Wer das Tempo bestimmt

Manchmal fällt es mir schwer, geduldig zu sein. Da geht Kind x, gleich alt wie meines, schon ewig und drei Tage alleine aufs Klo. Oder fährt Fahrrad. Oder isst mit Messer&Gabel und schmiert sich die Hände nicht nach jedem Bissen am T-Shirt ab. Dann kommen bei den Eltern so Gedanken auf wie: Sollten wir da mal mehr hinterher sein, das Kind mehr fordern?, oder: haben wir irgend so einen mystischen Entwicklungsmoment, irgendwelche Signale verpasst – und alles zieht sich wegen unserer Unaufmerksamkeit in die Länge?

Tja, und dann erinnert uns das Kind2 daran, dass das Gras halt doch nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Dass es ihm egal ist, wenn die Eltern drängeln. Dass es mit unglaublichem Willen an die Dinge herangeht, wenn es so weit ist. Und dann setzt es sich von einem Tag auf den anderen auf sein Geburtstagsfahrrad, das seit 4 Monaten unbeachtet im Keller steht. Und fährt los. Den einen Tag noch mit der Mama-oder-Papa-Hand im Rücken, am nächsten braucht es das nicht mehr. Oder es beschließt von einem Tag auf den anderen: weg mit den Windeln. Ich kann das alleine! Die Eltern haben bitte vor der Türe zu warten.

Wer hier das Tempo bestimmt, ist also klar – und wir Eltern joggen staunend hinterher.

… und die Eltern keuchen hinterher

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Elternlogik I: Die anderen Kinder

Neulich im Schwimmbad:

Elternlogik 1

Später:

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Tunnelblick, Bernadette La Hengst & die Nomaden der Zukunft

Es war ein unglaublich rauschendes Fest, dieses Konzert. Es gab wohl kaum jemand im Saal, der nicht mitgröhlte, die nicht mittanzte. Es startete gleich mit einem Knaller, mit Tunnelblick, der Band der Freiburger Straßenschule, mit ihrer grandiosen Frontfrau und tollen Texten. Eigentlich hätte ich die am liebsten nicht mehr von der Bühne gelassen!

Die Nomaden der Zukunft passten gerade so auf die kleine Bühne. Den Chor gründete Bernadette La Hengst für das Projekt “Schwarz Wald Straße” des Freiburger Theaters. Publikum und Chor – die Grenzen waren fließend, alle sangen mit, tanzten, hüpften. Über Warenströme, Reichtum&Armut und Wem gehört die Stadt denn eigentlich? (Ich habe keine Playlist gefunden, aber hier gibt es ein paar Songs und unten das Video) Schade, dass ich von dem Projekt (mal wieder) rein gar nicht mitgekriegt habe, ich hätte richtig gerne mitgemacht.

Danach rockte Bernadette, immer wieder mit dem Chor im Background, die Bühne. Mich hauten ihre Power, ihre Präsenz und ihre Musik genau so vom Hocker wie damals bei der Wuchtbrummenparty. Was für ein Abend – was für ein Fest!

Tunnelblick

Die Nomaden der Zukunft

Bernadette und die Nomad*innen

Bernadette La Hengst

“Füttert uns” – Song der Nomaden der Zukunft

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Rätselhaftes Pausenbild

Es geht hier weiter, ganz bestimmt. Irgendwann, vielleicht schon bald. Derweil gibt es für diejenigen, die hier trotz derzeitiger Flaute immer wieder treu vorbeiklicken (<3), ein kleines Pausenbild. Die Schuhe standen mitten in der Wutachschlucht, einige Kilometer vom nächsten Ausgang entfernt, fett umklebt mit Paketband. Ob die ehemalige Besitzerin wohl barfuß weitergelaufen ist?

Pause

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First time #12von12

12. Juni 2014
Mal wieder habe ich es verpasst, diese #12von12 Fotos den Tag über verteilt zu machen. Egal. Ich mache trotzdem mit! Mit einem kleinen Trick.

1. Kaffee
Endlich mal wieder ein freier Tag. Bin trotzdem früh auf, klar (Zwangslerche).

kind2 wach
Kind2 kurz danach auch. Mit eher mäßiger Laune, weil es zu wenig geschlafen hat.

kita
Wir schaffen es nach langem Hin und Her (“I will noch kurz spieln!”) aus dem Haus und mit dem Rad in die KiTa.

Frühstück
Kind1 ist seit gestern zu Besuch. Wir frühstücken.

putzen
Aufgrund drohender völliger Verwahrlosung ist putzen, saugen, aufräumen, Wäsche waschen angesagt (schwitz)

twittern
Danach arbeite ich meine to-do-Liste ab (*hüstel*)

färben
Beschließe, nicht zum Friseur zu gehen, sondern mir die Haare zu färben und den Topf den Pony selbst zu schneiden. Kommentar Kind1: “Jetzt hast du eine Frisur wie Kind2!”. Irgendwas ist immer.

salat
Der Mann holt Kind2 von der KiTa. Ich bereite Tonnen an Futter für das abendliche Grillen zu Ehren von Kind1 vor.

familienbeteiligung
Kind2 stopft derweil Honigbrote in sich hinein, Kind1 daddelt (und bringt den Biomüll runter, jaha)

grillen
Abends Grillen im Garten mit Bruder+Schwägerin+2Kids. Es ist laut.

fußball
Zuhause folgt eine eher lange Abendzeremonie mit “Oh wie schön ist Panama” und 2443 Liedern. Danach trete ich meinen Laptop netterweise an Kind1 ab. Aus Gründen.

12von12
Mit mir redet grad keine/r. Ole ole ole ole. Pah. Merke, dass heute der 12. ist und beschließe, doch mal mitzumachen. Schnell schnell kritzel, krakel.

Geschafft, jippi.

Gut’s Nächtle miteinander!

Bei Draußen nur Kännchen gibt’s die Sammlung (danke @tafjora für den Hinweis!)

P.S.: Im Dämmerlicht produziert und am Schrabbelrechner hochgeladen. Ich hoffe, ich kriege morgen keinen Schock

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Frauen deutlich über 30

Unter dem Hashtag #Frauenüber30 posteten letztes Wochenende Dutzende Frauen ein Selbstportrait – also Selfie – von sich auf Twitter. Die Aktion wurde von Helena ins Leben gerufen, die es satt hatte, dass 30 irgendwie wohl als magische Grenze für Frauen angesehen wird, hinter der nicht mehr viel geht. Das Ganze sprach offensichtlich sehr viele an, meine Timeline wurde praktisch geflutet von Selfies. Meine ersten Reaktionen waren fast einheitlich: Krass. Seid ihr alle schön! Und jung.

Ich bin über 40 und damit in dem Alter, in dem die jugendliche Frische doch langsam etwas nachlässt. Die Haut faltet sich, die Haare werden grauer – und die schlaflosen Nächte stecke ich auch nicht mehr so gut weg. Ich bin in dem Alter, in dem Komplimente immer häufiger in Form von Sprüchen wie “du-hast-dich-aber-gut-gehalten” oder auch “für-dein-Alter-siehst-du-ja-noch-ganz-gut-aus” daherkommen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass mich das manchmal durchaus freut – es ist ja schließlich ein Kompliment – geht es mir gewaltig auf den Senkel.

Denn: Was soll denn hier “für dein Alter” heißen? Wie sieht eine ü40-Jährige demnach aus? Was heißt bitte “gut gehalten”? Dass frau in der Regel mit dem Alter an Schönheit verliert? (Im Gegensatz zu den mit dem Alter attraktiv werdenden Männer? Ich kann diesen bescheuerten Mythos nicht mehr hören!) Ist Schönheit jung? Sind Falten und graue Haare nicht schön? Warum ist es erstrebenswert, ständig jünger auszusehen, als man ist? Diesen an das Alter geknüpften Attraktivitätscountdown empfinde ich als einen riesengroßen Mist.

Aber auch wenn ich es bescheuert finde, sitzt das jugendliche Schönheitsideal (plus natürlich Schlankheitswahn), das in jeder blöden Bierwerbung reproduziert wird, doch auch bei mir ziemlich tief, wie ich mal wieder bemerkte. Mich hat (unter anderem)* tatsächlich der Vergleich mit den ganzen jugendlichen Schönheiten, die plötzlich meine Timeline bevölkerten, abgehalten, selbst spontan ein Foto zu posten. Ich war an dem Tag im Garten und sammelte Schnecken ein, war verschwitzt und hatte einen bad-hair-day. Mit den Probe-Selfies, die ich gemacht habe, hätte ich mich bei Fear and Loathing in Las Vegas Teil II bewerben können.

Ich merkte irgendwann, dass ich schwer bemüht war, ein Foto von mir hinzubekommen, auf dem ich nicht wie eine ältere, zerknitterte Mami mit dicken Augenringen aussehe, sondern faltenfrei und möglichst frisch&jung. Ich war also drauf und dran, mich in ein Schönheitsideal zu quetschen, von dem ich an dem Tag einige Kilometer weit entfernt war. Nach mehreren miserablen Fotos machte ich mich grummelnd wieder ans Schnecken sammeln und ärgerte mich ein bisschen ziemlich darüber, dass ich dem jung=attraktiv-Dingsbums doch selber ganz schön verhaftet bin (und recht eitel auch, ich geb’s zu).

Eigentlich ist es absurd: Ein hohes Alter zu erreichen, erscheint sehr erstrebenswert – alt aussehen möchte aber niemand so recht, nicht umsonst werden graue Haare überfärbt und die Falten retuschiert, um deutlich unter dem biologischen Alter daherzukommen. Nun habe ich natürlich keine Ahnung, ob es noch anderen bei #Frauenüber30 so ging wie mir und ob und wie lange die Einzelne an ihrem Bild herumgeschraubt hat, um sich ins einigermaßen faltenfreie Licht zu rücken. Ich hatte ein bisschen den Eindruck von “Schaut her, Frauen über 30 sind durchaus attraktiv und schön, WEIL sie doch irgendwie noch ganz schön jugendlich und frisch aussehen.”

Nein! Oder besser: Ihr #Frauenüber30/40/50/60-110 seid sehr sehr attraktiv und schön! Und zwar WEIL ihr schon etwas älter / alt seid, nicht obwohl! Weil ihr die eine oder andere oder gar schon sehr viele Falten habt. Weil die Haare weißer werden. Weil sich die glücklichen und traurigen Erfahrungen in eure Körper gezeichnet haben und aus euren Augen scheinen. Mir gefällt das. Und wenn ich nicht gerade verschwitzt im Garten herumwerkele oder mir morgens vor dem ersten Kaffee im Spiegel begegne, bin ich meist mit mir selbst auch ganz zufrieden (aber das war mit Mitte 20 auch schon so). Es leben die Falten. Amen.

(* z. B. Aufgabe meiner Anonym-/Pseudonymität. Aber das ist ein anderes Thema)

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Fatalismus hilft nicht gegen weltweite Überwachung

Kürzlich hielt Sascha Lobo auf der re:publica 2014 einen Vortrag mit dem (bescheuerten, wie er selbst zugab) Titel “Rede zur Lage der Nation“. Er machte von Anfang an klar, dass er keine spaßige Unterhaltung bieten würde und was er sagte, war auch wenig witzig.

Für diejenigen, die es nicht gesehen haben: Es geht grob gesagt um die weltweite Überwachung und den Kampf für Grundrechte im Netz. Seit einem Jahr ist dank Snowden bekannt, in welch einem Ausmaß die Geheimdienste NSA und GCHQ systematisch und praktisch allumfassend Informationen aus dem Netz saugen, speichern & auswerten, Telefonate abhören etc. Das hat inzwischen wohl jede*r mitbekommen. Die Liste an Absurditäten, Ausweichmanövern, Lügen und Einschüchterungsversuchen  (z. B. gegen Parlamentarier*innen, die untersuchen sollen, welche Rolle die deutschen Dienste dabei spielen), ist elends lang. Auf heise.de kann man sich das auf einer Timeline anschauen.

Es geht darum, wie wichtig “uns”* das Internet ist und was “wir” eigentlich dafür tun, dass Grundrechte geachtet werden – außer von Whatsapp auf Threema oder so zu wechseln und Petitionen zu twittern. Geld wächst von Seiten der Netzgemeinde – den Begriff hat er verwendet, um das leicht piefig-gemütliche zu unterstreichen – jedenfalls kaum zu den Initiativen rüber, die sich gegen Überwachung und für ein freies Netz einsetzen.

Nun kann man sich über Art&Weise&Tonfall der Rede sicher streiten – das war kein netter Spendenaufruf, sondern eher ein verbaler Arschtritt, den Lobo da losgelassen hat. Das soll hier aber nicht Thema sein. Ich finde, er hat inhaltlich recht und ich fühlte mich – ebenfalls inhaltlich – durchaus angesprochen. Ich habe Petitionen getwittert, rege mich gerne offline gegen die Überwachung auf, bin ansonsten aber, wie das Nuf kürzlich mal sehr treffend schrieb, zu faul, um nicht überwacht zu werden. Und: ich habe nicht einen müden Euro dafür eingesetzt, um zumindest andere, die ETWAS TUN, zu unterstützen (das zumindest habe ich gleich mal geändert). Dabei liegt mir das Thema sehr am Herzen, denn: Es geht natürlich nicht nur um das Netz, es geht um Grundrechte, die gerade systematisch untergraben, ausgehöhlt, missachtet werden. Es geht um weltweite Überwachung, um Kontrolle, um Macht – die technische Überwachung ist hier das Mittel zum Zweck. Das schrieb der damalige NSA-Chef Kenneth Minihans ziemlich unverblümt bereits 1996 in einem Rundbrief an die Mitarbeitenden:

“Eine Informationsrevolution fegt durch die Welt, die so radikale Veränderungen erzwingt wie einst die Entwicklung der Atombombe. So wie die Kontrolle der industriellen Technologie einst der Schlüssel zu militärischer und ökonomischer Macht während der vergangenen zwei Jahrhunderte war, wird die Kontrolle der Informationstechnologie der Schlüssel zur Macht im 21. Jahrhundert.” Quelle

Das ganze Überwachungsgedöns betrifft mitnichten nur die Twittergemeinde, die Netzbewohner*innen. Das betrifft – zumindest irgendwann – alle.

Man könnte bei dem ganzen Scheiß doch recht fatalistisch werden. Was kann eine schon groß tun – das war gestern der Tenor bei einer Veranstaltung zum Thema, die ich besucht habe. Lobo hat ein paar Vorschläge gemacht, wie z. B.: die Verantwortlichen zu brandmarken – was ich jetzt mal damit übersetze, Verantwortliche konkret zu benennen, anzusprechen, nicht in Ruhe zu lassen – , daran schließt sich an: Parlamentarier*innen auf die Füße zu treten, in die Institutionen zu gehen.  Das Einfachste ist sicher: Kohle an Leute, die sich den Arsch aufreißen, zu transferieren (zum Beispiel an: Digitale Gesellschaft, AK Zensur, Netzpolitik …).

Und: Ich finde es auch wichtig, darüber zu reden, zu schreiben, zu twittern, zu unterschreiben, zu demonstrieren. Leute zu unterstützen, die überwachungssicherere Systeme programmieren (hier hilft Geld ebenfalls ungemein). Asyl für Snowden zu fordern. Das sollte alles nicht gegeneinander stehen. Hauptsache dem Fatalismus keine Chance zu geben – sonst haben “wir” bereits verloren.

* ich schreibe normalerweise ungerne “uns/wir” – dieses Mal finde ich keinen anderen Begriff. Gemeint ist damit konkret: Diejenigen, die potenziell von Überwachung bedroht sind. Das sind, nach derzeitigem Stand, wohl so ziemlich alle.

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