Machen Sie doch, was Sie wollen. Echt jetzt.

Ich habe gestern in der Kaffeepause im Büro einen Text über das Basteln von Adventskalendern gelesen, den ich sehr lustig fand. Ich fand ihn rotzig, sarkastisch und wunderbar schön überzogen. Und weil ich ihn so lustig fand, habe ich ihn schnell mal auf Facebook (evil, ja) geteilt, dann meinen Kaffee ausgeschlürft und weitergearbeitet. Erst abends bekam ich zufällig mit, dass es „Adventskalenderdiskussionen“ in meiner Twitter-Eltern-Filterbubble gab und zuerst dachte ich hö? Was gibts denn da zu diskutieren?, bis ich blickte, dass es ebenjener Artikel war, der wohl für hohe Wellen sorgte. Nicht weil ich ihn geteilt hatte, wo denken Sie hin, mit meiner bescheidenen Reichweite, aber weil ihn andere mit hoher Reichweite geteilt hatten. Ist auch egal. Jedenfalls führte dieser Artikel zu Diskussionen, die ich nicht nachgelesen habe, weil sie mich nullkommaüberhauptnicht interessieren. Es ist mir völlig wumpe, ob Mütter (ich kenne keinen, nicht einen einzigen Vater, der das macht, aber das ist ein anderes Thema) die Adventskalender selbst basteln oder sie beim Discounter kaufen. Es ist mir egal. Ich selbst verwende für K2 exakt den gleichen Kalender, den ich vor 20 Jahren schon für K1 verwendet habe und befülle ihn mit Plastikscheiß und Zucker hochwertigem Kleinkram. Aber das ist egal, denn worauf ich eigentlich nach langem Intro hinauswill:

Diese ganzen Diskussionen sind mir wumpe. Genauso, wie es mir obertotalwumpe ist, wo die Kinder anderer Eltern schlafen. Ob im Familienbett oder alleine oder unterm Tisch. Wie es mir egal ist, wie lange und wie oft eine stillt, ob ihr Baby Brei bekommt oder Fingerfood, ob das Pausenbrot in olles Butterbrotpapier eingewickelt oder ge-bentoboxt wird, wie oft und mit das Kind gebadet wird, was die Kinder zu WeihnachtenGeburtstagOstern bekommen, was sie essen oder auch nicht, wie oft sie fernsehen oder nicht und so weiter und so fort. Alles, was andere Eltern aus Überzeugung, ideologischen Gründen oder meinetwegen auch Zeitmangel oder -überschuss machen, ist mir, so lange sie damit nicht andere willentlich gefährden oder beschädigen, wumpe. Das heißt nicht, dass es mich nicht interessiert. Ich finde es im Gegenteil oft höchst interessant, was und warum Andere anders machen – aber ich finde in 99,9 % der Fälle nicht, dass man sich darüber shitstormmäßig aufregen muss.

Es geht mir immer häufiger so, dass ich den Diskussionen um irgendeine durchs Online-Elterndorf getriebenen Sau im Internet nicht folgen kann und mag. Ich denke „na und? Macht doch, was ihr wollt. Möge doch jede machen, was sie will! Mögt ihr euch doch mal bitte einfach IN RUHE LASSEN VERDAMMT“. Und Sie merken schon, so langsam mischt sich in die totale Gleichgültigkeit dann doch ein Hauch von Emotion. Was mir nämlich tatsächlich nicht oberfuckingscheißegal ist, ist dieses Rumgehacke aufeinander, das Abwerten, das abfällige Kommentieren. Oft mache ich Twitter einfach zu und schaue später wieder rein, wenn sich die Aufregung gelegt hat. Was aber oft noch weiterbrodelt ist der Gedanke, warum es so schwer ist, Andere anders sein zu lassen.

Und nein, ich bin da auch keineswegs frei davon. Viel zu oft werte ich selber ab, denke „wie kann man nur, wie kann die nur, nie würde ich“-Blabla. Ich hoffe aber, ich schreibe das dann nicht ins Internet (gelegentliche Ausrutscher kann ich nicht ausschließen, sorry). Sondern ich hoffe, ich lasse es in meinem Hirn oder labere höchstens den Mann damit voll (auch sorry). Denn es geht mich nichts an und ich habe kein Recht, anderen die Stimmung zu vermiesen, nur weil ich womöglich selbst gerade empfindlich bin, einen kackbeschissenen Tag habe oder weil mich selbst das ganze Gebastele oder was auch immer stresst.

Ich werde mir auch in diesem Jahr eine Flasche Wein kaufen einen Kräutertee aus biologisch-dynamischen Anbau brauen und in einer nächtlichen Aktion den Adventskalender für K1 basteln (K2 geht schnell, siehe oben). Das „Kind“ kriegt nämlich auch mit 25 Jahren immer noch einen (Stichwort: Langzeitadventskalenderbasteln!!11!!!!! OMG, wie kann ich nur) und ich verpacke tatsächlich jedes Geschenk einzeln. Und Ihnen da draußen wünsche ich viel Spaß beim Basteln, Kaufen, Streiten, Kiffen, Saufen, Rauchen, Stillen und was Sie sonst so gerne machen für sich, für Ihre Kinder, für Andere. Amen.

P.S. Den supertollsten Adventskalender macht ja meine Schwester, falls es Sie interessiert.

PPS: Lesen Sie einfach den Text von AufZehenspitzen.  Sie bringt das mal wieder klug auf den Punkt.

Dieser Beitrag wurde unter Alltag mit Kind, freie Zeit, Internet, Konsumkram, Kultur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Machen Sie doch, was Sie wollen. Echt jetzt.

  1. Katharina schreibt:

    Ich fand den Artikel auch witzung. Und jetzt verfolge ich die Diskussionen im Elternnetz mit grossem Staunen, soziologischem und sozialpsychologischem Interessen. Hätte nicht gedacht, dass das Thema genug Material für eine These hergibt. Offenbar habe ich mich getäuscht!

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  2. sag Kai schreibt:

    Ach ja, so ein wenig Gelassenheit für andere Ansichten und Lebensentwürfe tut manchmal doch ganz gut. Sie dürfen halt nur nicht, so wie du geschrieben hast, missionarisch rüberkommen. Dank‘ Dir. Und vor allem: schöne Adventszeit!

    N.B. Adventskalender – und die ganze Kinder-Geschenkerei – ist bei uns mein Job 😉 – und jetzt mach‘ ich mir doch noch einige Gedanken mehr, als geplant …

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    • cloudette schreibt:

      Gelassenheit ist ein prima Stichwort. Und weniger missionarischer Eifer auch 🙂
      Dir auch eine schöne Adventszeit. Schön, dass du die Geschenkerei übernimmst – da kenne ich nun wenigstens online einen Mann, der sich dessen annimmt.

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  3. aufZehenspitzen schreibt:

    ha … ich hatte das thema heute morgen unter der dusche auch schon hin und her geschoben. irgendwer sollte sich dessen diskursanalytisch annehmen. ich finde das wirklich spannend, weil es an mir vorbeigegangen ist, dass basteln das neue bio-kochen ist. aber gut. ich habe meine anderen wunden punkte …

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  4. kat+susann schreibt:

    Jeder macht es sich selber schön.
    Sagte mal jemand vom Hausflur in dem Altbau in dem ich wohnte..
    Als die WG ein Plakat aufhängte… im Flur… den ollen Che …
    Das ist mir geblieben.. dieser Kommentar.. nicht mehr oder weniger.. nur verschieden intoniert.
    Manchmal möchte ich andere anschreien… Mensch ! Müsst ihr denn so eindringen in den Lebensraum und die Freiheit der anderen.. mach doch jeder was er will.. Scheisse man.. freies Land ?? Ja. aber nicht Kommentar frei… bewerten, sich selber darüber aufwerten…
    Es ist schon schwer genug finde ich immer wieder.. schwer sich an den laufenden Diskussionen nicht zu beteiligen.. das grosse Ganze im Blick haben… wenn ich jetzt auch noch in die Kerbe rein haue wird’s noch schlimmer.
    Ich lass das jetzt mal einfach sein und stehen so wie es ist… uff..
    S.

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  5. Xeniana schreibt:

    Bei uns bastelt der Vater die Adventskalender:)

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  6. evakarel schreibt:

    Hahahaaahahahaahaaaa!!! Danke. Ich sitze zwischen umzugskartons in der heute frisch bezogenen Wohnung bei einem Glas Wein und brülle vor Lachen. 😀 😀

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  7. Hallo!

    Ich bin auch für mehr Toleranz – das Leben wäre für alle Menschen einfacher, wenn jeder den anderen so nimmt wie er ist und dem anderen auch zugesteht, etwas anders als man selbst zu machen.

    Vermutlich hat das aber mit dem Spiegelgesetz zu tun. Was man sich selbst nicht erlaubt, darf der andere auch nicht tun!

    lg
    Maria

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  8. zorafeldman schreibt:

    es gibt im internet bzw. bei FB ja tatsächlich urteilsfreie zonen. ich habe das glück, in zwei englischsprachige gruppen eingeladen worden zu sein, die sich Support Your Mama Gang und Eliminate Girl Hate auf die fahnen geschrieben haben.
    (wenn sich genug deutsche mitglieder finden würden, könnte sich ja vielleicht eine deutschsprachige sub-gruppe abspalten. das wäre mein traum für die besonders harten tage.)

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  9. Pingback: Adventskalendercontent | cloudette

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