Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: „Eins von euch“

In alten Geschichten finden sich häufig geschlechtsneutrale Formulierungen, wie Luise Pusch am Beispiel von Grimms Märchen und einiger anderer Autor*innen zeigt. Zitat aus ihrem Text:

„Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.“

Fundevogel und Lenchen sind ein „Pärchen“, ein Mädchen und ein Junge. Heute würde dieser Text mannhafter daherkommen, das Lenchen würde ausgelöscht: „…wenn einer den anderen nicht sah, wurde er traurig.“

Beim Vorlesen begnete mir eine ähnliche Formulierung in Henriette Bimmelbahn:

Bimmelimm, dann geht die Glocke, und ein jedes kommt gerannt, und die alte Henriette zuckelt weiter übers Land.

Das ist vermutlich in diesem Beispiel weniger einer geschlechtergerechten Sprache geschuldet, als vielmehr grammatikalisch korrekt. Denn schließlich ist von Kindern die Rede. Ein jedes Kind. Aber korrekte Grammatik hin oder her, heute wird wohl eher die männliche Form verwendet, wie auch Pusch an einigen Beispielen ausführt. Neutrale Ausdrücke wie „ein jedes“, „eins das andere“, „jedes von euch“ kommen in heutigen Büchern nicht mehr vor (behaupte ich mal aufgrund langer (Vor-)Leseerfahrung. Gegenbeispiele willkommen). Ist von einer Gruppe von Personen die Rede, heißt es „jeder“, „einer den anderen“ oder „jeder von euch“, und zwar unabhängig vom (grammatikalischen) Geschlecht der Gemeinten.

In der gesprochenen Sprache sieht es ähnlich aus. Fast alle verwenden die männliche Form, selbst für reine Frauengruppen („jeder von uns“), einige wenige bemühen sich um einen Knacklaut in „jede*r“ und im generischen Femininum spricht kaum eine. Aber ganz vereinzelt findet sich noch die neutrale Form. Ich habe so ein Exemplar gefunden: meinen Vater (und ich erinnere mich vage, dass meine lange verstorbene Oma und deren Schwester ebenso sprachen). Spricht er über seine Kinder bzw. mit uns als Geschwister – meine Schwester, meinen Bruder und mich –  so sagt er „jedes“ oder „eins“: „Kann eins von euch morgen Brot holen?“, „Jedes von euch bekommt xy zu Weihnachten.“, „Ist eins von euch am Wochenende da?“.

Eigentlich ist die neutrale Form einfacher und eleganter, als das etwas uneindeutige „jede*r“. Ich versuche sie nun im Alltag anzuwenden. Vorallem bei den Kindern: „Will eins von euch ein Eis?“, „Streitet nicht, jedes bekommt gleich viel!!!“, aber auch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen: „Will eins noch einen Glühwein?“. Das sorgt bisweilen für leichte Irritationen und es geht mir noch nicht so selbstverständlich von der Zunge. Aber es macht Spaß. Und es ist, wie bei allem auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: eine Frage der Gewöhnung.

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Mehr davon: Vortrag von Luise Pusch zur gerechten Sprache und Vortrag von Profx Lann Hornscheid über geschlechtergerechte Sprache.

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Mädchen oder Junge oder …?

Das Nuf war einkaufen und regt sich sehr schön über die in „Jungs“ und „Mädchen“klamotten aufgeteilte Warenwelt auf. Zum Glück bleibt mir das Shoppen meist erspart, weil wir bisher fast alles von Freundinnen- und Schwesterkindern bekommen. Aber natürlich fällt mir das Rosa-hellblau-glitzer-Bagger-Gedöns auch überall auf, auf jedem Spielplatz, im Kindergarten, auf der Straße.

Ich habe hier mal ein Kindergartenbild aus den 70ern. Pullis in rot, gelb, grün. Latzhosen, Pullunder. Und ein sehr hübscher Topfschnitt. Bei fast allen Kindern. So. Und jetzt sagt mir mal, was hier Weiblein, Männlein oder sonstiges ist:

Was ist was?
Was ist was?

Ich stehe übrigens oben links.

Wer erntet eigentlich die weihnachtlichen Lorbeeren?

Nikolaus und Weihnachtsmann sind ziemlich gut organisierte Arbeitgeber, scheint mir. Niemand bekommt sie je zu Gesicht, niemand hat sie je selbst mit anpacken gesehen. Und trotzdem läuft der Laden, seit Hunderten von Jahren. Heerscharen von fleißigen Arbeiterinnen führen die vorweihnachtlichen Aufträge aus: Sie backen Plätzchen, produzieren Adventskalender, basteln Sterne, dekorieren Wohnungen, kaufen Geschenke, füllen rechtzeitig die Stiefel der Kinderlein und üben mit ihnen Weihnachtslieder. Und sie bereiten alles vor für das große Event, an dem der Weihnachtsmann – hohoho – den Geschenkesack schwingen kann.

Moment jetzt mal. Wir stellen uns in den Dienst zweier alter Herren, die selbst nicht einen einzigen Strohstern basteln, bei den Kindern dann aber die Lorbeeren abgreifen? Die sich Jahr für Jahr pompös feiern lassen, ohne einen Finger zu rühren? Die noch nicht einmal Weihnachtsgeld auszahlen für all die fleißigen Helferlein? Ist das nicht irgendwie ziemlich … äh … überholt? Ausbeuterisch geradezu? Und unfeministisch noch dazu? Die Frauen ackern und die Männer bekommen Ruhm und Ehre?

Da gibt es aber doch noch das Christkind, werden einige sagen. Das arbeitet zwar selbst auch nicht, aber es ist ja auch noch ein Kind, da ist das völlig ok. Außerdem ist es geschlechtlich neutral. Mädchen oder Junge oder was anderes. Mangels Untersuchungsobjekt konnte das wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt werden. Stimmt alles! Aber gegen die Herrenriege kommt es auch nicht an und es hat nur in ganz bestimmten Gegenden das Sagen.

Darum wäre doch mal langsam ein kleine Revolution in der Weihnachtsführungsetage angesagt! Oder zumindest eine kleine Umstrukturierungsmaßnahme. Was meint ihr? An den alten Bischof von Myra erinnert sich heute sowieso keiner mehr, überliefert ist auch nicht viel, er ist also nur noch eine Symbolfigur. Der Weihnachtsmann ist spätestens seit seiner Werbekampagne für eine große Zuckergetränkefirma etwas in Verruf geraten, der könnte eigentlich auch mal abtreten.

Also: Machen wir Nikolaus zu Nikola, das passt dann für er-sie-es, und rasieren diesen albernen Bart ab. Hübschere Klamotten lassen sich sicher auch noch finden. Und beim Weihnachtsmann, tja, da bringt aufpimpen wohl nicht viel. Den ersetzen wir einfach durch …..  Trudi Rentier. Aber ohne rote Nase, wenn’s geht.

Dann haben wir wenigstens mal das mit den Lorbeeren für die Herren aus der Welt. Am Rest können wir danach weiteroptimieren.

Und jetzt entschuldigt mich, ich flüchte mal eben vor den aufgebrachten himmlischen Heerscharen.

Oh schau mal! Ein Eichhörnchen!
Statt Rentier ginge natürlich auch ein Eichhörnchen.

Rosahellblauglitzerbagger

Von wegen Kunterbunt – hier ist alles rosa!

„Und, was wird’s denn?“, war stets die erste Frage, vor der nach meinem Befinden oder dem Geburtstermin.  „Ein Baby“, antworteten der V. und ich oft wenig originell. Oder einfach „keine Ahnung, mal schau’n“. Womit das Thema meist noch nicht erledigt war. „Ja, seid ihr denn nicht neugierig, also ich würde das wissen wollen, wie macht ihr das dann mit dem Klamotten?“. Die Kollegin, auch schwanger, hatte die Ausstattung schon beieinander. Dass Gynäkolog/innen sich bei der pränatalen Geschlechtsbestimmung irren können, ließ sie bleich werden. Das wäre eine Katastrophe, sie habe doch schon alles für den kleinen Buben gekauft. Und ein Bekannter twitterte ein Foto des frisch eingerichteten Babyzimmers. Das erwartete Geschlecht des noch Ungeborenen war unschwer zu erraten: Ich konnte vor lauter Rosa kaum ein Möbelstück identifizieren.

Ist das Kind geschlüpft, ist die Frage meist obsolet, denn mit Klamotten, Kinderwagen, Schnuller, Trinkflaschen etc. lassen sich genug Zeichen setzen. Auch wenn es den Kleinen sicher noch völlig Wumpe ist. Fehlen allerdings die  Zuordnungsignale  oder sind sie uneindeutig (rosa Schnullerband + Hosenträger?), kommt unweigerlich ein „was isses denn?“. Von Winzigklein auf stehen die Schubladen bereit, rosa oder hellblau, es sind vermutlich die ersten, denen wir im Laufe des Lebens begegnen, und sie sind verknüpft mit einer Fülle Eigenschaften.

Umso erstaunlicher finde ich die bei Freund/innen und Bekannten beliebte Behauptung einer versuchten geschlechtsneutralen Erziehung. „Ne, also von uns hat der Timmi das sicher nicht, der hat sich von ganz alleine für Baustellen-Bagger-Autos interessiert! Sein erstes Wort war brumm! Mimmi hat von Anfang an nur mit Puppen-Stofftieren-Sandelsachen gespielt …. sie war im Übrigen viiiiiel einfacher, konnte sich auch mal alleine beschäftigen, war irgendwie vernünftiger … “ etc. pp. Reichen die eigenen Kinder nicht als Beweis aus, werden deren Freund/innen herangezogen. Alle Jungs im Bekanntenkreis seien aggressiver als die Mädchen, hätten diese Testosteronschübe, interessierten sich nicht die Bohne für Puppen, während die Mädels ruhiger seien, einfacher. Und das alles kam ohne elterliches Zutun von ganz alleine. Jaaaa, so ein ganz kleines bisschen ist das sicher auch sozialisiert, der Kindergarten, klar, aber so im Großen und Ganzen ist das Verhalten des Nachwuchses damit sicher nicht zu erklären! So einige abendliche Diskussionen verliefen derart und voller Überzeugung. Die eigenen Erfahrungen widerlegen jede Gendertheorie, geschlechtsspezifische Sozialisation war gestern, der eigene Nachwuchs hat einen eines Besseren belehrt, denn der scherte aus dem neutralen Erziehungsversuch einfach aus und folgte der Biologie.

Uff. Ja, da beiße ich mir die Zähne aus. Was mich angeht, so glaube ja kaum, dass ich Tochter & Sohn gleich behandle bzw. behandelt habe, dass ich frei bin von Erwartungen und Zuschreibungen, so gerne ich es sein würde. Und wenn nicht von mir und den Vätern, so werden die beiden ganz sicher von OmaOpaTanteOnkelErzieherinnenLehrerInnen und weiß der Kuckuck wem unterschiedlich betrachtet. Manchmal in Nuancen, manchmal sehr klar: Der kleine Mann und die kleine Prinzessin. Autos für den einen, Puppen für die andere. Wie was warum beeinflusst, weiß ich nicht, untersucht werden kann ja immer nur der sozialisiert werdende Mensch (oder Affe, siehe Dr. Mutti). Das Ausarten in ein RosahellblauLillifeeundBaggergedöns mit daran geknüpften Charakteren hat meiner Meinung nach allerdings mit Biologie eher wenig zu tun.