Steter Tropfen

„Der Text für die Broschüre ist gut“, sagt die Kollegin. „Aber an der Stelle hier steht noch ‚Mitarbeiter‘, das musst du noch gendern.“

„Stimmt, mach ich“, erwidert der Kollege.

Ich sitze daneben und freue mich. Es gibt keine Diskussion, keine dummen Sprüche, kein Augenrollen. Vor 6 Jahren war das noch anders. Es gab nur „Mitarbeiter“, die Texte waren im generischen Maskulinum verfasst und Hinweise darauf wurden nicht selten als „persönliche Empfindlichkeit“ abgetan. Es ist besser geworden. Nicht immer, nicht perfekt, aber es ist ein Anfang – und es bemühen sich nun auch andere darum. Es ist schön zu sehen, dass sich langsam etwas verändert.

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Abendritual „Werbung vorlesen“

Bis vor wenigen Tagen dachte ich noch, es handle sich um ein individuelles Phänomen. Eines, das nur bei Kind2 ausgeprägt ist – und das dafür massiv. Es begann damit, dass das Kind mich zielsicher in die Spielzeugabteilung des hiesigen Warenhauses schleppte, um dort gefühlt stundenlang das Angebot eines dänischen Plastikklötzchenherstellers in Augenschein zu nehmen. Regale über Regale voller Pappkartons, einer attraktiver als der andere, ließen fast unweigerlich ein „ICH WILL DAS UND DAS UND DAS UND ZWAR SOFORT!!!!-Drama aufziehen, das ich nur mit Müh und Not mit Hinweis auf den bevorstehenden Geburtstag des Kindes abwehren konnte („Du kannst dir das ja wünschen!!“). Allerdings mussten wir unbedingt das ca. 30seitige Werbeheftchen mitnehmen mit dem Versprechen, dass das Kind sich darin etwas aussuchen dürfe. Warum nicht, dachte ich  naiv, dann landet das Ding halt zu Hause schnell vergessen im Altpapier.

Haha. Von wegen.

Am Abend, ich hatte Zu-Bett-bring-Dienst, fragte ich das Kind, was ich vorlesen solle. Den Drachen Kokosnuss oder  Lumpen-Karline oder Kater Mikesch vielleicht? „Nein!“, sagte das Kind entschieden, ich solle das Werbeheft vorlesen, nur das und nichts anderes. Versprochen sei versprochen!! Nun gut, schauen wir uns halt das Heftchen an. Was ich da vorlesen könne, war mir zwar ein Rätsel, aber ein einziges Mal durchblättern wäre schon drin. Dachte ich. Im Nachhinein lache ich über mein naives früheres Ich. Denn beim Durchblättern blieb es nicht, nein nein! Jedes einzelne Produkt musste genauestens betrachtet und auf ein „DAS wünsch ich mir“ geprüft werden. Es blieb auch nicht beim Vorlesen der Produktnamen. Neinnein. Empfohlenes Alter, Preis, dazugehörende Minifiguren – alles musste in allen Einzelheiten durchgekaut werden. Fragen Sie mich ruhig irgendwas, ich kenne mich aus!

Und bei EINMAL blieb es schon gleich gar nicht, denn die Prozedur sollte sich in den kommenden Wochen regelmäßig wiederholen. 5234trölfzigMillionenmal. Abend für Abend. Naja, ok, jeden 2. Abend, wenn ich eben mit Insbettbringen dran war. Der Mann kam dagegen meist drumherum. Wieso, habe ich nicht herausgefunden. Bei mir setzte sich das Kind immer gegen meine mütterliche Gutmütigkeit (ein Euphemismus für „ich-hab-keinen-Bock-auf-stundenlanges-Drama-und-gebe-darum-halt-klein-bei“) durch. Ausgerechnet ich, die ich Werbung im Großen und Ganzen hasse, lag also nun im Kinderbett, las Produktnummern und alberne Produktnamen vor und ärgerte mich unfassbar über diese schöne bunte Warenwelt, die dazu noch so nervtötend vor Genderstereotypen strotzt, dass es nicht zum Aushalten ist. Sie wissen schon. Rosa-glitzer-Shopping-Spaß vs. ausgiebige Kriegerszenarien. Zudem ist das wiederholte Durchblättern des Heftchens wirklich abgrundtief langweilig, aber der fehlende Fließtextes lässt es leider nicht zu, dass ich mit einer Hirnhälfte parallel an etwas anderes denke, was ich sonst beim Vorlesen öder, aber sehr geliebter Bücher (Kokosnuss etc.) ganz gerne praktiziere. Am Ende wäre ich sogar bereit gewesen, Connybücher oder ähnliches vorzulesen, aber nein, es musste das Heftchen sein, immer und immer wieder.

Ich wähnte mich mit diesem Phänomen, wie eingangs erwähnt, völlig alleine, bis ich kürzlich mit einer Kollegin ins Plauschen kam und sie mir erzählte, dass sie ihrem Kind gerade immer das Werbeprospekt einer großen dänischen Plastiklötzchenfirma vorlesen müsse. Ich fiel ihr spontan in die Arme und hauchte ihr ein erleichtertes „ICH BIN NICHT ALLEIN!!!!“ ins Ohr. In unserer kleinen Selbsthilfegruppe analysierten wir nun die Werbestrategie des großen Spielzeugkonzern (beim Werbeheftchen bleibt es ja nicht. Es gibt ja zu jedem Scheiß auch noch Online-Filmchen und -Spiele!!1!!!) und klagten uns gegenseitig unser Leid.

Nach dem Geburtstag geriet das Heftchen dann zum Glück ein wenig in Vergessenheit. Immer wieder lösten sich wegen des intensiven Gebrauchs nun Seiten heraus, die unauffällig in Richtung Altpapier transferiert wurden. Bis ich kürzlich versehentlich mit dem Kind zu nahe an der Spielwarenabteilung des großen Warenhauses vorbeiflanierte, mich unversehens mitten darin befand und es triumphierend das besagte Werbeheft aus dem Ständer zog. „Schau mal, Mama! Das nehmen wir mit!!! Liest du mir das nachher dann vor??“ Früher, ja früher ruinierte man sich wegen dieser Firma wenigstens nur die Fußsohlen, wenn man unversehens auf eines dieser Klötzchen trat. Aber heute sind es die Nerven gleich mit dazu.

Dekoration – nicht käuflich zu erwerben!!!

 

Typisch Mädchen – typisch Jungs. Alles ganz natürlich. Oder?

Es ist doch typisch, dass die meistens Jungs gerne toben und kämpfen, Bewegungsspiele und Waffen lieben, mehr Konflikte produzieren und diese lautstark lösen? Dass die meisten Mädchen fürsorglicher und kreativer sind, ruhigere Spiele bevorzugen, weniger Aufmerksamkeit einfordern und rosaglitzer über alles lieben? Und nicht nur typisch – sondern NATÜRLICH! Wegen der Hormone (Testosteronschub!!!) und der unterschiedlichen Gehirnentwicklung. Das fällt quasi vom Himmel bzw. liegt in den Genen – da ist der Einfluss von außen doch recht begrenzt („Von uns haben sie das gewiss nicht!!!“). Nicht wahr?

Andererseits:

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Kleine Auswahl zum Weiterlesen:

Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: „Eins von euch“

In alten Geschichten finden sich häufig geschlechtsneutrale Formulierungen, wie Luise Pusch am Beispiel von Grimms Märchen und einiger anderer Autor*innen zeigt. Zitat aus ihrem Text:

„Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.“

Fundevogel und Lenchen sind ein „Pärchen“, ein Mädchen und ein Junge. Heute würde dieser Text mannhafter daherkommen, das Lenchen würde ausgelöscht: „…wenn einer den anderen nicht sah, wurde er traurig.“

Beim Vorlesen begnete mir eine ähnliche Formulierung in Henriette Bimmelbahn:

Bimmelimm, dann geht die Glocke, und ein jedes kommt gerannt, und die alte Henriette zuckelt weiter übers Land.

Das ist vermutlich in diesem Beispiel weniger einer geschlechtergerechten Sprache geschuldet, als vielmehr grammatikalisch korrekt. Denn schließlich ist von Kindern die Rede. Ein jedes Kind. Aber korrekte Grammatik hin oder her, heute wird wohl eher die männliche Form verwendet, wie auch Pusch an einigen Beispielen ausführt. Neutrale Ausdrücke wie „ein jedes“, „eins das andere“, „jedes von euch“ kommen in heutigen Büchern nicht mehr vor (behaupte ich mal aufgrund langer (Vor-)Leseerfahrung. Gegenbeispiele willkommen). Ist von einer Gruppe von Personen die Rede, heißt es „jeder“, „einer den anderen“ oder „jeder von euch“, und zwar unabhängig vom (grammatikalischen) Geschlecht der Gemeinten.

In der gesprochenen Sprache sieht es ähnlich aus. Fast alle verwenden die männliche Form, selbst für reine Frauengruppen („jeder von uns“), einige wenige bemühen sich um einen Knacklaut in „jede*r“ und im generischen Femininum spricht kaum eine. Aber ganz vereinzelt findet sich noch die neutrale Form. Ich habe so ein Exemplar gefunden: meinen Vater (und ich erinnere mich vage, dass meine lange verstorbene Oma und deren Schwester ebenso sprachen). Spricht er über seine Kinder bzw. mit uns als Geschwister – meine Schwester, meinen Bruder und mich –  so sagt er „jedes“ oder „eins“: „Kann eins von euch morgen Brot holen?“, „Jedes von euch bekommt xy zu Weihnachten.“, „Ist eins von euch am Wochenende da?“.

Eigentlich ist die neutrale Form einfacher und eleganter, als das etwas uneindeutige „jede*r“. Ich versuche sie nun im Alltag anzuwenden. Vorallem bei den Kindern: „Will eins von euch ein Eis?“, „Streitet nicht, jedes bekommt gleich viel!!!“, aber auch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen: „Will eins noch einen Glühwein?“. Das sorgt bisweilen für leichte Irritationen und es geht mir noch nicht so selbstverständlich von der Zunge. Aber es macht Spaß. Und es ist, wie bei allem auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: eine Frage der Gewöhnung.

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Mehr davon: Vortrag von Luise Pusch zur gerechten Sprache und Vortrag von Profx Lann Hornscheid über geschlechtergerechte Sprache.

Profx. Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache

Ich möchte zum Vortrag von Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache – und komme im Vorfeld immer wieder ins Straucheln, wenn ich FreundInnen davon erzähle. Weil ich nicht weiß, wie ich über Hornscheidt sprechen, welches Pronomen ich verwenden soll. Hornscheidt lehnt die Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter ab und bittet um geschlechtsneutrale Anrede, wie es explizit auf der Website heißt: „Wenn Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, bitte verwenden Sie nicht-geschlechts-binäre Anreden Ihrer Wahl.“ Was bedeutet das für das Reden in der 3. Person? Er/sie fällt damit weg, „es“ geht auch nicht. Der Vortrag wird das wohl klären.

Hornscheidt ist Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin. Im Vortrag geht es hauptsächlich darum, wie eine empowernde (also eine selbstermächtigte, nicht fremdbestimmte) Sprache aussehen könnte. Voraussetzung für eine möglichst gerechte Sprache ist zunächst einmal, Selbstbenennungen zu respektieren, Fremdbenennungen zu vermeiden und von Diskriminierung Betroffenen aktiv zuzuhören. Aktiv bedeutet hier: nicht nur da zu sitzen und zu schweigen (und sich heimlich einen Teil dabei denken), sondern ggf. auch nachzufragen, aber eben nicht mit der eigenen Meinung oder eigenen Intention darüberzubügeln (a la: „Aber wenn ich „Student“ sage, meine ICH doch ALLE mit“).

Eine empowernde Sprache hat viele Elemente. „Strategische Re-Signifizierungen“ zum Beispiel, wenn also Begriffe mit einer neuen Bedeutung belegt werden. Oder das Re-Claiming, die (Wieder-)Aneignung von Begriffen, wie „Weiber“ in den 80ern, Dyke, Krüppelfrauen (-lesben) etc. Dazu kommen Neubildungen von Wörtern (wie dyke-trans) oder Wortteilen (wie x/iks). Das x ist zum Beispiel ein Versuch, eine Bezeichnung für Personen zu finden, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen. Mit dem x wird die Zuordnung zu einem Geschlecht praktisch durchkreuzt. Es ist verwendbar als Pronomen und als Endung, mit der das Genus ersetzt wird. Also: Professx oder Studierx (jeweils „iks“ ausgesprochen). Daneben gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, um Menschen anzusprechen, wie den wandernden Unterstrich (Stud_entin) oder das Sternchen (Student*in) oder das generische Femininum. Im Reader der AG Feministisches Sprachhandeln gibt es dazu etliche Beispiele.

„Die“ korrekte Sprachregelung, die für alle passt, gibt es nicht, das macht Hornscheidt klar. Es ist vielmehr wichtig, immer im Kontext, in der Situation zu reflektieren und entscheiden, was passt. Eine Sprache, die Geschlecht allgemein neutralisiert, ist nach Hornscheidt nicht das Ziel. Vielmehr soll Sexismus klar benannt werden. So macht es zum Beispiel keinen Sinn, in männerdominierten Bereichen das Gendersternchen zu verwenden und von Präsident*innen der Humboldt-Uni (oder von Deutschland) zu sprechen. Nein, hier sind es ganz klar bisher immer Präsidenten. Jede andere Bezeichnung würde die Machtverhältnisse verschleiern.

Es geht darum, sich darüber klar zu werden, welche Normalisierungen mit Sprache herstellt werden –  ob diese nun intendiert sind oder nicht. Das betrifft natürlich nicht nur den Bereich des Geschlechts, sondern alle Bereiche, die mit Macht und Diskriminierung zusammenhängen. So macht es einen großen Unterschied, ob ich von „Schleusern“ (negativ konnotiert) rede oder von „Fluchthelfern“ (positiv konnotiert), auch wenn ich vielleicht das gleiche meine.

Die von Hornscheidt vorgestellten Bezeichnungen sind alle als Vorschläge zu verstehen, nicht als Regeln oder Vorschriften. Sie sind allesamt aus politischen Bewegungen, aus der Benutzung heraus entstanden und keine Erfindung aus dem akademischen Elfenbeinturm, was Hornscheidt gerne vorgeworfen wird. Allerdings eignet sich gerade die Universität super für ihre Anwendung, da es ja gerade in der Wissenschaft darum geht, möglichst präzise zu formulieren. Hier darf eins präzise sein! Und das präzise Formulieren ist doch wunderschön, so Hornscheidt.

Welches Pronomen wünscht Hornscheidt nun für sich selbst, fragt eine Person aus dem Publikum während der anschließenden Podiumsdiskussion. Keines bzw. einfach den Namen verwenden oder das x. Derzeit zumindest – denn das kann sich auch wieder ändern.

Dass Hornscheidt – und natürlich auch andere Personen, die sich für eine gerechte Sprache einsetzen – damit auf viel Unverständnis, Wut und sogar Hass stößt, ist krass. Es reicht ein einfaches Googlen, um unzählige Artikel dazu zu finden. Hornscheidt selbst hat für Hasstiraden eine eigene Mailadresse eingerichtet, an die Leute „respektlose, übergriffige, gewaltvolle, ignorante Kommentare“ sowie Hinweise, „dass Steuergelder verschwendet werden, Sprache zu erhalten sei, Geschlecht eindeutig nur weiblich oder männlich sei und alles Ähnliche“ richten können. Zudem steht dort der Hinweis:

Oder – Sie nehmen sich die Zeit, um was Nettes und Respektvolles stattdessen an eine Person Ihrer Wahl zu schreiben – und schauen mal, wie sich eine solche Handlung anfühlen würde.

Letztendlich geht es doch darum, respektvoll miteinander zu kommunizieren und die Sprache kreativ dafür zu nutzen. Das erfordert natürlich, Gewohnheiten aufzugeben, sich an Neues zu gewöhnen, Privilegien zu hinterfragen – und das holpert sicher eine ganze Zeit lang. Ich finde es zum Beispiel ganz und gar nicht einfach, auf binäre Pronomen zu verzichten, merke ich beim Erzählen auch nach der Veranstaltung. Fangen wir aber jetzt damit an, aufmerksam zu sein, zuzuhören und eine gerechtere Sprache zu verwenden, wachsen die nächsten Generationen in das Praktizieren einer möglichst nicht-diskriminierenden Sprache hinein.

(Ebenfalls zum Thema: Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache – zum Vortrag von Luise F. Pusch)

Lann Hornscheidt
Lann Hornscheidt

Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache

Auf Luise F. Pusch war ich sehr gespannt – und doch hätte ich ihren Vortrag fast verpasst, saß ich doch gemütlich beim Abendessen im Garten, als der Mann meinte: He, du wolltest doch heute noch weg! Die innere Schweinehündin versuchte ein paar Sekunden, mich zu einem entspannten Abend zu bewegen, aber zum Glück raffte ich mich auf, denn – Spoiler: der Vortrag von Frau Pusch war wirklich toll.

Luise F. Pusch ist die Grande Dame der feministischen Linguistik, 71 Jahre alt und seit den 1970er Jahren im Dienste einer gerechten Sprache unterwegs. Etappen dieses Weges zeichnete sie in ihrem Vortrag nach. Gleich zu Beginn machte sie deutlich, um was es ihr geht: eine gerechte Sprache – nicht etwa eine geschlechtergerechte, frauengerechte oder was auch immer, sondern eine, die für alle gerecht ist. Dabei geht es ihr nicht darum, einzelne Wörter zu verändern, sondern die Grammatik der deutschen Sprache, die, so Pusch, eine „Männersprache“ ist.

Das Deutsche ist eine Genussprache, bei der die weibliche Form i. d. R. von der männlichen abgeleitet wird (Lehrer –> Lehrer-in), wobei das Männliche die Norm- und Standardversion ist, das Weibliche die Ergänzung: ‚die Lehrer‘ meint in der männlichen Form Lehrerinnen mit. Ein einzelner Mann macht aus einer Gruppe von Lehrerinnen sprachlich eine Männergruppe (9 Lehrerinnen + 1 Lehrer = eine Gruppe Lehrer). Pusch nennt das M.a.N. –> Mann als Norm. Dabei werden männliche Bilder im Kopf erzeugt. Als Beispiel brachte sie eine Studie, bei der Proband!nnen die Frage gestellt wurde, welcher Politiker sich als nächster Bundeskanzler eignet bzw. welcher Politiker / welche Politikerin sich als nächster Bundeskanzler / Bundeskanzlerin eignet. Bei der ersten Frage wurden deutlich mehr Männer genannt als bei der zweiten – unerstaunlich, oder? Von der Formulierung der Frage hängen also bereits Chancen ab.

Die gängigen Vorschläge zu einer gerechteren Sprache gingen bisher in die Richtung D.N.A.: Differenzierung (Lehrerinnen und Lehrer, Lehrer(innen)), Neutralisierung (Lehrende) und Abstraktion (das Dekanat, die Regie, der Lehrkörper). Und dann gibt es noch das Binnen-I, das 1981 ein Schweizer Journalist erfunden hat (LehrerInnen). Einige setzen dem generischen Maskulinum, das Frauen immer „mitmeint“, das generische Femininum gegenüber, das dann eben Männer mitmeint. Die Grundordnung der Universität Leipzig ist im generischen Femininum  verfasst, im Plural heißt es dort also immer „Professorinnen“.

Seit einigen Jahren gibt es auf Anstoß der queeren Szene den Genderstern bzw. Gendergap (Lehrer*innen, Lehrer_innen), der die bipolare Sprache öffnet und einen symbolischen Ort für Menschen bietet, die sich nicht der Zweigeschlechtlichkeit zuordnen. Dieser Lösung steht Pusch eher kritisch gegenüber, da die weiblichen Endungen hier erneut auf das Abstellgleis geführt werden, als Anhang, als 2. Wahl. Angeregt durch die Sängerin P!nk schlägt sie vor, als Kompromiss zwischen der Pflege feministischer Errungenschaften und der Öffnung für Neuerungen, das Ausrufezeichen statt des kleinen i als Fusion von Binnen-I und Genderstern zu verwenden (Lehrer!nnen) – oder einen Stern auf dem kleinen i, was sich allerdings mit den gängigen Tastaturen nicht umsetzen lässt. Weiteren Vorschlägen aus dem Publikum, wie eine Neutralisierung der Sprache oder ein neuer Genus, der die beiden bisherigen ersetzt, steht sie offen gegenüber. Sprache ist ein Aushandlungsprozess, wichtig ist ihr, alle betroffenen Gruppen anzuhören und diese so anzusprechen, wie diese das möchten.

Die Etappen auf dem Weg zu einer gerechten Sprache zeichnete Pusch anhand einiger ihrer Aufsätze und Glossen nach. Die Glosse ist ihre Spezialität. Hier schreibt sie seit vielen Jahren wöchentlich in kurzer und unterhaltsamer Form ihre Beobachtungen zur Sprache auf. Drei dieser Glossen aus den letzten 3 Jahrzehnten gab sie zum Besten, alle waren derartig witzig geschrieben, dass das Publikum bei der letzten bereits losgackerte, als Pusch den ersten Satz vorlas. Eine kurze Sekunde sah es so aus, als würde der Abend in einem gigantischen Lachanfall enden, bevor sich alle wieder etwas beruhigten.

Luise Pusch hat mich auf mehreren Ebenen beeindruckt: Sie ist seit ca. 40 Jahren als feministische Linguistin unterwegs, ihre akademische Karriere musste sie deshalb an den Nagel hängen und sie hat so einige üble Shitstorms mit Anfeindungen & Morddrohnungen über sich ergehen lassen müssen (jüngst zur Quotenregelung in Cockpits, interessant auch ihre Nachlese dazu hier und hier). Sie macht trotzdem immer weiter und ist dabei beeindruckend undogmatisch, offen für Neues und humorvoll. Sehr gut gefällt mir ihr Vorgehen, zwischen persönlicher und allgemeiner Ebene zu unterscheiden: Möchte eine Frau von ihr z. B. als Autor (oder Lehrer …) bezeichnet werden, dann respektiert sie dies, auch wenn da sicher ihr feministisches Herz etwas weint. Auf öffentlicher Ebene setzt sie sich dagegen streitbar für eine gerechte Sprache ein. Bemerkenswert fand ich, dass sie interessiert und ohne Abwertung alle Wortmeldungen anhörte. Auch als sich ein Student meldete und mit bedeutungsschwangerer Stimme verkündete, er verwende ja aus Platzgründen immer das generische Maskulinum in Hausarbeiten und erkläre per Fußnote, dass Frauen mitgemeint seien, was sie denn davon halte?, sagte sie nicht viel mehr als „Nichts. Das ist ja das, was wir schon immer haben, nur mit Fußnote“ (während ich dagegen nur „Waaah. Kopf –> Tisch“ denken konnte).

Ich nahm viele Anregungen und als Lektüre ihre neueste Glossensammlung Gerecht und Geschlecht mit. Über ihre Ablehnung des Gendersterns, den ich bisher benutze, denke ich noch etwas nach. So ganz ganz hat mich ihre Argumentation hier noch nicht überzeugt. Vielleicht ist das ! ja eine gute Lösung, auch wenn es mir noch schwer von der Tastatur geht. Aber letztendlich ist das alles eine Frage der Gewöhnung.

Luise F. Pusch
Luise F. Pusch am 22.4.2015