Die Sache mit dem Ausgehen

Irgendwann, in grauer Vorzeit (kurz nach dem Krieg … dem 30jährigen oder so), da war ich jung und fit und noch nicht grau. Und die Nächte waren es auch, sie waren bunt und lang und aufregend. Keine Frage, wenn ich so verklärt in die Vergangenheit blicke, dass ich die Nacht zum Tage machte, rausging, wann immer es ging. Von Party zu Party, eine spannender als die andere. Zu Konzerten, Open Airs, spontanen Sit-ins oder Sit-herums, mit Freundinnen treffen, in die Kneipe gehen, ganz egal was, Hauptsache runter vom nicht vorhandenen Sofa. Unvorstellbar, dass die Alten zuhause blieben. Vor dem Fernseher, auf der Coach, und nur müde abwinkten, wenn man sie fragte, was sie am Abend vorhatten. Was waren die langweilig, was waren die spießig. So würde ich nie werden, das war klar.

Zwischen grauer Vorzeit und heute, wo ich nun wirklich grau bin, nicht mehr jung und nur so mäßig fit, liegen ein paar Jahre. Ein paar Jahre, in denen ich fast unmerklich zu dem wurde, was ich nie werden wollte: eine alte Couchpotatoe, die im Zweifelsfall lieber mit Tee und Buch zuhause bleibt und die Welt Welt sein lässt. Ist mir doch egal, dass da draußen der Bär tobt. Ist mir sogar ganz recht, wenn der draußen tobt und ich hier drinnen meine Ruhe habe. Ruhe – was gibt es besseres. Jetzt bin ich die olle Alte, die dem erstaunlich jungen Mitbewohner allabendlich vom Sofa aus zuwinkt, wenn dieser sich in Schale wirft und mit Freunden in die Kneipe zieht: „Ich? Ne, ich geh heute nicht mehr raus! Viel Spaß da draußen!“

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Ich so mit meinen ja durchaus vorhandenen, guten Ausgeh-Vorsätzen (so lange es nicht Abend ist):

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Wobei es durchaus einen Unterschied macht, ob es Sommer ist oder Winter:

Kurz vor der Verwahrlosung

In der Küche ziehen sich braune Flecken von der Kaffeemaschine bis zum Waschbecken. Krümel liegen auf dem Boden, der Müll ist randvoll. Jacken und Taschen auf den Stühlen, Zeitschriften und ungeöffnete Briefe auf dem Küchentisch. Im Kühlschrank gammelt eine verschrumpelte halbe Gurke vor sich hin, dazu Käserinden, ein alter Salat und ein bisschen Milch. Das Brot ist steinhart und über den Zwetschgen kreisen Armeen von Fruchtfliegen. Das Geschirr steht dreckig über der Spülmaschine, denn die ist noch immer nicht ausgeräumt. Vor der Waschmaschine stapeln sich die dreckigen Klamotten. Die vor Tagen frisch gewaschene Wäsche liegt auf dem Sofa, ungefaltet, auf einen Haufen geworfen. Die Klamotten von gestern liegen vorm Bett, genauso so, wie sie beim Ausziehen fielen. Die von vorgestern auch. Und die von vorvorgestern eventuell auch. Wenn sie nicht schon auf dem Stapel vor der Waschmaschine sind. Der Schreibtisch ist übersät mit Dingen. Irgendwelchen Dingen. Büchern, Stiften, Nagellack, kaputtem Spielzeug, USB-Kabeln und einem Wasserhahnadapter. Auf dem Boden liegen Bastelsachen, Taschentücher (benutzt) und eine große Stoffeule. Kaffeetassen mit eingetrockneten Resten stehen auf dem Balkon und dem Nachtisch. Daneben der want-to-read-Bücherstapel, auf einen halben Meter angewachsen und bedenklich instabil. Staub auf allen Flächen. Wollmäuse auf dem Boden. Das Bad ist ungeputzt, Zahnpasta klebt im Waschbecken, die Ablagen sind zugerümpelt und auf dem Boden liegt der abgekrachte Handtuchhalter, noch immer nicht repariert. Daneben das Handtuch. Und noch mehr Klamotten.

Im Bett liege ich. Am Sonntag um halb 11. Mit Kaffee und Buch und Laptop. Ich habe noch genau 3 Tage, um dieses Chaos zu beseitigen und so zu tun, als hätte ich in den 9 (!!!) Tagen sturmfrei selbstverständlich höchst diszipliniert in dem höchst ordentlichen Zustand gelebt, den ich sonst  der Familie gegenüber gerne proklamiere – und nicht etwa kurz vor der völligen Verwahrlosung. Ich nehme an, Sie kennen das. Oder? ODER?!

Noch ein Jahr

Oh, eine E-Mail in meinem verwaisten cloudette.net-Postwach! Womöglich ein Kommentar auf einen nicht mehr ganz taufrischen Artikel? Oder nette Leser*innenpost? Ihwoo, es ist nur WordPress, das mich informiert, dass meine URL in 30 Tagen automatisch verlängert wird. Ich müsse nichts tun, nur abwarten und die 26 $ bezahlen, die mich das im Jahr kostet. Eine kurze Weile überlegte ich, doch etwas zu tun. Nämlich einfach nicht zu zahlen und die Domain zu kündigen. Schwups und weg. Es wäre eine Gelegenheit, das Kapitel „Blog“ kurz und schmerzlos abzuschließen. Schließlich dümpelt das hier ja nur noch vor sich hin. Einen (1!) ganzen Artikel habe ich dieses Jahr zustande gebracht. Letztes waren es immerhin noch 22. Das Jahr davor 37. Nicht, dass es jemals viel gewesen wären – aber Sie erkennen die Tendenz. Ich könnte den Deckel drauf machen und den 5. Jahrestag, der sich jetzt im Juni jährt, mit einem Abschied feiern. Denn eigentlich tut mir diese weitgehende Internetabstinenz, die auch noch Twitter und Facebook und den ganzen Krempel umfasst, ganz gut.  Ich sehe Sie förmlich die Augen verdrehen: „Jajaja, diese schrullige Offline-Verklärung, bleib uns weg damit“. Ich höre ja auch schon auf und erkläre Ihnen also nicht die 143 Gründe, warum ich derzeit nicht mehr blogge.

Um zurück auf den Anfang dieses etwas improvisierten und dahingerotzten Posts zu kommen: Meine Gedanken endeten irgendwann in einem Vorschlag, den ich mir selbst machte (es folgt ein weiterer Doppelpunkt!!!): Ich gebe mir nun noch ein weiteres Jahr und schaue mal, was dieses so blogtechnisch mit sich bringt. Vielleicht neue Inspirationen, vielleicht wildes Geblogge. Vielleicht nur noch Comics. Vielleicht bleibt es auch bei den mittlerweile schon 2 Artikeln in diesem Jahr. Und schließlich kann ich auch getrost auch noch am 6. Bloggeburtstag den Deckel druff machen.

Vielen Dank an die Handvoll Leser*innen, die hier immer noch vorbeischaut. Ich weiß Ihre Ausdauer und Treue sehr zu schätzen.

Küsschen und vielleicht auf bald.

 

 

 

Revierkämpfe: Unsere Küche

Kennen Sie „Der wilde Westen“ von den Surfpoeten? Michael Stein hat vor vielen Jahren dieses schöne Stück geschrieben. Es geht so:

Einer von uns beiden ist zu viel in dieser Stadt. Geh du!
Nein, du!
Geh du!
Du!
Du, zehn mal du!°
Hundert Mal du!
Tausend Mal du!

So geht das einige Male hin und her und schaukelt sich so langsam hoch. Die schönste Stelle ist eindeutig diese:

So viel wie deins MULTIPLPZIERT mit eine Million Milliarden Mal du, noch mal multipliziert mit allem, was du dir jemals vorstellen kannst.
(Hähähä)

Plus eins.

Also alles, was die andere Person sagt, plus eins drauf. Genial. Lesen Sie sich das mal durch, es ist wirklich lustig.

Und dann stellen Sie sich unsere Küche vor. Sie ist genau 7,3616 qm groß. Es gibt die obligatorische Küchenzeile, zwei Regale, einen Tisch, einen Stuhl, eine Klappbank, zwei kleine Mülleimer, Besen, ein Karton mit Krust. Außerdem liegen gerne noch Dinge wie Rucksäcke, Kindergartentasche, Schuhe, Klamotten, Playmobil, Wurfgeschosse und ähnliches herum. Zieht man also all das ab von der Gesamtfläche, bleibt gefühlt noch ca. 1 qm übrig, um sich aufzuhalten. Dieser Quadratmeter erstreckt sich auf einer Länge von 2 Metern und einer Breite von dings … ähm … rechnen Sie selbst.

Alleine kann sich eine in dieser Küche gut aufhalten. Selbst zu zweit geht es, wenn dieser „Zweit“ ganz ruhig auf der Bank sitzt, die Füße unter den Tisch streckt und sie nicht quer durch den Raum platziert. Alleine kann eine gemütlich kochen, Spülmaschine einräumen, in der Nase bohren und was halt sonst so in der Küche zu machen ist.

Faktisch ist unsere Küche aber nie alleine besetzt. Sie ist ein Magnet. Anders ist das nicht erklärbar. Sobald eine Person sie betritt, also ich zum Beispiel (völlig zufällig natürlich ich), um das Abendessen zu kochen, stehen 3 Sekunden später alle anderen Familienmitglieder auch auf der Matte. Der Mann muss sich dringend  einen Kaffee/Tee/Brot machen oder die weltpolitische Lage diskutieren. Das Kind ist auf der Suche nach einem sehr speziellen Legoteil, das in der Küche sein MUSS, weil da ja, weil … NA WEIL HALT! Und das Besuchskind kommt gleich noch hinterher, in der Hoffnung, dass es in der Küche vielleicht Süßigkeiten abstauben kann.

Wir quetschen uns also auf dem einen Quadratmeter zu viert aneinander, steigen über quer in den Raum gestreckte Füße, stolpern über Kinder, die katzengleich um unsere Beine streichen und versuchen dabei alle, das jeweils vorgenommene Programm durchzuziehen (s.o.). Die Temperatur steigt. Der Lärmpegel steigt. Die Laune steigt. Bis eines losbrüllt:

„ICH WAR ZUERST HIER, GEHT ALLE RAUS“

„NEIN DU“

„DU“

„DU, 10 x DU!“

„1 Milliondreihunderfünfundachzigtausend mal du“

„PLUS 1!!!!!!!!!“

Am Schluss sind alle beleidigt und es gibt kein Abendessen. Niemand schenkt mehr dem/der Anderen was zum Geburtstag, Weihnachten fällt aus und die Kinder schreien nach Süßigkeiten.

Ich glaube, wir brauchen dringend eine größere Küche!!

Fremdgebloggt „Mutter mit 20 und 40 – same same but different“

Vor ein paar Wochen fragte mich die Redaktion von umstandslos – magazin für feministische mutterschaft, ob ich für ihre Ausgabe „Generationen“ etwas schreiben könne, schließlich seien meine beiden Kinder ja fast eine Generation auseinander. Mir war bei meiner spontanen Zusage nicht klar, was für große Schwierigkeiten ich mit dem Text haben würde. Was habe ich mir eins abgebrochen, selten ging mir etwas so schwer von der Feder. Wochenlang habe ich eigentlich nur prokrastiniert („ist ja noch Zeit“), dann stundenlang auf ein weißes LibreOffice Dokument gestarrt. In meinem Kopf waren 5234 Storys aus den letzten 20 Jahren, doch was sollte, was wollte ich davon schreiben? Von meinem jetzigen Alltag mit einem Kind, das 5 Jahre ist, und einem, das längst selbstständig als junge Frau ihrer Wege geht? Von meiner Vergangenheit, als ich früh Mutter wurde und mich irgendwann alleinerziehend irgendwie durchwurstelte? Von den diversen Krisen, die das Mamawerden, Beziehungen, Alltag so mit sich bringen können? Was davon in einen Text packen? Wie schreiben, so dass die Gratwanderung zwischen „das mag ich nicht öffentlich schreiben“ und „das interessiert niemanden“ gelingt? In meinem Entwurfsordner dümpeln sicher 3 unterschiedliche Versionen herum, die ich jeweils x-fach umgeschrieben habe. Irgendwann habe ich einen leicht mäandernden Text abgegeben – und ihn nicht mehr durchgelesen. Ihr findet ihn hier.

Richtig cool finde ich ja, dass unter meinem Beitrag der Text von Maria „“ automatisch als „verwandt“ verlinkt wird. Ähm, ja. Das dachte ich auch mal. Jetzt wirds wohl eher 60. <3