Typisch Mädchen – typisch Jungs. Alles ganz natürlich. Oder?

Es ist doch typisch, dass die meistens Jungs gerne toben und kämpfen, Bewegungsspiele und Waffen lieben, mehr Konflikte produzieren und diese lautstark lösen? Dass die meisten Mädchen fürsorglicher und kreativer sind, ruhigere Spiele bevorzugen, weniger Aufmerksamkeit einfordern und rosaglitzer über alles lieben? Und nicht nur typisch – sondern NATÜRLICH! Wegen der Hormone (Testosteronschub!!!) und der unterschiedlichen Gehirnentwicklung. Das fällt quasi vom Himmel bzw. liegt in den Genen – da ist der Einfluss von außen doch recht begrenzt („Von uns haben sie das gewiss nicht!!!“). Nicht wahr?

Andererseits:

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Kleine Auswahl zum Weiterlesen:

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Mädchen oder Junge oder …?

Das Nuf war einkaufen und regt sich sehr schön über die in „Jungs“ und „Mädchen“klamotten aufgeteilte Warenwelt auf. Zum Glück bleibt mir das Shoppen meist erspart, weil wir bisher fast alles von Freundinnen- und Schwesterkindern bekommen. Aber natürlich fällt mir das Rosa-hellblau-glitzer-Bagger-Gedöns auch überall auf, auf jedem Spielplatz, im Kindergarten, auf der Straße.

Ich habe hier mal ein Kindergartenbild aus den 70ern. Pullis in rot, gelb, grün. Latzhosen, Pullunder. Und ein sehr hübscher Topfschnitt. Bei fast allen Kindern. So. Und jetzt sagt mir mal, was hier Weiblein, Männlein oder sonstiges ist:

Was ist was?
Was ist was?

Ich stehe übrigens oben links.

An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen

Vor drei Jahren schlossen wir eine Wette ab. Es ging um Haare. „Fast keine Frau unter 40 trägt kurze Haare“, sagte ich, „es sei denn sie ist links, feministisch oder so“. „Quatsch“, antwortete der Liebste. Wetten?!

Wir setzten uns mit Proviant und Decke ans Ufer des beschaulichen Flüsschens (damals hatten wir – noch kleinkindlos – vielviel Zeit), die Sonne schien, es war die Hölle los und wir ließen Jugendliche, Studierende, Mütter, Väter, Paare, Omas, Opas an uns vorbeiflanieren. Ich freute mich schon. „Da! Da ist eine!“, schallte es ab und zu von rechts. Neeee, die ist Ü40. Neee, den Accessoires nach eindeutig linke Szene. Neee, Ü40. Neee, das ist ja wohl nicht kurz, die Haare gehn bis zur Schulter …

Zwei Stunden später wurde ich zur Wettsiegerin erklärt. Ich hatte ungefähr 100:5 gewonnen.

Vor zwei Wochen meinte der Liebste nach einem Spielplatzbesuch: „Man kann schon bei den ganz Kleinen an den Haaren das Geschlecht erkennen.“ „Quatsch“, sagte ich, „an den Klamotten ja, aber nicht an die Haaren.“ Wetten?!

It doesn’t care …

Dieses Mal machte ich die Beobachtungen auf dem Innenstadtspielplatz alleine. Wieder war die Hölle los, die Sonne schien, es wimmelte nur von Klein(st)kindern. Nach einer Stunde erklärte ich den V. zum Wettsieger: ca. 30:2. Jenseits von rosa-hellblauer Farbkodierung bei den Klamotten, sind tatsächlich schon die Miniwesen entsprechend frisiert. Langes dünnes Kleinkindhaar bei den Mädels, kurzes dünnes Kleinkindhaar bei den Jungs. Und wo die Haarpracht noch nicht ausreicht, werden Spängchen und Zopfgummis ins Haar gefriemelt.

Nix Neues. Nix Weltbewegendes. Und trotzdem: Dieses Bedürfnis nach Schubladen erstaunt mich immer wieder. Who cares? Den Kleinen ist es doch wurschd? Wieso also?

Rosahellblauglitzerbagger

Von wegen Kunterbunt – hier ist alles rosa!

„Und, was wird’s denn?“, war stets die erste Frage, vor der nach meinem Befinden oder dem Geburtstermin.  „Ein Baby“, antworteten der V. und ich oft wenig originell. Oder einfach „keine Ahnung, mal schau’n“. Womit das Thema meist noch nicht erledigt war. „Ja, seid ihr denn nicht neugierig, also ich würde das wissen wollen, wie macht ihr das dann mit dem Klamotten?“. Die Kollegin, auch schwanger, hatte die Ausstattung schon beieinander. Dass Gynäkolog/innen sich bei der pränatalen Geschlechtsbestimmung irren können, ließ sie bleich werden. Das wäre eine Katastrophe, sie habe doch schon alles für den kleinen Buben gekauft. Und ein Bekannter twitterte ein Foto des frisch eingerichteten Babyzimmers. Das erwartete Geschlecht des noch Ungeborenen war unschwer zu erraten: Ich konnte vor lauter Rosa kaum ein Möbelstück identifizieren.

Ist das Kind geschlüpft, ist die Frage meist obsolet, denn mit Klamotten, Kinderwagen, Schnuller, Trinkflaschen etc. lassen sich genug Zeichen setzen. Auch wenn es den Kleinen sicher noch völlig Wumpe ist. Fehlen allerdings die  Zuordnungsignale  oder sind sie uneindeutig (rosa Schnullerband + Hosenträger?), kommt unweigerlich ein „was isses denn?“. Von Winzigklein auf stehen die Schubladen bereit, rosa oder hellblau, es sind vermutlich die ersten, denen wir im Laufe des Lebens begegnen, und sie sind verknüpft mit einer Fülle Eigenschaften.

Umso erstaunlicher finde ich die bei Freund/innen und Bekannten beliebte Behauptung einer versuchten geschlechtsneutralen Erziehung. „Ne, also von uns hat der Timmi das sicher nicht, der hat sich von ganz alleine für Baustellen-Bagger-Autos interessiert! Sein erstes Wort war brumm! Mimmi hat von Anfang an nur mit Puppen-Stofftieren-Sandelsachen gespielt …. sie war im Übrigen viiiiiel einfacher, konnte sich auch mal alleine beschäftigen, war irgendwie vernünftiger … “ etc. pp. Reichen die eigenen Kinder nicht als Beweis aus, werden deren Freund/innen herangezogen. Alle Jungs im Bekanntenkreis seien aggressiver als die Mädchen, hätten diese Testosteronschübe, interessierten sich nicht die Bohne für Puppen, während die Mädels ruhiger seien, einfacher. Und das alles kam ohne elterliches Zutun von ganz alleine. Jaaaa, so ein ganz kleines bisschen ist das sicher auch sozialisiert, der Kindergarten, klar, aber so im Großen und Ganzen ist das Verhalten des Nachwuchses damit sicher nicht zu erklären! So einige abendliche Diskussionen verliefen derart und voller Überzeugung. Die eigenen Erfahrungen widerlegen jede Gendertheorie, geschlechtsspezifische Sozialisation war gestern, der eigene Nachwuchs hat einen eines Besseren belehrt, denn der scherte aus dem neutralen Erziehungsversuch einfach aus und folgte der Biologie.

Uff. Ja, da beiße ich mir die Zähne aus. Was mich angeht, so glaube ja kaum, dass ich Tochter & Sohn gleich behandle bzw. behandelt habe, dass ich frei bin von Erwartungen und Zuschreibungen, so gerne ich es sein würde. Und wenn nicht von mir und den Vätern, so werden die beiden ganz sicher von OmaOpaTanteOnkelErzieherinnenLehrerInnen und weiß der Kuckuck wem unterschiedlich betrachtet. Manchmal in Nuancen, manchmal sehr klar: Der kleine Mann und die kleine Prinzessin. Autos für den einen, Puppen für die andere. Wie was warum beeinflusst, weiß ich nicht, untersucht werden kann ja immer nur der sozialisiert werdende Mensch (oder Affe, siehe Dr. Mutti). Das Ausarten in ein RosahellblauLillifeeundBaggergedöns mit daran geknüpften Charakteren hat meiner Meinung nach allerdings mit Biologie eher wenig zu tun.