Apokalypse Jetzt – Vorbereitung auf die Krise

Das Buch Apokalypse jetzt ließ mir eine Freundin als Mitbringsel mit Leseempfehlung hier. Ich freute mich und legte es auf das Fensterbrett im Wohnzimmer, wo es ein paar Monate vom familiären Staub bedeckt wurde. Ich hatte keine Zeit, genug anderes zu lesen und putzte offensichtlich nie das Fensterbrett. Bis ich es letzte Woche wieder in die Finger bekam und es zu lesen begann.

Greta Taubert, eine Journalistin aus Leipzig, Jahrgang 1983, beschreibt in dem Buch einen Selbstversuch. Aus der Panik heraus, beim Hereinbrechen einer Krise (an der sie nicht zweifelt), nicht überlebensfähig zu sein, beschließt sie, sich ein Jahr lang weitgehend dem Konsum zu entziehen und verschiedene Überlebensstrategien auszutesten. Grob gesagt.

Sie beginnt damit, sich einen Vorrat an Lebensmitteln zuzulegen auf Basis der Empfehlungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums (ich hatte keine Ahnung, dass es so was gibt) und versucht von diesem 3 Wochen zu leben. Sie nimmt Kontakt auf zu einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Survival-Pakete zusammenzustellen – und zwar nicht nur Büchsenfleisch und Nudeln, sondern Tiramisu und Rehrücken für Notzeiten – offensichtlich ein erfolgreiches Geschäftsmodell! Sie besucht Leute, so genannte Preppers, die sich durch den Bau von Trutzburgen und das Anlegen von Vorräten für die Krise wappnen. Sie begleitet eine Frau, die sich in einer Art Urkost von Wildkräutern ernährt, und sie fängt an, im Keller Pilze zu züchten.

An dieser Stelle – nach ca. 4 Kapiteln – hätte ich das Buch um ein Haar zugeklappt und aufgehört zu lesen. Ich fand das zwar alles äußerst unterhaltsam und interessant geschrieben, allerdings fand ich den Ansatz, sich individuell auf eine Krise vorzubereiten, so derartig bescheuert, dass ich es kaum aushalten konnte und mir auf Twitter leicht der Kragen platzte. Dieses Hamstern, für sich und die Familie Vorräte anzulegen, sich zu bewaffnen, damit man sich bei den zu erwartenden Plündereien verteidigen kann (!), dieses „ICH sorge für MICH“ erinnerte mich doch sehr an die 1980er Jahre, als Leute anfingen, sich einen privaten Atomschutzbunker in den Garten zu bauen und in diesem Vorräte für die atomare Apokalypse zu horten. Es waren – das unterstelle ich jetzt mal – NICHT die gleichen Leute, die auf Anti-Atom-Demos gingen, Atommülltransporte blockierten und für eine andere (Umwelt-)Politik kämpften. Nein, hier ging es nur um das eigene Überleben. Scheißegal, wenn sonst niemand übrig blieb (bzw. um so besser, dann muss man das gehortete Futter schon nicht gegen Plünderer verteidigen).

Aber – Überraschung – Greta Taubert kriegt dann doch noch den Dreh. Nach und nach beschäftigt sie sich mehr mit solidarischen Ansätzen. Sie macht bei einer Gärtner*innengemeinschaft mit und wohnt eine zeitlang bei Stadtnomad*innen. Sie lernt das Containern, also das Organisieren von Lebensmitteln aus Supermarkmülltonnen, kennen und trampt mit einer Freundin ohne Geld nach Spanien, wo die Krise ja bereits ihre Klauen ausgebreitet hat, und landet dort bei Aktivist*innen in einem besetzten Haus. Sie kommt mit der DIY-Szene in Kontakt (u. a. Nähen, 3-D-Druck) und lernt immer mehr Leute kennen, die versuchen, solidarische Strukturen aufzubauen und die sich politisch engagieren. Und sie kommt immer mehr auf den Trichter, dass es darum geht, Zeit für und miteinander zu haben, gemeinsam zu (über-)leben und sich zu solidarisieren – anstatt einen privaten Hamsterbau anzulegen.

Mir hat gut gefallen, dass Greta Taubert sich voll ins Getümmel gestürzt hat – zumindest macht sie in dem Buch den Eindruck. Dass sie überall mehrere Tage, teils Wochen mitgewohnt hat, sei es auf einem Bauwagenplatz, in der Wohnung der Stadtnomad*innen, im besetzten Haus, und dass sie den Menschen recht unvoreingenommen begegnete (darauf hat mit Lotti auf Twitter bereits während meiner Lesekrise hingewiesen). Ich fand es zienmlich spannend, wie Taubert als Newbie (oder Außenstehende) die verschiedenen Szenen beschreibt. Einiges war für mich auch völlig neu: Dass es Stadtjäger*innen gibt und eine doch recht große Prepper-Szene zum Beispiel.

Was ich bis zum Schluss ziemlich unerträglich fand, war die konsequent männliche Sprache – selbst wenn Taubert von sich selbst spricht, verwendet sie meist die männliche Form. Ob das auf das Konto des Lektorats geht oder ob Taubert das vertritt, weiß ich nicht.

Eine radikalkritische Auseinandersetzung mit den Ursachen der prophezeiten bzw. bereits bestehenden Krisen ist das Buch nicht gerade. Vermutlich wurde es auch deshalb letztes Jahr in so ziemlich allen großen Mainstreammedien recht positiv besprochen. Vieles im Buch dockt an den derzeitigen DIY- bzw. konsumkritischen Trend an: Urban Gardening, nicht so viel bzw. bewusst konsumieren, keine Lebensmittel verschwenden, Dinge selbst machen, reparieren statt wegschmeißen. Da gibt das Buch einen guten Überblick und viele Anregungen. Es zeigt die persönliche Entwicklung von Taubert während ihres Selbstversuchs, was ich sehr spannend fand. Und es ist wirklich sehr unterhaltsam und inspirierend geschrieben. Ganz im Sinne des Sharing-Gedankens macht das Buch nun in meinem Freund*innenkreis die Runde und ist Anlass für so manches spannende Gespräch.

(<3 -lichen Dank an A., die mir das Buch gegeben hat!)

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Familie, Feminismus & Firlefanz
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2 Antworten zu Apokalypse Jetzt – Vorbereitung auf die Krise

  1. Lotti Katzkowski schreibt:

    Cool, dass du es nicht in die Ecke geschmissen hast. Zu meiner eigenen Schande muss ich gestehen, dass ich selber kaum zum Lesen komme und daher noch nicht ganz durch bin. Ein Jahr, ein Buch sag ich da nur.
    Wir sind zu dem Buch gekommen, da Frau Taubert letztes Jahr auf einem kleinen Festival, das Freunde von uns organisieren, aus ihrem Buch vorgelesen hat. Uns hat es sehr gefesselt. Die ganzen verrückten Geschichten hat sie selbst erlebt. Der Witz ist nämlich, dass sie dabei so unfassbar spießig aussieht. Wenn ich die Geschichten höre, würde ich eher an eine Frau mit Dreadlocks und langen Röcken denken. Das hat mich sehr fasziniert.
    Das Buch fand ich von Anfang an witzig, da ich mir ja keine Lösung der Krise erhofft hatte, sondern einfach nur mehr von den witzigen Geschichten hören wollte. Nebenbei habe ich interessante Dinge erfahren. Win win also für mich.
    Liebe Grüße
    Lotti

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    • cloudette schreibt:

      Witzig 🙂 Ich kenne von Taubert nur dieses eine Foto, braungebrannt mit langen Haaren, das so im Netz kursiert. Dann viel Spaß beim Weiterlesen! Ist ja ein schönes Urlaubs- und Freibadbuch!

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