Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können!

Es macht mich wütend, was mir da gerade über Facebook hereinflatterte: „Geburtshilfe wird für Hebammen unbezahlbar„, schreibt der Deutsche HebammenVerband e.V. Die ohnehin schon horrend hohen Haftpflichtbeiträge, die freiberufliche Hebammen bezahlen müssen, sollen 2014 erneut um 20 % auf über 5000 € im Jahr steigen.

Hebamme Anna verdeutlicht an einem Beispiel, was das bedeutet: Eine Beleghebamme erhält 273,22 Euro für eine Geburt im Krankenhaus. „Da kann man sich mal ausrechnen, wie viele Geburten begleitet werden müssen, nur um die Haftpflichtprämie allein zu stemmen.“ Der Stundenlohn einer Hebamme liegt um die 8 €. Immer mehr Hebammen geben ihren Beruf auf:

Deshalb habe ich jetzt auch diesen dicken Kloß im Hals, wenn ich erneut merke, dass weder ich noch viele Kolleginnen auf Dauer weiterhin voll in diesem Beruf arbeiten können, wenn sie auch davon leben wollen oder müssen.

Mir geht da echt der Hut hoch. Hebamme – das ist für mich ein fundamentaler, unverzichtbarer Beruf in dieser verrückten Welt. Auch aus persönlicher Erfahrung:

Ich habe zwei Geburten hinter mir. Eine Anfang der 90er, eine vor 2 1/2 Jahre. Sie waren beide schwer und völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Das haben sie gemeinsam. Bei Nummer 1 war ich schlicht nicht vorbereitet auf diesen Wahnsinn, nie hätte ich gedacht, dass etwas so weh tun kann, stundenlang. Schlimmer noch war die völlige Entmündigung durch das Klinikpersonal. „Es geht hier nicht um Sie!“ raunzte mich ein Arzt an, als ich zu fragen wagte, was genau sie gerade mit mir und dem Kind anstellten. Bei Nummer 2 musste ich die Hausgeburt abbrechen und mit wehenden Fahnen ins Krankenhaus. Nun, keine Details, das hier sollen keine Geburtsberichte werden. Beide Geburten gingen bekanntlich gut aus und es kamen 2 wundervolle Kinder auf die Welt.

Der große Unterschied zwischen den Geburten war, dass ich bei Nummer 2 ab ungefähr der 14. Woche hervorragend betreut wurde: von zwei Hebammen, bei denen ich abwechselnd alle 4 Wochen einen Termin hatte, immer ca. 45 Minuten lang. Viel Zeit für eine ausführliche körperliche Untersuchung. Und viel Zeit für Fragen, beruhigende Worte, ein Gespräch. Hier war ich kein „Problemfall“ (omg, so jung bzw. so alt!), sondern einfach schwanger, wie schön! Was für ein himmelweiter Unterschied zu den Besuchen bei der Gynäkologin, bei der ich locker eine dreiviertel Stunde im Wartezimmer herumsaß, um nach einer ca. 5-minütigen Untersuchung wieder auf der Straße zu stehen. Die Hebammen hatten eine schier unendliche Geduld. Nie wirkten sie hektisch oder in Eile. Ausführlich beantworteten sie alle meine Fragen – und die des Mannes, der fast immer mit dabei war – und waren mit Rat&Tat auf unserer Seite. Zu der Ärztin ging ich kein einziges Mal mehr.

Die Hebammen begleiteten mich ein großes Stück durch die Geburt und regelten den Übergang in die Klinik auf eine Weise, die sehr beruhigend war. Und sie übernahmen auch die Nachsorge, wie gewohnt mit sehr viel Zeit und dem Angebot, die Geburt noch einmal ausführlich zu besprechen, was ich gerne annahm.

Schon damals war die Situation der freiberuflichen Hebammen prekär: der Stundenlohn niedrig und die Beiträge für die Haftpflichtversicherung horrend hoch.  Die genauen Zahlen habe ich nicht mehr im Kopf. Sie dürften aber um die Werte herum gelegen haben, die die Initiative „Hebammen für Deutschland“ dokumentiert: fast 3690 € für die Haftpflicht und durchschnittlich 7.50 € Stundenlohn VOR der damaligen Haftpflichterhöhung 2010. Dass sich die beiden trotzdem immer so ruhig und gelassen Zeit für die von ihnen begleiteten Frauen genommen haben (und es vermutlich heute noch genau so tun), ist vor diesem Hintergrund absolut bewundernswert.

Ich verdanke diesen beiden freiberuflichen Hebammen sehr viel! Sie haben mich beruhigt, mir einen Teil meiner Sorgen genommen, mir die schönen Seiten der Schwangerschaft gezeigt. Sie haben mich und meine Familie wunderbar begleitet! Das war notwendig und hat uns allen sehr geholfen. Ich wünsche jeder Frau, dass sie so eine Unterstützung und Hilfe in Anspruch nehmen kann, wenn sie das möchte. Und die Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können!

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Da geht sie hin auf Reisen

Unsere Babytrage geht auf Reisen. Mal wieder. Nur dieses Mal ohne uns.

Seit Kind 2 so ungefähr vier Monate alt war, hat sie uns täglich begleitet. Überall hin. Auf unsere Elternzeittour quer durch die Lande, in die Hohe Tatra, die Kanaren, Panama und USA. Sie war immer im Einsatz. Wenn der Kleine müde war. Wenn er quakig war. Wenn er nicht schlafen konnte. Wenn wir auf die Berge hoch und in die Schluchten runter wanderten. Wenn wir durch ein Städtchen flanierten. Immer hing er wie ein kleines Äffchen vorne an unseren Bäuchen und Rücken. Stundenlang. Jeden Tag. Wir haben in den ersten 14 Monaten kaum einmal den Kinderwagen benutzt. Und das nicht nur, weil uns unsere tollen Hebammen eingeimpft hatten: „Babys sind Säuglinge und TRAGlinge“, sondern weil es einfach praktisch war. Barrierefrei sozusagen.

Am Anfang war sie knallrot. Nach 12 Monaten Dauereinsatz von der Sonne ausgebleicht. Fleckig. Hier und da der Stoff leicht angeschlagen. Aber funktional, noch immer.

Seit fast einem halben Jahr hängt sie nur noch an der Garderobe. Kind 2 kann laufen. Es liebt seine Bewegungsfreiheit und findet das Flunderdasein auf den Elternrücken nicht mehr ganz so prickelnd. Zum Wandern hat die Kraxe die Trage längst abgelöst (auch wenn es gefühlt viel schwerer ist, ihn darin zu tragen, meine Güte. Wie eine Tonne. Vom Gleichgewicht halten, wenn er hin- und herschaukelt, ganz zu schweigen).

Jetzt geht sie also auf Reisen, einmal quer durchs Land, damit das frischgeschlüpftes Baby meiner Freundin sich darin an den MamaPapaTanten-Bauch kuscheln kann. Und mit ihnen vielleicht sogar auf Elternzeitreise geht. Ein kleiner Abschied. Von der Zeit, als der Kleine noch ein Tragling war. Und wir mit ihm durch die Lande tingelten. Achja. Bin ein mini-bisschen wehmütig …

National-Park-Hopping. Von einer Schönheit zur nächsten

Als wir im Februar aus der tropischen Hitze Mittelamerikas in Kalifornien ankamen, atmete ich erst einmal tief durch. Kühle Luft, fantastisch! Endlich wieder bewegen, ohne dass der Schweiß überall herunterläuft und die Sonne die Glieder schwer werden lässt.

L.A. – groß. Viele Palmen. Riesige Supermärkte. Nach unserem Leben auf dem Lande in Panama mit überwiegend Linsen, Reis, Bananen und Bier, waren wir etwas geplättet von dem Megaangebot. 113 verschiedene Sorten Cornflakes, hochglanzpoliertes Obst, gigantische Einkaufswagen. Wehe, man vergisst etwas und muss zurücklaufen: bei den Dimensionen artet das in Sport aus. Das Überangebot schlug sich ziemlich schnell nieder: Trotz „guilt-free Snacking“ & etlichen Wanderungen nahmen wir alle miteinander deutlich zu.

guilt-free Snacking. Na dann! | Wir sind immer ein Carpool | Einkaufserlebnis

Nach einer kurzen Runde durch Hollywood rüsteten wir uns für die Weiterreise. Mietwagen, Gaskocher, Jahreskarte für die National Parks, Espressomaschine und ein warmer Pullover, damit hatten wir die wichtigsten Dinge beisammen. Wir fuhren zunächst die legendäre 1 gen Norden, machten ein paar Tage Halt in Monterey und besuchten das bezaubernde Pinnacles National Monument. Bei San Francisco versuchte ich das erste und einzige Mal, mit Öffis und zu Fuß einen Park zu erreichen. Nach 4 Stunden trennte mich nur noch ein 6-spuriger Highway vom Spielplatz – und ich gab auf. Ok. Autokultur, ich habs kapiert. Ab da nur noch mit dem Wagen. Der kleine F. musste sich wohl oder übel daran gewöhnen. Und als „Carpool“ – einem mit mind. 2 Personen besetzten Wagen – hatten wir meistens Vorfahrt auf der Überholspur.

Außer in den National Parks. Da ließen wir die Karre auf irgendeinem Parkplatz stehen und gingen zu Fuß. Stundenlang. Zunächst ein paar kleinere Runden durch den Sequoia NPark und den Angeles NForest, allerdings waren hier viele Straßen noch gesperrt, es lag Schnee & war etwas zu kalt für unsere spärliche Garderobe.  Als dann auch noch ein fetter Sturm angekündigt wurde, fuhren wir ein paar Kilometer weiter, in die Wüste. Und von dort Richtung Osten nach Arizona. Auch in die Wüste. Wir wanderten zwischen meterhohen Kakteen im Tonto National Forest umher, durchstreiften bei Prescott die Wälder und warfen einen Blick in den Grand Canyon. Bilder hatte ich davon schon gesehen, aber auf dieses gigantomanische Naturmonument war ich nicht vorbereitet. Mir lief es kalt den Rücken herunter: gespaltene Erde, bis zu 1800 m geht’s in die Tiefe, skurille Felsformationen, wohin man schaut. Da will ich runter. Irgendwann einmal, wenn Kind 2 größer ist oder mich Kind 1 begleitet. Mit dem V. Oder alleine.

Von der Wüste in den Schnee: Tonto NF – Red Rocks, Pixie NF – Capitol Reef – Rocky Mountains

Immer an den Canyons entlang ging es weiter nach New Mexico, Colorado und Utah, durch grandiose Landschaften, vorbei an bizarren Felsformationen und faszinierenden Farbspielen. Wir hüpften von einem Park zum nächsten und waren immer wieder überwältigt von den Naturschönheiten: National Bridges, Staircase Escalante, Red Rocks Pixie … einer meiner liebsten war: Capitol Reef, wo diese unglaublich schiefen Megafelsen wie gigantische Schiffe gen Himmel brechen.

Wir waren fast jeden Tag draußen in der Natur. Der Kleine kam in die Trage auf den Rücken, und so stromerten wir stundenlang durch die Landschaft. Der Sohn war inzwischen alt genug, die (vielen) Pausen mit Erkundungen zu verbringen: Er fraß sich durch Wüstensand (natürlich), stocherte mit Ästen im Waldboden, hatte zum ersten Mal Schnee in den Händen und ließ sich wie wir auf den Berggipfeln den Wind um die Nase blasen.

Blick aus der Trage | Gipfelbier | Wie wahr!

Meist blieben wir nur ein paar Tage und Nächte an einem Ort, in einem günstigen Motel. Oder wir besuchten Freund/innen und Verwandte. Einmal auch eine flüchtige Twitterbekanntschaft und eine Familie, die wir ein paar Wochen vorher in Panama kennengelernt hatten. Ich habe selten so großzügige & nette Gastfreundschaft erlebt.

Witzigerweise hängen in vielen Motels die gleichen Bilder über den Betten. Vielleicht der Harmonie wegen?

In den USA lässt es sich super mit kleinem Kind reisen, finde ich: Wir hatten nie Probleme, eine Unterkunft zu finden, nie Beschwerden, das Baby sei zu laut (im Unterschied zu Las Palmas /ES, wo die Nachbarn nachts an die Wand hämmerten). Die Spielplatzbegegnungen waren überwiegend nett, die Leute überhaupt sehr freundlich, in Restaurants waren immer Hochstühle vorhanden und das Beste: an (fast) jedem Spielplatz gibt es Toiletten & Grillstellen. Ein echtes Feature!

Alltagsimpressionen: Kochen auf dem Spielplatz & im Kofferraum. Fütterung vor’m Motel

Wir hatten eine tolle Reisezeit erwischt von Ende Februar bis Anfang Mai: Die Wintersaison war vorbei, die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Es war also nicht viel los, die Motels waren fast überall günstig und kaum belegt. Und klimatisch war es super. Ein schöner Abschluss unserer Elternzeitreise.

Nach ca. 6000 Meilen Autofahrten, wenigen Städten, vielen National Parks, wunderschönen Wanderungen, unglaublich beeindruckenden Erlebnissen, netten Begegnungen, kehrten wir wieder nach Deutschland zurück. Nun begann der „heimatliche“ Alltag mit kleinem Kind, an den wir uns erst gewöhnen mussten. Und wie das mit tollen Momenten so ist: Auch sie geraten in Vergessenheit, verblassen langsam vor dem Gewohnten oder Neu-Erlebten. Wir haben Fotos, die uns beim Erinnern helfen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten. Und ich schreibe darum auch ein bisschen davon auf. Zum Teilen & Bewahren.

P.S. 1: Bei blog.zwzora habe ich ein kleines Video gefunden, bei dem ich sofort Sehnsucht bekomme: aus dem Auto heraus gefilmt ein kleiner Einblick in die fantastische Canyonwelt. An vielen Stellen waren wir auch.

P.S. 2: Im Waldo Canyon (Colorado) wütete im Juni 2012 ein Feuer und zerstörte große Teile davon. Tausende Menschen wurden obdachlos. Wir waren dort noch Ende April unterwegs. Traurig.

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Elternzeitreise Post 1: Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra, Slowakei
Elternzeitreise Post 2: Kleiner Alltag in der Ferne

An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen

Vor drei Jahren schlossen wir eine Wette ab. Es ging um Haare. „Fast keine Frau unter 40 trägt kurze Haare“, sagte ich, „es sei denn sie ist links, feministisch oder so“. „Quatsch“, antwortete der Liebste. Wetten?!

Wir setzten uns mit Proviant und Decke ans Ufer des beschaulichen Flüsschens (damals hatten wir – noch kleinkindlos – vielviel Zeit), die Sonne schien, es war die Hölle los und wir ließen Jugendliche, Studierende, Mütter, Väter, Paare, Omas, Opas an uns vorbeiflanieren. Ich freute mich schon. „Da! Da ist eine!“, schallte es ab und zu von rechts. Neeee, die ist Ü40. Neee, den Accessoires nach eindeutig linke Szene. Neee, Ü40. Neee, das ist ja wohl nicht kurz, die Haare gehn bis zur Schulter …

Zwei Stunden später wurde ich zur Wettsiegerin erklärt. Ich hatte ungefähr 100:5 gewonnen.

Vor zwei Wochen meinte der Liebste nach einem Spielplatzbesuch: „Man kann schon bei den ganz Kleinen an den Haaren das Geschlecht erkennen.“ „Quatsch“, sagte ich, „an den Klamotten ja, aber nicht an die Haaren.“ Wetten?!

It doesn’t care …

Dieses Mal machte ich die Beobachtungen auf dem Innenstadtspielplatz alleine. Wieder war die Hölle los, die Sonne schien, es wimmelte nur von Klein(st)kindern. Nach einer Stunde erklärte ich den V. zum Wettsieger: ca. 30:2. Jenseits von rosa-hellblauer Farbkodierung bei den Klamotten, sind tatsächlich schon die Miniwesen entsprechend frisiert. Langes dünnes Kleinkindhaar bei den Mädels, kurzes dünnes Kleinkindhaar bei den Jungs. Und wo die Haarpracht noch nicht ausreicht, werden Spängchen und Zopfgummis ins Haar gefriemelt.

Nix Neues. Nix Weltbewegendes. Und trotzdem: Dieses Bedürfnis nach Schubladen erstaunt mich immer wieder. Who cares? Den Kleinen ist es doch wurschd? Wieso also?

Elternzeit – kleiner Alltag in der Ferne

Ich hatte ja schon lange vor, mir ein Jahr Auszeit zu nehmen. Raus aus dem Alltag, dem Job, der Routine, den vielen Schubladen, dem Gewohnten. Ich wollte reisen, über das Leben sinnieren, Perspektiven suchen, genießen, Fremdes erfahren. Aber es blieb immer bei dem Vorhaben, „ich würde ja gerne …“. Bis sich das kleine Kind ankündigte. Das wars dann wohl, dachte ich, nix mehr mit Auszeit, jetzt geht’s wieder ans Windelwechseln, Nächte überstehen, Baby beruhigen, füttern, das volle 24h-Programm eben im ersten Jahr.

Die anfänglich etwas trübeingefärbte Sichtweise kam auch daher, dass ich mit Kind 1 damals viel alleine war, keinen Reisepartner hatte, es mir nicht vorstellen konnte, so ein Abenteuer alleine zu managen. Das war nun anders. Und so beschlossen wir, zu dritt loszuziehen – Mama, Papa, Kind – und die Elternzeit als Reisezeit zu nutzen.

„Ich bin dann mal weg“, sagte ich dem Chef. „Schön“, erwiderte der. „Aber kommen Sie wieder.“ Eineinhalb Jahre Elternzeit warteten auf mich.

Der kleine F. kam im Frühjahr 2011 zur Welt. Die ersten Wochen verbrachten wir in unserer häuslichen Höhle, ließen ihn erst einmal in Ruhe ankommen, gewöhnten uns an unser Elterndasein. Als er fast 3 Monate alt war, machten wir uns auf die Reise. Zuerst ganz vorsichtig als Versuchsballon quer durch Deutschland, ausprobieren, wie das mit Baby&Reisen so geht.

Es ging gut. Darum wagten wir uns ein Stückchen weiter weg, nach Italien, dann nach Osteuropa, mit unserem alten Bus und rudimentärer Campingausrüstung. Und als es kälter wurde auf dem europäischen Festland, flogen wir auf die Kanaren. Wir besuchten einen Freund, lernten ein kleines bisschen Spanisch, stromerten durch die faszinierenden Vulkanlandschaften und ließen uns von FreundInnen besuchen. Der Kleine lernte dort, sich robbend fortzubewegen und an Stühlen hochzuziehen, er entdeckte seine Leidenschaft für Sand, den er händeweise in sich hineinstopfte, und bekam die ersten Zähne.

Aber wir wollten noch weiter weg. Nach Mittelamerika. Also packten wir die Familienklamotten in einen Koffer, nahmen die Babytrage und einen Buggy mit und flogen über den großen Teich. Tropische Hitze, fremdes Leben, gewaltige Eindrücke. Mit Wandern war es dort nichts, viel zu heiß, stattdessen waren wir immer auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen. Der Kleine testete den pazifischen Sand, bekam noch mehr Zähne, konnte fast jeden Tag nackt sein und perfektionierte das Krabbeln.

Nach 6 Wochen hatten wir genug und flogen zur Abkühlung in die USA – wo wir sowieso hinwollten zum Abschluss des Reisejahres. Hier konnten wir uns auch wieder bewegen, wir erkundeten viele viele Nationalparks, feierten den 1. Geburtstag von F., trafen einen flötenden Hobbit & gastfreundliche Menschen und legten 1000e Meilen zurück. Das Kind fuhr in gigantisch großen Einkaufswagen durch gigantisch große Supermärkte, testete Wüstensand in Arizona und Schnee in den Rocky Mountains und ließ sich in der Rückentrage durch die Natur schaukeln.

Alltag in der Ferne

Unseren kleinen Alltag nahmen wir natürlich überall hin mit, egal wo wir gerade waren: wickeln, füttern, Nächte durchwachen, Essen kochen, Fingernägel schneiden, Wäsche waschen, Baby bespaßen, all das hatten wir auch in der Ferne. Manches war deutlich komplizierter als zu Hause, babykompatibles Essen zu organisieren zum Beispiel. Oder besser gesagt: Essen, das wir für kompatibel hielten. Wir warfen zugegebenerweise nach und nach die guten Ratschläge unserer Hebammen über Bord, weil z. B. teilweise einfach kein Babyfood ohne Salz&Gewürze&Zucker aufzutreiben war und wir nicht immer die Gelegenheit hatten, selbst zu kochen. Das Klamottenthema war ebenso ein wenig kompliziert, wir hatten ja nur sehr wenig mit. War ein Set außerplanmäßig dreckig, vollgespuckt, verschi…en, wurde es schnell eng. Dann hieß es: per Hand waschen oder einen Waschsalon suchen. Unseren Kram zusammenzuhalten, war eine tägliche Herausforderung, die uns nur mäßig gut gelang. Wir haben x-Sachen vergessen und verloren. Mal war eine Milchflasche weg, mal die Babyjacke, mal ein Body, mal ein Schnuller. Ersatz zu beschaffen, war nicht immer einfach.

Wir waren in dem Jahr fast Tag und Nacht zusammen. So was wie Privatssphäre gab es kaum noch, auf engem Raum bekommt man nahezu alles voneinander mit, kann man sich kaum ausweichen. Gegenseitiges Annerven und Diskussionen um Kleinigkeiten („zieh‘ ihm mal noch die Jacke an, es ist kühl heute“ – „neee, ich finds viel zu warm“ – „…“) gehörten auch zum Alltag. Und klar: Oma, Opa, Familie, Freund/innen waren weit weg. Das war manchmal schade.

Aber trotz der Routinen, die sich auch auf Reisen herausbilden, war der Alltag spannend: immer wieder neue Orte, neue Leute, neue Eindrücke. Ich habe es kein einziges Mal, nicht eine einzige Sekunde bereut, dass wir uns diesen Luxus gegönnt und uns die Zeit füreinander genommen haben. Der Kleine hat zu uns beiden eine sehr enge Beziehung aufgebaut, wir haben gelernt, das Alltägliche zu teilen und wir wissen beide, wie schön&anstrengend der 24h-Alltag mit Baby ist. Wir haben unglaublich viel gesehen und erlebt und: wir hatten fast ein Jahr lang Frühling bzw. Sommer. Die Regentage können wir an zwei Händen abzählen. Das war natürlich grandios.  Der Kleine war viel nackt, wir waren fast den ganzen Tag draußen. „Der F. kann nun sicher die Kontinente am Geschmack erkennen“, mailte uns eine Freundin zu. Das glaube ich auch, so viel Sand, wie er gefuttert hat.

Nun ist die Reisezeit vorbei, der heimatliche Alltag hat uns längst wieder. In wenigen Wochen endet auch die Elternzeit, dann kehre ich tatsächlich ins Büro zurück. Was ich vor 2 Jahren noch für ziemlich ausgeschlossen hielt, habe ich nun hinter mir: die Auszeit. Mit Baby. Ohne das Kind hätte ich mir die Freiheit womöglich nicht genommen.

P.S.: Es war ein sehr eindrückliches&spannendes Jahr, das ich nicht nur in einen Artikel quetschen möchte. Über Wandern mit Baby in der Hohen Tatra habe ich kürzlich schon geschrieben – demnächst folgt ein Bericht zum (kinderfreundlichen) Reiseland USA.

Zeit abheben.

Gemeinsame Zeit ist auch schön

Seit der Geburt unseres Sohnes vor 1 1/2 Jahren teilen der V. und ich ja vieles: Wohnung, Geld, Müllruntertragen, Einkaufen, Wickeln, Nachtwachen etc. Vielleicht am Einschneidensten ist aber- so kommt es mir zumindest bisweilen vor – das Teilen von Zeit. Wir haben nicht nur ein gemeinsames Bankkonto, sondern virtuell auch ein gemeinsames Zeitkonto. Nimmt eine/r was runter, ist weniger für den anderen drauf. Weiterlesen „Zeit abheben.“

Das Beste für das Kind

Es gibt ein paar Sätze, die bringen mich innerlich recht schnell zu kochen. „Das haben wir schon immer so gemacht“, ist z. B. einer davon und „das klappt doch sowieso nicht“, ein anderer. Beide begegnen mir bevorzugt im Job, wo Vorschläge gerne mal mit Verweis auf die trägen Strukturen abgeschmettert werden. Aktuell ist mein Favorit aber dieser:  „Es ist das Beste für das Kind“, gefolgt von einem „wenn“: Wenn es jetzt mal nach Hause und ins Bett kommt. Weiterlesen „Das Beste für das Kind“