Weltbeste DJs für Eltern gesucht

Uncooler geht’s nicht: Wir sind pünktlich. Stehen um Schlag 23 Uhr vor der Tür zum Tanzschuppen, ein bisschen schwankend vor Müdigkeit und zittrig vom Schwarztee, aber wild entschlossen, es krachen zu lassen. Es ist dunkel. Und die Tür ist zu. Mhhh, wohl doch zu früh, so Clubabende gehen ja inzwischen erst sauspät los in unserem großstädtischen Dörfchen, also drehen wir noch eine Runde um den Block. Rüttel: zu. Noch eine Runde. Es ist kalt, festfrieren ist auch keine Lösung. Aus dem Café auf der Rückseite schauen uns zwei Typen beim Rundedrehen zu. Der komischen Tante mit Strickmütze auf’m Kopp und dem komischen Typen mit wirrem Haar. Haben die einen Knall?

Wir wechseln zwischendurch mal die Richtung, damit wir keinen Drehwurm kriegen, und verwerfen die Idee, noch ein Bierchen in der vollgestopften Kneipe nebenan zu trinken. Geht sicher gleich los, noch einmal rütteln an der Türe, an der ein fettes Plakat Party ab 11 verspricht. Wieso eigentlich so spät? Haben die alle keine kleinen Schreihälse, die sie morgens aus dem Bett scheuchen? Vermutlich nicht.

Nach einer Stunde (!) Abendspaziergang, dem teuersten, den ich je gemacht habe (den Babysitter freuts), fängt uns ein Freund ab und führt uns … äh. Ja. IN das Café. Zum geheimen Eingang in die Gruft. Vorbei an den beiden Typen, die den Eintritt abkassieren und sich eine leicht spöttische Bemerkung nicht verkneifen können: „Äh, ihr seid schon ein paarmal vorbeigelaufen, gell … wollten euch schon fragen, ob ihr was sucht.“ Witzisch. Witzisch.

Wobei, wären wir ne Stunde früher da gewesen, hätte es auch nix gebracht, es ist schlicht noch nichts los. Ein halbes Dutzend Leutchen steht am Rand herum, Bierflaschen in der Hand, die Musik dröhnt und es ist so kalt im Keller, dass ich meine uncoole Fleecejacke leider nicht ausziehen kann. Erst langsam kommt die Party in Schwung, ein bisschen tanzen, schließlich sind wir fest entschlossen, es krachen zu lassen, auch wenn der DJ es nun wirklich nicht druff hat und nach jedem Stück den Tanzeifer in den Keller sacken lässt. Rumstehen, warten, neuer Beat ….

Gegen 2, als wir bereits wieder nach Hause wanken, kommen die Leute. 4 einhalb Stunden später meint ein Kind, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Irgendwie ist das nicht kompatibel: Partyanfangszeiten, unausgeschlafene Eltern und ein kleiner Brummkreisel. Ich glaub, ich mache hier mal einen Laden auf: Tanzen ab 20 Uhr mit den besten DJs der Welt. Für Eltern, exklusiv.

Wuchtbrummenparty. Bernadette La Hengst & El La Wanja

Fast hätte es mit dem Ausgehen nicht geklappt. Dem ersten gemeinsamen seit 20 Monaten. Weil das Mama-♥ ins Flattern kam. Sind wir eigentlich verrückt geworden? Lassen das Kind das erste Mal in fremden Händen und verschwinden in einen Keller ohne Handyempfang? Wie soll das gehen? All 10 Minuten an die Luft um SMS zu checken? Was, wenn der Kleine aufwacht, sich nicht beruhigen lässt? Und überhaupt, wir können ja mal ums Eck gemütlich essen gehen, so als Pilotprojekt, muss ja nicht gleich ein Konzert sein, ich kenn die eh nicht. Bernadette La Hengst. Ich bleibe zuhause, sage ich den Nachbarn. Nee, sagen die. Geht ihr mal schön, wir kriegen das hin, das ist doch kein Problem.

Mhh, meint ihr, echt, na dann, ok! Nix wie los. Schnell Babyphon rüberbringen, Fläschchen präparieren. Und in letzter Sekunde noch daran denken, den Wohnungsschlüssel abzugeben, uff, das war knapp.

Und dann radeln wir zusammen durch die eiskalte Nacht, schreiten die Stufen ins Kellergewölbe hinab. Dicke Mauern, Rauchschwaden, kein Signal. Doch … halt, direkt neben der Bühne ist ein lauschiges Eckchen, hier gibt es einen Strich Empfang, also quetschen wir leicht nervösen Eltern uns auf das Kunstlederbänkchen und schlürfen an unserem Bier. Prima Aussicht, hier lassen wir uns gediegen nieder.

Bernadette La Hengst & El La Wanja

Kurz nach 10 kommen Bernadette & Wanja auf die Bühne. Ich: innerlich auf einen Liedermacherinnenabend eingestellt, ein bisschen Gesang, ein bisschen Klampfe, bin schon beim ersten Song aus dem heimeligen Sofaeckchen raus. Wie geil ist das denn? Musik zum Abtanzen, Mitgröhlen (wenn man die Texte könnte), zwei Frauen zum Anstarren. Bernadette, die Rampensau. Singt wie eine Göttin die Oktaven hoch und runter, singt von Krise, Liebe, Leidenschaft, bedingungslosem Grundeinkommen und schafft es, dass sich das nicht völlig Banane anhört. Nee, sondern lyrisch verpackt nach Aufruhr, Widerstand,  Spaß & Power. Apropos Power: die Verkörperung tanzt vorne auf der Bühne rum, ständig in Bewegung, es poltert, stampft, hüpft, der Schweiß rinnt ins schwarz-weiße Kleid. El La Wanja haut auf die Drums, rockt am Bass und meistert megacool jeden bernadettschen Improvisationseinschub. Eine Wuchtbrumme, in der Tat. Alle beide.

Um 11 meldet das Handy auf dem Kunstlederbänkchen eine SMS, kleiner Schock, doch der Babysitter gibt nur grünes Licht: „Bleibt ruhig noch ein bisschen, hier alles ok.“ Machen wir. Grandios. Bis zum Schluss, durch alle Zugaben.

Beseelt und beeindruckt flitzen wir um 12 nach Hause, doch etwas spät, das Rattern der Kindersitze hallt durch die leeren Straßen. Der Babysitter öffnet mit kleinen Augen die Tür. Ja, alles klar. Entweder ist der Babymelder kaputt – oder das Kind ist tatsächlich nicht aufgewacht, meint er nur.

Wat’n cooler Abend. Was für coole Frauen. Hammer. Die beiden touren  bis Mitte Dezember, Bern, Zürich, Leipzig, Wien, Linz, Rostock stehen noch auf dem Programm. Geht hin, wenn ihr könnt – es haut euch sicher aus den Socken!