Abendritual „Werbung vorlesen“

Bis vor wenigen Tagen dachte ich noch, es handle sich um ein individuelles Phänomen. Eines, das nur bei Kind2 ausgeprägt ist – und das dafür massiv. Es begann damit, dass das Kind mich zielsicher in die Spielzeugabteilung des hiesigen Warenhauses schleppte, um dort gefühlt stundenlang das Angebot eines dänischen Plastikklötzchenherstellers in Augenschein zu nehmen. Regale über Regale voller Pappkartons, einer attraktiver als der andere, ließen fast unweigerlich ein „ICH WILL DAS UND DAS UND DAS UND ZWAR SOFORT!!!!-Drama aufziehen, das ich nur mit Müh und Not mit Hinweis auf den bevorstehenden Geburtstag des Kindes abwehren konnte („Du kannst dir das ja wünschen!!“). Allerdings mussten wir unbedingt das ca. 30seitige Werbeheftchen mitnehmen mit dem Versprechen, dass das Kind sich darin etwas aussuchen dürfe. Warum nicht, dachte ich  naiv, dann landet das Ding halt zu Hause schnell vergessen im Altpapier.

Haha. Von wegen.

Am Abend, ich hatte Zu-Bett-bring-Dienst, fragte ich das Kind, was ich vorlesen solle. Den Drachen Kokosnuss oder  Lumpen-Karline oder Kater Mikesch vielleicht? „Nein!“, sagte das Kind entschieden, ich solle das Werbeheft vorlesen, nur das und nichts anderes. Versprochen sei versprochen!! Nun gut, schauen wir uns halt das Heftchen an. Was ich da vorlesen könne, war mir zwar ein Rätsel, aber ein einziges Mal durchblättern wäre schon drin. Dachte ich. Im Nachhinein lache ich über mein naives früheres Ich. Denn beim Durchblättern blieb es nicht, nein nein! Jedes einzelne Produkt musste genauestens betrachtet und auf ein „DAS wünsch ich mir“ geprüft werden. Es blieb auch nicht beim Vorlesen der Produktnamen. Neinnein. Empfohlenes Alter, Preis, dazugehörende Minifiguren – alles musste in allen Einzelheiten durchgekaut werden. Fragen Sie mich ruhig irgendwas, ich kenne mich aus!

Und bei EINMAL blieb es schon gleich gar nicht, denn die Prozedur sollte sich in den kommenden Wochen regelmäßig wiederholen. 5234trölfzigMillionenmal. Abend für Abend. Naja, ok, jeden 2. Abend, wenn ich eben mit Insbettbringen dran war. Der Mann kam dagegen meist drumherum. Wieso, habe ich nicht herausgefunden. Bei mir setzte sich das Kind immer gegen meine mütterliche Gutmütigkeit (ein Euphemismus für „ich-hab-keinen-Bock-auf-stundenlanges-Drama-und-gebe-darum-halt-klein-bei“) durch. Ausgerechnet ich, die ich Werbung im Großen und Ganzen hasse, lag also nun im Kinderbett, las Produktnummern und alberne Produktnamen vor und ärgerte mich unfassbar über diese schöne bunte Warenwelt, die dazu noch so nervtötend vor Genderstereotypen strotzt, dass es nicht zum Aushalten ist. Sie wissen schon. Rosa-glitzer-Shopping-Spaß vs. ausgiebige Kriegerszenarien. Zudem ist das wiederholte Durchblättern des Heftchens wirklich abgrundtief langweilig, aber der fehlende Fließtextes lässt es leider nicht zu, dass ich mit einer Hirnhälfte parallel an etwas anderes denke, was ich sonst beim Vorlesen öder, aber sehr geliebter Bücher (Kokosnuss etc.) ganz gerne praktiziere. Am Ende wäre ich sogar bereit gewesen, Connybücher oder ähnliches vorzulesen, aber nein, es musste das Heftchen sein, immer und immer wieder.

Ich wähnte mich mit diesem Phänomen, wie eingangs erwähnt, völlig alleine, bis ich kürzlich mit einer Kollegin ins Plauschen kam und sie mir erzählte, dass sie ihrem Kind gerade immer das Werbeprospekt einer großen dänischen Plastiklötzchenfirma vorlesen müsse. Ich fiel ihr spontan in die Arme und hauchte ihr ein erleichtertes „ICH BIN NICHT ALLEIN!!!!“ ins Ohr. In unserer kleinen Selbsthilfegruppe analysierten wir nun die Werbestrategie des großen Spielzeugkonzern (beim Werbeheftchen bleibt es ja nicht. Es gibt ja zu jedem Scheiß auch noch Online-Filmchen und -Spiele!!1!!!) und klagten uns gegenseitig unser Leid.

Nach dem Geburtstag geriet das Heftchen dann zum Glück ein wenig in Vergessenheit. Immer wieder lösten sich wegen des intensiven Gebrauchs nun Seiten heraus, die unauffällig in Richtung Altpapier transferiert wurden. Bis ich kürzlich versehentlich mit dem Kind zu nahe an der Spielwarenabteilung des großen Warenhauses vorbeiflanierte, mich unversehens mitten darin befand und es triumphierend das besagte Werbeheft aus dem Ständer zog. „Schau mal, Mama! Das nehmen wir mit!!! Liest du mir das nachher dann vor??“ Früher, ja früher ruinierte man sich wegen dieser Firma wenigstens nur die Fußsohlen, wenn man unversehens auf eines dieser Klötzchen trat. Aber heute sind es die Nerven gleich mit dazu.

Dekoration – nicht käuflich zu erwerben!!!

 

Adventskalendercontent

Ich habe es tatsächlich geschafft, die Adventskalender für die Kinder (höhö) rechtzeitig fertig zu machen. Die wahre Herausforderung war aber letztendlich gar nicht der Kalender für K1, den ich (Achtung, Trigger!!) gebastelt* habe! Das Gebastele war zwar nicht ganz einfach, wie ich kürzlich bereits über den Kurznachrichtendienst Twitter verkündet habe:

Aber ich habe es geschafft, das Ding zusammenzuschustern und sogar rechtzeitig zur Post zu bringen. Die wahre Herausforderung war dann aber doch der Kalender für K2, den ich ja, wie via streitbarem Blogpost verkündet, eigentlich nur befülle. Leider übten die eigens dafür angeschafften Schokokugeln bereits im Vorfeld einen schier unwiderstehlichen Reiz auf mein doch etwas gestresstes Gemüt aus, das nach kompensatorischen Genüssen verlangte. Und so kam es:

Adventskalender

Ein bisschen habe ich mich geschämt. Danach. Offensichtlich – und beruhigenderweise – bin ich damit aber nicht alleine:

Da hier aber der Adventskalender für das kleine Kind nicht auf einmal, sondern Nacht für Nacht auf wundersame Weise befüllt wird, ist der Schaden nicht ganz so groß. Für das 1. Türchen habe ich noch ein paar Krümel gefunden, das Kind hat sich sehr gefreut (und mir gleich mal die Hälfte des ohnehin schon recht kleinen Schokodings abgegeben <3). Ich muss es nun nur noch 23. Mal schaffen, mein inneres Schokoladenmonster zu bezähmen und irgendwas Kleines für den Kalender übrig zu lassen. Das sollte ich doch schaffen (*drückt sich die Daumen*).

Einen schönen Advent miteinander!

*genaugenommen habe ich nur Päckchen gepackt. Aber nunja.

Machen Sie doch, was Sie wollen. Echt jetzt.

Ich habe gestern in der Kaffeepause im Büro einen Text über das Basteln von Adventskalendern gelesen, den ich sehr lustig fand. Ich fand ihn rotzig, sarkastisch und wunderbar schön überzogen. Und weil ich ihn so lustig fand, habe ich ihn schnell mal auf Facebook (evil, ja) geteilt, dann meinen Kaffee ausgeschlürft und weitergearbeitet. Erst abends bekam ich zufällig mit, dass es „Adventskalenderdiskussionen“ in meiner Twitter-Eltern-Filterbubble gab und zuerst dachte ich hö? Was gibts denn da zu diskutieren?, bis ich blickte, dass es ebenjener Artikel war, der wohl für hohe Wellen sorgte. Nicht weil ich ihn geteilt hatte, wo denken Sie hin, mit meiner bescheidenen Reichweite, aber weil ihn andere mit hoher Reichweite geteilt hatten. Ist auch egal. Jedenfalls führte dieser Artikel zu Diskussionen, die ich nicht nachgelesen habe, weil sie mich nullkommaüberhauptnicht interessieren. Es ist mir völlig wumpe, ob Mütter (ich kenne keinen, nicht einen einzigen Vater, der das macht, aber das ist ein anderes Thema) die Adventskalender selbst basteln oder sie beim Discounter kaufen. Es ist mir egal. Ich selbst verwende für K2 exakt den gleichen Kalender, den ich vor 20 Jahren schon für K1 verwendet habe und befülle ihn mit Plastikscheiß und Zucker hochwertigem Kleinkram. Aber das ist egal, denn worauf ich eigentlich nach langem Intro hinauswill:

Diese ganzen Diskussionen sind mir wumpe. Genauso, wie es mir obertotalwumpe ist, wo die Kinder anderer Eltern schlafen. Ob im Familienbett oder alleine oder unterm Tisch. Wie es mir egal ist, wie lange und wie oft eine stillt, ob ihr Baby Brei bekommt oder Fingerfood, ob das Pausenbrot in olles Butterbrotpapier eingewickelt oder ge-bentoboxt wird, wie oft und mit das Kind gebadet wird, was die Kinder zu WeihnachtenGeburtstagOstern bekommen, was sie essen oder auch nicht, wie oft sie fernsehen oder nicht und so weiter und so fort. Alles, was andere Eltern aus Überzeugung, ideologischen Gründen oder meinetwegen auch Zeitmangel oder -überschuss machen, ist mir, so lange sie damit nicht andere willentlich gefährden oder beschädigen, wumpe. Das heißt nicht, dass es mich nicht interessiert. Ich finde es im Gegenteil oft höchst interessant, was und warum Andere anders machen – aber ich finde in 99,9 % der Fälle nicht, dass man sich darüber shitstormmäßig aufregen muss.

Es geht mir immer häufiger so, dass ich den Diskussionen um irgendeine durchs Online-Elterndorf getriebenen Sau im Internet nicht folgen kann und mag. Ich denke „na und? Macht doch, was ihr wollt. Möge doch jede machen, was sie will! Mögt ihr euch doch mal bitte einfach IN RUHE LASSEN VERDAMMT“. Und Sie merken schon, so langsam mischt sich in die totale Gleichgültigkeit dann doch ein Hauch von Emotion. Was mir nämlich tatsächlich nicht oberfuckingscheißegal ist, ist dieses Rumgehacke aufeinander, das Abwerten, das abfällige Kommentieren. Oft mache ich Twitter einfach zu und schaue später wieder rein, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Was aber oft noch weiterbrodelt ist der Gedanke, warum es so schwer ist, Andere anders sein zu lassen.

Und nein, ich bin da auch keineswegs frei davon. Viel zu oft werte ich selber ab, denke „wie kann man nur, wie kann die nur, nie würde ich“-Blabla. Ich hoffe aber, ich schreibe das dann nicht ins Internet (gelegentliche Ausrutscher kann ich nicht ausschließen, sorry). Sondern ich hoffe, ich lasse es in meinem Hirn oder labere höchstens den Mann damit voll (auch sorry). Denn es geht mich nichts an und ich habe kein Recht, anderen die Stimmung zu vermiesen, nur weil ich womöglich selbst gerade empfindlich bin, einen kackbeschissenen Tag habe oder weil mich selbst das ganze Gebastele oder was auch immer stresst.

Ich werde mir auch in diesem Jahr eine Flasche Wein kaufen einen Kräutertee aus biologisch-dynamischen Anbau brauen und in einer nächtlichen Aktion den Adventskalender für K1 basteln (K2 geht schnell, siehe oben). Das „Kind“ kriegt nämlich auch mit 25 Jahren immer noch einen (Stichwort: Langzeitadventskalenderbasteln!!11!!!!! OMG, wie kann ich nur) und ich verpacke tatsächlich jedes Geschenk einzeln. Und Ihnen da draußen wünsche ich viel Spaß beim Basteln, Kaufen, Streiten, Kiffen, Saufen, Rauchen, Stillen und was Sie sonst so gerne machen für sich, für Ihre Kinder, für Andere. Amen.

P.S. Den supertollsten Adventskalender macht ja meine Schwester, falls es Sie interessiert.

PPS: Lesen Sie einfach den Text von AufZehenspitzen.  Sie bringt das mal wieder klug auf den Punkt.

Hauptsache Bio

Im Biomarkt. Meterlang ziehen sich die Regale voller Tetrapacks mit Hafer-, Mandel-, Reisdrinks. Cremige Wildlachs-Suppe mit feinem Bio-Gartengemüse in der Dose. Polierte Äpfel aus Neuseeland, und wilde Tomaten im Plastikpack. Exotische Früchte von Ganzweitweg hierhergekarrt. Im Kühlregal drängeln sich 20 verschiedene Jogurtsorten, eingeschweißter Käse und vegane Aufschnitte. Das Fruchtmus für die Kleinsten ist praktischerweise portionsweise abgepackt, ebenso die Öko-Bifi und Mini-Reiswaffel-mit-irgendwas für den Kinderhunger zwischendurch. Tütensuppen und Ravioliverschnitt für die schnelle Küche und als Nachtisch  Tiramisu im Dreierpack.

Den Knaller aber gibt es kurz vor der Kasse, bei den Supersonderangeboten: eine Genuine Coconut mit praktischem Öffnungssystem an der Kokosnuss angebracht. Ganz natürlich Kokoswasser trinken, ganz authentisch, direkt aus der Frucht. Voll bio (nach Entfernen der Plastikverpackung). So toll !!11!!

BioBioBio. KaufenKaufenKaufen. Alles für meine Gesundheit, alles für mich. Wo das Zeug so herkommt, von wem und wie es produziert wird … hey, es ist bio!!!  Der gesunde Inhalt kommt ins Kröpfchen, der Müll verschwindet im Gelben Töpfchen. Amen.

(Es ist ein bisschen absurd, ist es nicht? So ein kleines bisschen?)

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genuine coconut

Apokalypse Jetzt – Vorbereitung auf die Krise

Das Buch Apokalypse jetzt ließ mir eine Freundin als Mitbringsel mit Leseempfehlung hier. Ich freute mich und legte es auf das Fensterbrett im Wohnzimmer, wo es ein paar Monate vom familiären Staub bedeckt wurde. Ich hatte keine Zeit, genug anderes zu lesen und putzte offensichtlich nie das Fensterbrett. Bis ich es letzte Woche wieder in die Finger bekam und es zu lesen begann.

Greta Taubert, eine Journalistin aus Leipzig, Jahrgang 1983, beschreibt in dem Buch einen Selbstversuch. Aus der Panik heraus, beim Hereinbrechen einer Krise (an der sie nicht zweifelt), nicht überlebensfähig zu sein, beschließt sie, sich ein Jahr lang weitgehend dem Konsum zu entziehen und verschiedene Überlebensstrategien auszutesten. Grob gesagt.

Sie beginnt damit, sich einen Vorrat an Lebensmitteln zuzulegen auf Basis der Empfehlungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (ich hatte keine Ahnung, dass es so was gibt) und versucht von diesem 3 Wochen zu leben. Sie nimmt Kontakt auf zu einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Survival-Pakete zusammenzustellen – und zwar nicht nur Büchsenfleisch und Nudeln, sondern Tiramisu und Rehrücken für Notzeiten – offensichtlich ein erfolgreiches Geschäftsmodell! Sie besucht Leute, so genannte Preppers, die sich durch den Bau von Trutzburgen und das Anlegen von Vorräten für die Krise wappnen. Sie begleitet eine Frau, die sich in einer Art Urkost von Wildkräutern ernährt, und sie fängt an, im Keller Pilze zu züchten.

An dieser Stelle – nach ca. 4 Kapiteln – hätte ich das Buch um ein Haar zugeklappt und aufgehört zu lesen. Ich fand das zwar alles äußerst unterhaltsam und interessant geschrieben, allerdings fand ich den Ansatz, sich individuell auf eine Krise vorzubereiten, so derartig bescheuert, dass ich es kaum aushalten konnte und mir auf Twitter leicht der Kragen platzte. Dieses Hamstern, für sich und die Familie Vorräte anzulegen, sich zu bewaffnen, damit man sich bei den zu erwartenden Plündereien verteidigen kann (!), dieses „ICH sorge für MICH“ erinnerte mich doch sehr an die 1980er Jahre, als Leute anfingen, sich einen privaten Atomschutzbunker in den Garten zu bauen und in diesem Vorräte für die atomare Apokalypse zu horten. Es waren – das unterstelle ich jetzt mal – NICHT die gleichen Leute, die auf Anti-Atom-Demos gingen, Atommülltransporte blockierten und für eine andere (Umwelt-)Politik kämpften. Nein, hier ging es nur um das eigene Überleben. Scheißegal, wenn sonst niemand übrig blieb (bzw. um so besser, dann muss man das gehortete Futter schon nicht gegen Plünderer verteidigen).

Aber – Überraschung – Greta Taubert kriegt dann doch noch den Dreh. Nach und nach beschäftigt sie sich mehr mit solidarischen Ansätzen. Sie macht bei einer Gärtner*innengemeinschaft mit und wohnt eine zeitlang bei Stadtnomad*innen. Sie lernt das Containern, also das Organisieren von Lebensmitteln aus Supermarkmülltonnen, kennen und trampt mit einer Freundin ohne Geld nach Spanien, wo die Krise ja bereits ihre Klauen ausgebreitet hat, und landet dort bei Aktivist*innen in einem besetzten Haus. Sie kommt mit der DIY-Szene in Kontakt (u. a. Nähen, 3-D-Druck) und lernt immer mehr Leute kennen, die versuchen, solidarische Strukturen aufzubauen und die sich politisch engagieren. Und sie kommt immer mehr auf den Trichter, dass es darum geht, Zeit für und miteinander zu haben, gemeinsam zu (über-)leben und sich zu solidarisieren – anstatt einen privaten Hamsterbau anzulegen.

Mir hat gut gefallen, dass Greta Taubert sich voll ins Getümmel gestürzt hat – zumindest macht sie in dem Buch den Eindruck. Dass sie überall mehrere Tage, teils Wochen mitgewohnt hat, sei es auf einem Bauwagenplatz, in der Wohnung der Stadtnomad*innen, im besetzten Haus, und dass sie den Menschen recht unvoreingenommen begegnete (darauf hat mit Lotti auf Twitter bereits während meiner Lesekrise hingewiesen). Ich fand es zienmlich spannend, wie Taubert als Newbie (oder Außenstehende) die verschiedenen Szenen beschreibt. Einiges war für mich auch völlig neu: Dass es Stadtjäger*innen gibt und eine doch recht große Prepper-Szene zum Beispiel.

Was ich bis zum Schluss ziemlich unerträglich fand, war die konsequent männliche Sprache – selbst wenn Taubert von sich selbst spricht, verwendet sie meist die männliche Form. Ob das auf das Konto des Lektorats geht oder ob Taubert das vertritt, weiß ich nicht.

Eine radikalkritische Auseinandersetzung mit den Ursachen der prophezeiten bzw. bereits bestehenden Krisen ist das Buch nicht gerade. Vermutlich wurde es auch deshalb letztes Jahr in so ziemlich allen großen Mainstreammedien recht positiv besprochen. Vieles im Buch dockt an den derzeitigen DIY- bzw. konsumkritischen Trend an: Urban Gardening, nicht so viel bzw. bewusst konsumieren, keine Lebensmittel verschwenden, Dinge selbst machen, reparieren statt wegschmeißen. Da gibt das Buch einen guten Überblick und viele Anregungen. Es zeigt die persönliche Entwicklung von Taubert während ihres Selbstversuchs, was ich sehr spannend fand. Und es ist wirklich sehr unterhaltsam und inspirierend geschrieben. Ganz im Sinne des Sharing-Gedankens macht das Buch nun in meinem Freund*innenkreis die Runde und ist Anlass für so manches spannende Gespräch.

(<3 -lichen Dank an A., die mir das Buch gegeben hat!)

Dekofoto
Dekofoto

Von hässlicher Hose zum hässlichen Rock – mein 1. DIY-Upcycling-Näh-Projekt

Es war geplant als überschaubares erstes Nähprojekt. Das heißt: Eigentlich war überhaupt nichts daran geplant, es gab nur diese Idee, mir endlich einmal etwas selbst zu nähen. Seit Monaten herrscht hier nämlich Klamottenflaute. Ich kaufe mir keine neuen Sachen mehr, weil mir erstens nichts gefällt, was es so in den 08/15-Läden gibt. Zweites passt mir mit 98%iger Sicherheit das, was mir gefällt, nicht. Und drittens weigert sich mein Gewissen, Zeug zu kaufen, das unter übelsten Bedingungen irgendwo zusammengenäht wurde.  So weit, so klar. Weil ich aber schlecht dauerhaft in meinen mittlerweile ausgeleierten Klamotten das Haus verlassen kann, fing ich an, Second Hand zu kaufen. Wir haben hier einen sehr tollen und ziemlich günstigen Laden. Aber auch das löst ja nicht Problem eins und zwei und mildert höchstens Nummero 3.

Da ich zumindest theoretisch mit Upcycling liebäugele, dachte ich mir, dass ich diese Themen doch gut verbinden könnte. Warum also nicht aus einer alten Hose, die ich sowieso nicht mehr anziehe, einen Rock nähen? Also kurz durch verschiedene Anleitungen gesurft, Nähmaschine rausgeholt, Hosenbeine π mal Daumen abgesäbelt, Naht vorne und hinten aufgetrennt, 2 Dreiecke ausgeschnitten, die ich vorne und hinten einsetzen wollte, und los.

Ich muss vermutlich nicht erwähnen, dass der Unterfaden leer war. Das ist immer so. Aber nicht nur das, die Spulenkapsel wackelte hin und her wie ein Kuhschwanz und machte fürchterliche Geräusche. Also ab in den Nähladen und mir dort die Info geholt, dass die Spulenkapsel hinüber sei und ich meine 20 Jahre alte Nähmaschine gleich ganz entsorgen könne, denn so ein altes Ersatzteil bekomme man eh nicht oder nur mit gaaanz viel Glück. Halbgeknickt zog ich von dannen und bestellte das Teil im Internet, pah, der Nähmaschinenmechaniker hat nämlich alles und lieferte äußerst fix.

Neue Spulenkapsel eingesetzt. Das Ding wackelte wie ein Kuhschwanz und machte üble Geräusche und ich die Erfahrung: Read the fucking manual! Dort kann man bei näherem Hinschauen nämlich einer Abbildung entnehmen, dass man das Ding mit einem Schieber fixieren muss.

Ein paar übel schiefe Nähte, zerklumpte Unterfäden, eine abgebrochene Nadel und viele Flüche später fing ich an, Tutorials anzuschauen. Es gibt da ein paar wirklich schön gemachte bei Pattydoo, genau richtig für totale Anfängerinnen, empfohlen von ringelmiez. Dabei schwante mir so langsam, dass man solche Nähprojekte eventuell ein bisschen planen sollte. Korrekt zuschneiden zum Beispiel. Und dass es hilfreich sein könnte, die Kanten vorm Nähen umzubügeln. Bügeln. Bügeleisen. Mein Bügeleisen, wo war das denn gleich noch? Ich habe 2 Tage lang gesucht, erfolglos. Es war 10 Jahre lang immer in der gleichen Schublade und nun verschwunden. Bis heute. DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN! Hat sich hier denn alles gegen mich verschworen?

Aber so schnell gebe ich nicht auf, also eines ausgeliehen und weitergemacht. Kanten bügeln, zusammenstecken, nähen, Unterfadenverklumpungen großzügig hinnehmen, die Familie mit nicht-jugendfreien Flüchen tyrannisieren. Hundertfünfzig mal den „Rock“ anprobieren, die Erfahrung machen, dass Nähnadeln saumäßig stechen, hundertfünfzig mal die Nähte wieder auftrennen.

Als die Familie kurz davor war auszuziehen, setzte ich den Schlussstich. Zog das Teil an und stellte abschließend fest: Ich habe aus einer hässlichen Hose einen äußert hässlichen Rock genäht. Selbst wenn man die schiefen Nähte ignoriert, geht das Ding gar nicht. Nicht einmal für zuhause. Es spannt am Hintern, wellt sich an den eingesetzten Dreiecken und der Stoff ist nach wie vor hässlich braun.

Also packte ich das Ding kurzerhand in den Altkleidersack. Erfahrung Nr. 3 bis 243: Nähen ist nicht so einfach. Es will geplant sein. Man sollte einigermaßen sauber zuschneiden & arbeiten & vorher den Schreibtisch aufräumen, weil man sonst nicht richtig Platz hat. Es braucht Geduld, viel Zeit und es nützt überhaupt nichts, die Nähmaschine anzuschreien und ihr mit einem Wurf vom Balkon zu drohen.

Frust auf Twitter ablassen, bringt da schon mehr. Nämlich Zuspruch von den #Nähnerds (<3!!!), von denen gleich ein paar zur Stelle waren:

Stimmt. Bei einer meiner ersten Übungsfahrten auf dem Feldweg riss ich zum Entsetzen meines Vaters den Schalthebel seines Opels ab. Ich habe es trotzdem gelernt. Geht doch!

Also, ich gebe hier noch nicht auf! Das wäre doch gelacht. Ich übe. Ich nähe weiter. Und wenn es jetzt erst mal nur Lavendelsäckchen sind. Und Eulen, nunja. Einen sehr zufriedenen Fan habe ich bereits. Kind2 ist von allem begeistert und nimmt meine Produkte freudig entgegen. Und das mit dem Fluchen kriege ich vielleicht auch noch in den Griff (ähm, huhu Schatz?).

Nähprojekt Rock  (urgs) und Eulereien
Nähprojekte Rock (urgs) und Eulereien. Wenigstens alles aus alten Stoffresten.

„In Schuhgröße 42 nur das, was da steht“

Ich unternehme eine Exkursion durch die örtlichen Schuhläden, mit dem Vorhaben, meine undichten Winterstiefel zu ersetzen. Warme Schuhe, möglichst robust, aber nicht klobig – das ist mein Ziel. Und dann hätte ich gerne noch etwas schickere, so für den Rock & repräsentative Anlässe, die es ja manchmal gibt. Die Hoffnung, tatsächlich etwas zu finden, muss wohl meiner temporären guten Laune entsprungen sein, denn natürlich war es wie immer: „Die hammwa nur bis 41. In 42 nur das, was da steht.“ Die Verkäuferin verliert ziemlich schnell das Interesse an mir und zeigt mit langem Fingernagel auf ein schmales Regal im Eck. Dort stehen ein paar Business-Stiefeletten, ein paar Öko-Treter und sonstige Modelle, die gerade so eben noch in Größe 39 einigermaßen ok aussehen, in 42 allerdings eher wie ein U-Boot. Im nächsten Laden, der superschöne Lederstiefel im Schaufenster hat, heißt es: „Wir führen nur bis 40.“ Heul.

Weiter geht’s in die Läden, in denen man sich durch die Kartons wühlt auf der Suche nach der richtigen Größe. Same here. Super Auswahl bis maximal 41, dann wird es dünn. Sehr dünn. Besonders blöd wird es dann noch, wenn eine im Verhältnis zur Schuhgröße nicht besonders groß ist bzw. relativ kurze Beine hat. Dann sieht 1. alles noch klobiger aus als bei Großen und 2. enden Stiefel nicht etwa an der Wade, um die sie sich schmiegen sollten, sondern stehen kurz unterm Knie cowgirlmäßig in alle Richtungen ab. Spätestens jetzt ist meine Laune an einem vorläufigen Tiefpunkt, ich ärgere mich über die verschwendete Zeit und pfeife auf den lokalen Schuhhandel.

Meine derzeitigen Lieblingsschuhe - nicht ganz arbeitkompatibel manchmal.
Lieblingsschuhe – leider nicht immer arbeitskompatibel

Tja, liebe Schuhhändler*innen, was mache ich also? Ihr wollt an mir ja kein Geld verdienen. Ich habe das jahrelang getestet, mir ist das jetzt zu blöd! Also: online kaufen. Das ist nämlich wie WeihnachtenOsternGeburtstag zusammen! Schuhe ohne Ende in allen Formen, Farben, Größen. Auch in Übergröße, denn als solche gilt 42 bereits. Beim ersten Mal konnte ich fast nicht mehr aufhören mit dem Herumsurfen und bestellte tatsächlich so nach und nach … hüstel … 5 Paare. Wovon 4 allerdings wieder zurückgingen, wie es halt so ist: Der eine war zu eng, der andere zu weit … Aber immerhin: Ich habe Winterstiefel! Das mit den schicken Schuhe klappt dann auch noch irgendwann.

Was ich allerdings sehr komisch finde: In meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis gibt es einige Frauen mit großen Füßen, zwei bringen es sogar auf 43. Vielleicht sind wir eine besondere Spezies, die sich unbewusst zusammenrottet?!?!