Dann geh‘ doch nach drüben

Es war verdammt lange her, dass ich diesen Satz das vorletzte Mal gehört hatte. Irgendwann in den 80ern wohl, als es die DDR noch gab und er regelmäßig das Ende der Diskussionsbereitschaft markierte: Pershings, Atomkraft, überhaupt Politik, da brauchen wir nicht drüber zu reden, denn wenn es dir hier nicht passt, dann geh‘ doch rüber, wirst schon sehn, ob’s da besser ist.

Das letzte Mal ist exakt 4 Wochen her. Thema: Kinderbetreuung. Ich fragte bei der Verwaltung der Kinderkrippen nach, ob man vielleicht ganz eventuell mal über eine Feriennotbetreuung für die Kleinsten (für die Schulkinder gibt es das bereits) nachdenken könnte. Denn unsere Krippe macht den kompletten August die Schotten dicht. Dazu an Weihnachten 2 Wochen, an Ostern sowieso und nicht zu vergessen all die Team-Besprechungs-Fortbildungs-Renovierungs-Brückentage. Da kommen locker 7 Wochen zusammen, das ist mit Urlaubstagen alleine nicht mehr zu machen. Das Gespräch lief hin und her und kam irgendwann auf die Situation in Ostdeutschland. Schließungszeiten? Gibt es bei vielen Einrichtungen nicht. Dafür flexible Bring- und Abholzeiten von früh bis relativ spät, teilweise sogar am Wochenende. Für uns Bewohner/innen einer kleinen Großstadt im Süden fast unglaublich: Wir sind hier im Zentrum des „Mama-geht-höchstens-halbtags-arbeiten“-Modells. “ Tja, wenn du das so toll findest, dann geh halt nach drüben“, sagte der Verwalter schließlich, ändern könne man jedenfalls nichts. Zugegeben, der Satz war nicht ganz ernst gemeint, aber er beendete ganz klar die Diskussion.

Nun ist heutzutage das Nach-Drüben-Gehen ja tatsächlich eine Option, im Gegensatz zu früher (was sollte ich als 14jährige in diesem fernen Land?). Wenn auch sicher nicht alleine wegen der Kinderbetreuung, zumal es in den größeren Städten auch nicht so einfach zu sein scheint, überhaupt einen Betreuungsplatz zu ergattern. Wien wäre auch eine Option, wie ich gestern neidisch bei Feministmum gelesen habe. 1,5 Schließtage im Sommer. Der Hammer. Aber warum sind flexible Urlaubszeiten für die Erzieher/innen nicht auch hier möglich, anstatt den Laden gleich ganz dicht zu machen? Klar, die Personalsituation ist besch***, die Bezahlung schlecht und eine Schließzeit vereinfacht organisatorisch das System. Aber das ist alles, wenn gewollt, veränderbar und nicht in Stein gemeißelt.

In diesem Jahr hilft uns noch die Elternzeit über das Sommerloch, im nächsten können wir schau’n, wie wir das hinbekommen. Die Tagesmütter (-väter?) machen hier übrigens zum großen Teil auch im August Ferien, das ist also keine Option. Babysitter und Großeltern aktivieren, abwechselnd zu Hause bleiben … oder wir reihen uns ein in die Blechkarawane und fahren mit all den anderen Kinderkrippen-Kindergarten-und Schulkindeltern zur Hauptsaison in den Urlaub und treffen uns dort mit den Tagesmüttern-Erzieher/innen-Lehrer/innen. Da ist dann wenigstens ordentlich was los.

P.S.: Zu den flexibleren und längeren Öffnungszeiten kommen ja noch die wesentlich höheren Betreuungsquoten im Osten! Hier ein paar Zahlen von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder: Kindertagesbetreuung regional 2011 (pdf).  Zu den Schließzeiten habe ich keine Statistik gefunden.

Betreuungsquoten der Kinder unter 3 Jahren in den Kreisen am 1. März 2011 (Kinder in öffentlich geförderter Kindertagespflege, die nicht zusätzlich eine Kindertageseinrichtung besuchen, sowie Kinder in Kindertageseinrichtungen, je 100 Kinder in dieser Altersgruppe)
Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Kindertagesbetreuung regional 2011, S. 10

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2 Antworten zu Dann geh‘ doch nach drüben

  1. Ralf Hildebrandt schreibt:

    Komm zu uns, kauf dir ein Schloß für einen Euro in Brandenburg und lebe wie ein Fürst!

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  2. holger krekel schreibt:

    Ralf, wie meinst Du das? dass gute betreungsunterstűtzung dem Leben auf einem Schloss nahekommt? wobei nettes Schloss in Stadtmitte mich interessieren täte 🙂

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