Wenn ein Vater in Elternzeit ein Buch schreibt …

Wenn Väter Bücher über ihre beeindruckenden Erfahrungen während (der meist maximal 2-monatigen) Elternzeit schreiben, stelle ich mir das immer so vor:

Vater in ElternzeitVater in Elternzeit2Vater in Elternzeit3Vater in Elternzeit4

 

(P.S.: Der Vater von Kind2 war übrigens 12 Monate in Elternzeit. Wir machen das 50:50 Modell. Vermutlich wird es nie ein Buch darüber geben.)

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Da geht sie hin auf Reisen

Unsere Babytrage geht auf Reisen. Mal wieder. Nur dieses Mal ohne uns.

Seit Kind 2 so ungefähr vier Monate alt war, hat sie uns täglich begleitet. Überall hin. Auf unsere Elternzeittour quer durch die Lande, in die Hohe Tatra, die Kanaren, Panama und USA. Sie war immer im Einsatz. Wenn der Kleine müde war. Wenn er quakig war. Wenn er nicht schlafen konnte. Wenn wir auf die Berge hoch und in die Schluchten runter wanderten. Wenn wir durch ein Städtchen flanierten. Immer hing er wie ein kleines Äffchen vorne an unseren Bäuchen und Rücken. Stundenlang. Jeden Tag. Wir haben in den ersten 14 Monaten kaum einmal den Kinderwagen benutzt. Und das nicht nur, weil uns unsere tollen Hebammen eingeimpft hatten: „Babys sind Säuglinge und TRAGlinge“, sondern weil es einfach praktisch war. Barrierefrei sozusagen.

Am Anfang war sie knallrot. Nach 12 Monaten Dauereinsatz von der Sonne ausgebleicht. Fleckig. Hier und da der Stoff leicht angeschlagen. Aber funktional, noch immer.

Seit fast einem halben Jahr hängt sie nur noch an der Garderobe. Kind 2 kann laufen. Es liebt seine Bewegungsfreiheit und findet das Flunderdasein auf den Elternrücken nicht mehr ganz so prickelnd. Zum Wandern hat die Kraxe die Trage längst abgelöst (auch wenn es gefühlt viel schwerer ist, ihn darin zu tragen, meine Güte. Wie eine Tonne. Vom Gleichgewicht halten, wenn er hin- und herschaukelt, ganz zu schweigen).

Jetzt geht sie also auf Reisen, einmal quer durchs Land, damit das frischgeschlüpftes Baby meiner Freundin sich darin an den MamaPapaTanten-Bauch kuscheln kann. Und mit ihnen vielleicht sogar auf Elternzeitreise geht. Ein kleiner Abschied. Von der Zeit, als der Kleine noch ein Tragling war. Und wir mit ihm durch die Lande tingelten. Achja. Bin ein mini-bisschen wehmütig …

National-Park-Hopping. Von einer Schönheit zur nächsten

Als wir im Februar aus der tropischen Hitze Mittelamerikas in Kalifornien ankamen, atmete ich erst einmal tief durch. Kühle Luft, fantastisch! Endlich wieder bewegen, ohne dass der Schweiß überall herunterläuft und die Sonne die Glieder schwer werden lässt.

L.A. – groß. Viele Palmen. Riesige Supermärkte. Nach unserem Leben auf dem Lande in Panama mit überwiegend Linsen, Reis, Bananen und Bier, waren wir etwas geplättet von dem Megaangebot. 113 verschiedene Sorten Cornflakes, hochglanzpoliertes Obst, gigantische Einkaufswagen. Wehe, man vergisst etwas und muss zurücklaufen: bei den Dimensionen artet das in Sport aus. Das Überangebot schlug sich ziemlich schnell nieder: Trotz „guilt-free Snacking“ & etlichen Wanderungen nahmen wir alle miteinander deutlich zu.

guilt-free Snacking. Na dann! | Wir sind immer ein Carpool | Einkaufserlebnis

Nach einer kurzen Runde durch Hollywood rüsteten wir uns für die Weiterreise. Mietwagen, Gaskocher, Jahreskarte für die National Parks, Espressomaschine und ein warmer Pullover, damit hatten wir die wichtigsten Dinge beisammen. Wir fuhren zunächst die legendäre 1 gen Norden, machten ein paar Tage Halt in Monterey und besuchten das bezaubernde Pinnacles National Monument. Bei San Francisco versuchte ich das erste und einzige Mal, mit Öffis und zu Fuß einen Park zu erreichen. Nach 4 Stunden trennte mich nur noch ein 6-spuriger Highway vom Spielplatz – und ich gab auf. Ok. Autokultur, ich habs kapiert. Ab da nur noch mit dem Wagen. Der kleine F. musste sich wohl oder übel daran gewöhnen. Und als „Carpool“ – einem mit mind. 2 Personen besetzten Wagen – hatten wir meistens Vorfahrt auf der Überholspur.

Außer in den National Parks. Da ließen wir die Karre auf irgendeinem Parkplatz stehen und gingen zu Fuß. Stundenlang. Zunächst ein paar kleinere Runden durch den Sequoia NPark und den Angeles NForest, allerdings waren hier viele Straßen noch gesperrt, es lag Schnee & war etwas zu kalt für unsere spärliche Garderobe.  Als dann auch noch ein fetter Sturm angekündigt wurde, fuhren wir ein paar Kilometer weiter, in die Wüste. Und von dort Richtung Osten nach Arizona. Auch in die Wüste. Wir wanderten zwischen meterhohen Kakteen im Tonto National Forest umher, durchstreiften bei Prescott die Wälder und warfen einen Blick in den Grand Canyon. Bilder hatte ich davon schon gesehen, aber auf dieses gigantomanische Naturmonument war ich nicht vorbereitet. Mir lief es kalt den Rücken herunter: gespaltene Erde, bis zu 1800 m geht’s in die Tiefe, skurille Felsformationen, wohin man schaut. Da will ich runter. Irgendwann einmal, wenn Kind 2 größer ist oder mich Kind 1 begleitet. Mit dem V. Oder alleine.

Von der Wüste in den Schnee: Tonto NF – Red Rocks, Pixie NF – Capitol Reef – Rocky Mountains

Immer an den Canyons entlang ging es weiter nach New Mexico, Colorado und Utah, durch grandiose Landschaften, vorbei an bizarren Felsformationen und faszinierenden Farbspielen. Wir hüpften von einem Park zum nächsten und waren immer wieder überwältigt von den Naturschönheiten: National Bridges, Staircase Escalante, Red Rocks Pixie … einer meiner liebsten war: Capitol Reef, wo diese unglaublich schiefen Megafelsen wie gigantische Schiffe gen Himmel brechen.

Wir waren fast jeden Tag draußen in der Natur. Der Kleine kam in die Trage auf den Rücken, und so stromerten wir stundenlang durch die Landschaft. Der Sohn war inzwischen alt genug, die (vielen) Pausen mit Erkundungen zu verbringen: Er fraß sich durch Wüstensand (natürlich), stocherte mit Ästen im Waldboden, hatte zum ersten Mal Schnee in den Händen und ließ sich wie wir auf den Berggipfeln den Wind um die Nase blasen.

Blick aus der Trage | Gipfelbier | Wie wahr!

Meist blieben wir nur ein paar Tage und Nächte an einem Ort, in einem günstigen Motel. Oder wir besuchten Freund/innen und Verwandte. Einmal auch eine flüchtige Twitterbekanntschaft und eine Familie, die wir ein paar Wochen vorher in Panama kennengelernt hatten. Ich habe selten so großzügige & nette Gastfreundschaft erlebt.

Witzigerweise hängen in vielen Motels die gleichen Bilder über den Betten. Vielleicht der Harmonie wegen?

In den USA lässt es sich super mit kleinem Kind reisen, finde ich: Wir hatten nie Probleme, eine Unterkunft zu finden, nie Beschwerden, das Baby sei zu laut (im Unterschied zu Las Palmas /ES, wo die Nachbarn nachts an die Wand hämmerten). Die Spielplatzbegegnungen waren überwiegend nett, die Leute überhaupt sehr freundlich, in Restaurants waren immer Hochstühle vorhanden und das Beste: an (fast) jedem Spielplatz gibt es Toiletten & Grillstellen. Ein echtes Feature!

Alltagsimpressionen: Kochen auf dem Spielplatz & im Kofferraum. Fütterung vor’m Motel

Wir hatten eine tolle Reisezeit erwischt von Ende Februar bis Anfang Mai: Die Wintersaison war vorbei, die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Es war also nicht viel los, die Motels waren fast überall günstig und kaum belegt. Und klimatisch war es super. Ein schöner Abschluss unserer Elternzeitreise.

Nach ca. 6000 Meilen Autofahrten, wenigen Städten, vielen National Parks, wunderschönen Wanderungen, unglaublich beeindruckenden Erlebnissen, netten Begegnungen, kehrten wir wieder nach Deutschland zurück. Nun begann der „heimatliche“ Alltag mit kleinem Kind, an den wir uns erst gewöhnen mussten. Und wie das mit tollen Momenten so ist: Auch sie geraten in Vergessenheit, verblassen langsam vor dem Gewohnten oder Neu-Erlebten. Wir haben Fotos, die uns beim Erinnern helfen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten. Und ich schreibe darum auch ein bisschen davon auf. Zum Teilen & Bewahren.

P.S. 1: Bei blog.zwzora habe ich ein kleines Video gefunden, bei dem ich sofort Sehnsucht bekomme: aus dem Auto heraus gefilmt ein kleiner Einblick in die fantastische Canyonwelt. An vielen Stellen waren wir auch.

P.S. 2: Im Waldo Canyon (Colorado) wütete im Juni 2012 ein Feuer und zerstörte große Teile davon. Tausende Menschen wurden obdachlos. Wir waren dort noch Ende April unterwegs. Traurig.

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Elternzeitreise Post 1: Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra, Slowakei
Elternzeitreise Post 2: Kleiner Alltag in der Ferne

Elternzeit – kleiner Alltag in der Ferne

Ich hatte ja schon lange vor, mir ein Jahr Auszeit zu nehmen. Raus aus dem Alltag, dem Job, der Routine, den vielen Schubladen, dem Gewohnten. Ich wollte reisen, über das Leben sinnieren, Perspektiven suchen, genießen, Fremdes erfahren. Aber es blieb immer bei dem Vorhaben, „ich würde ja gerne …“. Bis sich das kleine Kind ankündigte. Das wars dann wohl, dachte ich, nix mehr mit Auszeit, jetzt geht’s wieder ans Windelwechseln, Nächte überstehen, Baby beruhigen, füttern, das volle 24h-Programm eben im ersten Jahr.

Die anfänglich etwas trübeingefärbte Sichtweise kam auch daher, dass ich mit Kind 1 damals viel alleine war, keinen Reisepartner hatte, es mir nicht vorstellen konnte, so ein Abenteuer alleine zu managen. Das war nun anders. Und so beschlossen wir, zu dritt loszuziehen – Mama, Papa, Kind – und die Elternzeit als Reisezeit zu nutzen.

„Ich bin dann mal weg“, sagte ich dem Chef. „Schön“, erwiderte der. „Aber kommen Sie wieder.“ Eineinhalb Jahre Elternzeit warteten auf mich.

Der kleine F. kam im Frühjahr 2011 zur Welt. Die ersten Wochen verbrachten wir in unserer häuslichen Höhle, ließen ihn erst einmal in Ruhe ankommen, gewöhnten uns an unser Elterndasein. Als er fast 3 Monate alt war, machten wir uns auf die Reise. Zuerst ganz vorsichtig als Versuchsballon quer durch Deutschland, ausprobieren, wie das mit Baby&Reisen so geht.

Es ging gut. Darum wagten wir uns ein Stückchen weiter weg, nach Italien, dann nach Osteuropa, mit unserem alten Bus und rudimentärer Campingausrüstung. Und als es kälter wurde auf dem europäischen Festland, flogen wir auf die Kanaren. Wir besuchten einen Freund, lernten ein kleines bisschen Spanisch, stromerten durch die faszinierenden Vulkanlandschaften und ließen uns von FreundInnen besuchen. Der Kleine lernte dort, sich robbend fortzubewegen und an Stühlen hochzuziehen, er entdeckte seine Leidenschaft für Sand, den er händeweise in sich hineinstopfte, und bekam die ersten Zähne.

Aber wir wollten noch weiter weg. Nach Mittelamerika. Also packten wir die Familienklamotten in einen Koffer, nahmen die Babytrage und einen Buggy mit und flogen über den großen Teich. Tropische Hitze, fremdes Leben, gewaltige Eindrücke. Mit Wandern war es dort nichts, viel zu heiß, stattdessen waren wir immer auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen. Der Kleine testete den pazifischen Sand, bekam noch mehr Zähne, konnte fast jeden Tag nackt sein und perfektionierte das Krabbeln.

Nach 6 Wochen hatten wir genug und flogen zur Abkühlung in die USA – wo wir sowieso hinwollten zum Abschluss des Reisejahres. Hier konnten wir uns auch wieder bewegen, wir erkundeten viele viele Nationalparks, feierten den 1. Geburtstag von F., trafen einen flötenden Hobbit & gastfreundliche Menschen und legten 1000e Meilen zurück. Das Kind fuhr in gigantisch großen Einkaufswagen durch gigantisch große Supermärkte, testete Wüstensand in Arizona und Schnee in den Rocky Mountains und ließ sich in der Rückentrage durch die Natur schaukeln.

Alltag in der Ferne

Unseren kleinen Alltag nahmen wir natürlich überall hin mit, egal wo wir gerade waren: wickeln, füttern, Nächte durchwachen, Essen kochen, Fingernägel schneiden, Wäsche waschen, Baby bespaßen, all das hatten wir auch in der Ferne. Manches war deutlich komplizierter als zu Hause, babykompatibles Essen zu organisieren zum Beispiel. Oder besser gesagt: Essen, das wir für kompatibel hielten. Wir warfen zugegebenerweise nach und nach die guten Ratschläge unserer Hebammen über Bord, weil z. B. teilweise einfach kein Babyfood ohne Salz&Gewürze&Zucker aufzutreiben war und wir nicht immer die Gelegenheit hatten, selbst zu kochen. Das Klamottenthema war ebenso ein wenig kompliziert, wir hatten ja nur sehr wenig mit. War ein Set außerplanmäßig dreckig, vollgespuckt, verschi…en, wurde es schnell eng. Dann hieß es: per Hand waschen oder einen Waschsalon suchen. Unseren Kram zusammenzuhalten, war eine tägliche Herausforderung, die uns nur mäßig gut gelang. Wir haben x-Sachen vergessen und verloren. Mal war eine Milchflasche weg, mal die Babyjacke, mal ein Body, mal ein Schnuller. Ersatz zu beschaffen, war nicht immer einfach.

Wir waren in dem Jahr fast Tag und Nacht zusammen. So was wie Privatssphäre gab es kaum noch, auf engem Raum bekommt man nahezu alles voneinander mit, kann man sich kaum ausweichen. Gegenseitiges Annerven und Diskussionen um Kleinigkeiten („zieh‘ ihm mal noch die Jacke an, es ist kühl heute“ – „neee, ich finds viel zu warm“ – „…“) gehörten auch zum Alltag. Und klar: Oma, Opa, Familie, Freund/innen waren weit weg. Das war manchmal schade.

Aber trotz der Routinen, die sich auch auf Reisen herausbilden, war der Alltag spannend: immer wieder neue Orte, neue Leute, neue Eindrücke. Ich habe es kein einziges Mal, nicht eine einzige Sekunde bereut, dass wir uns diesen Luxus gegönnt und uns die Zeit füreinander genommen haben. Der Kleine hat zu uns beiden eine sehr enge Beziehung aufgebaut, wir haben gelernt, das Alltägliche zu teilen und wir wissen beide, wie schön&anstrengend der 24h-Alltag mit Baby ist. Wir haben unglaublich viel gesehen und erlebt und: wir hatten fast ein Jahr lang Frühling bzw. Sommer. Die Regentage können wir an zwei Händen abzählen. Das war natürlich grandios.  Der Kleine war viel nackt, wir waren fast den ganzen Tag draußen. „Der F. kann nun sicher die Kontinente am Geschmack erkennen“, mailte uns eine Freundin zu. Das glaube ich auch, so viel Sand, wie er gefuttert hat.

Nun ist die Reisezeit vorbei, der heimatliche Alltag hat uns längst wieder. In wenigen Wochen endet auch die Elternzeit, dann kehre ich tatsächlich ins Büro zurück. Was ich vor 2 Jahren noch für ziemlich ausgeschlossen hielt, habe ich nun hinter mir: die Auszeit. Mit Baby. Ohne das Kind hätte ich mir die Freiheit womöglich nicht genommen.

P.S.: Es war ein sehr eindrückliches&spannendes Jahr, das ich nicht nur in einen Artikel quetschen möchte. Über Wandern mit Baby in der Hohen Tatra habe ich kürzlich schon geschrieben – demnächst folgt ein Bericht zum (kinderfreundlichen) Reiseland USA.

Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra

Zipfelmütze vor Bergzipfel in der Hohen Tatra

In der Hohen Tatra / Slowakei sind wir zufällig gelandet, auf unserer Elternzeittour im letzten Jahr. Wir waren in Polen unterwegs und hatten nach einigem Städtekucken Lust auf Land und Natur. Ein Freund empfahl uns, über die Grenze zu fahren und so tuckerten wir auf die slowakische Seite, mieteten eine Ferienwohnung und schauten von der Ferne auf die schroffen Gipfel der Tatra. Auf das „kleinste Hochgebirge der Welt“, wie sie gerne genannt wird. Dort wollten wir hin, am besten ganz hoch.

Wir waren anfangs skeptisch – ganztägige Wandertouren, geht das überhaupt mit kleinem Baby? Sind über 2000 m nicht zu hoch für das Kind und schaffen wir das mit unserer Kondition? Meine jedenfalls war nach Schwangerschaft, noch währender Stillzeit und viel viel SchokoladenKuchenEis in den letzten Monaten eher dürftig. Und so fingen wir erst mal langsam an mit einer kleinen Tour auf ausgetretenen Wegen inmitten vieler Sonntagsausflügler bis zur Seilbahnstation Skalnate Pleso und fuhren von dort wieder runter. Sehr schön bereits, wunderbare Ausblicke.

Aber ein bisschen mehr Herausforderung durfte es dann doch sein. Wir fragten unsere Vermieterin und bekamen haufenweise Empfehlungen. Mit Baby? Kein Problem. Nicht schwindelfrei (ich)? Kein Problem. Und so machten wir uns an den nächsten Tagen jeweils in aller Frühe auf, bepackt mit Kind in der Manduca und tonnenweise Picknick, fuhren mit Bus oder Tatrabahn (die einmal unten langfährt) zu unseren Ausgangspunkten und stiefelten los. Jedes Mal ein bisschen weiter. Jedes Mal ein bisschen höher. Jedes Mal ein bisschen einsamer. Denn wie fast überall dünnt es sich doch merklich aus, je weiter man sich von Seilbahnen, Parkplätzen und sonstigen Infrastrukturen entfernt.

Die Wege führen anfangs immer durch ein Waldgebiet, das durch einen Orkan 2004 schwer beschädigt wurde. Die Schneise der Zerstörung ist noch gut zu sehen, die Hälfte der Bäume stürzte um. Über 1600 m finden sich nur noch vereinzelt Bäume, dafür kniehohe Zwergkiefern, Wacholder, Gräser, Blumen, Flechten. Die Wanderpfade sind super ausgeschildert & angelegt, aber steil, sehr steil. Oft felsig, steinig, voller Geröll. An manchen Stellen gibt es Ketten zum Festhalten und Hochklettern, denn sobald es etwas feucht oder eisig wird, verwandelt sich das Ganze in eine Rutschpartie. Ganz sicher nichts für ältere Leute, dachte ich so, bis wir links und rechts von slowakischen und polnischen Wander/innen überholt wurde: Dicke, Dünne, Alte, Junge. Leute, denen ich arroganterweise nach Augenschein allenfalls eine Lifttour plus Sahnetorte im Ausflugslokal zugetraut hätte – sie kletterten wie die Bergziegen die steilen, felsigen Wege hoch. Unsere Vermieterin war wohl auch eine von der Sorte, denn von wegen kein Problem, wenn nicht schwindelfrei: Für mich zumindest war es eines. Bei 2-3 Stellen habe ich gestreikt, weil sich mein innerer Esel auf stur stellte und keinen Schritt weiter über die unabgesicherte Geröllpiste laufen oder über den steilen Pass klettern wollte. Ein falscher Schritt – und tschüss. Zumindest kam es mir so vor. Und dann war da ja auch noch das Baby …

Das Baby klemmt wie ein Äffchen hinten dran

Ja, das Baby. Wir konnten unsere anfänglichen Bedenken doch recht bald über Bord werfen. Das klappte insgesamt sehr gut. Das Kleine saß mit seinen 6 Monaten meist sehr zufrieden in der Trage, an meinen oder V.s Rücken geklemmt wie ein kleines Äffchen. Oft hat es geschlaften oder in die Gegend geschaut oder vor sich hingebrabbelt. Es hat sich über die vielen Dobrý deň (Guten Tag) und Ahoj! (Hallo) gefreut – und wir natürlich auch. Wir hatten schon von vornerein viele Pausen eingeplant – trotzdem war das Timing nicht immer ganz einfach: Wenn das Baby direkt vor dem Pass mitten im Nirgendwo keine Lust mehr auf die Trage oder Hunger hatte und wir zwischen Geröll am Wegesrand rasten mussten. Wenn wir uns in der Zeit verschätzten und nur mit Mühe noch vor Sonnenuntergang wieder unten ankamen.

Oft haben wir Pausen gemacht. Zum Stillen, auf Bergwiesen herumliegen und Grashalme berühren. Um die grandiose Landschaft zu genießen, den Blick ins Land schweifen zu lassen, an einem blauenblauenblauen Bergsee zu verweilen. Um zurückzublicken auf das bereits Geschaffte und um Herz & Atem ein wenig zu beruhigen. Um auf dem Gipfel ein bisschen stolz zu sein. Oder in einer der Berghütten, wo wir erschöpft süßen leckeren Tee in uns hineinschütteten und Schokolade und Pirogen aßen.

Das Schöne an der Hohen Tatra ist, dass es nur an den Außenhängen einige Lifte und Straßen gibt. Der größte Teil ist geschützter Nationalpark. Es ist still, es ist Natur pur, es ist wunderschön. Viele Gipfel dürfen nur mit Bergführer/innen erklommen werden, Querfeldeinlaufen ist nicht erlaubt und von November bis Mitte Juni sind die meisten Wege komplett gesperrt. Die Wanderhütten werden zu Fuß von Sherpas beliefert – anscheinend die letzten in Europa. Von Frauen und Männern, die tonnenweise Wasser, Bier, Schokolade, Gasflaschen, Klopapier, Souvenirs und tausend Dinge mehr auf die Wanderhütten schleppen. Pro Gang bis zu 100 kg Lasten auf bis zu 2250 m hoch. Von den Versorgungsstationen sind das über 700 Höhenmeter. Und das teilweise mehrmals am Tag. Wir hatten schon Schwierigkeiten, uns selbst, das Baby und unser Picknick hochzuschleifen. Es gibt Sherpas, die setzen so ein Kind einfach noch ganz oben drauf:

Die Sherpas schleppen alles: 80l Wasser, Rucksäcke, Essen, Kinder ….

Nach zwei Wochen verließen wir die Slowakei und fuhren in strömendem Dauerregen nach Deutschland zurück. Ein bisschen beseelt, sehr beeindruckt. Das verzückte Gefühl hält bis heute an, denke ich an die Tatra zurück. Wir hatten vermutlich großes Glück, dass wir die sie so kennenlernen durften. Es waren nicht mehr viele Leute unterwegs, es gab noch keinen Schnee, es war trocken – ein perfekter indian summer, Sonnenschein, bunter Herbst. Die Tatra hat bei uns die Begeisterung für Berge geweckt und Maßstäbe gesetzt: „tatraesk“ ist seither unsere Auszeichnung für besonders schöne, einmalige, beeindruckende, gebirgige Wanderwelten.

… ich räum dann mal später auf

mal einfach langsam machen
es geht auch mit Gemütlichkeit

Ich habe etwas für mich Wesentliches in der Elternzeit gelernt – bzw. versuche es zu lernen –  und zwar mich in freien Stunden einigermaßen streng an den Grundsatz zu halten: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit! Denn andersrum bleibt meist nur das Letztere. „Freie Stunden“ bedeuten: Zeit alleine, ohne das kleine Kind, ohne Termine, ohne Erwerbsarbeit. Es hat ein ganzes Weilchen gedauert, bis ich den Dreh raus hatte: Erst auf dem Sofa rumgammeln, Freund/innen anrufen, Internet lesen und sonstige spaßige Dinge tun und dann danach, wenn Zeit bleibt, das häusliche Chaos lichten.

Zunächst lief das nämlich eher so: Kind F. ist aus dem Haus, in Krabbelgruppe (neuerdings) oder mit dem Papa unterwegs und ich verfiel in blinden Aktionismus. Die Wohnung sah aus wie Sau, also Wäsche waschen, spülen, saugen, aufräumen etc. War die Arbeit halbwegs getan, ließ ich mich aufs Sofa fallen. Tee & Krimi, hach wie schön, doch schon kurz darauf zeriss ein „Haaaalllooho, wir sind wieder daha!“ die gemütliche Stille. Nach kurzer Zeit war der Urzustand wiederhergestellt und ich hatte das deutliche Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmte.

Den Dreh zu kriegen, war dennoch nicht leicht, zu tief verwurzelt war (und ist) der Zwang, ständig produktiv zu sein, irgendwas zu tun, die freie und immer zu kurze Zeit optimal zu nutzen: Hausarbeit, über berufliche Perspektiven grübeln oder wenigstens endlich mal wieder kreativ zu sein. Also versuchte ich den Spieß umzudrehn, planmäßig nichts Reproduktives zu tun und zu lernen, dass die Welt von ein bisschen mehr Chaos&Dreck zu Hause auch nicht untergeht. Zumindest temporär nicht.

Und dann stieß ich etwas unverhofft noch auf ein zweites Problem: So lange ich das Kind durch die Gegend schiebe, mich auf dem Spielplatz langweile oder sonstwie beschäftigt bin, hab‘ ich einen dicken Hummelschwarm in Kopf. Gedanken surren hin und her, super Ideen im Gepäck, was ich alles machen könnte, hätte ich die Zeit dazu. Ist es dann so weit, dämmern die kleinen Viecher vor sich hin, verfallen in die Winterstarre. Apathie. Nix im Hirn. Keine Lust auf irgendwas. Das gibt es doch nicht. Stattdessen raunt das blöde Gewissen: Vielleicht doch die Fenster putzen?

Stück für Stück versuchte ich, dem Vergnügen Vorrang zu geben, lange Weile zuzulassen (auch wenn es mir vor mir selbst sehr peinlich ist, dass diese mich heimsucht), mich seit Ewigkeiten wieder in den Krimirausch zu begeben, manchmal einfach nichts zu tun, dem Müßiggang zu frönen.

Nun schaut ab und an die Muse auf ein Küsschen vorbei und ich lade sie zum Verweilen ein. Und bitte sie, doch auch vorbeizukommen, wenn sehr bald schon die Luxuszeiten enden und der Job mit Alltag wieder beginnt.

Schmatz.

P.S.: Als dumpfes Unbehagen schwirrte mir das Thema schon lange im Kopf herum. Etwas systematischer habe ich mich bei der Lektüre von Dorothee Markerts Buch „Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe“ damit beschäftigt. Sie klamüsert auseinander, wie sehr uns die pietistische „Schaffen schaffen Häusle bauen“-Mentalität, in der Müßiggang  keinen Platz findet, heute noch beeinflusst. Eine Besprechung findet sich bei Antje Schrupp.

P.S.II: Ich möchte noch auf einen Artikel bei glücklich scheitern hinweisen, die sich gerade auch eine Auszeit nimmt und sich einfach mal „treiben lassenmöchte.