Kurz vor der Verwahrlosung

In der Küche ziehen sich braune Flecken von der Kaffeemaschine bis zum Waschbecken. Krümel liegen auf dem Boden, der Müll ist randvoll. Jacken und Taschen auf den Stühlen, Zeitschriften und ungeöffnete Briefe auf dem Küchentisch. Im Kühlschrank gammelt eine verschrumpelte halbe Gurke vor sich hin, dazu Käserinden, ein alter Salat und ein bisschen Milch. Das Brot ist steinhart und über den Zwetschgen kreisen Armeen von Fruchtfliegen. Das Geschirr steht dreckig über der Spülmaschine, denn die ist noch immer nicht ausgeräumt. Vor der Waschmaschine stapeln sich die dreckigen Klamotten. Die vor Tagen frisch gewaschene Wäsche liegt auf dem Sofa, ungefaltet, auf einen Haufen geworfen. Die Klamotten von gestern liegen vorm Bett, genauso so, wie sie beim Ausziehen fielen. Die von vorgestern auch. Und die von vorvorgestern eventuell auch. Wenn sie nicht schon auf dem Stapel vor der Waschmaschine sind. Der Schreibtisch ist übersät mit Dingen. Irgendwelchen Dingen. Büchern, Stiften, Nagellack, kaputtem Spielzeug, USB-Kabeln und einem Wasserhahnadapter. Auf dem Boden liegen Bastelsachen, Taschentücher (benutzt) und eine große Stoffeule. Kaffeetassen mit eingetrockneten Resten stehen auf dem Balkon und dem Nachtisch. Daneben der want-to-read-Bücherstapel, auf einen halben Meter angewachsen und bedenklich instabil. Staub auf allen Flächen. Wollmäuse auf dem Boden. Das Bad ist ungeputzt, Zahnpasta klebt im Waschbecken, die Ablagen sind zugerümpelt und auf dem Boden liegt der abgekrachte Handtuchhalter, noch immer nicht repariert. Daneben das Handtuch. Und noch mehr Klamotten.

Im Bett liege ich. Am Sonntag um halb 11. Mit Kaffee und Buch und Laptop. Ich habe noch genau 3 Tage, um dieses Chaos zu beseitigen und so zu tun, als hätte ich in den 9 (!!!) Tagen sturmfrei selbstverständlich höchst diszipliniert in dem höchst ordentlichen Zustand gelebt, den ich sonst  der Familie gegenüber gerne proklamiere – und nicht etwa kurz vor der völligen Verwahrlosung. Ich nehme an, Sie kennen das. Oder? ODER?!

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Delta Chat – ein neuer Star am Messenger-Himmel?!

Telegram? Threema? Nein! Delta-Chat! 🙂  Mit Lesebestätigungshäkchen und Verschlüsselungszeichen.

Messenger sind so ein Thema. Das Nuf hat sich kürzlich etwas ausführlicher damit auseinander gesetzt und beschrieben, was an Whatsapp problematisch ist. Die App gehört zu (evil) Facebook und schickt, das dürfte mittlerweile bekannt sein, ungefragt Adressbuchdaten an den Konzern, was scheiße und nach aktueller Rechtsprechung zudem nicht legal ist. Auch die Metadaten landen natürlich bei Facebook.

Auf Whatsapp zu verzichten ist für viele nicht ganz einfach. Für mich auch nicht. Schließlich tummeln sich dort viele viele Freund*innen, die gesamte Großfamilie und fast alle Kindergartenmamis und -papis. Deswegen habe ich sie auch immer noch aktiv – allerdings habe ich der App den Zugriff aufs Adressbuch entzogen (das geht mit neuen Android Versionen unter Einstellungen –> Apps –> Whatsapp –> Berechtigungen ändern). Zugegebenermaßen ist das unkomfortabel. Denn nun kann ich meine Chatpartner!nnen nur noch über deren Profilbild und Telefonnummer (die statt des Namens angezeigt wird) identifizieren. Das ist unschön und unübersichtlich.

Als Alternative habe ich über längere Zeit Signal, Threema und Telegram ausprobiert. Die Messenger sind im Prinzip vom Funktionsumfang ähnlich wie Whatsapp und funktionieren alle drei sehr gut. Der große Nachteil ist die Reichweite: Meine Kontaktlisten in diesen Messengern sind extrem übersichtlich. Nur eine Handvoll Leute in meinem Bekanntenkreis nutzt diese Alternativen, so dass ich dort jeweils nur ca. 3-4 aktive Chats habe. Außerdem sind alle drei Messenger ebenso wie Whatsapp zentral organisiert, d.h. alle (Meta)Daten laufen über die Server der jeweiligen Anbieter. Zudem nutzen zumindest Threema und Telegram Google Cloud Messaging (neuerdings umbenannt in Firebase Cloud Messaging), also einen Google Service, um das Handy über neue Nachrichten zu informieren.

Vor einigen Wochen habe ich mir den neuen Messenger Delta Chat runtergeladen. Delta Chat ist ein Open Source Projekt und bisher nur für Android verfügbar. Es nennt sich „Der Messenger mit der größten Reichweite der Welt“. Ein bisschen großspurig, dachte ich zuerst. Aber es stimmt: Denn Deltachat funktioniert auf E-Mail-Basis, man richtet also keinen eigenen Account ein, sondern nimmt einfach eine bestehende E-Mail-Adresse und kann dann über die App hin- und herchatten.

Das Gegenüber muss sich die App nicht installieren, sondern kann einfach über ihren E-Mail-Client kommunizieren. Dort erscheinen die Nachrichten als normale Mail. Damit kann ich also potenziell alle Leute erreichen, von denen ich eine Mailadresse habe.

Als Nutzerin habe ich die Wahl, von Delta Chat aus Nachrichten zu verschicken oder der Bequemlichkeit halber zwischendurch auch am Notebook vom Mail-Client aus zu antworten. Die Nachrichten tauchen alle sowohl in der Inbox bzw. in einem eigenen Chatordner sowie in der App im Chatverlauf auf.

Der Instant E-Mail-Messenger kommuniziert nur zwischen den beteiligten E-Mail-Servern, er ist damit also im Unterschied zu allen anderen (zumindest mir bekannten) Messengern dezentral organisiert. Es gibt keinen Deltachat-Server, auf dem Nachrichten, Metadaten oder Adressbuchdaten gespeichert werden, alles liegt auf den eigenen Rechnern bzw. beim E-Mail-Provider. Und den kann eine sich ja frei aussuchen. Gerade in Deutschland gibt es einige, die Datenschutz ernst nehmen und sich nicht über Werbung/Datenweitergabe finanzieren (dafür dann halt wie posteo 12 € im Jahr kosten. Das ist es mir wert).

Die Kommunikation zwischen Delta Chat Messengern ist Ende-zu-Ende verschlüsselt. Verwendet wird hierfür OpenPGP, der Schlüsselaustausch findet automatisch über den Autocrypt-Standard statt. Die Verschlüsselung wird durch ein Schloss in der Nachricht angezeigt (mehr zur Verschlüsselung hier).

Optisch und von den Funktionalitäten her ist Delta Chat mit den anderen Messengern vergleichbar. Es ist möglich, Bilder, Videos, Sprachnachrichten etc. zu versenden, man kann Gruppenchats einrichten und erhält, wenn entsprechend aktiviert, Lesebestätigungen. Delta ist schnell und das chatten darüber macht Spaß.

Noch gibt’s Delta Chat erst in einer Beta Version (0.9.3) und die App wird derzeit noch an einigen Stellen weiterentwickelt, z.B. wird derzeit das Konzept der Kontaktanfragen überarbeitet. Man kann sie über die Website des Projekts oder über FDroid beziehen und einfach mal ausprobieren und ggf. auch mitdiskutieren oder mitübersetzen (es gibt die Website schon in 6 Sprachen). Mit Version 1 kommt die App voraussichtlich auch in den Play Store. Für Apple soll es auch eine App geben (irgendwann).

Für mich sieht das Ganze bisher sehr sehr gut aus und ich könnte mir vorstellen, dass ich damit nach und nach alle anderen Chat Messenger ablösen kann – allen voran endlich endgültig auch Whats App. Für mich also ganz eindeutig „der“ Star im Wust der Messenger!

++ + Discloser: Mein Partner ist in Autocrypt involviert und inzwischen kenne ich den Entwickler von Deltachat auch persönlich. Das hebt vermutlich meine Bereitschaft, den Messenger geduldig zu testen. Andererseits habe ich durchaus eine äußerst kritische Ader (zum Leidwesen manch Nahestehender).  +++

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Noch ein Jahr

Oh, eine E-Mail in meinem verwaisten cloudette.net-Postwach! Womöglich ein Kommentar auf einen nicht mehr ganz taufrischen Artikel? Oder nette Leser*innenpost? Ihwoo, es ist nur WordPress, das mich informiert, dass meine URL in 30 Tagen automatisch verlängert wird. Ich müsse nichts tun, nur abwarten und die 26 $ bezahlen, die mich das im Jahr kostet. Eine kurze Weile überlegte ich, doch etwas zu tun. Nämlich einfach nicht zu zahlen und die Domain zu kündigen. Schwups und weg. Es wäre eine Gelegenheit, das Kapitel „Blog“ kurz und schmerzlos abzuschließen. Schließlich dümpelt das hier ja nur noch vor sich hin. Einen (1!) ganzen Artikel habe ich dieses Jahr zustande gebracht. Letztes waren es immerhin noch 22. Das Jahr davor 37. Nicht, dass es jemals viel gewesen wären – aber Sie erkennen die Tendenz. Ich könnte den Deckel drauf machen und den 5. Jahrestag, der sich jetzt im Juni jährt, mit einem Abschied feiern. Denn eigentlich tut mir diese weitgehende Internetabstinenz, die auch noch Twitter und Facebook und den ganzen Krempel umfasst, ganz gut.  Ich sehe Sie förmlich die Augen verdrehen: „Jajaja, diese schrullige Offline-Verklärung, bleib uns weg damit“. Ich höre ja auch schon auf und erkläre Ihnen also nicht die 143 Gründe, warum ich derzeit nicht mehr blogge.

Um zurück auf den Anfang dieses etwas improvisierten und dahingerotzten Posts zu kommen: Meine Gedanken endeten irgendwann in einem Vorschlag, den ich mir selbst machte (es folgt ein weiterer Doppelpunkt!!!): Ich gebe mir nun noch ein weiteres Jahr und schaue mal, was dieses so blogtechnisch mit sich bringt. Vielleicht neue Inspirationen, vielleicht wildes Geblogge. Vielleicht nur noch Comics. Vielleicht bleibt es auch bei den mittlerweile schon 2 Artikeln in diesem Jahr. Und schließlich kann ich auch getrost auch noch am 6. Bloggeburtstag den Deckel druff machen.

Vielen Dank an die Handvoll Leser*innen, die hier immer noch vorbeischaut. Ich weiß Ihre Ausdauer und Treue sehr zu schätzen.

Küsschen und vielleicht auf bald.

 

 

 

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Abendritual „Werbung vorlesen“

Bis vor wenigen Tagen dachte ich noch, es handle sich um ein individuelles Phänomen. Eines, das nur bei Kind2 ausgeprägt ist – und das dafür massiv. Es begann damit, dass das Kind mich zielsicher in die Spielzeugabteilung des hiesigen Warenhauses schleppte, um dort gefühlt stundenlang das Angebot eines dänischen Plastikklötzchenherstellers in Augenschein zu nehmen. Regale über Regale voller Pappkartons, einer attraktiver als der andere, ließen fast unweigerlich ein „ICH WILL DAS UND DAS UND DAS UND ZWAR SOFORT!!!!-Drama aufziehen, das ich nur mit Müh und Not mit Hinweis auf den bevorstehenden Geburtstag des Kindes abwehren konnte („Du kannst dir das ja wünschen!!“). Allerdings mussten wir unbedingt das ca. 30seitige Werbeheftchen mitnehmen mit dem Versprechen, dass das Kind sich darin etwas aussuchen dürfe. Warum nicht, dachte ich  naiv, dann landet das Ding halt zu Hause schnell vergessen im Altpapier.

Haha. Von wegen.

Am Abend, ich hatte Zu-Bett-bring-Dienst, fragte ich das Kind, was ich vorlesen solle. Den Drachen Kokosnuss oder  Lumpen-Karline oder Kater Mikesch vielleicht? „Nein!“, sagte das Kind entschieden, ich solle das Werbeheft vorlesen, nur das und nichts anderes. Versprochen sei versprochen!! Nun gut, schauen wir uns halt das Heftchen an. Was ich da vorlesen könne, war mir zwar ein Rätsel, aber ein einziges Mal durchblättern wäre schon drin. Dachte ich. Im Nachhinein lache ich über mein naives früheres Ich. Denn beim Durchblättern blieb es nicht, nein nein! Jedes einzelne Produkt musste genauestens betrachtet und auf ein „DAS wünsch ich mir“ geprüft werden. Es blieb auch nicht beim Vorlesen der Produktnamen. Neinnein. Empfohlenes Alter, Preis, dazugehörende Minifiguren – alles musste in allen Einzelheiten durchgekaut werden. Fragen Sie mich ruhig irgendwas, ich kenne mich aus!

Und bei EINMAL blieb es schon gleich gar nicht, denn die Prozedur sollte sich in den kommenden Wochen regelmäßig wiederholen. 5234trölfzigMillionenmal. Abend für Abend. Naja, ok, jeden 2. Abend, wenn ich eben mit Insbettbringen dran war. Der Mann kam dagegen meist drumherum. Wieso, habe ich nicht herausgefunden. Bei mir setzte sich das Kind immer gegen meine mütterliche Gutmütigkeit (ein Euphemismus für „ich-hab-keinen-Bock-auf-stundenlanges-Drama-und-gebe-darum-halt-klein-bei“) durch. Ausgerechnet ich, die ich Werbung im Großen und Ganzen hasse, lag also nun im Kinderbett, las Produktnummern und alberne Produktnamen vor und ärgerte mich unfassbar über diese schöne bunte Warenwelt, die dazu noch so nervtötend vor Genderstereotypen strotzt, dass es nicht zum Aushalten ist. Sie wissen schon. Rosa-glitzer-Shopping-Spaß vs. ausgiebige Kriegerszenarien. Zudem ist das wiederholte Durchblättern des Heftchens wirklich abgrundtief langweilig, aber der fehlende Fließtextes lässt es leider nicht zu, dass ich mit einer Hirnhälfte parallel an etwas anderes denke, was ich sonst beim Vorlesen öder, aber sehr geliebter Bücher (Kokosnuss etc.) ganz gerne praktiziere. Am Ende wäre ich sogar bereit gewesen, Connybücher oder ähnliches vorzulesen, aber nein, es musste das Heftchen sein, immer und immer wieder.

Ich wähnte mich mit diesem Phänomen, wie eingangs erwähnt, völlig alleine, bis ich kürzlich mit einer Kollegin ins Plauschen kam und sie mir erzählte, dass sie ihrem Kind gerade immer das Werbeprospekt einer großen dänischen Plastiklötzchenfirma vorlesen müsse. Ich fiel ihr spontan in die Arme und hauchte ihr ein erleichtertes „ICH BIN NICHT ALLEIN!!!!“ ins Ohr. In unserer kleinen Selbsthilfegruppe analysierten wir nun die Werbestrategie des großen Spielzeugkonzern (beim Werbeheftchen bleibt es ja nicht. Es gibt ja zu jedem Scheiß auch noch Online-Filmchen und -Spiele!!1!!!) und klagten uns gegenseitig unser Leid.

Nach dem Geburtstag geriet das Heftchen dann zum Glück ein wenig in Vergessenheit. Immer wieder lösten sich wegen des intensiven Gebrauchs nun Seiten heraus, die unauffällig in Richtung Altpapier transferiert wurden. Bis ich kürzlich versehentlich mit dem Kind zu nahe an der Spielwarenabteilung des großen Warenhauses vorbeiflanierte, mich unversehens mitten darin befand und es triumphierend das besagte Werbeheft aus dem Ständer zog. „Schau mal, Mama! Das nehmen wir mit!!! Liest du mir das nachher dann vor??“ Früher, ja früher ruinierte man sich wegen dieser Firma wenigstens nur die Fußsohlen, wenn man unversehens auf eines dieser Klötzchen trat. Aber heute sind es die Nerven gleich mit dazu.

Dekoration – nicht käuflich zu erwerben!!!

 

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Adventskalendercontent

Ich habe es tatsächlich geschafft, die Adventskalender für die Kinder (höhö) rechtzeitig fertig zu machen. Die wahre Herausforderung war aber letztendlich gar nicht der Kalender für K1, den ich (Achtung, Trigger!!) gebastelt* habe! Das Gebastele war zwar nicht ganz einfach, wie ich kürzlich bereits über den Kurznachrichtendienst Twitter verkündet habe:

Aber ich habe es geschafft, das Ding zusammenzuschustern und sogar rechtzeitig zur Post zu bringen. Die wahre Herausforderung war dann aber doch der Kalender für K2, den ich ja, wie via streitbarem Blogpost verkündet, eigentlich nur befülle. Leider übten die eigens dafür angeschafften Schokokugeln bereits im Vorfeld einen schier unwiderstehlichen Reiz auf mein doch etwas gestresstes Gemüt aus, das nach kompensatorischen Genüssen verlangte. Und so kam es:

Adventskalender

Ein bisschen habe ich mich geschämt. Danach. Offensichtlich – und beruhigenderweise – bin ich damit aber nicht alleine:

Da hier aber der Adventskalender für das kleine Kind nicht auf einmal, sondern Nacht für Nacht auf wundersame Weise befüllt wird, ist der Schaden nicht ganz so groß. Für das 1. Türchen habe ich noch ein paar Krümel gefunden, das Kind hat sich sehr gefreut (und mir gleich mal die Hälfte des ohnehin schon recht kleinen Schokodings abgegeben <3). Ich muss es nun nur noch 23. Mal schaffen, mein inneres Schokoladenmonster zu bezähmen und irgendwas Kleines für den Kalender übrig zu lassen. Das sollte ich doch schaffen (*drückt sich die Daumen*).

Einen schönen Advent miteinander!

*genaugenommen habe ich nur Päckchen gepackt. Aber nunja.

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Revierkämpfe: Unsere Küche

Kennen Sie „Der wilde Westen“ von den Surfpoeten? Michael Stein hat vor vielen Jahren dieses schöne Stück geschrieben. Es geht so:

Einer von uns beiden ist zu viel in dieser Stadt. Geh du!
Nein, du!
Geh du!
Du!
Du, zehn mal du!°
Hundert Mal du!
Tausend Mal du!

So geht das einige Male hin und her und schaukelt sich so langsam hoch. Die schönste Stelle ist eindeutig diese:

So viel wie deins MULTIPLPZIERT mit eine Million Milliarden Mal du, noch mal multipliziert mit allem, was du dir jemals vorstellen kannst.
(Hähähä)

Plus eins.

Also alles, was die andere Person sagt, plus eins drauf. Genial. Lesen Sie sich das mal durch, es ist wirklich lustig.

Und dann stellen Sie sich unsere Küche vor. Sie ist genau 7,3616 qm groß. Es gibt die obligatorische Küchenzeile, zwei Regale, einen Tisch, einen Stuhl, eine Klappbank, zwei kleine Mülleimer, Besen, ein Karton mit Krust. Außerdem liegen gerne noch Dinge wie Rucksäcke, Kindergartentasche, Schuhe, Klamotten, Playmobil, Wurfgeschosse und ähnliches herum. Zieht man also all das ab von der Gesamtfläche, bleibt gefühlt noch ca. 1 qm übrig, um sich aufzuhalten. Dieser Quadratmeter erstreckt sich auf einer Länge von 2 Metern und einer Breite von dings … ähm … rechnen Sie selbst.

Alleine kann sich eine in dieser Küche gut aufhalten. Selbst zu zweit geht es, wenn dieser „Zweit“ ganz ruhig auf der Bank sitzt, die Füße unter den Tisch streckt und sie nicht quer durch den Raum platziert. Alleine kann eine gemütlich kochen, Spülmaschine einräumen, in der Nase bohren und was halt sonst so in der Küche zu machen ist.

Faktisch ist unsere Küche aber nie alleine besetzt. Sie ist ein Magnet. Anders ist das nicht erklärbar. Sobald eine Person sie betritt, also ich zum Beispiel (völlig zufällig natürlich ich), um das Abendessen zu kochen, stehen 3 Sekunden später alle anderen Familienmitglieder auch auf der Matte. Der Mann muss sich dringend  einen Kaffee/Tee/Brot machen oder die weltpolitische Lage diskutieren. Das Kind ist auf der Suche nach einem sehr speziellen Legoteil, das in der Küche sein MUSS, weil da ja, weil … NA WEIL HALT! Und das Besuchskind kommt gleich noch hinterher, in der Hoffnung, dass es in der Küche vielleicht Süßigkeiten abstauben kann.

Wir quetschen uns also auf dem einen Quadratmeter zu viert aneinander, steigen über quer in den Raum gestreckte Füße, stolpern über Kinder, die katzengleich um unsere Beine streichen und versuchen dabei alle, das jeweils vorgenommene Programm durchzuziehen (s.o.). Die Temperatur steigt. Der Lärmpegel steigt. Die Laune steigt. Bis eines losbrüllt:

„ICH WAR ZUERST HIER, GEHT ALLE RAUS“

„NEIN DU“

„DU“

„DU, 10 x DU!“

„1 Milliondreihunderfünfundachzigtausend mal du“

„PLUS 1!!!!!!!!!“

Am Schluss sind alle beleidigt und es gibt kein Abendessen. Niemand schenkt mehr dem/der Anderen was zum Geburtstag, Weihnachten fällt aus und die Kinder schreien nach Süßigkeiten.

Ich glaube, wir brauchen dringend eine größere Küche!!

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Machen Sie doch, was Sie wollen. Echt jetzt.

Ich habe gestern in der Kaffeepause im Büro einen Text über das Basteln von Adventskalendern gelesen, den ich sehr lustig fand. Ich fand ihn rotzig, sarkastisch und wunderbar schön überzogen. Und weil ich ihn so lustig fand, habe ich ihn schnell mal auf Facebook (evil, ja) geteilt, dann meinen Kaffee ausgeschlürft und weitergearbeitet. Erst abends bekam ich zufällig mit, dass es „Adventskalenderdiskussionen“ in meiner Twitter-Eltern-Filterbubble gab und zuerst dachte ich hö? Was gibts denn da zu diskutieren?, bis ich blickte, dass es ebenjener Artikel war, der wohl für hohe Wellen sorgte. Nicht weil ich ihn geteilt hatte, wo denken Sie hin, mit meiner bescheidenen Reichweite, aber weil ihn andere mit hoher Reichweite geteilt hatten. Ist auch egal. Jedenfalls führte dieser Artikel zu Diskussionen, die ich nicht nachgelesen habe, weil sie mich nullkommaüberhauptnicht interessieren. Es ist mir völlig wumpe, ob Mütter (ich kenne keinen, nicht einen einzigen Vater, der das macht, aber das ist ein anderes Thema) die Adventskalender selbst basteln oder sie beim Discounter kaufen. Es ist mir egal. Ich selbst verwende für K2 exakt den gleichen Kalender, den ich vor 20 Jahren schon für K1 verwendet habe und befülle ihn mit Plastikscheiß und Zucker hochwertigem Kleinkram. Aber das ist egal, denn worauf ich eigentlich nach langem Intro hinauswill:

Diese ganzen Diskussionen sind mir wumpe. Genauso, wie es mir obertotalwumpe ist, wo die Kinder anderer Eltern schlafen. Ob im Familienbett oder alleine oder unterm Tisch. Wie es mir egal ist, wie lange und wie oft eine stillt, ob ihr Baby Brei bekommt oder Fingerfood, ob das Pausenbrot in olles Butterbrotpapier eingewickelt oder ge-bentoboxt wird, wie oft und mit das Kind gebadet wird, was die Kinder zu WeihnachtenGeburtstagOstern bekommen, was sie essen oder auch nicht, wie oft sie fernsehen oder nicht und so weiter und so fort. Alles, was andere Eltern aus Überzeugung, ideologischen Gründen oder meinetwegen auch Zeitmangel oder -überschuss machen, ist mir, so lange sie damit nicht andere willentlich gefährden oder beschädigen, wumpe. Das heißt nicht, dass es mich nicht interessiert. Ich finde es im Gegenteil oft höchst interessant, was und warum Andere anders machen – aber ich finde in 99,9 % der Fälle nicht, dass man sich darüber shitstormmäßig aufregen muss.

Es geht mir immer häufiger so, dass ich den Diskussionen um irgendeine durchs Online-Elterndorf getriebenen Sau im Internet nicht folgen kann und mag. Ich denke „na und? Macht doch, was ihr wollt. Möge doch jede machen, was sie will! Mögt ihr euch doch mal bitte einfach IN RUHE LASSEN VERDAMMT“. Und Sie merken schon, so langsam mischt sich in die totale Gleichgültigkeit dann doch ein Hauch von Emotion. Was mir nämlich tatsächlich nicht oberfuckingscheißegal ist, ist dieses Rumgehacke aufeinander, das Abwerten, das abfällige Kommentieren. Oft mache ich Twitter einfach zu und schaue später wieder rein, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Was aber oft noch weiterbrodelt ist der Gedanke, warum es so schwer ist, Andere anders sein zu lassen.

Und nein, ich bin da auch keineswegs frei davon. Viel zu oft werte ich selber ab, denke „wie kann man nur, wie kann die nur, nie würde ich“-Blabla. Ich hoffe aber, ich schreibe das dann nicht ins Internet (gelegentliche Ausrutscher kann ich nicht ausschließen, sorry). Sondern ich hoffe, ich lasse es in meinem Hirn oder labere höchstens den Mann damit voll (auch sorry). Denn es geht mich nichts an und ich habe kein Recht, anderen die Stimmung zu vermiesen, nur weil ich womöglich selbst gerade empfindlich bin, einen kackbeschissenen Tag habe oder weil mich selbst das ganze Gebastele oder was auch immer stresst.

Ich werde mir auch in diesem Jahr eine Flasche Wein kaufen einen Kräutertee aus biologisch-dynamischen Anbau brauen und in einer nächtlichen Aktion den Adventskalender für K1 basteln (K2 geht schnell, siehe oben). Das „Kind“ kriegt nämlich auch mit 25 Jahren immer noch einen (Stichwort: Langzeitadventskalenderbasteln!!11!!!!! OMG, wie kann ich nur) und ich verpacke tatsächlich jedes Geschenk einzeln. Und Ihnen da draußen wünsche ich viel Spaß beim Basteln, Kaufen, Streiten, Kiffen, Saufen, Rauchen, Stillen und was Sie sonst so gerne machen für sich, für Ihre Kinder, für Andere. Amen.

P.S. Den supertollsten Adventskalender macht ja meine Schwester, falls es Sie interessiert.

PPS: Lesen Sie einfach den Text von AufZehenspitzen.  Sie bringt das mal wieder klug auf den Punkt.

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