Fremdgebloggt „Mutter mit 20 und 40 – same same but different“

Vor ein paar Wochen fragte mich die Redaktion von umstandslos – magazin für feministische mutterschaft, ob ich für ihre Ausgabe „Generationen“ etwas schreiben könne, schließlich seien meine beiden Kinder ja fast eine Generation auseinander. Mir war bei meiner spontanen Zusage nicht klar, was für große Schwierigkeiten ich mit dem Text haben würde. Was habe ich mir eins abgebrochen, selten ging mir etwas so schwer von der Feder. Wochenlang habe ich eigentlich nur prokrastiniert („ist ja noch Zeit“), dann stundenlang auf ein weißes LibreOffice Dokument gestarrt. In meinem Kopf waren 5234 Storys aus den letzten 20 Jahren, doch was sollte, was wollte ich davon schreiben? Von meinem jetzigen Alltag mit einem Kind, das 5 Jahre ist, und einem, das längst selbstständig als junge Frau ihrer Wege geht? Von meiner Vergangenheit, als ich früh Mutter wurde und mich irgendwann alleinerziehend irgendwie durchwurstelte? Von den diversen Krisen, die das Mamawerden, Beziehungen, Alltag so mit sich bringen können? Was davon in einen Text packen? Wie schreiben, so dass die Gratwanderung zwischen „das mag ich nicht öffentlich schreiben“ und „das interessiert niemanden“ gelingt? In meinem Entwurfsordner dümpeln sicher 3 unterschiedliche Versionen herum, die ich jeweils x-fach umgeschrieben habe. Irgendwann habe ich einen leicht mäandernden Text abgegeben – und ihn nicht mehr durchgelesen. Ihr findet ihn hier.

Richtig cool finde ich ja, dass unter meinem Beitrag der Text von Maria „“ automatisch als „verwandt“ verlinkt wird. Ähm, ja. Das dachte ich auch mal. Jetzt wirds wohl eher 60. <3

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Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: „Eins von euch“

In alten Geschichten finden sich häufig geschlechtsneutrale Formulierungen, wie Luise Pusch am Beispiel von Grimms Märchen und einiger anderer Autor*innen zeigt. Zitat aus ihrem Text:

„Fundevogel und Lenchen hatten sich so lieb, nein so lieb, daß, wenn eins das andere nicht sah, ward es traurig.“

Fundevogel und Lenchen sind ein „Pärchen“, ein Mädchen und ein Junge. Heute würde dieser Text mannhafter daherkommen, das Lenchen würde ausgelöscht: „…wenn einer den anderen nicht sah, wurde er traurig.“

Beim Vorlesen begnete mir eine ähnliche Formulierung in Henriette Bimmelbahn:

Bimmelimm, dann geht die Glocke, und ein jedes kommt gerannt, und die alte Henriette zuckelt weiter übers Land.

Das ist vermutlich in diesem Beispiel weniger einer geschlechtergerechten Sprache geschuldet, als vielmehr grammatikalisch korrekt. Denn schließlich ist von Kindern die Rede. Ein jedes Kind. Aber korrekte Grammatik hin oder her, heute wird wohl eher die männliche Form verwendet, wie auch Pusch an einigen Beispielen ausführt. Neutrale Ausdrücke wie „ein jedes“, „eins das andere“, „jedes von euch“ kommen in heutigen Büchern nicht mehr vor (behaupte ich mal aufgrund langer (Vor-)Leseerfahrung. Gegenbeispiele willkommen). Ist von einer Gruppe von Personen die Rede, heißt es „jeder“, „einer den anderen“ oder „jeder von euch“, und zwar unabhängig vom (grammatikalischen) Geschlecht der Gemeinten.

In der gesprochenen Sprache sieht es ähnlich aus. Fast alle verwenden die männliche Form, selbst für reine Frauengruppen („jeder von uns“), einige wenige bemühen sich um einen Knacklaut in „jede*r“ und im generischen Femininum spricht kaum eine. Aber ganz vereinzelt findet sich noch die neutrale Form. Ich habe so ein Exemplar gefunden: meinen Vater (und ich erinnere mich vage, dass meine lange verstorbene Oma und deren Schwester ebenso sprachen). Spricht er über seine Kinder bzw. mit uns als Geschwister – meine Schwester, meinen Bruder und mich –  so sagt er „jedes“ oder „eins“: „Kann eins von euch morgen Brot holen?“, „Jedes von euch bekommt xy zu Weihnachten.“, „Ist eins von euch am Wochenende da?“.

Eigentlich ist die neutrale Form einfacher und eleganter, als das etwas uneindeutige „jede*r“. Ich versuche sie nun im Alltag anzuwenden. Vorallem bei den Kindern: „Will eins von euch ein Eis?“, „Streitet nicht, jedes bekommt gleich viel!!!“, aber auch in gemischtgeschlechtlichen Gruppen: „Will eins noch einen Glühwein?“. Das sorgt bisweilen für leichte Irritationen und es geht mir noch nicht so selbstverständlich von der Zunge. Aber es macht Spaß. Und es ist, wie bei allem auf dem Weg zu einer gerechten Sprache: eine Frage der Gewöhnung.

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Mehr davon: Vortrag von Luise Pusch zur gerechten Sprache und Vortrag von Profx Lann Hornscheid über geschlechtergerechte Sprache.

Süßigkeiten

Als ich klein war, reglementieren meine Eltern meinen Süßigkeitenkonsum ziemlich stark. Es gab ab und zu eine Winzigkeit aus Mamas Hand – eine Schokolinse, 1-2 Gummibärchen, ein Rippchen (so hieß ein Stück bei uns) Schokolade. Süßigkeiten waren böööse, sie machten dick und schlechte Zähne. Kontrollieren und sparsam dosieren war also das Motto.

Das Süßigkeitendepot war in für mich unerreichbaren Höhen oben im Schrank – und ich hätte es nie gewagt, dort etwas zu stibitzen. Dafür entwickelte ich mit der Zeit ausgefeilte Strategien, um an das geliebte Süßzeug ranzukommen, für das ich schon früh eine ausgeprägte Leidenschaft hatte: Morgens, wenn die Eltern noch schliefen, schlich ich mich an das Frühstückszeugs und vergriff mich am wertvollen und äußerst seltenen Schokoaufstrich, den es damals zeitweise in einer Tube gab (erinnert sich jemand?). War ich zum Kindergeburtstag eingeladen, futterte ich auf dem Weg dorthin die Süßigkeiten, die oben auf dem Geschenk festgeklebt waren. Sobald ich Taschengeld bekam, gab ich alles für Süßkram aus und vor allem rechnete ich jeden Geldbetrag im Kopf sofort in Kinderüberraschungseier und bunte Tüten um. 1 DM = 1 Kinderüberraschungsei = 10 Lakritzschnecken = 20 Colafläschchen = 50 Brausetabletten. Eine super Matheübung übrigens. Toll waren die Wochenenden bei Oma und Opa auf dem Dorf. Dort durften wir Enkelkinder immer den Einkauf übernehmen und uns selbst etwas kaufen, was wir schamlos ausnutzten. Die Beute schmuggelten wir in unser 3er-Zimmer und futterten sie dort über das Wochenende restlos auf. Toll waren natürlich auch Nikolaus und Ostern. Die Schokofiguren bohrte ich immer vom Boden her auf und knapperte den kompletten Rücken bis oben weg, so dass sie von vorne noch wie unangetastet aussahen und die Eltern nichts merkten – bildete ich mir zumindest ein.

Mein Heißhunger auf Süßes hat sich bis heute erhalten. Ich entkomme dem nur, wenn ich es wie die Raupe Nimmersatt halte: Futtern, futtern, futtern – und irgendwann die Reißleine ziehen d. h. den Zuckerkonsum komplett auf Null runterfahren. Keine Schokolade, keine Gummibärchen, kein Kuchen. Nix. So eine No-sugar-Phase lege ich immer wieder nach besonders exzessiven Futterwochen ein und quäle meine Familie mit meinem Leid. Nach ein paar Tagen Verzicht lassen die Entzugserscheinungen nach, aber wehe, ich rieche an einer Tafel Schokolade, dann bricht der Damm und es gibt kein Halten mehr. Schlimm.

Meine Kinder haben das zum Glück nicht von mir übernommen. Sie kommen beide gut mit Süßkram klar. Ob das Typsache ist, ich ein schlechtes Vorbild bin oder meine Erziehungsstrategie (wenig eingreifen, selbst verwalten lassen) aufgeht, weiß ich nicht. Vielleicht alles ein bisschen.

Als ich neulich mal wieder so durch die Wohnung tapste – auf Zuckerentzug, versteht sich, fiel mein Blick auf den noch immer prall gefüllten Osterkorb von Kind2. Ob es ihm wohl auffällt, wenn ich unauffällig den hübschen Hasen mit der Glocke von unten anbohre und vorsichtig den Rücken hinauf … nur ein winzigkleines Stückchen vielleicht? … Aber solch schäbige Tricks waren überhaupt nicht notwendig. Das Kind hat mir einfach einen geschenkt. „Welchen willst du, Mama? Dann kriegst du den. Da!“ Ach ja.

Objekte der Begierde
Objekte der Begierde

Kurzzeitig reich & berühmt. Oder: Ein Comic aus alten Zeiten

Kürzlich saßen wir beim Abendessen mit den Eltern, es gab Fisch & Spinat und ein Rest vom Vortag, und plauderten über dies & das, kamen vom Hüpfelchen zum Tüpfelchen. Über die Mama’sche Bemerkung, sie habe meinen Kindergartenfreund P. gesehen, landeten wir bei meiner Kindheit und ich fragte sie, was ich schon lange mal fragen wollte, nämlich ob sie früher auch stundenlang auf irgendwelchen Spielplätzen herumgesessen und ihrer Brut, also uns, beim Spielen zugesehen habe, was sie mit einem „ja schon“, mein Vater mit einem entschiedenen „achwas, dafür hatten wir doch gar keine Zeit!“ beantwortete. Unentschieden also, wobei das Gedächtnis meiner Mutter in solchen Dingen deutlich verlässlicher ist. Wir sprachen über den Kindergarten und die alten Zeiten, als wir in einer Hochhaussiedlung am Rand der Kleinstadt lebten, wo fast jede jede kannte und wo wir Kinder nach dem Kindergarten von Haus zu Haus zogen, um die Freundinnen und Freunde herauszuklingeln. „Ist Peter da?? Darf Patrick raus?“ Wir waren alleine unterwegs, das Viertel war ja recht überschaubar, und überhaupt, das war ja früher ganz normal. Der Verkehr war lange nicht so krass wie heute und alle fuhren viel langsamer, wie der Herr Papa behauptete. Wir landeten also gesprächstechnisch beim Verkehr, den vollgeparkten Gehwegen und vierspurigen Straßen, als meine Mutter meinte:

„Da gibt es doch auch so einen Comic, wo ein Kind an einer fetten Straße steht und zu einem anderen ruft: Wie bist du denn da rübergekommen?“.

„Ach was“, sage ich, „und weiter??“

„Stimmt, und dann sagt das andere: Ich wurde hier geboren“, ergänzt der Papa.

„Was ihr nicht sagt“ hauche ich und staune über das erstaunlich übereinstimmende elterliche Gedächtnis, „und wo gibt es den?“

„Naja, in einer Zeitung war der“, meinen die Eltern unisono.

„Aha. In einer Zeitung. Und in welcher???“

„Weiß nicht mehr wo, aber wir haben ihn aufgehoben.“

„Na, dann sucht den mal. Da bin ich ja gespannt. DER IST NÄMLICH VON MIR!!1!1!!“

Mein Comic in einer Zeitung! So ein einträchtiges Elterngewissen kann sich wohl kaum täuschen. Ich.bin.berühmt! Oder Moment mal: Mein Comic wurde womöglich geklaut!? „Na wartet, dann klage ich, isch prozessiere!“ gröhle ich, da will ich doch mein Stück vom Kuchen abhaben. Ich werde reich!!!!

Der Rest des Abends verläuft unspektakulär.

3 Tage später kommt eine Mail: „Hier ist der Comic als Kopie. Das Original haben wir leider nicht mehr.“ Tja, ihr vielleicht nicht. ABER ICH! Gefunden in meiner Erinnerungskiste, die penetrant nach Räucherstäbchen riecht, ganz weit unten zwischen 1989 und 1992 irgendwo. Da ist er: gekritzelt in kleine Kästchen, sogar die Bleistiftvorzeichnung sieht man noch. Eindeutig von mir. Und eindeutig nicht in einer Zeitung. War wohl nichts mit dem Reich-und-berühmt-werden. Schade.

Und hier ist das gute Stück. Auch wenn die künstlerische Entwicklung in den letzten 22-25 Jahren recht übersichtlich geblieben ist, wenigstens veröffentlicht ist es jetzt*. Und überhaupt: Wer liest denn heutzutage noch Zeitungen. Pah.

ruebergekommen*werde ich jetzt berühmt, wenigstens??

 

 

Mädchen oder Junge oder …?

Das Nuf war einkaufen und regt sich sehr schön über die in „Jungs“ und „Mädchen“klamotten aufgeteilte Warenwelt auf. Zum Glück bleibt mir das Shoppen meist erspart, weil wir bisher fast alles von Freundinnen- und Schwesterkindern bekommen. Aber natürlich fällt mir das Rosa-hellblau-glitzer-Bagger-Gedöns auch überall auf, auf jedem Spielplatz, im Kindergarten, auf der Straße.

Ich habe hier mal ein Kindergartenbild aus den 70ern. Pullis in rot, gelb, grün. Latzhosen, Pullunder. Und ein sehr hübscher Topfschnitt. Bei fast allen Kindern. So. Und jetzt sagt mir mal, was hier Weiblein, Männlein oder sonstiges ist:

Was ist was?
Was ist was?

Ich stehe übrigens oben links.

Freundinnenbesuch. Früher und heute.

Früher, wenn die Freundin zu Besuch war, saßen wir stundenlang auf dem Sofa, tranken Tee, quatschten die Welt- und Beziehungsgeschichte durch, schlürften Eiskaffee in der Sonne, wanderten durch Berg und Tal, verbrachten die Nächte mit Chips, Wein und Zigaretten. Und am nächsten Tag schliefen wir gemütlich aus und ließen uns in den neuen Tag treiben.

Das mit dem Wein und den Chips haben wir dieses Mal auch wieder versucht. Sündhaft lange, so bis Mitternacht also ungefähr. Sie wissen wahrscheinlich, wie es ist, wenn unausgeschlafenen Müttern frühmorgens drei Kinder auf dem Kopf herumhüpfen? Wenn Sie schlaftrunkend ins Bad torkeln und Ihnen aus dem Spiegel ein zerknittertes Wesen entgegenblickt, das Sie keinesfalls näher kennenlernen möchten? Wenn Sie froh sind, Ihren Morgenkaffee nicht komplett ins Bett zu verschütten, weil die Kinder bereits Turnübungen darauf machen? Wenn Ihnen noch mindestens 12 Stunden Action, Futter organisieren, Nasen putzen, Popos abwischen, Fragen beantworten, Streit schlichten, Genörgel aushalten, Gekreische, Gehopse etc. pp. von überdrehten Bestands- und Besuchskindern bevorstehen, bis Sie sich wieder hinlegen können? Bzw. hinlegen könnten, denn sind die Plagen die lieben Kleinen im Bett, können Sie sich schlecht gleich danebenlegen und den Abend verschnarchen, nein, Sie müssen die raren Ruhestunden nutzen, um all das, was tagsüber im Kindertrubel unterging und von zahllosen MAAAMAAA-Rufen unterbrochen wurde, nun noch zu besprechen. Und schwups ist es schon wieder Mitternacht! Und noch schneller ist es wieder Morgen und kleine Kinder sitzen auf Ihrem Kopf und in Ihrem Badezimmerspiegel wohnt ein Monster … ach, lassen wir das.

In den wenigen Verschnaufpausen denken wir an früher. Was war das gemütlich. Weißt du noch, damals, als wir eiskaffeeschlürfend in der Sonne saßen und stundenlang das Weltgeschehen durchplauderten?

Aber so ist das halt. Früher war ja auch mehr Lametta. Nicht wahr?

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After-„Besuch-von-der Freundin-mit-Familie“-Symbolbild mit Kind2

 

Die Bücher und ich. Wie und was ich lese.

Sommerzeit – Bücherzeit, schreibt Momatka, und erinnert sich an lange Sommer, die nur dem Lesen gewidmet waren. „Ja, das war einmal. Und schön war es … Statt fauler Tage auf dem Balkon zu schmökern, heißt es nun Spielplatz, Schwimmbad, Zoo (oder Arbeiten!!)“. Ich erinnere mich auch noch verschwommen an die Zeiten, in denen ich wochenends oder in den Ferien auf dem Sofa lag und ein Buch nach dem anderen wie im Flow in mich hineinsaugte. Aufstehen nur, wenn der Tee alle war oder die Blase drückte. Ansonsten las ich, was das Zeug hielt. Ja, das ist sehr lange her.

Mit Kind1, ich war 20, waren die ausgiebigen Leseorgien erst einmal vorbei. Lange Zeit maß ich das Zurückgewinnen von Freiräumen daran, wie viel ich wieder am Stück lesen konnte. Ohne dass ich ständig wegen „Rabbäääh, mir is langweilig, ich hab Durst, Maaaamaaaa, AAAAAAUAAAA“ vom Sofa musste. Es dauerte ein paar Jahre, aber die Lesefreiheit kam wieder. Es gab Urlaube, in denen Kind1 und ich stundenlang auf irgendeinem Handtuch am Strand lagen, unter einem Sonnenschirm aus zerfetzten Palmwedeln, und ein Buch nach dem anderen inhalierten. Meistens nahm ich mir ein paar Krimis mit und 1-2 fette Wälzer, die im Alltag keine Chance gegen die herabfallenden Augenlider am Abend hatten.

Es kamen mit den Jahren die Zeiten zurück, in denen ich am Wochenende morgens schlaftrunken in die Küche schlappte, einen Kaffee machte und zurück ins Bett zog, um mein Buch weiterzulesen. Das Kind schlief eh bis in die Puppen und war froh, nicht geweckt zu werden.

Mit Kleinkind2 sind die Lesezeiten nun wieder äußerst limitiert. Abends im Bett schaffe ich oft gerade so 4 Seiten, bis mir das Buch auf die Nase kippt, ich kurz aufschrecke und das Licht lösche. Am nächsten Abend lese ich zwei davon noch einmal in der festen Überzeugung, sie noch nie zuvor gelesen zu haben. Leider führt das dazu, dass ich nur bedingt mitkriege, ob die gelesene Literatur nun eine anspruchsvolle welche ist oder nicht. Ich bin froh, wenn ich der Story folgen kann.

Ich lese meistens das, was mir über den Weg läuft – nach dem Überraschungseiprinzip – und das geht so:

1. Ich finde Bücher in Verschenkkisten auf der Straße. Davon gibt’s bei uns in der Gegend ziemlich viele.

2. Ein kleiner alternativer Buchladen hier im Ort hat draußen immer eine Kiste mit reduzierten Büchern stehen. Da sind meistens Sachen dabei, die nicht besonders mainstreammäßig sind.

3. Ich bekomme Bücher von Freund*innen geschenkt oder geliehen.

4. Ich habe sie seit Urzeiten im Regal stehen.

5. Neu gekauft habe ich mir in letzter Zeit nur Sachbücher. „Darm mit Charme“ von Giulia Enders oder „Selbst denken“ von Harald Welzer, die ich beide sehr empfehlen kann.

Die Bücher suche ich meistens so ähnlich aus, wie ich Wein kaufe: Mir müssen Titel und Umschlag gefallen. Peinlich, aber wahr. Dann lese ich noch die ersten paar Sätze der ersten Seite. Wenn das ok klingt, nehme ich es mit bzw. entscheide mich dafür, es zu lesen. Den Umschlagstext lese ich eigentlich nie. Mich nervt, dass dort oft schon wesentliche Inhalte verraten werden (besonders bei Krimis höchst ätzend) oder irgendwelche Lobhudeleien zu finden sind. Ich lese diese Texte nur ganz am Schluss, wenn ich mit dem Buch fertig bin. Meistens bin ich froh darüber. Auch Buchbesprechungen und Kritiken lese ich immer erst hinterher. Ich lasse mir sehr gerne Bücher empfehlen, allerdings reichen mir das Genre und ein „ich fand es gut geschrieben“ oder „mich hat die Geschichte berührt“. Ich mag keine Details über den Inhalt wissen.

Das Schöne daran ist, dass ich meistens nicht weiß, was auf mich zukommt. Das Buch ist wie eine Überraschung. Es kann der totale Schrott sein. Es kann eine Perle sein. Es kann so lala sein. So habe ich in letzter Zeit z. B. „Die Kippwende“ von Jenifer Levin gelesen. Die Beschreibung der (Frauen)Figuren und die Sprache haben mir sehr gut gefallen. Oder “Die Tochter meines Vaters“ von Mareike Krügel. Das fand ich etwas skurril, ein bisschen faszinierend und ein bisschen „naja“. Oder „Bilder einer Ex“ von Jean-Luc Benoziglio. Ich mochte die etwas verschlungenen Gedankengängen des Protagonisten und die Sprachbilder ebenfalls sehr. Derzeit lese ich vor allem Regalhüter, also Bücher, die schon lange bei mir herumstehen. Zuletzt war das „Der Vorleser“ von Berhard Schlink und aktuell „Der Büßer“ von Isaac B. Singer.

Wenn mir ein Buch so ganz und gar nicht gefällt, quäle ich mich nicht durch. Dafür ist mir die Zeit zu schade. Wenn ich das Gefühl habe, dass das Buch nicht zu meiner derzeitigen Stimmung passt, an sich aber lesenswert sein könnte, hebe ich es auf, um es später noch einmal zu versuchen. Das kann viele Jahre später sein. So kommt es, dass in meinem Regal sich noch so das eine oder andere ungelesene Buch befindet.

Die Bücher in meinem Regal stehen wild durcheinander. Nichts ist alphabetisch oder thematisch geordnet. Nicht mehr. Sachbücher stehen neben Romanen, gelesene neben ungelesenen.  Es sind überschaubar viele, ich weiß in der Regel, wo welches steht.

Früher hatte ich drei fette Regale vollgestopft mit Büchern. Bücher waren für mich Fetische. Ich habe keine Eselsohren reingemacht, nichts reingeschrieben, man hat kaum bemerkt, wenn ich eines gelesen hatte. Sie standen ordentlich nach Genre und Autorin geordnet im Regal. Ich war damals völlig entsetzt, als mir meine Tante erzählte, sie lasse gelesene Bücher einfach im Zug oder auf der Parkbank liegen und hoffe, es nehme jemand sie mit und lese sie. Das war unvorstellbar für mich. Inzwischen, viele Jahre später, gebe ich auch fast alle gelesenen Bücher weiter. An meine Mutter, eine Freundin, die Schwester oder ich stelle sie wieder auf die Straße. Ich habe rigoros ausgemistet und kistenweise Bücher verschenkt. Auch ungelesene – diese Berge an „must-read-Büchern“, die wie eine ständige Mahnung dumm herumstanden. Weg damit. Ich habe sie nie vermisst. Es gibt nur sehr wenige Bücher, die einen Ehrenplatz im Regal erhalten. „Wenn ich einmal groß bin“ von Jose de Vasconcelos ist eines davon. Weil ich jedes Mal heulen musste, wenn ich es las. Und das Kind1 auch. „Die Grasharfe“ von Truman Capote, weil es so schön ist. „Die Töchter Egalias“, weil ich nostalgisch bin. Die Feuchtwangers, weil ich sie vielleicht noch einmal lesen möchte. Und einige der Fach- und Sachbücher.

Mich hat schon lange kein Buch mehr komplett vom Hocker gerissen bzw. auf dem Sofa festgenagelt. Das liegt vermutlich aber zum Großteil daran, dass ich die Zeit für einen kompletten Bücherflow gerade nicht habe und mich in den wenigen Vorschlafminuten nicht genug auf ein Buch einlassen kann. Das vermisse ich. Ich liebe es, in einem Buch komplett zu versinken. Es zu verschlingen. Und gegen Ende immer langsamer zu lesen, damit ich noch ein bisschen länger was davon habe. Aber die Zeiten kommen auch wieder. Vielleicht liege ich dann irgendwann mit Kind2 & Kind1 auf einem Badetuch am Strand und wir verschlingen gemeinsam unsere Urlaubslektüre.

Bücherregalausschnitt - Gelesenes & Ungelesenes
Bücherregalausschnitt – Gelesenes & Ungelesenes

Und wenn ihr mir potenzielle „Flow“-Bücher empfehlen könnt: gerne!!! Nur nicht zu viel darüber verraten bitte!