Machen Sie doch, was Sie wollen. Echt jetzt.

Ich habe gestern in der Kaffeepause im Büro einen Text über das Basteln von Adventskalendern gelesen, den ich sehr lustig fand. Ich fand ihn rotzig, sarkastisch und wunderbar schön überzogen. Und weil ich ihn so lustig fand, habe ich ihn schnell mal auf Facebook (evil, ja) geteilt, dann meinen Kaffee ausgeschlürft und weitergearbeitet. Erst abends bekam ich zufällig mit, dass es „Adventskalenderdiskussionen“ in meiner Twitter-Eltern-Filterbubble gab und zuerst dachte ich hö? Was gibts denn da zu diskutieren?, bis ich blickte, dass es ebenjener Artikel war, der wohl für hohe Wellen sorgte. Nicht weil ich ihn geteilt hatte, wo denken Sie hin, mit meiner bescheidenen Reichweite, aber weil ihn andere mit hoher Reichweite geteilt hatten. Ist auch egal. Jedenfalls führte dieser Artikel zu Diskussionen, die ich nicht nachgelesen habe, weil sie mich nullkommaüberhauptnicht interessieren. Es ist mir völlig wumpe, ob Mütter (ich kenne keinen, nicht einen einzigen Vater, der das macht, aber das ist ein anderes Thema) die Adventskalender selbst basteln oder sie beim Discounter kaufen. Es ist mir egal. Ich selbst verwende für K2 exakt den gleichen Kalender, den ich vor 20 Jahren schon für K1 verwendet habe und befülle ihn mit Plastikscheiß und Zucker hochwertigem Kleinkram. Aber das ist egal, denn worauf ich eigentlich nach langem Intro hinauswill:

Diese ganzen Diskussionen sind mir wumpe. Genauso, wie es mir obertotalwumpe ist, wo die Kinder anderer Eltern schlafen. Ob im Familienbett oder alleine oder unterm Tisch. Wie es mir egal ist, wie lange und wie oft eine stillt, ob ihr Baby Brei bekommt oder Fingerfood, ob das Pausenbrot in olles Butterbrotpapier eingewickelt oder ge-bentoboxt wird, wie oft und mit das Kind gebadet wird, was die Kinder zu WeihnachtenGeburtstagOstern bekommen, was sie essen oder auch nicht, wie oft sie fernsehen oder nicht und so weiter und so fort. Alles, was andere Eltern aus Überzeugung, ideologischen Gründen oder meinetwegen auch Zeitmangel oder -überschuss machen, ist mir, so lange sie damit nicht andere willentlich gefährden oder beschädigen, wumpe. Das heißt nicht, dass es mich nicht interessiert. Ich finde es im Gegenteil oft höchst interessant, was und warum Andere anders machen – aber ich finde in 99,9 % der Fälle nicht, dass man sich darüber shitstormmäßig aufregen muss.

Es geht mir immer häufiger so, dass ich den Diskussionen um irgendeine durchs Online-Elterndorf getriebenen Sau im Internet nicht folgen kann und mag. Ich denke „na und? Macht doch, was ihr wollt. Möge doch jede machen, was sie will! Mögt ihr euch doch mal bitte einfach IN RUHE LASSEN VERDAMMT“. Und Sie merken schon, so langsam mischt sich in die totale Gleichgültigkeit dann doch ein Hauch von Emotion. Was mir nämlich tatsächlich nicht oberfuckingscheißegal ist, ist dieses Rumgehacke aufeinander, das Abwerten, das abfällige Kommentieren. Oft mache ich Twitter einfach zu und schaue später wieder rein, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Was aber oft noch weiterbrodelt ist der Gedanke, warum es so schwer ist, Andere anders sein zu lassen.

Und nein, ich bin da auch keineswegs frei davon. Viel zu oft werte ich selber ab, denke „wie kann man nur, wie kann die nur, nie würde ich“-Blabla. Ich hoffe aber, ich schreibe das dann nicht ins Internet (gelegentliche Ausrutscher kann ich nicht ausschließen, sorry). Sondern ich hoffe, ich lasse es in meinem Hirn oder labere höchstens den Mann damit voll (auch sorry). Denn es geht mich nichts an und ich habe kein Recht, anderen die Stimmung zu vermiesen, nur weil ich womöglich selbst gerade empfindlich bin, einen kackbeschissenen Tag habe oder weil mich selbst das ganze Gebastele oder was auch immer stresst.

Ich werde mir auch in diesem Jahr eine Flasche Wein kaufen einen Kräutertee aus biologisch-dynamischen Anbau brauen und in einer nächtlichen Aktion den Adventskalender für K1 basteln (K2 geht schnell, siehe oben). Das „Kind“ kriegt nämlich auch mit 25 Jahren immer noch einen (Stichwort: Langzeitadventskalenderbasteln!!11!!!!! OMG, wie kann ich nur) und ich verpacke tatsächlich jedes Geschenk einzeln. Und Ihnen da draußen wünsche ich viel Spaß beim Basteln, Kaufen, Streiten, Kiffen, Saufen, Rauchen, Stillen und was Sie sonst so gerne machen für sich, für Ihre Kinder, für Andere. Amen.

P.S. Den supertollsten Adventskalender macht ja meine Schwester, falls es Sie interessiert.

PPS: Lesen Sie einfach den Text von AufZehenspitzen.  Sie bringt das mal wieder klug auf den Punkt.

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Das beste Hotel Europas braucht keine Minibar …

… sondern solidarische Menschen.

Im April eröffneten Aktivist*innen mitten in Athen mit der Besetzung des leer stehenden City Plaza Hotels das BESTE HOTEL EUROPAS. Nun wohnen dort ca. 400 geflüchtete Menschen, darunter 185 Kinder. Essen, Spielzeug, Kleidung – alles wird auf Spendenbasis bereitgestellt, vieles von den Nachbar*innen vorbeigebracht. Mit einer Spende könnt ihr dazu beitragen, dass dort weiterhin Menschen unterkommen, miteinander essen, leben, spielen können, es Sprachkurse, Rechtsberatung, eine Bibliothek und andere wichtige Dinge gibt.

„Wir leben zusammen – Solidarity will win“ lautet das Motto im City Plaza. Das Hotel beweist jeden Tag aufs Neue, dass selbst inmitten von Krise und Armut ein solidarisches und herzliches Willkommen, ein menschenwürdiges Leben für alle möglich ist.

Hier geht’s zum Aufruf:
http://www.europas-bestes-hotel.eu/

Hier geht’s zum Videoclip der Kampagne:
https://www.youtube.com/watch?v=6xo_4drHGho

Hier gibt’s Plakate:
https://www.medico.de/material/

Tolle Graphic Novels / Comics von Frauen (Teil 2)

Und weiter geht’s in der Reihe „Tolle Comics von Frauen“. Hier ist Teil 1 zu finden.

Der Comic California Dreamin‘ ist einer der wenigen, die ich mir gekauft habe – einfach weil ich nicht abwarten konnte, bis unsere Bibliothek ihn irgendwann einmal anschaffen würde. Es hat sich absolut gelohnt! Pénélope Bagieu (* 1982 in Paris) zeichnet die Geschichte der Sängerin Cass Elliot, die mit den The Mamas & the Papas berühmt wurde. Ihr singt schon, oder? All the leaves are brown and the sky is grey … träller …. Die schwarz-weiß Zeichnungen wirkten auf mich auf den ersten Blick fast flüchtig hingekritzelt, bisschen krumm und schief und mit energischem Strich (so dass eine fast meint, die Furchen des Bleistifts im Papier zu sehen), und die krakelige Schreibschrift in den Sprechblasen war ungewohnt. Aber schon nach wenigen Seiten fand ich den Stil absolut bezaubernd und ich konnte das Buch nicht mehr zu Seite legen. Unglaublich, wie viele Emotionen Bagieu mit ihren Zeichnungen ausdrücken kann – ich war an mehreren Stellen laut am Lachen und teilweise ziemlich gerührt. Die Geschichte von Cass, die von Jugendjahren an ein Faible für Gesang hatte und das Ziel verfolgte, berühmt zu werden, ist kapitelweise aus Perspektive unterschiedlicher Personen erzählt, die in ihrem Leben wichtig waren. Eins muss übrigens kein The Mamas & the Papas-Fan sein, um sich von dem Comic und seiner Hauptfigur Cass begeistern zu lassen. Eine schöne Besprechung und ein Interview von Cass kurz vor ihrem frühen Tod findet ihr hier.

Parsua Bashi (*1966 in Teheran) zeichnete Nylon Road während ihrer Jahre in der Schweiz, wo sie von 2004-2009 lebte. Sie wird nicht wirklich heimisch dort und verfällt nach anfänglichem Enthusiasmus in tiefe Depressionen. Ihre früheren Ichs beginnen aufzutauchen, als sechsjähriges Mädchens, als Studentin, als Ehefrau. Sie beginnt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, mit ihrer eigenen Vergangenheit, wie sie in Teheran Kunst studierte, sich früh und überstürzt mit einem Arbeitskollegen verheiratete und in einer gewalttätigen und unglücklichen Ehe landetet. Wie sie sich scheiden ließ und ihre Tochter nach einem Rechtsspruch der Mullahs nicht mehr sehen durfte. Sie erzählt vom Leben in Teheran, vom Regime der Mullahs, der Unterdrückung der Frauen und ihrem zeitweise äußerst „patriotischen Selbst“. Sie streitet sich mit ihren früheren Egos über ihr „dekadentes Leben“ im Westen, über Politik, Islam, Islamfeindlichkeit und historische Ignoranz des Westens (wenn in Modezeitschriften z. B. ein „Colonial Girl“ abgebildet wird) und über ihre alten und neuen Überzeugungen. Mir hat der (teilweise etwas arg textlastige) Comic sehr gut gefallen. Er ist klar gezeichnet und sparsam in Grau- und Brauntönen koloriert. In all ihrer Verzweiflung und angesichts der harten Geschichten, die sie erlebte, scheint durch, was für eine mutige und starke Frau Bashi sein muss. 2009 kehrte sie in den Iran zurück, laut Wikipedia arbeitet sie dort als Grafikdesignerin. Ihre schweizerische Website ist nicht mehr online – und den Comic gibt es leider auch nur noch Second Hand bzw. in der Bücherei.

In Das Erbe von Rutu Modan (*1966 in Tel Aviv)  reist die 90jährige Regina mit ihrer Enkelin Mika von Israel nach Warschau, um die Wohnung ihrer Eltern, die sie während des Zweiten Weltkrieges verlassen mussten, zurückzufordern. Zumindest ist das das vordergründige Ziel der Reise. Tatsächlich verfolgt Regina heimlich ganz andere Pläne, während ihre zunächst ahnungslose Enkelin den Erbfall recherchiert. Und dann gibt es noch Avram, der scheinbar zufällig bereits im Flugzeug auftaucht und die beiden Frauen auf Schritt und Tritt verfolgt. Aber ich will hier nicht spoilern, das wäre schade. Der Comic ist klar und klassisch gezeichnet und coloriert (huhu Tim&Struppi!) und streckenweise ausgesprochen witzig, trotz des berührenden und ernsthaften Themas. Und er macht auch wegen seiner äußerst dickköpfigen Protagonistinnen großen Spaß zu lesen.

Last but not least noch ein Comic von Zeina Abirached (*1981 in Beirut). In „Ich erinnere mich“ sammelt Abirached ausschnitthaft kleine und große, schöne und schmerzliche Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Beirut während des Krieges. Das schmale Bändchen ist schnell durchgelesen  und eine schöne Ergänzung zu ihrem ebenfalls autobiografischen Comic „Spiel der Schwalben“, den ich letztes Mal schon vorgestellt hatte. Es ist im gleichen Stil – schwarzweiße, ornamentreiche, statische Zeichnungen, die wie Linolschnitte wirken – gezeichnet, der mir sehr gut gefällt.

Comics für Frauen
Alle drei empfehlenswert. Abirached ist schon wieder zurück in der Bücherei.

Tolle Graphic Novels / Comics von Frauen

Im Januar habe ich bergeweise Comics / Graphic Novels vertilgt. Comics nehmen mich extrem in Beschlag. Einmal angefangen, kann ich kaum noch aufhören zu lesen, was doch deutlich zu Vertiefung meiner ohnehin schon ausgeprägten Augenringe beigetragen hat („Nur noch eine Seite, dann schlaf ich!!1!!1!! Aber echt jetzt!). Ich bin immer wieder fasziniert, wie es den Zeichnerinnen gelingt, Stimmungen und Gefühle auszudrücken, Szenerien plastisch darzustellen – ob im realistischen Stil, als Gemälde oder mit einfachen schwarzen Strichen.

Die meisten Comics, die ich gelesen habe, sind von Frauen. Es sind sehr tolle Geschichten dabei, fast alle extrem gut gezeichnet, jede in ihrem eigenen Stil. Ein paar der Highlights stelle ich hier vor:

Im autobiographischen Comic „Spiel der Schwalben“ von Zeina Abirached (* 1981 in Beirut) warten zwei Geschwister in einer langen Nacht 1987, mitten im Bürgerkrieg im Libanon, darauf, dass die Eltern endlich nach Hause kommen. Hoffentlich ist ihnen nichts passiert. Viele Nachbar*innen setzen sich mit in den engen Flur zu den Kindern, erzählen Geschichten und machen ihnen Mut.  Die Geschichte ist mit wunderschönen schwarz-weiß-Zeichnungen umgesetzt, die wie Linolschnitte wirken.

Ein einsamer Junggeselle, der Friseur Vincent Machot, begegnet der 40jährigen Verkäuferin Rosalie Blum und beginnt ihr – wann immer er Zeit hat – unauffällig zu folgen. In Kneipen, wo sie sich alleine betrinkt. Zu ihrem Häuschen, wo sie alleine lebt. Auf ihre langen Spaziergänge durch die Nacht. Als Rosalie ihn bemerkt, kehrt sie den Spieß gemeinsam mit ihrer Nichte um. Camille Jourdy (*1979 in Chenôve, Frankreich) zeichnet die etwas skurrilen Personen in ganz entzückenden, liebevollen und sehr detailreichen aquarellierten Bildern.

Inspiriert von Tagebuchaufzeichnungen ihrer Großmutter erzählt Barbara Yelin (*1977 in München) mit schönen, sparsam kolorierten Bleistiftzeichnungen die Geschichte von Irmina. Diese macht in den 1930ern in London eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin und befreundet sich mit Howard, einem Studenten aus Barbados. Sie ist selbstbewusst, möchte ein eigenständiges Leben und empört sich über Rassismus. Für Politik, gar der deutschen, interessiert sie sich aber nicht die Bohne. Ein paar Jahre später lebt sie angepasst mit einem Nazi zusammen in Berlin. Sie hätte sich anders entscheiden können.

Gift“ spielt 1831 in Bremen und greift den historischen Kriminalfall der Gesche Gottfried auf, die 15 Menschen vergiftet hat. Eine junge Autorin, die eigentlich den Auftrag hatte, einen schönen Reisebericht abzugeben, stolpert ungewollt immer tiefer in diese gruslige Geschichte, die ganz Bremen aufwühlt, hinein. Barbara Yelin fängt die Stimmung mit düsteren Bleistiftzeichnungen ein, Peer Meter (*1956 in Bremen) entwickelte das Szenario.

Miriam Engelberg (*1958 in Philadelphia, gest. 2006 in San Fransisco) erfährt mit 43, dass sie Brustkrebs hat. In ihren Tagebuchcomic „Krebs ist eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte“ zeichnet sie in sehr einfachen Bildern ihren Umgang mit dem Krebs, ihren Alltag, ihre Gedanken zu den Reaktionen ihres Umfeldes. Manchmal zynisch, manchmal traurig, verzweifelt, manchmal unglaublich witzig. Ein sehr hilfreiches und beeindruckendes Buch.

Kati Rickenbach (*1980 in Basel) beschreibt in „Jetzt kommt später“ zwei ihrer Hamburg-Aufenthalte 2004 und 2009. Beim ersten studiert sie als Austauschstudentin an der Hochschule und lässt keine Party aus, beim zweiten ist sie beruflich mit ihrem Freund unterwegs. Ein netter, unterhaltsamer und sehr witzig gezeichneter schwarz-weiß-Comic.

Marjane Satrapis (*1969 in Teheran) „Sticheleien“  ist ein sehr witziges und erstaunliches Buch. Wenn sich die Männer nach dem Essen zum Mittagsschlaf hinlegen, legen die Frauen so richtig los. Bei einer Tasse Tee geht es um das Vortäuschen von Jungfräulichkeit, Opiumsucht, Zwangsheirat, die Unattraktivität des männlichen Geschlechtsorgans. Mehrere Generationen unterhalten sich dabei so ungezwungen über Sex, Drogen und gesellschaftliche Rollen, wie ich es mir in meinem Familienkontext nie im Leben vorstellen könnte. Alles gezeichnet in klaren schwarzweiß-Zeichnungen – es fühlt sich fast an, als säße eine mittendrin in der lustigen Frauenrunde.

Der Garten“ ist die Diplomarbeit von Agata Bara (*1982 in Kowary/Polen). Die teilweise autobiographische Geschichte wird aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt, der mit Eltern und Großvater in den 1980er Jahren in Polen auf einem kleinen Hof lebt. Verbrechen während des NS, Kriegszustand in Polen und Emigration in den Westen sind Themen des kleines Büchleins. Toll umgesetzt mit ausdrucksvollen braun- und grautönigen Zeichnungen und wenig Text.

Eine nautische Fabel“ von Marine Blandin (*1984 bei Paris) ist eine ziemlich abgedrehte Story, die in einem riesigen Schwimmbad, erbaut auf einem ehemaligen Tierfriedhof, spielt. Niemand kennt den Ausgang aus dem Bad, es treiben sich die merkwürdigsten Wesen darin herum und in einem Jacuzzi orakeln drei Damen vor sich hin. Die Fabel ist für viele Interpretationen offen, man kann sich aber auch einfach in die Fantasiewelt fallen und sich von dem Sog der tollen und skurrilen Bilder mitreißen lassen.

Alle Comics kann ich sehr empfehlen! Ich habe sie alle aus der Stadtbücherei ausgeliehen (so gerne ich sie auch alle hier bei mir im Regal stehen hätte!). Die Comicabteilung ist zwar übersichtlich, da Comics aber doch rechts schnell gelesen werden, ist die Fluktuation recht groß und es gibt jedes Mal etwas Neues zu entdecken.

Kleine Auswahl - der Rest ist schon wieder in der Bücherei
Kleine Auswahl – der Rest ist schon wieder in der Bücherei

 

Familienausflug zum #32c3

Nachdem wir letztes Jahr völlig begeistert vom Familienausflug zum Chaos Communication Congress waren, machten wir uns auch dieses Jahr wieder am 2. Weihnachtsfeiertag mit K1 (24) und K2 (4) auf den Weg. Wir holten uns noch am Abend von Tag0 die Eintrittsbänder, um lange Warterei am Eingang zu vermeiden. Dachten wir zumindest. Wir hatten nämlich nicht mit der kleinen Horde elektronischer Weihnachtsmänner im Eingangsbereich gerechnet, die Seifenblasen machten und schreckliche Lieder grölten und die Aufmerksamkeit von Kind2 völlig absorbierten. Es war erst wegzubekommen, als es eine der Figuren mitnehmen durfte*.

Kidspace

Dank der Vorjahreserfahrung war unsere Orientierung deutlich besser und wir konnten schnurstracks unser erstes Ziel anpeilen, das – natürlich – der Kidspace war. Schließlich ist für das nun 4jährige Kind der Congress gleichbedeutend mit „Kidspace“ („Wann gehen wir endlich wieder zum Kidspace????“) und es hatte  so seine Erwartungen, die da hießen: Bällebad und Duplo. Viel Duplo. Tonnenweise Duplosteine. Ein ganzer Berg von … So wie im letzten Jahr halt. Und auf dem CCCamp. Das Problem war nur: Es gab keins. Den ersten Abend vertrösteten wir das Kind noch auf den nächsten Tag, doch nach und nach sickerte die Info durch, dass es – aus welchen Gründen auch immer – kein Duplo geben werde. Erklären Sie das mal einem 4jährigen … genau!

Aber dank eines schnell gefundenen neuen Freundes ähnlichen Kalibers war auch das Kind2 irgendwann getröstet. Und es gab ja noch das große Bällebad. Und viel Platz zum Rumtoben. Und eine Landschaft aus Sand, verschiedene (Computer)Spiele, Bastelaktionen, eine kleine Kletterwand und diverse Workshops** für Kinder. Supertoll war der Malroboterworkshop, in dem das Kind nach einer sehr netten Einführung weitgehend selbstständig einen kleinen Roboter, angetrieben von einem Milchschäumer und mit 3 Filzstiften als Beinen, baute. Das Ding funktionierte wunderbar und war im Kidspace danach ein derartiger Renner, dass sich eine Traube Kinder um K2 herum bildete, die alle gucken und anfassen wollten. Nach einer Stunde Dauerbetrieb auf dem wunderbaren Teppich (natürlich waren die Deckel auf den Stiften drauf!!!!!) und Dauergetatsche der Kinder, gab es allerdings dann doch den Geist auf.

Dass es den Kidspace gibt und sich Leute darum kümmern, ist grandios. Es ist ein wunderbarer Ort, um ein bisschen abzuhängen und mit anderen Eltern zu quatschen. Mir wurde erst in diesem Jahr so richtig klar, wie self organized der Kidspace ist. Duplo und Eisenbahn wurden z. B. wohl über die Jahre immer privat von jemand mitgebracht und gehören nicht zum Inventar des ccc. Für das nächste Jahr ist für uns als Eltern klar, dass wir uns mehr einbringen werden. Wir vermissen eine Malecke? Dann müssen wir sie über die Mailingliste mitorganisieren. Wir finden eine Stelltafel sinnvoll, auf der die tollen Workshopangebote angekündigt werden können? Same procedure. Und wie lösen wir das mit den 10.000 Duplosteinen?

Vorträge

Der Mann und ich haben uns wieder abgewechselt in der Kinderbetreuung. Genau genommen haben wir als Familie auf dem 32c3 überhaupt nichts zusammen gemacht, sondern uns lediglich die Klinke bzw. K2 in die Hand gegeben. In meiner freien Zeit zog ich meist mit K1 durch das Gebäude und war in einigen Vorträgen. Es gab wieder eine breite Palette an technischen und politischen Themen. Meine Highlights waren:

Alle Vorträge wurden wieder aufgezeichnet und können hier angeschaut werden. Das Theaterstück Asyldialoge (leider nicht aufgezeichnet) war übrigens auch sehr gut, lief leider aber erst nach Mitternacht – und selbst mit viel Mate stand ich es nicht ganz durch, dafür waren die Sessel zu flauschig, der Saal zu dunkel zzzzZZZZ

Der große Rest

Eigentlich sind die Vorträge nur ein kleiner Teil des Congresses. Es gibt noch 1000x andere Dinge zu sehen, zu tun, zu genießen. Vom Cocktailroboter über Stickmaschinen, 3-D-Druckern, Infoständen, selbst organisierten Workshops, Podcasts beim Sendezentrum bis hin zur legendären Partyhölle (auch Lounge genannt), einer riesigen Halle, in der eine grandiose Installation mit Lasershow sowie etliche Wohnwagen mit Bars aufgebaut waren. K1 und ich verbrachten eine Nacht dort feiernd und tanzend zu ziiiiemlich lautem Techno. Und es gibt natürlich 12.000 potenziell interessante Menschen, mit denen eine ins Gespräch kommen könnte.

Auch für Verpflegung war versorgt. Crepes, Pommes, veganes Essen, alles da. Ein prima Tipp war übrigens die Fressmeile auf der Sternschanze, die nur eine S-Bahnstation entfernt liegt und wo eins sehr gut arabisch, türkisch, indisch … essen gehen kann. Obligatorisch ist natürlich das Matetrinken. Am 4. Tag hatte ich so viel Mate intus, dass mich die Dosis noch über Silvester rüberrettete.

Der Teppich

Irgendeins twitterte im Vorfeld sinngemäß, dass ein Großteil der Vorbereitungszeit doch sicher für die Verlegung des tollen Retrotreppichs im ganzen CCH draufgehe. Aber echt jetzt! Der Teppich ist super, er dämmt viele Geräusche und trägt zur Gemütlichkeit der ganzen Veranstaltung bei. Es wird sicher schwer, einen würdigen Nachfolge-Veranstaltungsort für 2017 zu finden.

Fazit

Ich fand den 32c3 insgesamt wieder sehr schön und inspirierend, wenn auch nicht ganz so flashig wie beim ersten Mal (normal vielleicht) und deutlich anstrengender. Das kleine Kind, das keinen Mittagsschlaf mehr machte, war manchmal etwas überreizt und mir selbst war manchmal eher nach Höhle als nach Massenevent zumute – allerdings hatte das nichts mit dem Congress zu tun.

Es ist fast unglaublich, wie friedlich, respektvoll und freundlich so viele Menschen auf relativ engem Raum sein können. Ich selbst habe nichts Blödes selbst erlebt oder mitbekommen (was nicht heißt, dass es das nicht gibt. Aber offensichtlich nicht so geballt wie bei sonstigen Menschenansammlungen). Die auf dem Congress gepflegte Kultur macht ihn zu etwas ganz Besonderem und sehr Inspirierendem! Kein Wunder, dass viele danach einen gewissen Realitätsschock erleiden.

Ich nehme jedenfalls eine Menge Anregungen und nette Begegnungen mit und freue mich auf den 33c3.

Hier ein paar Impressionen in gewohnt schlechter Handyqualität:

Weihnachtsmänner in der Eingangshalle
Weihnachtsmänner in der Eingangshalle
Malroboter malt. Und reißt aus.
Malroboter malt. Und reißt aus.
Malroboter - große Attraktion im Kidspace.
Malroboter – große Attraktion im Kidspace. Mit Teppich!
Laserinstallation in der Partyhölle
Laserinstallation in der Partyhölle

*wir haben sie aus Versehen bei unserer Gastgeberin stehen lassen. oO. Das war keine Absicht. Ganz ehrlich!!

** Für viele Angebote war K2 natürlich noch etwas zu klein – da freue ich mich auf die kommenden Jahre. Das Nuf hat ausführliche Berichte über den 32c3 mit etwas größeren Kindern (>6) geschrieben.

Bücher 2015

+++ Dieser Artikel wird Ihnen präsentiert in Kooperation mit zwei „lebhaften“  Vierjährigen, die eine blöde Erwachsene an einem blöden Laptop sehr blöd finden und dringend Unterstützung beim Basteln, Verstecken, Wohnung verwüsten etc. benötigten. Darum ist er leider etwas weniger klug, fundiert, spritzig und so weiter geworden, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Da 2015 aber demnächst bekanntlich rum ist, geht er nun so raus.  Nunja. Sehen Sie es uns nach. Danke. +++

Im März habe ich auf Wunsch von Mama007 fünf Bücher vorgestellt, die ich in diesem Jahr auf jeden Fall lesen wollte. Geschafft habe ich davon genau eines: „Der Bildhauer“ von Scott McCloud. Dabei habe ich relativ viel gelesen, nämlich ca. 30 Bücher, nur eben andere als geplant. Es waren einige Bücher dabei, die ich eher lau, aber unterhaltsam genug fand, um sie bis zur letzten Seite zu lesen (u.a. besagten Bildhauer). Und viele, die ich sehr gerne gelesen habe.

Meine Favoritinnen dieses Jahr sind:

  • Platz 1 ganz klar: „Scherben“ von Ismet Prcic. Prcic erzählt von seinen Kinder- und Jugendjahren im Bosnienkrieg und seinem Leben im Exil in den USA in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen an seine Mutter, aus Sicht des Kindes/Jugendlichen und eines Frontkämpfers. Ich fand dieses Buch unglaublich gut ge- und beschrieben (auch wenn ich nur die deutsche Übersetzung las), mitreißend, ergreifend, dramatisch, traurig. Selten habe ich so ein einfühlsames und emotionales Buch von einem Mann gelesen. Es ist sicher kein Buch für die 5 Minuten Lesezeit kurz vorm Einschlafen, sondern eher für  eine mehrstündige Zugfahrt.
  • 3 Comics von Guy Delisle: „Pjöngjang“. „Aufzeichnungen aus Birma“ und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. In Nordkorea war Delisle alleine im Auftrag seiner Firma, in Burma und Jerusalem gemeinsam mit seiner Frau, die dort für Médecins sans frontières arbeitete, während er sich  einem großen Teil um das Kind (Burma) bzw. beide Kinder (Jerusalem) kümmerte. In kurzen, sehr toll gezeichneten Szenen gibt er einen interessanten und persönlichen Einblick in Alltag & Politik der drei Länder.
  • Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Über Feminismus, Sexismus, Ausbeutung usw mit vielen persönlichen Erfahrungen von Penny u. a. aus der Occupy Bewegung. Gefallen hat mir ihr rotziger, rasanter  und trotzdem sehr einfühlsamer Stil und ihre Kritik am Neoliberalismus. Mehr dazu hier.
  • Constanze Kurz  und Frank Rieger beschreiben in Arbeitsfrei die Automatisierung der Arbeitswelt. Es ist äußerst faszinierend zu lesen, mit welchen Techniken heute in Deutschland in großen landwirtschaftlichen Betrieben, Bäckereien, Mühlen ein Großteil der Arbeit von Maschinen übernommen wird.
  • Art Spiegelman: Maus. Ein Klassiker, den ich erst jetzt gelesen habe. Spiegelman zeichnet die Geschichte seiner Eltern, Überlebende der Shoah, in Sosnowitz/Polen, Auschwitz, Schweden und USA aus Perspektive seines Vaters, der ihm seine Erfahrungen erzählte. Spiegelman reflektiert zudem darüber, ob es angebracht ist, die Shoa in einem Comic zu verarbeiten. In dieser Form, finde ich, absolut JA.
  • Ruth Picardie: „Es wird mir fehlen, das Leben„. Ich habe das Buch zufällig in einer Bücherkiste gefunden (oder andersrum – wäre ich esoterisch veranlagt, haha) und verschlungen. Es ist ein sehr bewegendes, lustiges, unglaublich trauriges Buch über Krebs, Abschiednehmen und Sterben, zusammengesetzt aus E-Mails, die Picardie im letzten Jahr ihres Lebens schrieb.
  • Sofi Oksanen Fegefeuer. OMG, was für ein Buch. Dicht, gewaltig, literarisch. Über zwei Frauen in Estland, deren Lebensgeschichte, miteinander verwoben, in Krieg, Gewalt und Liebe.

Nimmt eine noch die Bücher dazu, die ich abgebrochen habe, waren es sicher über 50. 2015 war in der Hinsicht sicher ein Rekordjahr. Noch nie habe ich so viele Bücher nach wenigen Seiten, der Hälfte oder sogar kurz vor Schluss in die Ecke gepfeffert. Weil sie mir nicht gefallen haben, zu lustig, zu traurig, zu mäandernd, zu ausschweifend, was weiß ich was waren. Wie heißt es so schön: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher – oder vielleicht besser: für Bücher, die gerade einfach nicht passen. Der Vorsatz bleibt für 2016 bestehen.

 

 

Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: „Eins von euch“

In alten Geschichten finden sich häufig geschlechtsneutrale Formulierungen, wie Luise Pusch am Beispiel von Grimms Märchen und einiger anderer Autor*innen zeigt. Zitat aus ihrem Text:

„Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.“

Fundevogel und Lenchen sind ein „Pärchen“, ein Mädchen und ein Junge. Heute würde dieser Text mannhafter daherkommen, das Lenchen würde ausgelöscht: „…wenn einer den anderen nicht sah, wurde er traurig.“

Beim Vorlesen begnete mir eine ähnliche Formulierung in Henriette Bimmelbahn:

Bimmelimm, dann geht die Glocke, und ein jedes kommt gerannt, und die alte Henriette zuckelt weiter übers Land.

Das ist vermutlich in diesem Beispiel weniger einer geschlechtergerechten Sprache geschuldet, als vielmehr grammatikalisch korrekt. Denn schließlich ist von Kindern die Rede. Ein jedes Kind. Aber korrekte Grammatik hin oder her, heute wird wohl eher die männliche Form verwendet, wie auch Pusch an einigen Beispielen ausführt. Neutrale Ausdrücke wie „ein jedes“, „eins das andere“, „jedes von euch“ kommen in heutigen Büchern nicht mehr vor (behaupte ich mal aufgrund langer (Vor-)Leseerfahrung. Gegenbeispiele willkommen). Ist von einer Gruppe von Personen die Rede, heißt es „jeder“, „einer den anderen“ oder „jeder von euch“, und zwar unabhängig vom (grammatikalischen) Geschlecht der Gemeinten.

In der gesprochenen Sprache sieht es ähnlich aus. Fast alle verwenden die männliche Form, selbst für reine Frauengruppen („jeder von uns“), einige wenige bemühen sich um einen Knacklaut in „jede*r“ und im generischen Femininum spricht kaum eine. Aber ganz vereinzelt findet sich noch die neutrale Form. Ich habe so ein Exemplar gefunden: meinen Vater (und ich erinnere mich vage, dass meine lange verstorbene Oma und deren Schwester ebenso sprachen). Spricht er über seine Kinder bzw. mit uns als Geschwister – meine Schwester, meinen Bruder und mich –  so sagt er „jedes“ oder „eins“: „Kann eins von euch morgen Brot holen?“, „Jedes von euch bekommt xy zu Weihnachten.“, „Ist eins von euch am Wochenende da?“.

Eigentlich ist die neutrale Form einfacher und eleganter, als das etwas uneindeutige „jede*r“. Ich versuche sie nun im Alltag anzuwenden. Vorallem bei den Kindern: „Will eins von euch ein Eis?“, „Streitet nicht, jedes bekommt gleich viel!!!“, aber auch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen: „Will eins noch einen Glühwein?“. Das sorgt bisweilen für leichte Irritationen und es geht mir noch nicht so selbstverständlich von der Zunge. Aber es macht Spaß. Und es ist, wie bei allem auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: eine Frage der Gewöhnung.

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Mehr davon: Vortrag von Luise Pusch zur gerechten Sprache und Vortrag von Profx Lann Hornscheid über geschlechtergerechte Sprache.