Mädchen oder Junge oder …?

Das Nuf war einkaufen und regt sich sehr schön über die in „Jungs“ und „Mädchen“klamotten aufgeteilte Warenwelt auf. Zum Glück bleibt mir das Shoppen meist erspart, weil wir bisher fast alles von Freundinnen- und Schwesterkindern bekommen. Aber natürlich fällt mir das Rosa-hellblau-glitzer-Bagger-Gedöns auch überall auf, auf jedem Spielplatz, im Kindergarten, auf der Straße.

Ich habe hier mal ein Kindergartenbild aus den 70ern. Pullis in rot, gelb, grün. Latzhosen, Pullunder. Und ein sehr hübscher Topfschnitt. Bei fast allen Kindern. So. Und jetzt sagt mir mal, was hier Weiblein, Männlein oder sonstiges ist:

Was ist was?
Was ist was?

Ich stehe übrigens oben links.

Vom Hut zum Rock: Gehwegschilder

Beim Durchblättern uralter Fotoalben auf dem elterlichen Sofa gestern Abend stach mir dieses Bild ins Auge. Nicht nur, weil ich darauf so entzückend dahinwandele, sondern … ja, offensichtlich sahen in grauer Vorzeit vor vielen Jahren die Gehwegschilder bei uns noch etwas anders aus. Hier ist nachzulesen, dass 1970 der damalige Verkehrsminister Hut & Anzug abschaffte und durch einen Rock ersetzte. Dem ging anscheinend eine längere Kampagne voraus. Vereinfacht: Mann = fremd = Kind soll da nicht mitgehen*. Ersetzt durch: Frau = vertraut/Mutter = Kind soll an der Hand bleiben.

Mann & Kind. 1972 in der Provinz
Mensch mit Hut & Kind. Und ich, 1972 in der Provinz

Das heißt … man kann das natürlich durchaus auch anders lesen:

Das Schild heute
Das Schild heute

*online habe ich nicht viel mehr herausgefunden, Zeit habe ich gerade auch nicht. Also, wer mehr weiß, gerne melden. Es gab 2012 sogar mal eine E-Petition, die sich für eine geschlechtsneutrale Version aussprach. Leider haben nur 45 Personen unterzeichnet.

Was über BHs

„Schreib‘ doch mal mal was über BHs“, sagt die Freundin am anderen Ende der Leitung,  „… ich trag jetzt nämlich keinen mehr, das kotzt mich alles an, war kürzlich shoppen, es gibt nur Scheiß …“ DA sagt sie was, ja, und ich denke mit Grausen an mein letztes Shoppingevent, den kurzen Ausflug in die Unterwäscheabteilung: frustrierend.

Spitzen Spitzen Rüschen Strass. Plastik, mit Schaumstoff und Silikon gepolstert, hart-wie-Brett. Tonnenweise Push-up-Kram. Ich hangel mich von einem Modell zum nächsten, 95 % fallen durch den Fühltest durch, was übrig bleibt, ist unfassbar teuer. Mir geht schon vor dem Anprobieren die Restenergie flöten.

„Sag mal, haben Mädchen heute eigentlich größere Brüste als früher?“, fragte mich schon vor Jahren eine Freundin. Mit einer Teenie-Tochter war ich natürlich informiert. Und auch ein Gang durchs Kaufhaus löst das Rätsel schnell. Das Motto heißt: Ich kauf mir einen Busen – keinen BH! Aus klein mach groß, aus schwabbelig fest, aus spitz wird rund. Da hängt nichts mehr, da wackelt nichts, dank Polstern wird alles glatt & wohlgeformt, wie festbetoniert. Eine Büste.

In den 70ern gab es eine „Ich trage keinen BH mehr“-Welle, die Älteren mögen sich vielleicht erinnern. Befreiung aus dem Korsett, war die Devise. Als ich in die Pubertät kam, war es damit schon wieder vorbei, aber grundsätzlich waren BHs zum Halten da, wo nichts zu halten war, da kein BH. Aufpushen hätte nur Spott gebracht. Wie ist das inzwischen, frage ich mich? Wo schon die Teenies sich in diese Dinger zwängen? Ein kurzes Probegoogeln zum Thema bringt nicht allzu viel Erfreuliches hervor. „Ohne“ in der Öffentlichkeit aufzukreuzen, scheint in die gleiche Kategorie zu fallen wie unrasierte Beinhaare, blöde Kommentare sind garantiert. Selbst „ohne Polsterung“ ist höchst gewagt, man(n) könnte ja was sehen, das nicht genormt daherkommt. Womöglich gar ein Nippelchen. Herrje.

Für die Einzelne mag das sogar befreiend sein, sich einen Busen selbst zu wählen. Schönheitsideale verinnerlichen, wer ist schon frei davon? Und sich der äußeren Bewertung zu entziehen, sich per Normierung unangreifbar machen, kann erst mal sehr entspannend sein (für die, der das gelingt). Eine EntscheidungsFREIHEIT ist das nicht. Das hieße: Jede, wie es ihr gefällt – mit oder ohne, egal mit welcher Figur! Ohne Bewertung, ohne Sprüche. Warum ist das denn so schwer?

„Was über BHs“ zu schreiben, öffnet doch gleich ein (inneres) Fass, gefüllt mit Körpernormen, Schönheitsidealen, Zwang. Ich behalte wohl vorerst mal meine ausgefransten Restmodelle und wünsche der Freundin das Beste für ihr Vorhaben. Und überhaupt: Es wird Zeit für BeFREIung, mehr Körpervielfalt und weniger Beton – in den Köpfen zuallererst.

Schatz, wollen wir Unterhosen shoppen gehn?

Auf dem Weg zur Sportabteilung durchquere ich den Herrentrakt. Ein dezent gehaltenes Stockwerk, Textilien in grau, braun, dunkelblau, gedämpfte Atmosphäre. Hier gehen also die Jungs shoppen, denke ich noch. Aber von wegen: Vor den Unterhosen steht eine Dame, befühlt kritisch Stoff für Stoff, neben ihr wartet ein Mann, unbeteiligt schaut er drein. Etwas weiter steht junges Pärchen, männlein-weiblein, sie hält ihm einen Pullover unter die Nase. Mmmh, könnte passen, nur, die Farbe?!  Aus der Kabine kommt ein Herr geschlappt: „Nu‘ dreh dich doch mal um, ich muss das auch von hinten sehn!“, dirigiert seine Begleitung. Am „Sale“-Ständer wühlt sich eine Frau durch’s Angebot, während ein Jüngling auf ihre Auswahl wartet.

Pärchen, Pärchen, Pärchen, wohin ich schaue, ich fass‘ es nicht. Ehemänner, Freunde, Söhne, mit Ehefrauen, Freundinnen, Mütter. Kaum ein männliches Wesen ist hier alleine unterwegs. Ein leichter Grusel treibt mich weiter. Ich könnte noch in die Damenabteilung gehn um nachzusehen, ob dort die Herren im Eckchen warten, bis es wieder nach Hause geht. Aber das ist sicher nur so ein Klischee, denke ich und wende mich den Jogginghosen zu. Nur ein Klischee, nicht wahr?

Der Panzer gegen alltäglichen Sexismus. Es reicht!

Ein freier Tag heute, Kind2 ist in der KiTa, meine to-do-Liste liegt irgendwo. Und nun sitze ich seit Stunden hier und starre auf Twitter. Habe noch nicht einmal die Schlafklamotten ausgezogen. Beobachte die Tweets wie das Kaninchen die Schlange. Unter dem Hashtag (Schlagwort) #aufschrei twittern seit heute Nacht hauptsächlich Frauen über alltäglichem Sexismus, schildern Übergriffe, machen ihrer Wut Luft.

Im ersten Moment dachte ich, dass ich da nichts beizutragen habe, meine eigenen Erfahrungen der krasseren Art liegen ein Weilchen zurück: angegrabscht werden, offen anzügliche Angebote, bedrohliche Momente.  Beim Mitlesen wurde mir irgendwann schlagartig klar, was ich mir doch für einen dicke Haut zugelegt habe. Ca. 90 % der getwitterten Erfahrungen kenne ich – auch aktuell. Nur: ich nehme sie oft nicht mehr wahr.

Oder besser: Ich laufe mit einem Blick durch die Welt, der giftige Pfeile abschießen kann, durch (bestimmte) Männer eiskalt hindurchblickt, ignorierend und abweisend. Ich habe Ohren, die sich bei anzüglichen Witzen zuklappen. Ich habe eine Körperhaltung, die große Abwehr signalisiert. Nicht, dass ich glaube, dass mich das komplett schützt. Aber es kommt auch nicht mehr so viel bei mir an. Ich will das nicht.

Und das, was durchdringt, spielt sich oft in einem „Zwischenbereich“ ab, ich weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken soll. Es sind diese Worte, Blicke, Gesten, oft nur sekundenlang, oft mit einem Lächeln, die mit einer Zweideutigkeit daherkommen, dass ich meiner Wahrnehmung manchmal nicht traue. Was war das denn eben? Hat der das ernst gemeint? Mit einer Zweideutigkeit, die immer einen Ausgang zulässt: Stell dich nicht so an, war noch nichts! Es sind die zotigen Sprüche, die doch witzig gemeint sind, du Spaßbremse. Achtung, die Cloudette, jetzt müssen wir aufpassen, was wir sagen. Hahaha.

Bei den deutlich-Arschloch-Sexisten habe ich oft nicht so ein Problem, weil ich hier wütend werden kann und mich wehre. Ein Ex-Kollege spricht deshalb kein Wort mehr mit mir. Mit ist es recht. Bei den subtileren, alltäglichen Sexismen bin ich oft müde. ignorant. Lächle womöglich. Und ich bin trotzdem wütend, wie ich heute morgen doch deutlich merke.

Darum finde ich die Aktion super, auch wenn sie böse Erinnerungen hochspult, mich das aufregt. Es ist gut, dass die angeblichen „Lappalien“ ans Licht kommen. Ich möchte nicht mit einem Panzer durch die Welt laufen. Es reicht!

Hier zum Weiterlesen, auch zu den Hintergründen:

Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden
Kiki – E13: Hört auf damit!

Die virale Verbreitung von Bullshit

Schon wieder. Eine bescheuerte sexistische Werbung für irgendwas. Sich räkelnde Frauen, anzügliche Posen, rosahellblauer Stereotypenmist. Fast jeden Tag spült meine Timeline bei Twitter & Facebook & Feedreader etwas rein – heute ein Video von einem großen Elektronikhändler, in dem …. hhuuuu … n*kte Br*ste zu sehen sind.

Wird das gerade nur gefühlt mehr? Oder sitzen da irgendwelche Marketingmanager*innen und reiben sich die Hände: Mit was können wir denn mal ein bisschen provozieren? So ne hübsche kleine Werbekampagne, die sich anständig viral verbreitet? Weiterlesen „Die virale Verbreitung von Bullshit“

An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen

Vor drei Jahren schlossen wir eine Wette ab. Es ging um Haare. „Fast keine Frau unter 40 trägt kurze Haare“, sagte ich, „es sei denn sie ist links, feministisch oder so“. „Quatsch“, antwortete der Liebste. Wetten?!

Wir setzten uns mit Proviant und Decke ans Ufer des beschaulichen Flüsschens (damals hatten wir – noch kleinkindlos – vielviel Zeit), die Sonne schien, es war die Hölle los und wir ließen Jugendliche, Studierende, Mütter, Väter, Paare, Omas, Opas an uns vorbeiflanieren. Ich freute mich schon. „Da! Da ist eine!“, schallte es ab und zu von rechts. Neeee, die ist Ü40. Neee, den Accessoires nach eindeutig linke Szene. Neee, Ü40. Neee, das ist ja wohl nicht kurz, die Haare gehn bis zur Schulter …

Zwei Stunden später wurde ich zur Wettsiegerin erklärt. Ich hatte ungefähr 100:5 gewonnen.

Vor zwei Wochen meinte der Liebste nach einem Spielplatzbesuch: „Man kann schon bei den ganz Kleinen an den Haaren das Geschlecht erkennen.“ „Quatsch“, sagte ich, „an den Klamotten ja, aber nicht an die Haaren.“ Wetten?!

It doesn’t care …

Dieses Mal machte ich die Beobachtungen auf dem Innenstadtspielplatz alleine. Wieder war die Hölle los, die Sonne schien, es wimmelte nur von Klein(st)kindern. Nach einer Stunde erklärte ich den V. zum Wettsieger: ca. 30:2. Jenseits von rosa-hellblauer Farbkodierung bei den Klamotten, sind tatsächlich schon die Miniwesen entsprechend frisiert. Langes dünnes Kleinkindhaar bei den Mädels, kurzes dünnes Kleinkindhaar bei den Jungs. Und wo die Haarpracht noch nicht ausreicht, werden Spängchen und Zopfgummis ins Haar gefriemelt.

Nix Neues. Nix Weltbewegendes. Und trotzdem: Dieses Bedürfnis nach Schubladen erstaunt mich immer wieder. Who cares? Den Kleinen ist es doch wurschd? Wieso also?