Kurz vor der Verwahrlosung

In der Küche ziehen sich braune Flecken von der Kaffeemaschine bis zum Waschbecken. Krümel liegen auf dem Boden, der Müll ist randvoll. Jacken und Taschen auf den Stühlen, Zeitschriften und ungeöffnete Briefe auf dem Küchentisch. Im Kühlschrank gammelt eine verschrumpelte halbe Gurke vor sich hin, dazu Käserinden, ein alter Salat und ein bisschen Milch. Das Brot ist steinhart und über den Zwetschgen kreisen Armeen von Fruchtfliegen. Das Geschirr steht dreckig über der Spülmaschine, denn die ist noch immer nicht ausgeräumt. Vor der Waschmaschine stapeln sich die dreckigen Klamotten. Die vor Tagen frisch gewaschene Wäsche liegt auf dem Sofa, ungefaltet, auf einen Haufen geworfen. Die Klamotten von gestern liegen vorm Bett, genauso so, wie sie beim Ausziehen fielen. Die von vorgestern auch. Und die von vorvorgestern eventuell auch. Wenn sie nicht schon auf dem Stapel vor der Waschmaschine sind. Der Schreibtisch ist übersät mit Dingen. Irgendwelchen Dingen. Büchern, Stiften, Nagellack, kaputtem Spielzeug, USB-Kabeln und einem Wasserhahnadapter. Auf dem Boden liegen Bastelsachen, Taschentücher (benutzt) und eine große Stoffeule. Kaffeetassen mit eingetrockneten Resten stehen auf dem Balkon und dem Nachtisch. Daneben der want-to-read-Bücherstapel, auf einen halben Meter angewachsen und bedenklich instabil. Staub auf allen Flächen. Wollmäuse auf dem Boden. Das Bad ist ungeputzt, Zahnpasta klebt im Waschbecken, die Ablagen sind zugerümpelt und auf dem Boden liegt der abgekrachte Handtuchhalter, noch immer nicht repariert. Daneben das Handtuch. Und noch mehr Klamotten.

Im Bett liege ich. Am Sonntag um halb 11. Mit Kaffee und Buch und Laptop. Ich habe noch genau 3 Tage, um dieses Chaos zu beseitigen und so zu tun, als hätte ich in den 9 (!!!) Tagen sturmfrei selbstverständlich höchst diszipliniert in dem höchst ordentlichen Zustand gelebt, den ich sonst  der Familie gegenüber gerne proklamiere – und nicht etwa kurz vor der völligen Verwahrlosung. Ich nehme an, Sie kennen das. Oder? ODER?!

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Noch ein Jahr

Oh, eine E-Mail in meinem verwaisten cloudette.net-Postwach! Womöglich ein Kommentar auf einen nicht mehr ganz taufrischen Artikel? Oder nette Leser*innenpost? Ihwoo, es ist nur WordPress, das mich informiert, dass meine URL in 30 Tagen automatisch verlängert wird. Ich müsse nichts tun, nur abwarten und die 26 $ bezahlen, die mich das im Jahr kostet. Eine kurze Weile überlegte ich, doch etwas zu tun. Nämlich einfach nicht zu zahlen und die Domain zu kündigen. Schwups und weg. Es wäre eine Gelegenheit, das Kapitel „Blog“ kurz und schmerzlos abzuschließen. Schließlich dümpelt das hier ja nur noch vor sich hin. Einen (1!) ganzen Artikel habe ich dieses Jahr zustande gebracht. Letztes waren es immerhin noch 22. Das Jahr davor 37. Nicht, dass es jemals viel gewesen wären – aber Sie erkennen die Tendenz. Ich könnte den Deckel drauf machen und den 5. Jahrestag, der sich jetzt im Juni jährt, mit einem Abschied feiern. Denn eigentlich tut mir diese weitgehende Internetabstinenz, die auch noch Twitter und Facebook und den ganzen Krempel umfasst, ganz gut.  Ich sehe Sie förmlich die Augen verdrehen: „Jajaja, diese schrullige Offline-Verklärung, bleib uns weg damit“. Ich höre ja auch schon auf und erkläre Ihnen also nicht die 143 Gründe, warum ich derzeit nicht mehr blogge.

Um zurück auf den Anfang dieses etwas improvisierten und dahingerotzten Posts zu kommen: Meine Gedanken endeten irgendwann in einem Vorschlag, den ich mir selbst machte (es folgt ein weiterer Doppelpunkt!!!): Ich gebe mir nun noch ein weiteres Jahr und schaue mal, was dieses so blogtechnisch mit sich bringt. Vielleicht neue Inspirationen, vielleicht wildes Geblogge. Vielleicht nur noch Comics. Vielleicht bleibt es auch bei den mittlerweile schon 2 Artikeln in diesem Jahr. Und schließlich kann ich auch getrost auch noch am 6. Bloggeburtstag den Deckel druff machen.

Vielen Dank an die Handvoll Leser*innen, die hier immer noch vorbeischaut. Ich weiß Ihre Ausdauer und Treue sehr zu schätzen.

Küsschen und vielleicht auf bald.

 

 

 

Revierkämpfe: Unsere Küche

Kennen Sie „Der wilde Westen“ von den Surfpoeten? Michael Stein hat vor vielen Jahren dieses schöne Stück geschrieben. Es geht so:

Einer von uns beiden ist zu viel in dieser Stadt. Geh du!
Nein, du!
Geh du!
Du!
Du, zehn mal du!°
Hundert Mal du!
Tausend Mal du!

So geht das einige Male hin und her und schaukelt sich so langsam hoch. Die schönste Stelle ist eindeutig diese:

So viel wie deins MULTIPLPZIERT mit eine Million Milliarden Mal du, noch mal multipliziert mit allem, was du dir jemals vorstellen kannst.
(Hähähä)

Plus eins.

Also alles, was die andere Person sagt, plus eins drauf. Genial. Lesen Sie sich das mal durch, es ist wirklich lustig.

Und dann stellen Sie sich unsere Küche vor. Sie ist genau 7,3616 qm groß. Es gibt die obligatorische Küchenzeile, zwei Regale, einen Tisch, einen Stuhl, eine Klappbank, zwei kleine Mülleimer, Besen, ein Karton mit Krust. Außerdem liegen gerne noch Dinge wie Rucksäcke, Kindergartentasche, Schuhe, Klamotten, Playmobil, Wurfgeschosse und ähnliches herum. Zieht man also all das ab von der Gesamtfläche, bleibt gefühlt noch ca. 1 qm übrig, um sich aufzuhalten. Dieser Quadratmeter erstreckt sich auf einer Länge von 2 Metern und einer Breite von dings … ähm … rechnen Sie selbst.

Alleine kann sich eine in dieser Küche gut aufhalten. Selbst zu zweit geht es, wenn dieser „Zweit“ ganz ruhig auf der Bank sitzt, die Füße unter den Tisch streckt und sie nicht quer durch den Raum platziert. Alleine kann eine gemütlich kochen, Spülmaschine einräumen, in der Nase bohren und was halt sonst so in der Küche zu machen ist.

Faktisch ist unsere Küche aber nie alleine besetzt. Sie ist ein Magnet. Anders ist das nicht erklärbar. Sobald eine Person sie betritt, also ich zum Beispiel (völlig zufällig natürlich ich), um das Abendessen zu kochen, stehen 3 Sekunden später alle anderen Familienmitglieder auch auf der Matte. Der Mann muss sich dringend  einen Kaffee/Tee/Brot machen oder die weltpolitische Lage diskutieren. Das Kind ist auf der Suche nach einem sehr speziellen Legoteil, das in der Küche sein MUSS, weil da ja, weil … NA WEIL HALT! Und das Besuchskind kommt gleich noch hinterher, in der Hoffnung, dass es in der Küche vielleicht Süßigkeiten abstauben kann.

Wir quetschen uns also auf dem einen Quadratmeter zu viert aneinander, steigen über quer in den Raum gestreckte Füße, stolpern über Kinder, die katzengleich um unsere Beine streichen und versuchen dabei alle, das jeweils vorgenommene Programm durchzuziehen (s.o.). Die Temperatur steigt. Der Lärmpegel steigt. Die Laune steigt. Bis eines losbrüllt:

„ICH WAR ZUERST HIER, GEHT ALLE RAUS“

„NEIN DU“

„DU“

„DU, 10 x DU!“

„1 Milliondreihunderfünfundachzigtausend mal du“

„PLUS 1!!!!!!!!!“

Am Schluss sind alle beleidigt und es gibt kein Abendessen. Niemand schenkt mehr dem/der Anderen was zum Geburtstag, Weihnachten fällt aus und die Kinder schreien nach Süßigkeiten.

Ich glaube, wir brauchen dringend eine größere Küche!!

Fremdgebloggt „Mutter mit 20 und 40 – same same but different“

Vor ein paar Wochen fragte mich die Redaktion von umstandslos – magazin für feministische mutterschaft, ob ich für ihre Ausgabe „Generationen“ etwas schreiben könne, schließlich seien meine beiden Kinder ja fast eine Generation auseinander. Mir war bei meiner spontanen Zusage nicht klar, was für große Schwierigkeiten ich mit dem Text haben würde. Was habe ich mir eins abgebrochen, selten ging mir etwas so schwer von der Feder. Wochenlang habe ich eigentlich nur prokrastiniert („ist ja noch Zeit“), dann stundenlang auf ein weißes LibreOffice Dokument gestarrt. In meinem Kopf waren 5234 Storys aus den letzten 20 Jahren, doch was sollte, was wollte ich davon schreiben? Von meinem jetzigen Alltag mit einem Kind, das 5 Jahre ist, und einem, das längst selbstständig als junge Frau ihrer Wege geht? Von meiner Vergangenheit, als ich früh Mutter wurde und mich irgendwann alleinerziehend irgendwie durchwurstelte? Von den diversen Krisen, die das Mamawerden, Beziehungen, Alltag so mit sich bringen können? Was davon in einen Text packen? Wie schreiben, so dass die Gratwanderung zwischen „das mag ich nicht öffentlich schreiben“ und „das interessiert niemanden“ gelingt? In meinem Entwurfsordner dümpeln sicher 3 unterschiedliche Versionen herum, die ich jeweils x-fach umgeschrieben habe. Irgendwann habe ich einen leicht mäandernden Text abgegeben – und ihn nicht mehr durchgelesen. Ihr findet ihn hier.

Richtig cool finde ich ja, dass unter meinem Beitrag der Text von Maria „“ automatisch als „verwandt“ verlinkt wird. Ähm, ja. Das dachte ich auch mal. Jetzt wirds wohl eher 60. <3

Vorurlaubs-Putzspleen

Das mit dem Wohnungsputz klappt hier meist eher schlecht als recht. Meistens sieht es bei uns aus wie Sau – und ich meine das durchaus nicht kokettierend.

Ich kann damit leben (meistens zumindest), auch wenn ich von mir behaupte, eigentlich (EIGENTLICH) ein eher ordentlicher Mensch zu sein. Ich habe mich in gewisser Weise daran gewöhnt, dass es hier allerhöchstens partiell sauber ist: Ist die Küche mal geputzt nach dem Essen, starrt das Bad vor Dreck. Sind die Wäscheberge abgetragen, kann man im Wohnzimmer buchstäblich vom Boden essen. Im Kinderzimmer sieht’s aus, als hätten drei Kinder alle Spielsachen auf den Boden gekippt und unters Bett im Schlafzimmer sollten Leute mit Hausstauballergie besser gar nicht erst schauen. Überhaupt sollte man hier überhaupt nirgends genauer hinschauen. Auf Fußleisten zum Beispiel. Oder in Schubladen. Oder womöglich hinter den Herd.

Wenn wir in den Urlaub fahren, packe ich allerdings am Tag zuvor (früher lohnt sich nicht) meinen Spleen aus: Die Wohnung muss aufgeräumt und geputzt verlassen werden. Nicht porentief rein – das kriegen wir hier sowieso nicht hin bzw. dafür bräuchte ich 3 Tage Extraurlaub, aber zumindest so, dass es auf den ersten Blick hier super aussieht. Dass diverses Getier kein Fressen findet und ggf. Besuch hier rein kann, während wir weg sind, ohne das Grausen zu kriegen.

Und, der wichtigeste Grund: Ich liebe es, wenn ich zurückkomme, die Wohnung aufschließe und für einen kurzen Moment denke „Ach, ist es hier schön“. Einen kurzen Moment, bis wir unser ganzes Urlaubsgerümpe hier reinschafft haben und es wieder aussieht wie gewohnt. Wie Sau halt.

Ich weiß, ich weiß, Säue sind sehr reinliche Tiere ^^
Ich weiß, ich weiß, Säue sind sehr reinliche Tiere ^^

Süßigkeiten

Als ich klein war, reglementieren meine Eltern meinen Süßigkeitenkonsum ziemlich stark. Es gab ab und zu eine Winzigkeit aus Mamas Hand – eine Schokolinse, 1-2 Gummibärchen, ein Rippchen (so hieß ein Stück bei uns) Schokolade. Süßigkeiten waren böööse, sie machten dick und schlechte Zähne. Kontrollieren und sparsam dosieren war also das Motto.

Das Süßigkeitendepot war in für mich unerreichbaren Höhen oben im Schrank – und ich hätte es nie gewagt, dort etwas zu stibitzen. Dafür entwickelte ich mit der Zeit ausgefeilte Strategien, um an das geliebte Süßzeug ranzukommen, für das ich schon früh eine ausgeprägte Leidenschaft hatte: Morgens, wenn die Eltern noch schliefen, schlich ich mich an das Frühstückszeugs und vergriff mich am wertvollen und äußerst seltenen Schokoaufstrich, den es damals zeitweise in einer Tube gab (erinnert sich jemand?). War ich zum Kindergeburtstag eingeladen, futterte ich auf dem Weg dorthin die Süßigkeiten, die oben auf dem Geschenk festgeklebt waren. Sobald ich Taschengeld bekam, gab ich alles für Süßkram aus und vor allem rechnete ich jeden Geldbetrag im Kopf sofort in Kinderüberraschungseier und bunte Tüten um. 1 DM = 1 Kinderüberraschungsei = 10 Lakritzschnecken = 20 Colafläschchen = 50 Brausetabletten. Eine super Matheübung übrigens. Toll waren die Wochenenden bei Oma und Opa auf dem Dorf. Dort durften wir Enkelkinder immer den Einkauf übernehmen und uns selbst etwas kaufen, was wir schamlos ausnutzten. Die Beute schmuggelten wir in unser 3er-Zimmer und futterten sie dort über das Wochenende restlos auf. Toll waren natürlich auch Nikolaus und Ostern. Die Schokofiguren bohrte ich immer vom Boden her auf und knapperte den kompletten Rücken bis oben weg, so dass sie von vorne noch wie unangetastet aussahen und die Eltern nichts merkten – bildete ich mir zumindest ein.

Mein Heißhunger auf Süßes hat sich bis heute erhalten. Ich entkomme dem nur, wenn ich es wie die Raupe Nimmersatt halte: Futtern, futtern, futtern – und irgendwann die Reißleine ziehen d. h. den Zuckerkonsum komplett auf Null runterfahren. Keine Schokolade, keine Gummibärchen, kein Kuchen. Nix. So eine No-sugar-Phase lege ich immer wieder nach besonders exzessiven Futterwochen ein und quäle meine Familie mit meinem Leid. Nach ein paar Tagen Verzicht lassen die Entzugserscheinungen nach, aber wehe, ich rieche an einer Tafel Schokolade, dann bricht der Damm und es gibt kein Halten mehr. Schlimm.

Meine Kinder haben das zum Glück nicht von mir übernommen. Sie kommen beide gut mit Süßkram klar. Ob das Typsache ist, ich ein schlechtes Vorbild bin oder meine Erziehungsstrategie (wenig eingreifen, selbst verwalten lassen) aufgeht, weiß ich nicht. Vielleicht alles ein bisschen.

Als ich neulich mal wieder so durch die Wohnung tapste – auf Zuckerentzug, versteht sich, fiel mein Blick auf den noch immer prall gefüllten Osterkorb von Kind2. Ob es ihm wohl auffällt, wenn ich unauffällig den hübschen Hasen mit der Glocke von unten anbohre und vorsichtig den Rücken hinauf … nur ein winzigkleines Stückchen vielleicht? … Aber solch schäbige Tricks waren überhaupt nicht notwendig. Das Kind hat mir einfach einen geschenkt. „Welchen willst du, Mama? Dann kriegst du den. Da!“ Ach ja.

Objekte der Begierde
Objekte der Begierde

Solche Tage

an denen man …

  • vom MAMAAA ODER PAPAAAA kreischenden Kind aus dem Tiefschlaf geweckt wird
  • beim ins-Kinderzimmer-stürzen mit nackten Füßen auf Playmobil tritt
  • beim Kaffee kochen das Kaffeepulver in den Topf mit Milch kippt
  • mit dem Ärmel schwungvoll an der Türklinke hängenbleibt
  • beim Telefonieren gereizt auf eigentlich bekannte – und natürlich nicht so gemeinte – familiäre Kommunikationsmuster reagiert
  • das Regenzeug zu Hause lässt, weil einer das bisschen Regen doch nichts ausmacht …
  • den Vormittag mit nassem Hintern auf dem Bürostuhl hockt
  • nichts denken kann, weil sich im Hirn schwammiger Schwamm ausgebreitet hat
  • wahllos im Internet rumsurft und zunehmend in einen „da drüben ist das Gras viel grüner“-Film gerät
  • die wenigen freien Stunden vor den 10-Tage-KiTa-Ferien mit unsagbar schlechter Laune vertrödelt
  • sich unsagbar darüber ärgert, dass man die wenigen freien Stunden vertrödelt

… sollte man sich einfach eine Höhle suchen können, um dort ein paar Tage ausruhen. Mit einem guten Buch. Ohne Internet. Und mit einer warmen Decke.