen.

Am Anfang war sie knallrot. Nach 12 Monaten Dauereinsatz von der Sonne ausgebleicht. Fleckig. Hier und da der Stoff leicht angeschlagen. Aber funktional, noch immer.

Seit fast einem halben Jahr hängt sie nur noch an der Garderobe. Kind 2 kann laufen. Es liebt seine Bewegungsfreiheit und findet das Flunderdasein auf den Elternrücken nicht mehr ganz so prickelnd. Zum Wandern hat die Kraxe die Trage längst abgelöst (auch wenn es gefühlt viel schwerer ist, ihn darin zu tragen, meine Güte. Wie eine Tonne. Vom Gleichgewicht halten, wenn er hin- und herschaukelt, ganz zu schweigen).

Jetzt geht sie also auf Reisen, einmal quer durchs Land, damit das frischgeschlüpftes Baby meiner Freundin sich darin an den MamaPapaTanten-Bauch kuscheln kann. Und mit ihnen vielleicht sogar auf Elternzeitreise geht. Ein kleiner Abschied. Von der Zeit, als der Kleine noch ein Tragling war. Und wir mit ihm durch die Lande tingelten. Achja. Bin ein mini-bisschen wehmütig …

National-Park-Hopping. Von einer Schönheit zur nächsten

Als wir im Februar aus der tropischen Hitze Mittelamerikas in Kalifornien ankamen, atmete ich erst einmal tief durch. Kühle Luft, fantastisch! Endlich wieder bewegen, ohne dass der Schweiß überall herunterläuft und die Sonne die Glieder schwer werden lässt.

L.A. – groß. Viele Palmen. Riesige Supermärkte. Nach unserem Leben auf dem Lande in Panama mit überwiegend Linsen, Reis, Bananen und Bier, waren wir etwas geplättet von dem Megaangebot. 113 verschiedene Sorten Cornflakes, hochglanzpoliertes Obst, gigantische Einkaufswagen. Wehe, man vergisst etwas und muss zurücklaufen: bei den Dimensionen artet das in Sport aus. Das Überangebot schlug sich ziemlich schnell nieder: Trotz „guilt-free Snacking“ & etlichen Wanderungen nahmen wir alle miteinander deutlich zu.

guilt-free Snacking. Na dann! | Wir sind immer ein Carpool | Einkaufserlebnis

Nach einer kurzen Runde durch Hollywood rüsteten wir uns für die Weiterreise. Mietwagen, Gaskocher, Jahreskarte für die National Parks, Espressomaschine und ein warmer Pullover, damit hatten wir die wichtigsten Dinge beisammen. Wir fuhren zunächst die legendäre 1 gen Norden, machten ein paar Tage Halt in Monterey und besuchten das bezaubernde Pinnacles National Monument. Bei San Francisco versuchte ich das erste und einzige Mal, mit Öffis und zu Fuß einen Park zu erreichen. Nach 4 Stunden trennte mich nur noch ein 6-spuriger Highway vom Spielplatz – und ich gab auf. Ok. Autokultur, ich habs kapiert. Ab da nur noch mit dem Wagen. Der kleine F. musste sich wohl oder übel daran gewöhnen. Und als „Carpool“ – einem mit mind. 2 Personen besetzten Wagen – hatten wir meistens Vorfahrt auf der Überholspur.

Außer in den National Parks. Da ließen wir die Karre auf irgendeinem Parkplatz stehen und gingen zu Fuß. Stundenlang. Zunächst ein paar kleinere Runden durch den Sequoia NPark und den Angeles NForest, allerdings waren hier viele Straßen noch gesperrt, es lag Schnee & war etwas zu kalt für unsere spärliche Garderobe.  Als dann auch noch ein fetter Sturm angekündigt wurde, fuhren wir ein paar Kilometer weiter, in die Wüste. Und von dort Richtung Osten nach Arizona. Auch in die Wüste. Wir wanderten zwischen meterhohen Kakteen im Tonto National Forest umher, durchstreiften bei Prescott die Wälder und warfen einen Blick in den Grand Canyon. Bilder hatte ich davon schon gesehen, aber auf dieses gigantomanische Naturmonument war ich nicht vorbereitet. Mir lief es kalt den Rücken herunter: gespaltene Erde, bis zu 1800 m geht’s in die Tiefe, skurille Felsformationen, wohin man schaut. Da will ich runter. Irgendwann einmal, wenn Kind 2 größer ist oder mich Kind 1 begleitet. Mit dem V. Oder alleine.

Von der Wüste in den Schnee: Tonto NF – Red Rocks, Pixie NF – Capitol Reef – Rocky Mountains

Immer an den Canyons entlang ging es weiter nach New Mexico, Colorado und Utah, durch grandiose Landschaften, vorbei an bizarren Felsformationen und faszinierenden Farbspielen. Wir hüpften von einem Park zum nächsten und waren immer wieder überwältigt von den Naturschönheiten: National Bridges, Staircase Escalante, Red Rocks Pixie … einer meiner liebsten war: Capitol Reef, wo diese unglaublich schiefen Megafelsen wie gigantische Schiffe gen Himmel brechen.

Wir waren fast jeden Tag draußen in der Natur. Der Kleine kam in die Trage auf den Rücken, und so stromerten wir stundenlang durch die Landschaft. Der Sohn war inzwischen alt genug, die (vielen) Pausen mit Erkundungen zu verbringen: Er fraß sich durch Wüstensand (natürlich), stocherte mit Ästen im Waldboden, hatte zum ersten Mal Schnee in den Händen und ließ sich wie wir auf den Berggipfeln den Wind um die Nase blasen.

Blick aus der Trage | Gipfelbier | Wie wahr!

Meist blieben wir nur ein paar Tage und Nächte an einem Ort, in einem günstigen Motel. Oder wir besuchten Freund/innen und Verwandte. Einmal auch eine flüchtige Twitterbekanntschaft und eine Familie, die wir ein paar Wochen vorher in Panama kennengelernt hatten. Ich habe selten so großzügige & nette Gastfreundschaft erlebt.

Witzigerweise hängen in vielen Motels die gleichen Bilder über den Betten. Vielleicht der Harmonie wegen?

In den USA lässt es sich super mit kleinem Kind reisen, finde ich: Wir hatten nie Probleme, eine Unterkunft zu finden, nie Beschwerden, das Baby sei zu laut (im Unterschied zu Las Palmas /ES, wo die Nachbarn nachts an die Wand hämmerten). Die Spielplatzbegegnungen waren überwiegend nett, die Leute überhaupt sehr freundlich, in Restaurants waren immer Hochstühle vorhanden und das Beste: an (fast) jedem Spielplatz gibt es Toiletten & Grillstellen. Ein echtes Feature!

Alltagsimpressionen: Kochen auf dem Spielplatz & im Kofferraum. Fütterung vor’m Motel

Wir hatten eine tolle Reisezeit erwischt von Ende Februar bis Anfang Mai: Die Wintersaison war vorbei, die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Es war also nicht viel los, die Motels waren fast überall günstig und kaum belegt. Und klimatisch war es super. Ein schöner Abschluss unserer Elternzeitreise.

Nach ca. 6000 Meilen Autofahrten, wenigen Städten, vielen National Parks, wunderschönen Wanderungen, unglaublich beeindruckenden Erlebnissen, netten Begegnungen, kehrten wir wieder nach Deutschland zurück. Nun begann der „heimatliche“ Alltag mit kleinem Kind, an den wir uns erst gewöhnen mussten. Und wie das mit tollen Momenten so ist: Auch sie geraten in Vergessenheit, verblassen langsam vor dem Gewohnten oder Neu-Erlebten. Wir haben Fotos, die uns beim Erinnern helfen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten. Und ich schreibe darum auch ein bisschen davon auf. Zum Teilen & Bewahren.

P.S. 1: Bei blog.zwzora habe ich ein kleines Video gefunden, bei dem ich sofort Sehnsucht bekomme: aus dem Auto heraus gefilmt ein kleiner Einblick in die fantastische Canyonwelt. An vielen Stellen waren wir auch.

P.S. 2: Im Waldo Canyon (Colorado) wütete im Juni 2012 ein Feuer und zerstörte große Teile davon. Tausende Menschen wurden obdachlos. Wir waren dort noch Ende April unterwegs. Traurig.

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Elternzeitreise Post 1: Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra, Slowakei
Elternzeitreise Post 2: Kleiner Alltag in der Ferne

Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra

Zipfelmütze vor Bergzipfel in der Hohen Tatra

In der Hohen Tatra / Slowakei sind wir zufällig gelandet, auf unserer Elternzeittour im letzten Jahr. Wir waren in Polen unterwegs und hatten nach einigem Städtekucken Lust auf Land und Natur. Ein Freund empfahl uns, über die Grenze zu fahren und so tuckerten wir auf die slowakische Seite, mieteten eine Ferienwohnung und schauten von der Ferne auf die schroffen Gipfel der Tatra. Auf das „kleinste Hochgebirge der Welt“, wie sie gerne genannt wird. Dort wollten wir hin, am besten ganz hoch.

Wir waren anfangs skeptisch – ganztägige Wandertouren, geht das überhaupt mit kleinem Baby? Sind über 2000 m nicht zu hoch für das Kind und schaffen wir das mit unserer Kondition? Meine jedenfalls war nach Schwangerschaft, noch währender Stillzeit und viel viel SchokoladenKuchenEis in den letzten Monaten eher dürftig. Und so fingen wir erst mal langsam an mit einer kleinen Tour auf ausgetretenen Wegen inmitten vieler Sonntagsausflügler bis zur Seilbahnstation Skalnate Pleso und fuhren von dort wieder runter. Sehr schön bereits, wunderbare Ausblicke.

Aber ein bisschen mehr Herausforderung durfte es dann doch sein. Wir fragten unsere Vermieterin und bekamen haufenweise Empfehlungen. Mit Baby? Kein Problem. Nicht schwindelfrei (ich)? Kein Problem. Und so machten wir uns an den nächsten Tagen jeweils in aller Frühe auf, bepackt mit Kind in der Manduca und tonnenweise Picknick, fuhren mit Bus oder Tatrabahn (die einmal unten langfährt) zu unseren Ausgangspunkten und stiefelten los. Jedes Mal ein bisschen weiter. Jedes Mal ein bisschen höher. Jedes Mal ein bisschen einsamer. Denn wie fast überall dünnt es sich doch merklich aus, je weiter man sich von Seilbahnen, Parkplätzen und sonstigen Infrastrukturen entfernt.

Die Wege führen anfangs immer durch ein Waldgebiet, das durch einen Orkan 2004 schwer beschädigt wurde. Die Schneise der Zerstörung ist noch gut zu sehen, die Hälfte der Bäume stürzte um. Über 1600 m finden sich nur noch vereinzelt Bäume, dafür kniehohe Zwergkiefern, Wacholder, Gräser, Blumen, Flechten. Die Wanderpfade sind super ausgeschildert & angelegt, aber steil, sehr steil. Oft felsig, steinig, voller Geröll. An manchen Stellen gibt es Ketten zum Festhalten und Hochklettern, denn sobald es etwas feucht oder eisig wird, verwandelt sich das Ganze in eine Rutschpartie. Ganz sicher nichts für ältere Leute, dachte ich so, bis wir links und rechts von slowakischen und polnischen Wander/innen überholt wurde: Dicke, Dünne, Alte, Junge. Leute, denen ich arroganterweise nach Augenschein allenfalls eine Lifttour plus Sahnetorte im Ausflugslokal zugetraut hätte – sie kletterten wie die Bergziegen die steilen, felsigen Wege hoch. Unsere Vermieterin war wohl auch eine von der Sorte, denn von wegen kein Problem, wenn nicht schwindelfrei: Für mich zumindest war es eines. Bei 2-3 Stellen habe ich gestreikt, weil sich mein innerer Esel auf stur stellte und keinen Schritt weiter über die unabgesicherte Geröllpiste laufen oder über den steilen Pass klettern wollte. Ein falscher Schritt – und tschüss. Zumindest kam es mir so vor. Und dann war da ja auch noch das Baby …

Das Baby klemmt wie ein Äffchen hinten dran

Ja, das Baby. Wir konnten unsere anfänglichen Bedenken doch recht bald über Bord werfen. Das klappte insgesamt sehr gut. Das Kleine saß mit seinen 6 Monaten meist sehr zufrieden in der Trage, an meinen oder V.s Rücken geklemmt wie ein kleines Äffchen. Oft hat es geschlaften oder in die Gegend geschaut oder vor sich hingebrabbelt. Es hat sich über die vielen Dobrý deň (Guten Tag) und Ahoj! (Hallo) gefreut – und wir natürlich auch. Wir hatten schon von vornerein viele Pausen eingeplant – trotzdem war das Timing nicht immer ganz einfach: Wenn das Baby direkt vor dem Pass mitten im Nirgendwo keine Lust mehr auf die Trage oder Hunger hatte und wir zwischen Geröll am Wegesrand rasten mussten. Wenn wir uns in der Zeit verschätzten und nur mit Mühe noch vor Sonnenuntergang wieder unten ankamen.

Oft haben wir Pausen gemacht. Zum Stillen, auf Bergwiesen herumliegen und Grashalme berühren. Um die grandiose Landschaft zu genießen, den Blick ins Land schweifen zu lassen, an einem blauenblauenblauen Bergsee zu verweilen. Um zurückzublicken auf das bereits Geschaffte und um Herz & Atem ein wenig zu beruhigen. Um auf dem Gipfel ein bisschen stolz zu sein. Oder in einer der Berghütten, wo wir erschöpft süßen leckeren Tee in uns hineinschütteten und Schokolade und Pirogen aßen.

Das Schöne an der Hohen Tatra ist, dass es nur an den Außenhängen einige Lifte und Straßen gibt. Der größte Teil ist geschützter Nationalpark. Es ist still, es ist Natur pur, es ist wunderschön. Viele Gipfel dürfen nur mit Bergführer/innen erklommen werden, Querfeldeinlaufen ist nicht erlaubt und von November bis Mitte Juni sind die meisten Wege komplett gesperrt. Die Wanderhütten werden zu Fuß von Sherpas beliefert – anscheinend die letzten in Europa. Von Frauen und Männern, die tonnenweise Wasser, Bier, Schokolade, Gasflaschen, Klopapier, Souvenirs und tausend Dinge mehr auf die Wanderhütten schleppen. Pro Gang bis zu 100 kg Lasten auf bis zu 2250 m hoch. Von den Versorgungsstationen sind das über 700 Höhenmeter. Und das teilweise mehrmals am Tag. Wir hatten schon Schwierigkeiten, uns selbst, das Baby und unser Picknick hochzuschleifen. Es gibt Sherpas, die setzen so ein Kind einfach noch ganz oben drauf:

Die Sherpas schleppen alles: 80l Wasser, Rucksäcke, Essen, Kinder ….

Nach zwei Wochen verließen wir die Slowakei und fuhren in strömendem Dauerregen nach Deutschland zurück. Ein bisschen beseelt, sehr beeindruckt. Das verzückte Gefühl hält bis heute an, denke ich an die Tatra zurück. Wir hatten vermutlich großes Glück, dass wir die sie so kennenlernen durften. Es waren nicht mehr viele Leute unterwegs, es gab noch keinen Schnee, es war trocken – ein perfekter indian summer, Sonnenschein, bunter Herbst. Die Tatra hat bei uns die Begeisterung für Berge geweckt und Maßstäbe gesetzt: „tatraesk“ ist seither unsere Auszeichnung für besonders schöne, einmalige, beeindruckende, gebirgige Wanderwelten.