Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache

Auf Luise F. Pusch war ich sehr gespannt – und doch hätte ich ihren Vortrag fast verpasst, saß ich doch gemütlich beim Abendessen im Garten, als der Mann meinte: He, du wolltest doch heute noch weg! Die innere Schweinehündin versuchte ein paar Sekunden, mich zu einem entspannten Abend zu bewegen, aber zum Glück raffte ich mich auf, denn – Spoiler: der Vortrag von Frau Pusch war wirklich toll.

Luise F. Pusch ist die Grande Dame der feministischen Linguistik, 71 Jahre alt und seit den 1970er Jahren im Dienste einer gerechten Sprache unterwegs. Etappen dieses Weges zeichnete sie in ihrem Vortrag nach. Gleich zu Beginn machte sie deutlich, um was es ihr geht: eine gerechte Sprache – nicht etwa eine geschlechtergerechte, frauengerechte oder was auch immer, sondern eine, die für alle gerecht ist. Dabei geht es ihr nicht darum, einzelne Wörter zu verändern, sondern die Grammatik der deutschen Sprache, die, so Pusch, eine „Männersprache“ ist.

Das Deutsche ist eine Genussprache, bei der die weibliche Form i. d. R. von der männlichen abgeleitet wird (Lehrer –> Lehrer-in), wobei das Männliche die Norm- und Standardversion ist, das Weibliche die Ergänzung: ‚die Lehrer‘ meint in der männlichen Form Lehrerinnen mit. Ein einzelner Mann macht aus einer Gruppe von Lehrerinnen sprachlich eine Männergruppe (9 Lehrerinnen + 1 Lehrer = eine Gruppe Lehrer). Pusch nennt das M.a.N. –> Mann als Norm. Dabei werden männliche Bilder im Kopf erzeugt. Als Beispiel brachte sie eine Studie, bei der Proband!nnen die Frage gestellt wurde, welcher Politiker sich als nächster Bundeskanzler eignet bzw. welcher Politiker / welche Politikerin sich als nächster Bundeskanzler / Bundeskanzlerin eignet. Bei der ersten Frage wurden deutlich mehr Männer genannt als bei der zweiten – unerstaunlich, oder? Von der Formulierung der Frage hängen also bereits Chancen ab.

Die gängigen Vorschläge zu einer gerechteren Sprache gingen bisher in die Richtung D.N.A.: Differenzierung (Lehrerinnen und Lehrer, Lehrer(innen)), Neutralisierung (Lehrende) und Abstraktion (das Dekanat, die Regie, der Lehrkörper). Und dann gibt es noch das Binnen-I, das 1981 ein Schweizer Journalist erfunden hat (LehrerInnen). Einige setzen dem generischen Maskulinum, das Frauen immer „mitmeint“, das generische Femininum gegenüber, das dann eben Männer mitmeint. Die Grundordnung der Universität Leipzig ist im generischen Femininum  verfasst, im Plural heißt es dort also immer „Professorinnen“.

Seit einigen Jahren gibt es auf Anstoß der queeren Szene den Genderstern bzw. Gendergap (Lehrer*innen, Lehrer_innen), der die bipolare Sprache öffnet und einen symbolischen Ort für Menschen bietet, die sich nicht der Zweigeschlechtlichkeit zuordnen. Dieser Lösung steht Pusch eher kritisch gegenüber, da die weiblichen Endungen hier erneut auf das Abstellgleis geführt werden, als Anhang, als 2. Wahl. Angeregt durch die Sängerin P!nk schlägt sie vor, als Kompromiss zwischen der Pflege feministischer Errungenschaften und der Öffnung für Neuerungen, das Ausrufezeichen statt des kleinen i als Fusion von Binnen-I und Genderstern zu verwenden (Lehrer!nnen) – oder einen Stern auf dem kleinen i, was sich allerdings mit den gängigen Tastaturen nicht umsetzen lässt. Weiteren Vorschlägen aus dem Publikum, wie eine Neutralisierung der Sprache oder ein neuer Genus, der die beiden bisherigen ersetzt, steht sie offen gegenüber. Sprache ist ein Aushandlungsprozess, wichtig ist ihr, alle betroffenen Gruppen anzuhören und diese so anzusprechen, wie diese das möchten.

Die Etappen auf dem Weg zu einer gerechten Sprache zeichnete Pusch anhand einiger ihrer Aufsätze und Glossen nach. Die Glosse ist ihre Spezialität. Hier schreibt sie seit vielen Jahren wöchentlich in kurzer und unterhaltsamer Form ihre Beobachtungen zur Sprache auf. Drei dieser Glossen aus den letzten 3 Jahrzehnten gab sie zum Besten, alle waren derartig witzig geschrieben, dass das Publikum bei der letzten bereits losgackerte, als Pusch den ersten Satz vorlas. Eine kurze Sekunde sah es so aus, als würde der Abend in einem gigantischen Lachanfall enden, bevor sich alle wieder etwas beruhigten.

Luise Pusch hat mich auf mehreren Ebenen beeindruckt: Sie ist seit ca. 40 Jahren als feministische Linguistin unterwegs, ihre akademische Karriere musste sie deshalb an den Nagel hängen und sie hat so einige üble Shitstorms mit Anfeindungen & Morddrohnungen über sich ergehen lassen müssen (jüngst zur Quotenregelung in Cockpits, interessant auch ihre Nachlese dazu hier und hier). Sie macht trotzdem immer weiter und ist dabei beeindruckend undogmatisch, offen für Neues und humorvoll. Sehr gut gefällt mir ihr Vorgehen, zwischen persönlicher und allgemeiner Ebene zu unterscheiden: Möchte eine Frau von ihr z. B. als Autor (oder Lehrer …) bezeichnet werden, dann respektiert sie dies, auch wenn da sicher ihr feministisches Herz etwas weint. Auf öffentlicher Ebene setzt sie sich dagegen streitbar für eine gerechte Sprache ein. Bemerkenswert fand ich, dass sie interessiert und ohne Abwertung alle Wortmeldungen anhörte. Auch als sich ein Student meldete und mit bedeutungsschwangerer Stimme verkündete, er verwende ja aus Platzgründen immer das generische Maskulinum in Hausarbeiten und erkläre per Fußnote, dass Frauen mitgemeint seien, was sie denn davon halte?, sagte sie nicht viel mehr als „Nichts. Das ist ja das, was wir schon immer haben, nur mit Fußnote“ (während ich dagegen nur „Waaah. Kopf –> Tisch“ denken konnte).

Ich nahm viele Anregungen und als Lektüre ihre neueste Glossensammlung Gerecht und Geschlecht mit. Über ihre Ablehnung des Gendersterns, den ich bisher benutze, denke ich noch etwas nach. So ganz ganz hat mich ihre Argumentation hier noch nicht überzeugt. Vielleicht ist das ! ja eine gute Lösung, auch wenn es mir noch schwer von der Tastatur geht. Aber letztendlich ist das alles eine Frage der Gewöhnung.

Luise F. Pusch
Luise F. Pusch am 22.4.2015

Mädchen oder Junge oder …?

Das Nuf war einkaufen und regt sich sehr schön über die in „Jungs“ und „Mädchen“klamotten aufgeteilte Warenwelt auf. Zum Glück bleibt mir das Shoppen meist erspart, weil wir bisher fast alles von Freundinnen- und Schwesterkindern bekommen. Aber natürlich fällt mir das Rosa-hellblau-glitzer-Bagger-Gedöns auch überall auf, auf jedem Spielplatz, im Kindergarten, auf der Straße.

Ich habe hier mal ein Kindergartenbild aus den 70ern. Pullis in rot, gelb, grün. Latzhosen, Pullunder. Und ein sehr hübscher Topfschnitt. Bei fast allen Kindern. So. Und jetzt sagt mir mal, was hier Weiblein, Männlein oder sonstiges ist:

Was ist was?
Was ist was?

Ich stehe übrigens oben links.

Vom Hut zum Rock: Gehwegschilder

Beim Durchblättern uralter Fotoalben auf dem elterlichen Sofa gestern Abend stach mir dieses Bild ins Auge. Nicht nur, weil ich darauf so entzückend dahinwandele, sondern … ja, offensichtlich sahen in grauer Vorzeit vor vielen Jahren die Gehwegschilder bei uns noch etwas anders aus. Hier ist nachzulesen, dass 1970 der damalige Verkehrsminister Hut & Anzug abschaffte und durch einen Rock ersetzte. Dem ging anscheinend eine längere Kampagne voraus. Vereinfacht: Mann = fremd = Kind soll da nicht mitgehen*. Ersetzt durch: Frau = vertraut/Mutter = Kind soll an der Hand bleiben.

Mann & Kind. 1972 in der Provinz
Mensch mit Hut & Kind. Und ich, 1972 in der Provinz

Das heißt … man kann das natürlich durchaus auch anders lesen:

Das Schild heute
Das Schild heute

*online habe ich nicht viel mehr herausgefunden, Zeit habe ich gerade auch nicht. Also, wer mehr weiß, gerne melden. Es gab 2012 sogar mal eine E-Petition, die sich für eine geschlechtsneutrale Version aussprach. Leider haben nur 45 Personen unterzeichnet.

Was über BHs

„Schreib‘ doch mal mal was über BHs“, sagt die Freundin am anderen Ende der Leitung,  „… ich trag jetzt nämlich keinen mehr, das kotzt mich alles an, war kürzlich shoppen, es gibt nur Scheiß …“ DA sagt sie was, ja, und ich denke mit Grausen an mein letztes Shoppingevent, den kurzen Ausflug in die Unterwäscheabteilung: frustrierend.

Spitzen Spitzen Rüschen Strass. Plastik, mit Schaumstoff und Silikon gepolstert, hart-wie-Brett. Tonnenweise Push-up-Kram. Ich hangel mich von einem Modell zum nächsten, 95 % fallen durch den Fühltest durch, was übrig bleibt, ist unfassbar teuer. Mir geht schon vor dem Anprobieren die Restenergie flöten.

„Sag mal, haben Mädchen heute eigentlich größere Brüste als früher?“, fragte mich schon vor Jahren eine Freundin. Mit einer Teenie-Tochter war ich natürlich informiert. Und auch ein Gang durchs Kaufhaus löst das Rätsel schnell. Das Motto heißt: Ich kauf mir einen Busen – keinen BH! Aus klein mach groß, aus schwabbelig fest, aus spitz wird rund. Da hängt nichts mehr, da wackelt nichts, dank Polstern wird alles glatt & wohlgeformt, wie festbetoniert. Eine Büste.

In den 70ern gab es eine „Ich trage keinen BH mehr“-Welle, die Älteren mögen sich vielleicht erinnern. Befreiung aus dem Korsett, war die Devise. Als ich in die Pubertät kam, war es damit schon wieder vorbei, aber grundsätzlich waren BHs zum Halten da, wo nichts zu halten war, da kein BH. Aufpushen hätte nur Spott gebracht. Wie ist das inzwischen, frage ich mich? Wo schon die Teenies sich in diese Dinger zwängen? Ein kurzes Probegoogeln zum Thema bringt nicht allzu viel Erfreuliches hervor. „Ohne“ in der Öffentlichkeit aufzukreuzen, scheint in die gleiche Kategorie zu fallen wie unrasierte Beinhaare, blöde Kommentare sind garantiert. Selbst „ohne Polsterung“ ist höchst gewagt, man(n) könnte ja was sehen, das nicht genormt daherkommt. Womöglich gar ein Nippelchen. Herrje.

Für die Einzelne mag das sogar befreiend sein, sich einen Busen selbst zu wählen. Schönheitsideale verinnerlichen, wer ist schon frei davon? Und sich der äußeren Bewertung zu entziehen, sich per Normierung unangreifbar machen, kann erst mal sehr entspannend sein (für die, der das gelingt). Eine EntscheidungsFREIHEIT ist das nicht. Das hieße: Jede, wie es ihr gefällt – mit oder ohne, egal mit welcher Figur! Ohne Bewertung, ohne Sprüche. Warum ist das denn so schwer?

„Was über BHs“ zu schreiben, öffnet doch gleich ein (inneres) Fass, gefüllt mit Körpernormen, Schönheitsidealen, Zwang. Ich behalte wohl vorerst mal meine ausgefransten Restmodelle und wünsche der Freundin das Beste für ihr Vorhaben. Und überhaupt: Es wird Zeit für BeFREIung, mehr Körpervielfalt und weniger Beton – in den Köpfen zuallererst.