Noch ein Jahr

Oh, eine E-Mail in meinem verwaisten cloudette.net-Postwach! Womöglich ein Kommentar auf einen nicht mehr ganz taufrischen Artikel? Oder nette Leser*innenpost? Ihwoo, es ist nur WordPress, das mich informiert, dass meine URL in 30 Tagen automatisch verlängert wird. Ich müsse nichts tun, nur abwarten und die 26 $ bezahlen, die mich das im Jahr kostet. Eine kurze Weile überlegte ich, doch etwas zu tun. Nämlich einfach nicht zu zahlen und die Domain zu kündigen. Schwups und weg. Es wäre eine Gelegenheit, das Kapitel „Blog“ kurz und schmerzlos abzuschließen. Schließlich dümpelt das hier ja nur noch vor sich hin. Einen (1!) ganzen Artikel habe ich dieses Jahr zustande gebracht. Letztes waren es immerhin noch 22. Das Jahr davor 37. Nicht, dass es jemals viel gewesen wären – aber Sie erkennen die Tendenz. Ich könnte den Deckel drauf machen und den 5. Jahrestag, der sich jetzt im Juni jährt, mit einem Abschied feiern. Denn eigentlich tut mir diese weitgehende Internetabstinenz, die auch noch Twitter und Facebook und den ganzen Krempel umfasst, ganz gut.  Ich sehe Sie förmlich die Augen verdrehen: „Jajaja, diese schrullige Offline-Verklärung, bleib uns weg damit“. Ich höre ja auch schon auf und erkläre Ihnen also nicht die 143 Gründe, warum ich derzeit nicht mehr blogge.

Um zurück auf den Anfang dieses etwas improvisierten und dahingerotzten Posts zu kommen: Meine Gedanken endeten irgendwann in einem Vorschlag, den ich mir selbst machte (es folgt ein weiterer Doppelpunkt!!!): Ich gebe mir nun noch ein weiteres Jahr und schaue mal, was dieses so blogtechnisch mit sich bringt. Vielleicht neue Inspirationen, vielleicht wildes Geblogge. Vielleicht nur noch Comics. Vielleicht bleibt es auch bei den mittlerweile schon 2 Artikeln in diesem Jahr. Und schließlich kann ich auch getrost auch noch am 6. Bloggeburtstag den Deckel druff machen.

Vielen Dank an die Handvoll Leser*innen, die hier immer noch vorbeischaut. Ich weiß Ihre Ausdauer und Treue sehr zu schätzen.

Küsschen und vielleicht auf bald.

 

 

 

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What to do mit alten to-do-Listen?

Ein viel zitierter Grundsatz für gelungenes Ausmisten lautet so ungefähr: Alles, was länger als 1 Jahr (oder lassen Sie es 2, 3, 4, 5 sein) unausgepackt im Keller vor sich hindümpelt, kann getrost entsorgt oder verschenkt werden. Das Gleiche gilt für Klamotten: Was im Schrank nur Platz wegnimmt, aber nie angezogen wird –> weg damit. Jahrelang ungelesene Bücher –> aussortieren. Es macht ein bisschen Arbeit, klar. Aber der Lohn sind aufgeräumte Schränke, lichte Regale und Kellerräume, bei denen eine problemlos die Türe aufbekommt und auf Anhieb die Weihnachtsdeko findet. Und nicht nur das! Das Entsorgen von materiellem Ballast wirkt reinigend auf Kopf und Seele, es winken kreative Schübe und das Gefühl, das Leben im Griff zu haben. Klingt toll.

Ob das funktioniert, kann ich Ihnen leider nicht sagen, denn ich habe es nie bis zu diesem nirwanagleichen Zustand gebracht. Auf halber Strecke verliere ich meist die Lust, packe den aus allen Ecken gleichzeitig herausgezogenen Krempel in irgendeine große Kiste, stopfe den Klamottenberg zurück in den Schrank und überlasse die Weihnachtsdeko ihrem Schicksal. Kein Wunder, dass die kreativen Schübe weiter auf sich warten lassen und ich noch nicht herausgefunden habe, wie das mit dem Leben im Griff haben geht.

Um im allgemeinen häuslichen und psychischen Chaos noch einigermaßen durchzusteigen, lege ich dafür Listen an. To-do-Listen. Da steht das übliche Zeug drauf, das eine machen muss, aber gerne im Eifer eines vollgerümpelten Lebens verdrängt: Steuererklärung, Haustreppe putzen, Probeabo kündigen, ein Foto für das Freund*innenbuch der K2-Freundin ausdrucken, doppelseitiges Klebeband einkaufen und weitere Wichtigkeiten. Das eine oder andere erledige ich sogar. In ganz hellen Momenten schreibe ich extra Punkte auf die Liste, die ich sowieso machen werde, damit ich sie am Abend durchstreichen kann. Herrlich! Was geschafft!! Zum täglichen Klein-Klein kommen die Punkte, die seit Wochen & Monaten auf der Liste stehen und deren Bearbeitung eigentlich dringend notwendig wäre: Wasserhahn reparieren (ein anderer dieses Mal). Neue Matratzen kaufen. Hosen flicken. Badezimmerfenster reparieren lassen, Keller entrümpeln … etc pp.

Und dann stehen noch Dinge auf den Listen, die ich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten mit mir herumschleppe: Fotoalbum für K2 anlegen (seit fast 5 Jahren). Die alte Eckbank, die ich vor ca. 13 Jahren auf dem Sperrmüll fand, abschleifen und in ein hübsches shabby-chic-Möbel verwandeln. Mein krudes Englisch verbessern (seit sicher 20 Jahren). Wieder regelmäßig zeichnen (seit ebenfalls 20 Jahren). Megakommunikativ werden und ungezwungen mit Menschen umgehen (seit 30 Jahren).

Und nun zurück zum Thema „Entrümpeln“.  Was sagen die Ratgeber eigentlich zu solch jahrelang mitgeschleppten und teils nichtmateriellen Ballaststoffen, die in den Verwinkelungen des Lebens Staub ansetzen? Macht es Sinn, diese Punkte einfach mal zu streichen? Ballast abwerfen? Das Leben vereinfachen? Dinge, die ich jahrelang nicht aus dem Keller geholt habe, brauche ich offensichtlich nicht im Alltag. Und Punkte, die jahrelang auf einer to-do-Liste stehen? Offensichtlich sind sie mir wichtig genug, dass ich sie immer wieder aufschreibe. Offensichtlich sind sie mir nicht wichtig genug, sonst würde ich sie einfach (hahahahaha. Oh. Entschuldigung) mal angehen. Oder muss ich dafür erst einmal meine Wohnung und den Keller entrümpeln, um Platz für die notwendigen kreativen Schübe zu schaffen?

Dekobild mit (fast) keinem Zusammenhang zum Text
Dekobild mit (fast) keinem Zusammenhang zum Text

Unerledigte Projekte in Wohnungsecken

Die Freundin dreht eine Runde durch die Wohnung „hat sich denn was verändert hier seit dem letzten Mal?“, nein, nicht viel. Es ist unaufgeräumt, zu viel Gerümpel immer noch überall. Doch plötzlich entdeckt sie im Wohnzimmer die roten Bänke. „Ha! Die waren letztes Mal noch nicht da.“ Ja, die sind von Oma, Erbstücke. Sie waren potthässlich bezogen mit Blümchenstoff. Ich habe einen roten 70er-Jahre-Vorhang darübergezogen und festgetackert. Jetzt sind sie zwar immer noch nicht hübsch, aber einigermaßen ok und funktional und überhaupt: eine Erinnerung an Oma. Wie oft saßen wir Enkel auf dieser Bank, schon als wir miniklein waren und zuletzt in ihrer Wohnung bei Kuchen und Kaffee.

„Das hast du selbst gemacht? AAAAhh. Da krieg ich doch glatt ein schlechtes Gewissen, wenn ich das sehe. Ich hab da seit Monaten ungenähte Kissenbezüge in der Ecke liegen, die wollte ich schon ewig mal …“ Einen Moment lang wundere ich mich, das ist doch eigentlich mein Part. Ich bin die Meisterin im Dinge-vornehmen, to-do-Listen schreiben, Pläne schmieden. Ich bin Meisterin im Dinge anschleppen, Material sammeln, Ideen überlegen. Ich bin Meisterin im mich-grämen, dass ich kaum etwas davon umsetze. Weil ich 1000 andere Dinge stattdessen tue. Arbeiten, Garten, Kind, Haushalt, surfen, faul rumhängen, lesen, Serien glotzen. Weil ich vielleicht einfach kein Händchen für Deko & co habe. Weil ich vielleicht einfach nicht so viel Energie habe wie andere. Weil ich vielleicht 1001 Dinge auf der do-to-Liste brauche, um mal 1 davon abzuhaken an einem kreativ-aktiven Tag. Ach, was weiß ich warum.

Schau mal hier: Die Bank in der Küche habe ich vor 12 Jahren vom Sperrmüll angeschleppt mit dem festen Vorsatz, sie wunderschön zu restaurieren. Seither steht sie da. Oder die Kommode in meinem Zimmer, geerbt von Opa, alt und so schrabbelig, dass die nicht mal als shabby-chic-vintage-trendy durchgeht. Schon ewig will ich die abschleifen oder mit irgendwas bekleben. Seit 25 Jahren, um genau zu sein. Im Wohnzimmer hatten wir fast 2 Jahre nur eine nackte Glühbirne von der Decke hängen, weil ich einen Lampenschirm basteln wollte. Irgendwann habe ich so einen Papierballon aus dem Bauhaus gekauft. In meinem Zimmer türmten sich wochenlang leere Tetrapacks, weil ich nach dem Vorbild meiner Schwester einen tollen coolen Upcycling-Korb flechten wollte. Ich habe sie irgendwann im gelben Sack versenkt. Noch mehr Beispiele gefällig?, frage ich leicht außer Atem. Nein nein, die Freundin ist beruhigt und ich bin es auch. Es tut ja gut zu hören, dass sich in anderen Wohnungsecken ebenfalls unerledigte Projekte türmen, und immerhin habe ich diese blöde Eckbank bezogen, es geht voran.

Im Wohnzimmer mag die Freundin sich dann aber doch nicht niederlassen, „es ist ungemütlich hier“, sagt sie. Ich mag es auch nicht, stimmt. Nur: Was tun? Vielleicht hilft ein bisschen Farbe an den Wänden? Ein anderer Teppich? Pflanzen? Ach, sie weiß es auch nicht und lässt sich demonstrativ auf meinem ungemachten Bett nieder. „Hier ist es gemütlicher“ Ich trage Kerzen, Wein & Chips hinterher und habe unversehens ein weiteres fettes Projekt auf meiner Liste stehen. Gleich morgen kümmere ich mich darum. Oder übermorgen. Oder …

Hui Buh oder: Das geben wir nicht weg …

Da schrieb ich erst kürzlich über zu viel Kram und darüber, dass Aussortieren dringend angesagt wäre und dann das: Die Schwester war schneller. Und das Fatale: Sie lud mich zum „Durchschauen“ ein. Sie hat den Kinderzimmerkram ihrer Töchter um 50 % reduziert und schon im Flur türmten sich Kisten mit Glitzereinhörnern, Barbiezeugs, Spielen. Sie zeigte auf einen beachtlichen Haufen und meinte: „Das könnte für dich interessant sein. Für den Kleinen.“

Nun habe ich ja leider einen Hang zum Hamstern, und es waren auch prima Dinge dabei. Klamotten. Bücher. Kinderstühle. Der Mitnehmberg wuchs also an. Bei der törööö-Elefanten-Kassettensammlung blieb ich allerdings standhaft und die Conny-im-KrankenhausKindergartenSonstwo-Pixies blieben auch liegen. Bei den meisten Sachen konnte ich noch recht locker sagen „nehm ich – nehm ich nicht“.

Aber dann gings plötzlich ans Eingemachte. In dem Berg tauchten Kindheitserinnerungen auf. Meine! Kassetten: die 70er Jahre Songs von Der Spatz und Die Rübe, die habe ich als Kind und später mit der Tochter hoch und runter gehört. Dann Hui Buh, das ungezogene Schlossgespenst, das sich in irgendeiner Folge durch den gruftigen Weinkeller säuft (wenn ich mich recht erinnere). Völlig unpädagogisch und für uns damals der Hit. Das Buch vom Sandmännchen (das es inzwischen wohl nicht mehr gibt?). Das Memory, das wir im Familienurlaub an der Nordsee spielten.  Und last but not least: Ein quietschgelbkariertes Kleid, das ich mit 8 oder so trug. Und einige Jahre später meine Tochter. Da wars mit der Coolheit völlig vorbei: Ne, also das können wir nicht weggeben, ich nehms mal mit.

Erinnerungen
… wird nicht aussortiert. Zunächst.

Und so kam ich vollbepackt zuhause an und türmte den Kram in unseren Flur. Der V. schaute nur schief aus der Wohnzimmertür und meinte irgendwas von: „Ähh, hast du nicht erst kürzlich in deinem Blog geschrieben …“