Advent, Advent – nur die Sonne brennt

Die Sonne scheint penetrant vom Himmel, bahnt sich ihren Weg durch die unglaublich dreckige Fensterscheibe ins Wohnzimmer, wo Staubflusen in der Luft tanzen. Die Kartons mit dem Weihnachtskram stehen nach wie vor im Keller. Was soll so ein Strohstern im gleisenden Licht? Kein Adventskranz, kein Schmuck. An der Wand nur der Adventskalender fürs Kind, in den das Wichtele aus dem Wald jede Nacht eine Kleinigkeit steckt (wenn es daran denkt und nicht morgens noch panisch vorm Kind ins Wohnzimmer rennt). Das Plätzchenbacken mit der Freundin – abgesagt. Niemand hat Lust darauf, wo es doch so wenig weihnachtlich ist und das Wetter eher „Frühling!“ schreit. Bei 16 Grad.

Eine Biene surrt durchs offene Fenster in die Küche. Vermutlich ist sie auch durch den Wind. Oder sie muss kacken, was Bienen im Winter anscheinend so machen, wenn es ihnen zu warm wird.

Auf zum Spielplatz, beschließen wir. „Immer müssen wir rausgehen“, motzt das Kind. Es wird den gleichen Bei-schönem-Wetter-müssen-wir-raus-Koller kriegen wie ich, das steht schon zu befürchten. Aber wie können wir in der Bude hocken, wenn draußen die Sonne so penetrant …

Wir stehen auf dem Spielplatz unter blühenden Bäumen. Japanische sind das, sagt die Freundin, die blühen zu unmöglichen Zeiten. Aber mitten im Dezember? Sie stehen doch schon seit ein paar Jahren da, habe ich sie immer übersehen? Die Nachbarin raunt „Klimawandel“ und überhaupt, dass alles den Bach hinuntergehe.

Die Sonne verpisst sich hinter die Häuser, es ist erst halb vier, langsam beginnen die Zehen zu frieren. „Kinder, wir gehen!“, rufen wir, uns ist kalt! „Menno!“ kommt es zurück, also harren wir noch aus, bis sich die Schar träge Richtung Wohnzimmer in Bewegung setzt, endlich!, wo es uns mit Tee langsam wieder wärmer wird.

Ein paar Plätzchen wären jetzt doch ganz schön. Vielleicht backen wir ja noch welche. Morgen vielleicht. Oder am Wochenende. Wenn die Sonne vielleicht mal nicht so penetrant …

Irgendjemand könnte mal die Fenster putzen
Irgendjemand könnte mal die Fenster putzen
Blühende Kirsche - ob japanische oder nicht ...
Blühende Kirsche – ob japanische oder nicht …
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Wohin mit der Kinderkacke?

Es ist ja so, dass die Windelzeit auch Vorteile hat. Recht kleine. Aber nicht zu unterschätzende: Die kindlichen Ausscheidungen lassen sich bequem* und sauber* entsorgen: Windel zu und weg damit! (*Sie merken, bei mir tritt nach nur wenigen windelfreien Wochen bereits eine verklärende Vergangenheitsbetrachtung ein, aber nunja).

Mit einem windelfreien Kind steht man dagegen vor ganz anderen Herausforderungen, vor allem im öffentlichen Raum. Nun habe ich ja kein Problem damit, das Kind gegen einen Baum oder sonstwohin machen zu lassen.** Millionen Hunde in dieser Stadt dürfen das schließlich auch. An manchen Orten ist es aber tatsächlich nicht so toll, wenn die Verdauungsprodukte vermehrt auftreten. Auf Spielplätzen zum Beispiel.

Spielplätze sind Orte, an denen naturgemäß viele Kinder anzutreffen sind, vor allem kleine. Also welche in dem Alter, in dem vom „MaMAA-PAPAa-Tante-ich-muss-PIPII-KACKAAA!“ bis zur Umsetzung nur wenige Minuten, ach was Sekunden verstreichen. Noch schnell nach Hause ist nicht drin, ebenso wenig, eine öffentliche Toilette zu suchen. Womit ich beim Thema wäre. In der Regel, oder sagen wir: in unserer kleinen Großstadt, findet sich in der Nähe von Kinderspielplätzen nie ein Klo. Weit und breit keines! Nein, es bleibt nichts anderes übrig, als das Kind zum nächstgelegenen Baum zu lotsen, Hose runter – und los! So sind die hiesigen Spielplätze ringsum markiert  … man mag sich das gar nicht bildlich vorstellen. Zum Verstecken spielen eignet sich das umliegende Gebüsch, soweit vorhanden, jedenfalls weniger.

Tja, und wenn die Begleitperson mal muss, dann heißt es notgedrungen irgendwann „Kiiiinder, wir geeeehen! ….. SOFOOORT!!!“

Deshalb bin ich für die Einrichtung von Klos auf Spielplätzen. So wie ich es in den USA auf fast jedem Spielplatz gesehen habe, den wir besuchten (und das waren viele). Da gab es meist sogar noch Grillstellen dabei und überdachte Sitzbänke, grandios. Und bis man alle ABERs (schon klar: Sauberkeit, Kosten, blabla) diskutiert aus dem Weg geräumt und die Klos aufgebaut hat, könnte man als Zwischenlösung mal diese tollen Tütenautomaten aufstellen, die man aus der Hundebranche kennt. Kinderkacke rein – und weg damit. Dann kann man im Gebüsch auch wieder prima Verstecken spielen.

**Bevor hier eine_r meckert: Selbstverständlich versuche ich, das „Produkt“ dann möglichst irgendwie einzupacken und in den Müll zu werfen. Wenn es allerdings neben 3 Dutzend anderen liegt, dann nicht.

Tütchen
Ein besonders hübsches Tütchen-Expemplar

Am Rhein ist es tatsächlich schön!

Wir waren fünf Tage am Rhein, wer hätte gedacht, dass ich dort jemals Urlaub machen würde. Ich fand es zwar schon immer toll, mit der Bahn an den vielen Burgen und der Loreley vorbei zu fahren, aber dort tatsächlich ein paar Tage zu bleiben, ist mir nie in den Sinn gekommen. Das hörte sich für mich viel zu sehr nach Torte-Kaffee-Dauerwellen an, vermutlich auch, weil meine Oma so sehr von ihrem „Vater Rhein“ schwärmte.

Eigentlich wollte ich überhaupt nicht wegfahren, ich war ausnahmsweise mal null reiselustig – aber es war wie immer in den Ferien bzw. Feiertagen: Die KiTa hatte zu, alle Spielkamerad*innen von Kind2 waren weg, verplant, bei den Großeltern untergebracht (*neid*). Was tun? Tagelang mit dem quirligen Kleinkind zuhause ein Bespaßungsprogramm überlegen? Das klappt meistens schlecht und führt zu zunehmender Gereiztheit bei allen Beteiligten, zumal auch noch Regen angesagt war. Also packten wir am Ostermontag unseren Campingkram, prüften zum 1542. Mal die Vorhersage und stellten fest, dass nicht etwa in Frankreich, sondern im Rheingau das Wetter super werden sollte. Na gut, fahren wir da halt mal hin, all zu weit ist es von uns aus ja nicht.

Wir landeten, nach zwei Campingplatzbesichtigungen unten am Rhein, schließlich auf einem Ponyhof, einem idyllisch mitten in der Botanik oberhalb von Rüdesheim gelegenen Bauernhof mit vielen Ziegen, Schafen, Ponys, Hasen, Katzen etc. pp., einer großen Apfelbaumwiese, auf der man campen kann, zwei antiquierten Spielplätzen und jeder Menge Platz. Ein Paradies für Kinder, von denen es dort einige gab (auch wenn insgesamt nicht viel los war). Kind2 schloss sich der Kinderhorde an und sauste mit ihr über die Wiese. Es durfte Lagerfeuer machen, Ponys abbürsten, Ziegen füttern, der Katze Milch geben, auf den ausrangierten alten Traktoren herumklettern und abends vor dem Schlafengehen noch allen Tieren „Gute Nacht“ sagen. Fantastisch!

Vom Ponyhof aus kann man mit dem Rad nach Rüdesheim hinunterrollen (zurück heißt es allerdings schieben, es sei denn, man ist superfit) und dort gut im Park rumsitzen, wirklich spannend ist das allerdings nicht. Der Spielplatz stammt zum Großteil noch original aus den 70ern, mit blau-rot-gelben Klettergerüsten samt Fliegenpilzdach – ich hatte einen kleinen Flashback. Irgendwie scheinen die Rüdesheimer*innen ein Faible für diese alten Dinger zu haben, ich habe insgesamt 3 solcher Spielplätze entdeckt, einen davon auf dem Ponyhof, dort sogar mit einem Original Pferdekarussel.

Dafür gibt es in Bingen – mit der Personenfähre 15 Minuten über den Rhein – zwei gigantisch tolle Spielplätze, die alleine schon einen Besuch wert sind: Einer ist einem Rheinkahn nachempfunden, voller Sand, Spielgeräten und Matschecke. Der andere ist ein riesiger Wasserspielplatz mit Holzburg, Kletterwand, Holzkahn und vielen Ecken, um sich zu verstecken. Für groß und klein spannend, wirklich toll gemacht. Leider war das Wasser noch nicht an – ich schätze mal, im Sommer ist es dort der Hit! Beide Spielplätze sind im ehemaligen Landesgartenschaugelände, das sich über fast 3 km am Rhein entlangstreckt. Dort gibt es Cafés, Blumen, eine Skaterbahn, Ausstellungen … und das Ganze ist fahrrad- und autofrei und somit mit kleinen Kindern sehr sehr entspannt. Zumal es sogar Stühle und Liegen gibt, auf denen man herumfläzen kann.

Wir haben es im Park stundenlang ausgehalten. Kind2 war begeistert und buddelte vor sich hin. Ab und zu haben wir nachgeschaut, ob es noch da ist, und ansonsten unseren Kaffee geschlürft oder in den Himmel geschaut.

Die Kombination Ponyhof + Spielplätze in Bingen war wirklich toll, absolut empfehlenswert mit Kindern. Zudem kann man noch viele andere spannende Sachen in der Gegend machen, z. B. auf dem Rhein rumschippern, Seilbahn fahren, Burgen besichtigen. „Oh wie ist es am Rhein so schön“, trällerte meine Oma gerne vor sich hin. Ja, ich muss zugeben: da hatte sie sehr recht!

Spielplatz in Rüdesheim. Das ist doch 70er Jahre, oder?
Spielplatz in Rüdesheim. Das ist doch 70er Jahre, oder?
Auf dem Weg zur Fähre in Rüdesheim
Auf dem Weg zur Fähre in Rüdesheim
Sand- und Matschspielplatz in Form eines Rheinkahns
Sand- und Matschspielplatz in Form eines Rheinkahns
Der Wasserspielplatz - leider noch ohne Wasser
Der Wasserspielplatz – leider noch ohne Wasser
Ziege auf dem Ponyhof
Ziege auf dem Ponyhof
Pferdekarussel aus den frühen 70ern. Funktioniert noch!
Pferdekarussel aus den frühen 70ern. Funktioniert noch!

An ihren Haaren sollt ihr sie erkennen

Vor drei Jahren schlossen wir eine Wette ab. Es ging um Haare. „Fast keine Frau unter 40 trägt kurze Haare“, sagte ich, „es sei denn sie ist links, feministisch oder so“. „Quatsch“, antwortete der Liebste. Wetten?!

Wir setzten uns mit Proviant und Decke ans Ufer des beschaulichen Flüsschens (damals hatten wir – noch kleinkindlos – vielviel Zeit), die Sonne schien, es war die Hölle los und wir ließen Jugendliche, Studierende, Mütter, Väter, Paare, Omas, Opas an uns vorbeiflanieren. Ich freute mich schon. „Da! Da ist eine!“, schallte es ab und zu von rechts. Neeee, die ist Ü40. Neee, den Accessoires nach eindeutig linke Szene. Neee, Ü40. Neee, das ist ja wohl nicht kurz, die Haare gehn bis zur Schulter …

Zwei Stunden später wurde ich zur Wettsiegerin erklärt. Ich hatte ungefähr 100:5 gewonnen.

Vor zwei Wochen meinte der Liebste nach einem Spielplatzbesuch: „Man kann schon bei den ganz Kleinen an den Haaren das Geschlecht erkennen.“ „Quatsch“, sagte ich, „an den Klamotten ja, aber nicht an die Haaren.“ Wetten?!

It doesn’t care …

Dieses Mal machte ich die Beobachtungen auf dem Innenstadtspielplatz alleine. Wieder war die Hölle los, die Sonne schien, es wimmelte nur von Klein(st)kindern. Nach einer Stunde erklärte ich den V. zum Wettsieger: ca. 30:2. Jenseits von rosa-hellblauer Farbkodierung bei den Klamotten, sind tatsächlich schon die Miniwesen entsprechend frisiert. Langes dünnes Kleinkindhaar bei den Mädels, kurzes dünnes Kleinkindhaar bei den Jungs. Und wo die Haarpracht noch nicht ausreicht, werden Spängchen und Zopfgummis ins Haar gefriemelt.

Nix Neues. Nix Weltbewegendes. Und trotzdem: Dieses Bedürfnis nach Schubladen erstaunt mich immer wieder. Who cares? Den Kleinen ist es doch wurschd? Wieso also?

Dreckspatzen und Spielplatzdramen

Heute auf dem Matschspielplatz bei uns um die Ecke: Es ist heiß. Sehr heiß.  Ein Rudel Kleinkinder springt herum, alle in Windel & T-Shirt & Sonnenhut. Die Wasserpumpe läuft fast durchgehend, die Kleinen drängeln sich mit Eimern bewaffnet am Wasserstrahl. Es hat sich bereits ein kleiner Matschsee gebildet. Zwischen zwei Mini-Kindern, ca 1 1/2, und ihren Müttern spielen sich dramatische Szenen ab:

„Lara-Clara, NICHT hinsetzen!!! Bleib stehen!“

Die Mami zerrt L-C wieder hoch. Igitt, die Windel ist schon ein bisschen dreckig. L-C schreit wütend. Das Freundinnenkind probiert die Pfütze auch gleich mal aus. Doch auch ihre Mami findet das weniger witzig.

„Mia-Pia!!! NICHT hinsetzen. AUFSTEHEN!“

„STOPP!!! NICHT hinsetzen, habe ich gesagt!!!“

Erneutes Hochzerren. L-S wehrt sich wütend. M-P lässt sich auf den Hosenboden fallen.

„LARA-CLARA!!! Du kannst Pitschi-Patschi machen mit den Händen. ABER NICHT HINSETZEN!!!!“

„MIA-PIA, STEH AUF!“

Beide Mütter sind durchgängig damit beschäftigt, den Nachwuchs vom Matsch fernzuhalten. Die anderen Kinder sind schon ein kleines bisschen älter und spielen vorsichtig mit Eimerchen & Schäufelchen. Die Mamis überwachen das Geschehen aus der Nähe. Kein Kind macht sich dreckig.

Bis auf meins. Das ist nass und dreckig. Von Kopf bis Fuß. Es isst Sand. Und sitzt im Matsch. Äußerst zufrieden. Ich lasse es spielen und lese auf dem Handy Nachrichten. Aber heute ist nicht mein Tag, ich fühle mich unwohl, beobachtet von den anderen Mamis (Papis sind keine da, die tauchen hier hauptsächlich am Wochenende auf). Das Geschrei geht mir zunehmend auf die Nerven. 20 Minuten später, das Drama läuft noch, beschließe ich zu gehen. Auf einen anderen Spielplatz, der nicht direkt im Wohngebiet liegt. Dort ist es meistens ein bisschen entspannter. Aber auch da sind keine Schmuddelkinder. Ich werde angesprochen: Das Kind isst Sand, es hat was im Mund …

Das Kind ist klein, 15 Monate alt. Ausgeprägte orale Phase. Alles kommt in den Mund. Ich könnte mich gut den ganzen Tag damit beschäftigen, es davon abzuhalten, Sand, Stöcke, Steine abzulutschen. Sich einzusauen. Aber wozu der Stress? Es hat noch nie etwas verschluckt, es probiert einfach aus. Es war auch noch nie richtig krank. Der Sand kommt hinten wieder raus. Der Rest lässt sich waschen. Also, was soll’s? Wann in seinem Leben kann man sich noch mal so unbeschwert in eine Matschkuhle setzen, mit beiden Händen darin rumwühlen, probieren wie es schmeckt? Auf Woodstock vielleicht. Aber sonst?

Das einzige Problem, das ich damit habe, sind die anderen Eltern, die Kommentare, die Blicke. Manchmal prallt das an mir ab. Manchmal fühle ich mich echt rabenmuttermäßig und unwohl.

Selten treffen wir auf andere Dreckspatzen und ich frage mich, warum das so ist. Ich verstehe es wirklich nicht. Warum dürfen sich die Kinder nicht dreckig machen? Warum tun sich die Eltern den Stress an und bewachen den Nachwuchs auf Schritt und Tritt? Und last but not least: Warum gehen sie dann überhaupt auf so einen Spielplatz?

Achja. Spielplatz. Zum Dreckspatzen-Thema kommen dann noch die Themen „Wahrung der Besitzverhältnisse“ (Carla-Marla, lass das Schäufelchen liegen, das gehört einem anderen Kind, hier ist deins, spiel‘ mit deinem) und „Rundumbespaßung“ („Leo-Cleo, wollen wir noch eine Burg bauen, schau, hier ist dein Eimer. Oder willst du rutschen? Oder lieber schaukeln?“). Aber dazu ein anderes Mal.