Tolle Graphic Novels / Comics von Frauen

Im Januar habe ich bergeweise Comics / Graphic Novels vertilgt. Comics nehmen mich extrem in Beschlag. Einmal angefangen, kann ich kaum noch aufhören zu lesen, was doch deutlich zu Vertiefung meiner ohnehin schon ausgeprägten Augenringe beigetragen hat („Nur noch eine Seite, dann schlaf ich!!1!!1!! Aber echt jetzt!). Ich bin immer wieder fasziniert, wie es den Zeichnerinnen gelingt, Stimmungen und Gefühle auszudrücken, Szenerien plastisch darzustellen – ob im realistischen Stil, als Gemälde oder mit einfachen schwarzen Strichen.

Die meisten Comics, die ich gelesen habe, sind von Frauen. Es sind sehr tolle Geschichten dabei, fast alle extrem gut gezeichnet, jede in ihrem eigenen Stil. Ein paar der Highlights stelle ich hier vor:

Im autobiographischen Comic „Spiel der Schwalben“ von Zeina Abirached (* 1981 in Beirut) warten zwei Geschwister in einer langen Nacht 1987, mitten im Bürgerkrieg im Libanon, darauf, dass die Eltern endlich nach Hause kommen. Hoffentlich ist ihnen nichts passiert. Viele Nachbar*innen setzen sich mit in den engen Flur zu den Kindern, erzählen Geschichten und machen ihnen Mut.  Die Geschichte ist mit wunderschönen schwarz-weiß-Zeichnungen umgesetzt, die wie Linolschnitte wirken.

Ein einsamer Junggeselle, der Friseur Vincent Machot, begegnet der 40jährigen Verkäuferin Rosalie Blum und beginnt ihr – wann immer er Zeit hat – unauffällig zu folgen. In Kneipen, wo sie sich alleine betrinkt. Zu ihrem Häuschen, wo sie alleine lebt. Auf ihre langen Spaziergänge durch die Nacht. Als Rosalie ihn bemerkt, kehrt sie den Spieß gemeinsam mit ihrer Nichte um. Camille Jourdy (*1979 in Chenôve, Frankreich) zeichnet die etwas skurrilen Personen in ganz entzückenden, liebevollen und sehr detailreichen aquarellierten Bildern.

Inspiriert von Tagebuchaufzeichnungen ihrer Großmutter erzählt Barbara Yelin (*1977 in München) mit schönen, sparsam kolorierten Bleistiftzeichnungen die Geschichte von Irmina. Diese macht in den 1930ern in London eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin und befreundet sich mit Howard, einem Studenten aus Barbados. Sie ist selbstbewusst, möchte ein eigenständiges Leben und empört sich über Rassismus. Für Politik, gar der deutschen, interessiert sie sich aber nicht die Bohne. Ein paar Jahre später lebt sie angepasst mit einem Nazi zusammen in Berlin. Sie hätte sich anders entscheiden können.

Gift“ spielt 1831 in Bremen und greift den historischen Kriminalfall der Gesche Gottfried auf, die 15 Menschen vergiftet hat. Eine junge Autorin, die eigentlich den Auftrag hatte, einen schönen Reisebericht abzugeben, stolpert ungewollt immer tiefer in diese gruslige Geschichte, die ganz Bremen aufwühlt, hinein. Barbara Yelin fängt die Stimmung mit düsteren Bleistiftzeichnungen ein, Peer Meter (*1956 in Bremen) entwickelte das Szenario.

Miriam Engelberg (*1958 in Philadelphia, gest. 2006 in San Fransisco) erfährt mit 43, dass sie Brustkrebs hat. In ihren Tagebuchcomic „Krebs ist eine Erfahrung, auf die ich lieber verzichtet hätte“ zeichnet sie in sehr einfachen Bildern ihren Umgang mit dem Krebs, ihren Alltag, ihre Gedanken zu den Reaktionen ihres Umfeldes. Manchmal zynisch, manchmal traurig, verzweifelt, manchmal unglaublich witzig. Ein sehr hilfreiches und beeindruckendes Buch.

Kati Rickenbach (*1980 in Basel) beschreibt in „Jetzt kommt später“ zwei ihrer Hamburg-Aufenthalte 2004 und 2009. Beim ersten studiert sie als Austauschstudentin an der Hochschule und lässt keine Party aus, beim zweiten ist sie beruflich mit ihrem Freund unterwegs. Ein netter, unterhaltsamer und sehr witzig gezeichneter schwarz-weiß-Comic.

Marjane Satrapis (*1969 in Teheran) „Sticheleien“  ist ein sehr witziges und erstaunliches Buch. Wenn sich die Männer nach dem Essen zum Mittagsschlaf hinlegen, legen die Frauen so richtig los. Bei einer Tasse Tee geht es um das Vortäuschen von Jungfräulichkeit, Opiumsucht, Zwangsheirat, die Unattraktivität des männlichen Geschlechtsorgans. Mehrere Generationen unterhalten sich dabei so ungezwungen über Sex, Drogen und gesellschaftliche Rollen, wie ich es mir in meinem Familienkontext nie im Leben vorstellen könnte. Alles gezeichnet in klaren schwarzweiß-Zeichnungen – es fühlt sich fast an, als säße eine mittendrin in der lustigen Frauenrunde.

Der Garten“ ist die Diplomarbeit von Agata Bara (*1982 in Kowary/Polen). Die teilweise autobiographische Geschichte wird aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt, der mit Eltern und Großvater in den 1980er Jahren in Polen auf einem kleinen Hof lebt. Verbrechen während des NS, Kriegszustand in Polen und Emigration in den Westen sind Themen des kleines Büchleins. Toll umgesetzt mit ausdrucksvollen braun- und grautönigen Zeichnungen und wenig Text.

Eine nautische Fabel“ von Marine Blandin (*1984 bei Paris) ist eine ziemlich abgedrehte Story, die in einem riesigen Schwimmbad, erbaut auf einem ehemaligen Tierfriedhof, spielt. Niemand kennt den Ausgang aus dem Bad, es treiben sich die merkwürdigsten Wesen darin herum und in einem Jacuzzi orakeln drei Damen vor sich hin. Die Fabel ist für viele Interpretationen offen, man kann sich aber auch einfach in die Fantasiewelt fallen und sich von dem Sog der tollen und skurrilen Bilder mitreißen lassen.

Alle Comics kann ich sehr empfehlen! Ich habe sie alle aus der Stadtbücherei ausgeliehen (so gerne ich sie auch alle hier bei mir im Regal stehen hätte!). Die Comicabteilung ist zwar übersichtlich, da Comics aber doch rechts schnell gelesen werden, ist die Fluktuation recht groß und es gibt jedes Mal etwas Neues zu entdecken.

Kleine Auswahl - der Rest ist schon wieder in der Bücherei
Kleine Auswahl – der Rest ist schon wieder in der Bücherei

 

Bücher 2015

+++ Dieser Artikel wird Ihnen präsentiert in Kooperation mit zwei „lebhaften“  Vierjährigen, die eine blöde Erwachsene an einem blöden Laptop sehr blöd finden und dringend Unterstützung beim Basteln, Verstecken, Wohnung verwüsten etc. benötigten. Darum ist er leider etwas weniger klug, fundiert, spritzig und so weiter geworden, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Da 2015 aber demnächst bekanntlich rum ist, geht er nun so raus.  Nunja. Sehen Sie es uns nach. Danke. +++

Im März habe ich auf Wunsch von Mama007 fünf Bücher vorgestellt, die ich in diesem Jahr auf jeden Fall lesen wollte. Geschafft habe ich davon genau eines: „Der Bildhauer“ von Scott McCloud. Dabei habe ich relativ viel gelesen, nämlich ca. 30 Bücher, nur eben andere als geplant. Es waren einige Bücher dabei, die ich eher lau, aber unterhaltsam genug fand, um sie bis zur letzten Seite zu lesen (u.a. besagten Bildhauer). Und viele, die ich sehr gerne gelesen habe.

Meine Favoritinnen dieses Jahr sind:

  • Platz 1 ganz klar: „Scherben“ von Ismet Prcic. Prcic erzählt von seinen Kinder- und Jugendjahren im Bosnienkrieg und seinem Leben im Exil in den USA in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen an seine Mutter, aus Sicht des Kindes/Jugendlichen und eines Frontkämpfers. Ich fand dieses Buch unglaublich gut ge- und beschrieben (auch wenn ich nur die deutsche Übersetzung las), mitreißend, ergreifend, dramatisch, traurig. Selten habe ich so ein einfühlsames und emotionales Buch von einem Mann gelesen. Es ist sicher kein Buch für die 5 Minuten Lesezeit kurz vorm Einschlafen, sondern eher für  eine mehrstündige Zugfahrt.
  • 3 Comics von Guy Delisle: „Pjöngjang“. „Aufzeichnungen aus Birma“ und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. In Nordkorea war Delisle alleine im Auftrag seiner Firma, in Burma und Jerusalem gemeinsam mit seiner Frau, die dort für Médecins sans frontières arbeitete, während er sich  einem großen Teil um das Kind (Burma) bzw. beide Kinder (Jerusalem) kümmerte. In kurzen, sehr toll gezeichneten Szenen gibt er einen interessanten und persönlichen Einblick in Alltag & Politik der drei Länder.
  • Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Über Feminismus, Sexismus, Ausbeutung usw mit vielen persönlichen Erfahrungen von Penny u. a. aus der Occupy Bewegung. Gefallen hat mir ihr rotziger, rasanter  und trotzdem sehr einfühlsamer Stil und ihre Kritik am Neoliberalismus. Mehr dazu hier.
  • Constanze Kurz  und Frank Rieger beschreiben in Arbeitsfrei die Automatisierung der Arbeitswelt. Es ist äußerst faszinierend zu lesen, mit welchen Techniken heute in Deutschland in großen landwirtschaftlichen Betrieben, Bäckereien, Mühlen ein Großteil der Arbeit von Maschinen übernommen wird.
  • Art Spiegelman: Maus. Ein Klassiker, den ich erst jetzt gelesen habe. Spiegelman zeichnet die Geschichte seiner Eltern, Überlebende der Shoah, in Sosnowitz/Polen, Auschwitz, Schweden und USA aus Perspektive seines Vaters, der ihm seine Erfahrungen erzählte. Spiegelman reflektiert zudem darüber, ob es angebracht ist, die Shoa in einem Comic zu verarbeiten. In dieser Form, finde ich, absolut JA.
  • Ruth Picardie: „Es wird mir fehlen, das Leben„. Ich habe das Buch zufällig in einer Bücherkiste gefunden (oder andersrum – wäre ich esoterisch veranlagt, haha) und verschlungen. Es ist ein sehr bewegendes, lustiges, unglaublich trauriges Buch über Krebs, Abschiednehmen und Sterben, zusammengesetzt aus E-Mails, die Picardie im letzten Jahr ihres Lebens schrieb.
  • Sofi Oksanen Fegefeuer. OMG, was für ein Buch. Dicht, gewaltig, literarisch. Über zwei Frauen in Estland, deren Lebensgeschichte, miteinander verwoben, in Krieg, Gewalt und Liebe.

Nimmt eine noch die Bücher dazu, die ich abgebrochen habe, waren es sicher über 50. 2015 war in der Hinsicht sicher ein Rekordjahr. Noch nie habe ich so viele Bücher nach wenigen Seiten, der Hälfte oder sogar kurz vor Schluss in die Ecke gepfeffert. Weil sie mir nicht gefallen haben, zu lustig, zu traurig, zu mäandernd, zu ausschweifend, was weiß ich was waren. Wie heißt es so schön: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher – oder vielleicht besser: für Bücher, die gerade einfach nicht passen. Der Vorsatz bleibt für 2016 bestehen.

 

 

Apokalypse Jetzt – Vorbereitung auf die Krise

Das Buch Apokalypse jetzt ließ mir eine Freundin als Mitbringsel mit Leseempfehlung hier. Ich freute mich und legte es auf das Fensterbrett im Wohnzimmer, wo es ein paar Monate vom familiären Staub bedeckt wurde. Ich hatte keine Zeit, genug anderes zu lesen und putzte offensichtlich nie das Fensterbrett. Bis ich es letzte Woche wieder in die Finger bekam und es zu lesen begann.

Greta Taubert, eine Journalistin aus Leipzig, Jahrgang 1983, beschreibt in dem Buch einen Selbstversuch. Aus der Panik heraus, beim Hereinbrechen einer Krise (an der sie nicht zweifelt), nicht überlebensfähig zu sein, beschließt sie, sich ein Jahr lang weitgehend dem Konsum zu entziehen und verschiedene Überlebensstrategien auszutesten. Grob gesagt.

Sie beginnt damit, sich einen Vorrat an Lebensmitteln zuzulegen auf Basis der Empfehlungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (ich hatte keine Ahnung, dass es so was gibt) und versucht von diesem 3 Wochen zu leben. Sie nimmt Kontakt auf zu einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Survival-Pakete zusammenzustellen – und zwar nicht nur Büchsenfleisch und Nudeln, sondern Tiramisu und Rehrücken für Notzeiten – offensichtlich ein erfolgreiches Geschäftsmodell! Sie besucht Leute, so genannte Preppers, die sich durch den Bau von Trutzburgen und das Anlegen von Vorräten für die Krise wappnen. Sie begleitet eine Frau, die sich in einer Art Urkost von Wildkräutern ernährt, und sie fängt an, im Keller Pilze zu züchten.

An dieser Stelle – nach ca. 4 Kapiteln – hätte ich das Buch um ein Haar zugeklappt und aufgehört zu lesen. Ich fand das zwar alles äußerst unterhaltsam und interessant geschrieben, allerdings fand ich den Ansatz, sich individuell auf eine Krise vorzubereiten, so derartig bescheuert, dass ich es kaum aushalten konnte und mir auf Twitter leicht der Kragen platzte. Dieses Hamstern, für sich und die Familie Vorräte anzulegen, sich zu bewaffnen, damit man sich bei den zu erwartenden Plündereien verteidigen kann (!), dieses „ICH sorge für MICH“ erinnerte mich doch sehr an die 1980er Jahre, als Leute anfingen, sich einen privaten Atomschutzbunker in den Garten zu bauen und in diesem Vorräte für die atomare Apokalypse zu horten. Es waren – das unterstelle ich jetzt mal – NICHT die gleichen Leute, die auf Anti-Atom-Demos gingen, Atommülltransporte blockierten und für eine andere (Umwelt-)Politik kämpften. Nein, hier ging es nur um das eigene Überleben. Scheißegal, wenn sonst niemand übrig blieb (bzw. um so besser, dann muss man das gehortete Futter schon nicht gegen Plünderer verteidigen).

Aber – Überraschung – Greta Taubert kriegt dann doch noch den Dreh. Nach und nach beschäftigt sie sich mehr mit solidarischen Ansätzen. Sie macht bei einer Gärtner*innengemeinschaft mit und wohnt eine zeitlang bei Stadtnomad*innen. Sie lernt das Containern, also das Organisieren von Lebensmitteln aus Supermarkmülltonnen, kennen und trampt mit einer Freundin ohne Geld nach Spanien, wo die Krise ja bereits ihre Klauen ausgebreitet hat, und landet dort bei Aktivist*innen in einem besetzten Haus. Sie kommt mit der DIY-Szene in Kontakt (u. a. Nähen, 3-D-Druck) und lernt immer mehr Leute kennen, die versuchen, solidarische Strukturen aufzubauen und die sich politisch engagieren. Und sie kommt immer mehr auf den Trichter, dass es darum geht, Zeit für und miteinander zu haben, gemeinsam zu (über-)leben und sich zu solidarisieren – anstatt einen privaten Hamsterbau anzulegen.

Mir hat gut gefallen, dass Greta Taubert sich voll ins Getümmel gestürzt hat – zumindest macht sie in dem Buch den Eindruck. Dass sie überall mehrere Tage, teils Wochen mitgewohnt hat, sei es auf einem Bauwagenplatz, in der Wohnung der Stadtnomad*innen, im besetzten Haus, und dass sie den Menschen recht unvoreingenommen begegnete (darauf hat mit Lotti auf Twitter bereits während meiner Lesekrise hingewiesen). Ich fand es zienmlich spannend, wie Taubert als Newbie (oder Außenstehende) die verschiedenen Szenen beschreibt. Einiges war für mich auch völlig neu: Dass es Stadtjäger*innen gibt und eine doch recht große Prepper-Szene zum Beispiel.

Was ich bis zum Schluss ziemlich unerträglich fand, war die konsequent männliche Sprache – selbst wenn Taubert von sich selbst spricht, verwendet sie meist die männliche Form. Ob das auf das Konto des Lektorats geht oder ob Taubert das vertritt, weiß ich nicht.

Eine radikalkritische Auseinandersetzung mit den Ursachen der prophezeiten bzw. bereits bestehenden Krisen ist das Buch nicht gerade. Vermutlich wurde es auch deshalb letztes Jahr in so ziemlich allen großen Mainstreammedien recht positiv besprochen. Vieles im Buch dockt an den derzeitigen DIY- bzw. konsumkritischen Trend an: Urban Gardening, nicht so viel bzw. bewusst konsumieren, keine Lebensmittel verschwenden, Dinge selbst machen, reparieren statt wegschmeißen. Da gibt das Buch einen guten Überblick und viele Anregungen. Es zeigt die persönliche Entwicklung von Taubert während ihres Selbstversuchs, was ich sehr spannend fand. Und es ist wirklich sehr unterhaltsam und inspirierend geschrieben. Ganz im Sinne des Sharing-Gedankens macht das Buch nun in meinem Freund*innenkreis die Runde und ist Anlass für so manches spannende Gespräch.

(<3 -lichen Dank an A., die mir das Buch gegeben hat!)

Dekofoto
Dekofoto

Fünf Bücher für 2015

Vor Jahren fragte mich einmal ein Freund, welche 5 Bücher ich am besten fände. Erst verstand ich die Frage nicht („wie jetzt? Von ALLEN, die ich je gelesen habe?“) – ich kannte die Website Fünf Bücher damals noch nicht. Dann scheiterte ich fast daran, Titel und Autor*innen korrekt aufzuzählen. Ich habe da zugegebenerweise eine kleine Merkschwäche: „Das Buch von der Dings, wie hieß die gleich …. fängt mit M an, glaube ich. Oder mit S? Ist auch egal, es heißt …. Moment, ich komm gleich drauf, irgendwas mit „V“, glaube ich. Die Vogelfrau vielleicht? Achne, das war was anderes … Der Einband ist rot. Mit einem Baum drauf, kennste das nicht vielleicht??“ Diese Peinlichkeit kann ich unendlich fortführen. Mit Filmen ist das übrigens so ähnlich. Als letztes konnte ich mich natürlich nicht entscheiden und fing an, in alten Leseerinnerungen zu schwelgen.

Nun erhielt ich von Mama007 eine Frage in die andere Richtung, nämlich in die Zukunft: „Welche 5 Bücher gedenkst du dieses Jahr zu lesen?“ Die Frage ist nicht minder schwierig, da ich eigentlich selten im Voraus plane, was ich lesen möchte, sondern die Bücher eher auf zufälligen Wegen zu mir kommen lasse. Allerdings stehen hier noch ein paar ungelesene im Regal, außerdem bekam ich einige als Empfehlungen ans Herz gelegt. Hier also 5 Favoriten. Teilweise habe ich auf Rezensionen*, teilweise auf Verlage verlinkt (was mir gerade unter die Finger kam).

1.Scott McCloud: „Der Bildhauer„, die erste Graphic Novel von Scott McCloud.

[1 a. Und dann wäre da noch „Comics machen“ auch von McCloud, das liegt hier schon.]

2. Die „MaddAddam„-Trilogie von Margaret Atwood. Die wurde mir von Mama007 wärmsten empfohlen, also ein Lese-Muss!

3. Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco. Das wurde mir nun schon so oft empfohlen, das muss ich jetzt einfach mal lesen.

4. Atemschaukel von Herta Müller. Steht hier auch schon ewig rum. Ich bräuchte mal einen Leseurlaub.

5. Sehr gerne, Mama, du Arschbombe von Patricia Cammarata. Natürlich!

Ich gebe die Frage weiter an Xeniana und Momatka, an die Sachensucherin, Pitz und Susanna. Wenn ihr Lust habt – fühlt euch nicht verpflichtet!

* danke an @dieliebenessy für den Tipp!

Bücher 2015 ... mit ein paar dazugeschmuggelten
Bücher 2015 … mit ein paar dazugeschmuggelten, die ich auch (noch)mal lesen möchte

 

 

Zettelpoesie

Die poetischen Zettelchen fallen mir schon eine ganze Weile auf. Sie kleben an Dachrinnenrinnenrohren, Straßenlaternen, Parkscheinautomaten. Post-its mit handgeschriebenen Sprüchen. Ich bleibe stehen, lese. Lasse den Spruch im Kopf kreisen und verlasse die Hektik, mit der ich zum Supermarkt rase. Mit der Zeit verblasst die Schrift, die Zettel werden grau und fallen ab. Bis ein neues Set auftaucht, geklebt von irgendjemand. Eine schöne Idee.

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Die Bücher und ich. Wie und was ich lese.

Sommerzeit – Bücherzeit, schreibt Momatka, und erinnert sich an lange Sommer, die nur dem Lesen gewidmet waren. „Ja, das war einmal. Und schön war es … Statt fauler Tage auf dem Balkon zu schmökern, heißt es nun Spielplatz, Schwimmbad, Zoo (oder Arbeiten!!)“. Ich erinnere mich auch noch verschwommen an die Zeiten, in denen ich wochenends oder in den Ferien auf dem Sofa lag und ein Buch nach dem anderen wie im Flow in mich hineinsaugte. Aufstehen nur, wenn der Tee alle war oder die Blase drückte. Ansonsten las ich, was das Zeug hielt. Ja, das ist sehr lange her.

Mit Kind1, ich war 20, waren die ausgiebigen Leseorgien erst einmal vorbei. Lange Zeit maß ich das Zurückgewinnen von Freiräumen daran, wie viel ich wieder am Stück lesen konnte. Ohne dass ich ständig wegen „Rabbäääh, mir is langweilig, ich hab Durst, Maaaamaaaa, AAAAAAUAAAA“ vom Sofa musste. Es dauerte ein paar Jahre, aber die Lesefreiheit kam wieder. Es gab Urlaube, in denen Kind1 und ich stundenlang auf irgendeinem Handtuch am Strand lagen, unter einem Sonnenschirm aus zerfetzten Palmwedeln, und ein Buch nach dem anderen inhalierten. Meistens nahm ich mir ein paar Krimis mit und 1-2 fette Wälzer, die im Alltag keine Chance gegen die herabfallenden Augenlider am Abend hatten.

Es kamen mit den Jahren die Zeiten zurück, in denen ich am Wochenende morgens schlaftrunken in die Küche schlappte, einen Kaffee machte und zurück ins Bett zog, um mein Buch weiterzulesen. Das Kind schlief eh bis in die Puppen und war froh, nicht geweckt zu werden.

Mit Kleinkind2 sind die Lesezeiten nun wieder äußerst limitiert. Abends im Bett schaffe ich oft gerade so 4 Seiten, bis mir das Buch auf die Nase kippt, ich kurz aufschrecke und das Licht lösche. Am nächsten Abend lese ich zwei davon noch einmal in der festen Überzeugung, sie noch nie zuvor gelesen zu haben. Leider führt das dazu, dass ich nur bedingt mitkriege, ob die gelesene Literatur nun eine anspruchsvolle welche ist oder nicht. Ich bin froh, wenn ich der Story folgen kann.

Ich lese meistens das, was mir über den Weg läuft – nach dem Überraschungseiprinzip – und das geht so:

1. Ich finde Bücher in Verschenkkisten auf der Straße. Davon gibt’s bei uns in der Gegend ziemlich viele.

2. Ein kleiner alternativer Buchladen hier im Ort hat draußen immer eine Kiste mit reduzierten Büchern stehen. Da sind meistens Sachen dabei, die nicht besonders mainstreammäßig sind.

3. Ich bekomme Bücher von Freund*innen geschenkt oder geliehen.

4. Ich habe sie seit Urzeiten im Regal stehen.

5. Neu gekauft habe ich mir in letzter Zeit nur Sachbücher. „Darm mit Charme“ von Giulia Enders oder „Selbst denken“ von Harald Welzer, die ich beide sehr empfehlen kann.

Die Bücher suche ich meistens so ähnlich aus, wie ich Wein kaufe: Mir müssen Titel und Umschlag gefallen. Peinlich, aber wahr. Dann lese ich noch die ersten paar Sätze der ersten Seite. Wenn das ok klingt, nehme ich es mit bzw. entscheide mich dafür, es zu lesen. Den Umschlagstext lese ich eigentlich nie. Mich nervt, dass dort oft schon wesentliche Inhalte verraten werden (besonders bei Krimis höchst ätzend) oder irgendwelche Lobhudeleien zu finden sind. Ich lese diese Texte nur ganz am Schluss, wenn ich mit dem Buch fertig bin. Meistens bin ich froh darüber. Auch Buchbesprechungen und Kritiken lese ich immer erst hinterher. Ich lasse mir sehr gerne Bücher empfehlen, allerdings reichen mir das Genre und ein „ich fand es gut geschrieben“ oder „mich hat die Geschichte berührt“. Ich mag keine Details über den Inhalt wissen.

Das Schöne daran ist, dass ich meistens nicht weiß, was auf mich zukommt. Das Buch ist wie eine Überraschung. Es kann der totale Schrott sein. Es kann eine Perle sein. Es kann so lala sein. So habe ich in letzter Zeit z. B. „Die Kippwende“ von Jenifer Levin gelesen. Die Beschreibung der (Frauen)Figuren und die Sprache haben mir sehr gut gefallen. Oder “Die Tochter meines Vaters“ von Mareike Krügel. Das fand ich etwas skurril, ein bisschen faszinierend und ein bisschen „naja“. Oder „Bilder einer Ex“ von Jean-Luc Benoziglio. Ich mochte die etwas verschlungenen Gedankengängen des Protagonisten und die Sprachbilder ebenfalls sehr. Derzeit lese ich vor allem Regalhüter, also Bücher, die schon lange bei mir herumstehen. Zuletzt war das „Der Vorleser“ von Berhard Schlink und aktuell „Der Büßer“ von Isaac B. Singer.

Wenn mir ein Buch so ganz und gar nicht gefällt, quäle ich mich nicht durch. Dafür ist mir die Zeit zu schade. Wenn ich das Gefühl habe, dass das Buch nicht zu meiner derzeitigen Stimmung passt, an sich aber lesenswert sein könnte, hebe ich es auf, um es später noch einmal zu versuchen. Das kann viele Jahre später sein. So kommt es, dass in meinem Regal sich noch so das eine oder andere ungelesene Buch befindet.

Die Bücher in meinem Regal stehen wild durcheinander. Nichts ist alphabetisch oder thematisch geordnet. Nicht mehr. Sachbücher stehen neben Romanen, gelesene neben ungelesenen.  Es sind überschaubar viele, ich weiß in der Regel, wo welches steht.

Früher hatte ich drei fette Regale vollgestopft mit Büchern. Bücher waren für mich Fetische. Ich habe keine Eselsohren reingemacht, nichts reingeschrieben, man hat kaum bemerkt, wenn ich eines gelesen hatte. Sie standen ordentlich nach Genre und Autorin geordnet im Regal. Ich war damals völlig entsetzt, als mir meine Tante erzählte, sie lasse gelesene Bücher einfach im Zug oder auf der Parkbank liegen und hoffe, es nehme jemand sie mit und lese sie. Das war unvorstellbar für mich. Inzwischen, viele Jahre später, gebe ich auch fast alle gelesenen Bücher weiter. An meine Mutter, eine Freundin, die Schwester oder ich stelle sie wieder auf die Straße. Ich habe rigoros ausgemistet und kistenweise Bücher verschenkt. Auch ungelesene – diese Berge an „must-read-Büchern“, die wie eine ständige Mahnung dumm herumstanden. Weg damit. Ich habe sie nie vermisst. Es gibt nur sehr wenige Bücher, die einen Ehrenplatz im Regal erhalten. „Wenn ich einmal groß bin“ von Jose de Vasconcelos ist eines davon. Weil ich jedes Mal heulen musste, wenn ich es las. Und das Kind1 auch. „Die Grasharfe“ von Truman Capote, weil es so schön ist. „Die Töchter Egalias“, weil ich nostalgisch bin. Die Feuchtwangers, weil ich sie vielleicht noch einmal lesen möchte. Und einige der Fach- und Sachbücher.

Mich hat schon lange kein Buch mehr komplett vom Hocker gerissen bzw. auf dem Sofa festgenagelt. Das liegt vermutlich aber zum Großteil daran, dass ich die Zeit für einen kompletten Bücherflow gerade nicht habe und mich in den wenigen Vorschlafminuten nicht genug auf ein Buch einlassen kann. Das vermisse ich. Ich liebe es, in einem Buch komplett zu versinken. Es zu verschlingen. Und gegen Ende immer langsamer zu lesen, damit ich noch ein bisschen länger was davon habe. Aber die Zeiten kommen auch wieder. Vielleicht liege ich dann irgendwann mit Kind2 & Kind1 auf einem Badetuch am Strand und wir verschlingen gemeinsam unsere Urlaubslektüre.

Bücherregalausschnitt - Gelesenes & Ungelesenes
Bücherregalausschnitt – Gelesenes & Ungelesenes

Und wenn ihr mir potenzielle „Flow“-Bücher empfehlen könnt: gerne!!! Nur nicht zu viel darüber verraten bitte!

Verlinkt

Ich nehme jetzt mal die Verlinkungstradition hier wieder auf. Zwar komme ich nicht viel zum Lesen, schon gar nicht außerhalb meiner geschätzten Filterbubble, die sich weitgehend gegenseitig liest, oder? Aber vielleicht ist trotzdem etwas dabei, das ihr noch nicht kennt.

Außerdem könnte ich locker noch weitere 3 Monate über einen neuen Namen für diese Rubrik nachdenken, die ich einmal „Feedreaderperlen“ nannte. Nach dem Einstampfen des Google-Readers hadere ich mit Feedly, so richtig passend ist das also nicht mehr. Mir fällt derzeit nichts Kreatives ein, darum der karge Titel. Vorschläge nehme ich äußerst gerne entgegen – es gibt dafür einen Sack voller virtueller <3 <3 <3 zu gewinnen!!!

Also, los geht’s:

Ole Schröder Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern gibt sein Amt auf, um mehr Zeit für seine kleine Tochter zu haben. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt Kristina Schröder den Schritt ihres Ehemanns. Es sei falsch, Väter zu kritisieren, die sich dafür entschieden, sich im Beruf weniger zu engagieren.

  • Ich kann natürlich äußerst gut nachvollziehen, welch Drama eine vergessene Eule auslöst! Um so froher (froh-froher-am frohsten?) bin ich, dass Kind2 auch ohne Lieblingstier einschläft. Mit Kind1 dagegen hatte ich ein ähnliches Drama mit einem Hasen, der noch ein paar Tage länger bei der Freundin in Kassel zu Besuch blieb und per Post nachgeschickt werden musste. Oh oh!
  • Ein witziger Bericht aus der Ferienkinderhölle. Auch wenn es für Anna Luz vermutlich nicht so recht lustig war an dem Tag.

Meiner geschätzten Ansicht nach ist ernst dreinschauender Geniekult ja nichts als Farce.  Dieses Getue, als würden ausschließlich jene paar wenigen kreativen Genies Kraft des Zungenkusses, den sie tagtäglich von ihrer Muse verpasst bekommen, dazu legitimiert sein, ihres Amtes zu walten.

  • Das Nuf verrät ihre Lese- und Hörgewohnheiten. Mit vielen vielen interessanten Links zum Anklicken. Ich habe sie alle in 3523 Tabs offen und werde sie … äh … im Laufe der Zeit durcharbeiten.

Viel Spaß, gehabt euch wohl und bis bald.