Tolle Graphic Novels / Comics von Frauen

Im Januar habe ich bergeweise Comics / Graphic Novels vertilgt. Comics nehmen mich extrem in Beschlag. Einmal angefangen, kann ich kaum noch aufhören zu lesen, was doch deutlich zu Vertiefung meiner ohnehin schon ausgeprägten Augenringe beigetragen hat („Nur noch eine Seite, dann schlaf ich!!1!!1!! Aber echt jetzt!). Ich bin immer wieder fasziniert, wie es den Zeichnerinnen gelingt, Stimmungen und Gefühle auszudrücken, Szenerien plastisch darzustellen – ob im realistischen Stil, als Gemälde oder mit einfachen schwarzen Strichen.

Die meisten Comics, die ich gelesen habe, sind von Frauen. Es sind sehr tolle Geschichten dabei, fast alle extrem gut gezeichnet, jede in ihrem eigenen Stil. Ein paar der Highlights stelle ich hier vor:

Im autobiographischen Comic „Spiel der Schwalben“ von Zeina Abirached (* 1981 in Beirut) warten zwei Geschwister in einer langen Nacht 1987, mitten im Bürgerkrieg im Libanon, darauf, dass die Eltern endlich nach Hause kommen. Hoffentlich ist ihnen nichts passiert. Viele Nachbar*innen setzen sich mit in den engen Flur zu den Kindern, erzählen Geschichten und machen ihnen Mut.  Die Geschichte ist mit wunderschönen schwarz-weiß-Zeichnungen umgesetzt, die wie Linolschnitte wirken.

Ein einsamer Junggeselle, der Friseur Vincent Machot, begegnet der 40jährigen Verkäuferin Rosalie Blum und beginnt ihr – wann immer er Zeit hat – unauffällig zu folgen. In Kneipen, wo sie sich alleine betrinkt. Zu ihrem Häuschen, wo sie alleine lebt. Auf ihre langen Spaziergänge durch die Nacht. Als Rosalie ihn bemerkt, kehrt sie den Spieß gemeinsam mit ihrer Nichte um. Camille Jourdy (*1979 in Chenôve, Frankreich) zeichnet die etwas skurrilen Personen in ganz entzückenden, liebevollen und sehr detailreichen aquarellierten Bildern.

Inspiriert von Tagebuchaufzeichnungen ihrer Großmutter erzählt Barbara Yelin (*1977 in München) mit schönen, sparsam kolorierten Bleistiftzeichnungen die Geschichte von Irmina. Diese macht in den 1930ern in London eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin und befreundet sich mit Howard, einem Studenten aus Barbados. Sie ist selbstbewusst, möchte ein eigenständiges Leben und empört sich über Rassismus. Für Politik, gar der deutschen, interessiert sie sich aber nicht die Bohne. Ein paar Jahre später lebt sie angepasst mit einem Nazi zusammen in Berlin. Sie hätte sich anders entscheiden können.

Gift“ spielt 1831 in Bremen und greift den historischen Kriminalfall der Gesche Gottfried auf, die 15 Menschen vergiftet hat. Eine junge Autorin, die eigentlich den Auftrag hatte, einen schönen Reisebericht abzugeben, stolpert ungewollt immer tiefer in diese gruslige Geschichte, die ganz Bremen aufwühlt, hinein. Barbara Yelin fängt die Stimmung mit düsteren Bleistiftzeichnungen ein, Peer Meter (*1956 in Bremen) entwickelte das Szenario.

Miriam Engelberg (*1958 in Philadelphia, gest. 2006 in San Fransisco) erfährt mit 43, dass sie Brustkrebs hat. In ihren Tagebuchcomic „Krebs ist eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte“ zeichnet sie in sehr einfachen Bildern ihren Umgang mit dem Krebs, ihren Alltag, ihre Gedanken zu den Reaktionen ihres Umfeldes. Manchmal zynisch, manchmal traurig, verzweifelt, manchmal unglaublich witzig. Ein sehr hilfreiches und beeindruckendes Buch.

Kati Rickenbach (*1980 in Basel) beschreibt in „Jetzt kommt später“ zwei ihrer Hamburg-Aufenthalte 2004 und 2009. Beim ersten studiert sie als Austauschstudentin an der Hochschule und lässt keine Party aus, beim zweiten ist sie beruflich mit ihrem Freund unterwegs. Ein netter, unterhaltsamer und sehr witzig gezeichneter schwarz-weiß-Comic.

Marjane Satrapis (*1969 in Teheran) „Sticheleien“  ist ein sehr witziges und erstaunliches Buch. Wenn sich die Männer nach dem Essen zum Mittagsschlaf hinlegen, legen die Frauen so richtig los. Bei einer Tasse Tee geht es um das Vortäuschen von Jungfräulichkeit, Opiumsucht, Zwangsheirat, die Unattraktivität des männlichen Geschlechtsorgans. Mehrere Generationen unterhalten sich dabei so ungezwungen über Sex, Drogen und gesellschaftliche Rollen, wie ich es mir in meinem Familienkontext nie im Leben vorstellen könnte. Alles gezeichnet in klaren schwarzweiß-Zeichnungen – es fühlt sich fast an, als säße eine mittendrin in der lustigen Frauenrunde.

Der Garten“ ist die Diplomarbeit von Agata Bara (*1982 in Kowary/Polen). Die teilweise autobiographische Geschichte wird aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt, der mit Eltern und Großvater in den 1980er Jahren in Polen auf einem kleinen Hof lebt. Verbrechen während des NS, Kriegszustand in Polen und Emigration in den Westen sind Themen des kleines Büchleins. Toll umgesetzt mit ausdrucksvollen braun- und grautönigen Zeichnungen und wenig Text.

Eine nautische Fabel“ von Marine Blandin (*1984 bei Paris) ist eine ziemlich abgedrehte Story, die in einem riesigen Schwimmbad, erbaut auf einem ehemaligen Tierfriedhof, spielt. Niemand kennt den Ausgang aus dem Bad, es treiben sich die merkwürdigsten Wesen darin herum und in einem Jacuzzi orakeln drei Damen vor sich hin. Die Fabel ist für viele Interpretationen offen, man kann sich aber auch einfach in die Fantasiewelt fallen und sich von dem Sog der tollen und skurrilen Bilder mitreißen lassen.

Alle Comics kann ich sehr empfehlen! Ich habe sie alle aus der Stadtbücherei ausgeliehen (so gerne ich sie auch alle hier bei mir im Regal stehen hätte!). Die Comicabteilung ist zwar übersichtlich, da Comics aber doch rechts schnell gelesen werden, ist die Fluktuation recht groß und es gibt jedes Mal etwas Neues zu entdecken.

Kleine Auswahl - der Rest ist schon wieder in der Bücherei

Kleine Auswahl – der Rest ist schon wieder in der Bücherei

 

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5 Antworten zu Tolle Graphic Novels / Comics von Frauen

  1. zorafeldman schreibt:

    synchronizität: Gift wird bei mir in 4 wochen auch erwähnt. 😉

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  2. Katharina schreibt:

    Danke für all die Tipps!

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  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Yellowfacing, Graphic Novels und der Internationale Tag gegen Homo- und Transfeindlichkeit – die Blogschau

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