Urlaubseskapismus

Drei Wochen Urlaub – drei Wochen offline. Nur Meer, Strand, Sonne. Berge, Schluchten, Burgen. Es dauerte nur ein kleines bisschen, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nicht ständig auf das Handy zu schauen. Dort war eh nichts los. Kein *pieppiep* aus den diversen Whatsapp-Gruppen. Keine Mails, kein Twitter, kein Facebook. Nur SMS konnten mich erreichen, das waren überschaubar wenige. In der ersten Woche führte ich gedanklich noch eine Liste, was ich später alles Nachgoogeln wollte. Die Liste versickerte allerdings in der allgemeinen Urlaubsträgheit und tauchte bis heute nicht mehr auf. Nur spärliche Nachrichten drangen zu uns durch. Ich habe nichts vermisst. Erschreckend überhaupt nichts. Im Gegenteil.

Und natürlich, wie könnte es anders sein, beschloss ich, diesen himmlich-eskapistischen Zustand so lange wie möglich zu erhalten. So im Hier und Jetzt zu sein, mich nicht in Kommunikationen, Internetgedöns und dem Weltgeschehen zu verheddern. Einfach mal Gespräche ohne ein „ich google das mal schnell“ zu führen. Einfach mal Verabredungen zu treffen, ohne x-Mal hinundher zu whatsappen. Nicht wieder stundenlang im Internet zu versumpfen.

Der Vorsatz hielt so ca. 12 Stunden. 8 Stunden davon habe ich geschlafen. 2 h ausgeräumt, ausgepackt, Wäsche gewaschen, Post geöffnet, gegessen. 2 h den geliehenen Bus sauber gemacht. Dann beschloss ich, mal eben kurz das Fotobuch mit den Urlaubsbildern anzufangen. Und mal kurz auf Twitter nachzuschauen, was so los ist. Und mal kurz die Mails zu checken. Und die >300 Whatsapp-Nachrichten … und das Weltgeschehen …

„Du bist ja schon wieder am Rechner, wolltest du nicht eigentlich …“, sprach der Mann heute morgen um 8. ICH MACH DOCH NUR KURZ DAS FOTOBUCH!!!1!11!!

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Kleine Ferne vom Alltag

Ein paar Tage unterwegs sein. Alleine mit dem Zug fahren. Alleine im Abteil, die Füße auf dem Gegenübersitz, das Buch vor der Nase, wie im Rausch, lesen, lesen, lesen. Eintauchen in die Geschichte und vor lauter Lesefieber vergessen, die vielen mitgenommenen Podcasts zu hören. Lesen, bis das Buch fertig ist und der Zug in die ferne Stadt einrollt, wo das große Kind und Freund am Bahnhof stehen. Küsschen, Umarmung. Leckere Pizza futtern, reden, während der Pizzamann uns alleine im leeren Restaurant zurücklässt, um Bestellungen auszuliefern. Spät abends noch völlig fit, denn kein Wecker quakt am nächsten Morgen.

Das WG-Kind miaut vorm Zimmer, wieder umdrehen, weiterdämmern, um nichts kümmern müssen. Barfuß in die Küche tapsen und mit Kaffee zurück ins noch warme Bett, räkeln, weiterlesen.

Bei der Freundin ankommen und im Café Schokoladenkuchen essen. Reden reden reden. Fast ohne Pause, mäandernd durch die Themen, und zwischendurch versuchen, den Anfangszipfel wiederzufinden, wie kamen wir jetzt da drauf? Es ist anregend, und wie so oft auf Reisen überfällt mich eine Sehnsucht, den ganzen Kram zusammenzupacken und wegzuziehen aus dem Gewohnten, so sehr ich es auch mag.

Bei der anderen Freundin, Gefährtin aus Land-WG-Zeiten, im Bauwagen sitzen. Tee trinken, Gestricktes bewundern, von schweren Themen zu leichten und zurück, Lebkuchen essen und vom vertrauten Geruch beseelt per Flashback in die Vergangenheit reisen.

Durch den Tag treiben, die Gedanken schweifen lassen. Mit dem großen Kind durch die Gegend ziehen, Pudelmütze kaufen und ein Strickpulli, der ein bisschen kratzt. Gentrifizierungsschuppen neben Ramsch und Netto. Im hippen Café  stehen alte Schultische und Stühle, ist die Bekritzelung wohl original? Quatsch, sagt das Kind, da stünde sonst Fick dich, Alta und ähnlich Poetisches. Also nachgemacht, es hat trotzdem was. So unterwegs bin ich geneigt, alles ok zu finden, das muss die Reisemilde sein.

Nach drei Tagen ein Anruf, es geht zurück. Wieder Zug fahren, wieder lesen lesen lesen in dem Buch, das unter dem Bett vom großen Kind lag und mich völlig fasziniert. Ein kurzer Ausflug in die Ferne vom Alltag. Mit unglaublich viel Zeit, Intensität, Ideen. Die Inspirationen nehme ich mit und hoffe, dass sie nicht so schnell verblassen.

So wahr!
So wahr!
Hipper Laden mit alten Schultischen. Und eher nicht originaler Bekritzelung.
Hipper Laden mit alten Schultischen. Und eher nicht originaler Bekritzelung.
Kaffee mit Katzenpfötchen und - jajaja! - Franzbrötchen
Kaffee mit Katzenpfötchen und – jajaja! – Franzbrötchen
(Mir fällt gerade auf, dass ich fast nur Futterfotos mitgebracht habe. Dabei habe ich nicht nur gegessen. Ehrlich.)

Familiencamping auf dem Chaos Communication Camp #cccamp15

Nach dem tollen Chaos Communication Congress im Winter meldeten wir uns als Familie beim Chaos Communication Camp im Sommer an. Das Camp findet alle 4 Jahre statt und ist so eine Art riesiges Klassentreffen für Hacker und Häcksen, Nerds und Geeks aller Art, Freunde und Freund*innen, Interessierte, Kinder etc. pp. Ich war sehr gespannt. Ein Zeltlager mit tausenden Leuten, wie würde das wohl werden?

Wir reisten bereits 3 Tage vor der offiziellen Eröffnung des Chaos Communication Camps an, was sich als hervorragende Idee entpuppte. So konnten wir entspannt das Gelände erkunden, zuschauen, wie alles aufgebaut und dekoriert wurde, und die Nachbar*innen kennenlernen. Denn das Gelände füllte sich kontinuierlich, bis irgendwann ca. 5000 Leute darauf herumspazierten und Zelt an Zelt stand.

Das Camp fand im Ziegeleipark Mildenberg statt, einem Industriemuseum mit riesigen Hallen, weiten Flächen, alten Gebäuden, verrosteten Maschinen, einem tollen grünen Gelände und einer Bahn, die einmal um das Areal herumtuckerte. Eine der Bahnen wurde rechts schnell gehackt und in ein fahrbares Partygefährt verwandelt mit Bällebad, Cocktailbar und viel Glitzer, das abends seine Runden drehte.

Family-Village

Das Camp war zum großen Teil in Villages organisiert, denen eins sich spontan oder bereits im Vorfeld zuordnen konnte. Die Camps waren interessensgeleitet (Anarchie-, Queer-, Foodhacking-Camp u.a.) oder mit einem Ort verknüpft (Berlin-Camp BER, Freiburger CCC etc.). Wir campten im Family-Village, naheliegend, denn dort tummelten sich natürlich viele viele Kinder. Es gab ein Gemeinschaftsküchenzelt und ein Zirkuszelt mit tonnenweise Duplo zum Spielen, und es lag direkt an einem kleinen, sehr netten See, der die doch meist überfüllten Duschen hervorragend ersetzte. Im Küchenzelt hatte Andreas die Organisation der Gemeinschaftsküche übernommen und kümmerte sich um die Verwaltung des Kostenbeitrags (für die, die mitmachen wollten), das Einkaufen, den Essensplan. Geschnippelt und gekocht wurde gemeinsam, dafür melden sich jeden Tag Freiwillige. Das war super, so musste eins sich um nicht all zu viel kümmern, konnte sich den ganzen Tag über Brote schmieren und abends ein leckeres Essen essen.

Programm

Das offizielle Programm war – im Vergleich zum überquellenden Angebot bei der Chaos Communication Conference –  überschaubar. In zwei riesigen Zelten gab es 5 Tage lang Vorträge zu allen möglichen Themen. Da der Mann und ich uns wieder im Kind-beaufsichtigen abwechselten, konnten wir beide jeweils zu Veranstaltungen gehen. Ich war z. B. beim Vortrag von Anne Roth zum NSA-Untersuchungsausschuss, bei Refugees Emancipation, beim Vortrag zu The infiltration and physical surveillance of social movements, etc. pp. (hier sind alle Aufzeichnungen). Daneben gab es das selbstorganisierte Programm: Wer Lust hatte, bot einfach einen Workshop an oder hielt einen Vortrag, zeigte einen Film oder initiierte eine Diskussionsrunde. Das Angebot zu überblicken, war völlig unmöglich. Zwar gab es einen Kalender im Camp-Wiki, aber vieles erfuhr eins nur über Mund-zu-Mund oder über Zettelchen, die überall rumhingen. Es gab Yoga, Raketenworkshops für Kinder (und Große), Einführungen ins Programmieren, Hackerspaces, DIY ohne Ende (Gummibärchen, Kosmetik, Technik). Ich war z. B. beim Lila Podcast, der meiner Meinung nach deutlich gehaltvoller war als der eine oder andere Podcast der Podcastikonen, dafür aber viel spärlicher besucht, leider. Oder beim Workshop von Andre Holm zur Gentrifizierung in Berlin. Bei einer feministischen Diskussionsrunde etc. pp.

Das Kind war stundenlang beim Chaos Emergency Responce Team, wo es die Feuerwehrleute mit Fragen löcherte, im Feuerwehrauto rumkletterte und den Krankenwagen besichtigte. Und wir waren gemeinsam beim Start der selbstgebastelten Raketen. Tagsüber hatte das Kind oft keine Lust, das family-Camp zu verlassen, da gab es genug zu spielen. Ein großer Programmpunkt war: einfach nur rumhängen. Am See (es hatte ja über 30°C), im family-Zelt, bei den Nachbar*innen oder in der Marina außerhalb des Geländes, wo es sehrrrr schön ruhig war und wo ich mit dem Kind einige Auszeiten mit Eis und aufs Wasser schauen eingelegt habe.

Denn laut und trubelig war es während der 5 Camp-Tage fast ununterbrochen. Nachts gab es Musik bis zum Morgen, die Kinder waren früh wach – und zumindest unseres weigerte sich beharrlich, einen Mittagsschlaf zu machen, was sich nach ein paar Tagen doch ziemlich bemerkbar machten, denn vor 23 Uhr war es nie im Bett (“ I WILL ZUR PARTY!!!“). Jeden Abend streunten wir über das Camp.

Zusammenleben

Das Camp trug zwar das Chaos im Namen, chaotisch war es aber nicht. „Da ist jedes Open-Air-Festival chaotischer“, sagte jemand im family-Zelt. Es gab ein paar wenige Regeln wie: das Gelände bleibt autofrei (bis auf Lieferungen und Camper, die allerdings nicht mehr bewegt werden durften), die Fluchtwege dürfen nicht zugezeltet werden und „be excellent to each other“. Was ich so mitgekriegt habe, hat das super geklappt. Ich habe nicht eine einzige besoffen rumpöbelnde Person gesehen, kein Gebrülle, Müllberge, kein Geglotze, wenn eins nicht mainstreammäßig unterwegs war etc. Der Frauenanteil war insgesamt noch sehr überschaubar (außer im  Familienbereich), allerdings waren unter den Speaker*innen viele. Bei einer quer-feministischen Diskussion sagte jemand sinngemäß: „Auch wenn hier noch nicht alles perfekt ist, so ist es doch ein besserer Ort als die meisten, die ich kenne.“

Über 1000 freiwillige Helfer*innen, die Angels, sorgten dafür, dass die Sanitäranlagen auch am Ende des Tages noch benutzbar waren, das Internet immer funktionierte und dass das Camp überhaupt stattfinden konnte.

Apropos Internet: Extra für das Camp hat der CCC kilometerlange Kabel durch die brandenburgsche Pampa verlegt und über so genannte Datenklos (pinkfarbene Dixies) ein gigantisches Netzwerk über das Camp gelegt.

Fazit

Es war, Überraschung!, sehr toll auf dem cccamp15. Super organisiert, tolles Programm, nette Leute, prima Gelände. Auch für das Kind (4,5 Jahre alt) war es sehr entspannt, es konnte sich recht autonom bewegen, es wurde nirgends angeschissen (höchstens freundlich gebeten, irgendwas zu tun oder lassen) und es hatte einen Rießenspaß mit dem ganzen Angebot (Partywagen, See, Spielsachen). Für das nächste Mal würde ich gerne ein paar befreundete Familien / Freund*innen überreden mitzukommen. Wir könnten uns dann mit Babysitten abwechseln und gemeinsam  Party machen. Der Mann und ich konnten praktisch nicht gemeinsam rumziehen, was etwas schade war. Und da ich nun nicht gerade das Small-Talk-Ass bin, tat ich mich schwer, mich irgendwo dazuzumischen und Leute anzusprechen.

Nach 8 Tagen Camp reisten wir wieder ab auf einen mecklenburg-vorpommerischen Campingplatz am See. Und so sehr wir dort auch die Ruhe genossen, waren wir Großen doch ziemlich wehmütig und ein bisschen scheu der „normalen“ Welt gegenüber, wo eins ständig damit rechnen muss, wegen irgendetwas angeblökt und schräg angeschaut zu werden. Wie wäre es, wenn das Campleben der Normalzustand wäre?, fantasierten wir. Sicher keine schlechte Welt.

Die ccc-Rakete darf nicht fehlen!
Die ccc-Rakete darf nicht fehlen!
Der Partyzug. Extrem beliebt bei groß&klein.
Der Partyzug. Extrem beliebt bei groß&klein.
Yarnbombing-Deko. Überall.
Yarnbombing-Deko. Überall.
Storm Trooper Besuch am Strand.
Storm Trooper Besuch am Strand.
geduldiges Beantworten von 5234 Trillionen Fragen beim Chaos Emergency Rescue Team
geduldiges Beantworten von 5234 Trillionen Fragen beim Chaos Emergency Rescue Team
Rost & Faden
Rost & Faden
Wichtigste Haltestelle: Spiegeleimuseum
Wichtigste Haltestelle: Spiegeleimuseum
Raketenstart
Raketenstart
Lest mehr Schilder. Und Zettel.
Lest mehr Schilder. Und Zettel.
This is not Berlin
This is not Berlin
Be excellent
Be excellent
noch mehr Schilder
noch mehr Schilder
Zelt an Zelt an Zelt
Zelt an Zelt an Zelt
Typisch: überall Kabel. Und Datenklos (rechts). Und im Hintergrund das family-Zelt.
Typisch: überall Kabel. Und Datenklos (rechts). Und im Hintergrund das family-Zelt.

Vorurlaubs-Putzspleen

Das mit dem Wohnungsputz klappt hier meist eher schlecht als recht. Meistens sieht es bei uns aus wie Sau – und ich meine das durchaus nicht kokettierend.

Ich kann damit leben (meistens zumindest), auch wenn ich von mir behaupte, eigentlich (EIGENTLICH) ein eher ordentlicher Mensch zu sein. Ich habe mich in gewisser Weise daran gewöhnt, dass es hier allerhöchstens partiell sauber ist: Ist die Küche mal geputzt nach dem Essen, starrt das Bad vor Dreck. Sind die Wäscheberge abgetragen, kann man im Wohnzimmer buchstäblich vom Boden essen. Im Kinderzimmer sieht’s aus, als hätten drei Kinder alle Spielsachen auf den Boden gekippt und unters Bett im Schlafzimmer sollten Leute mit Hausstauballergie besser gar nicht erst schauen. Überhaupt sollte man hier überhaupt nirgends genauer hinschauen. Auf Fußleisten zum Beispiel. Oder in Schubladen. Oder womöglich hinter den Herd.

Wenn wir in den Urlaub fahren, packe ich allerdings am Tag zuvor (früher lohnt sich nicht) meinen Spleen aus: Die Wohnung muss aufgeräumt und geputzt verlassen werden. Nicht porentief rein – das kriegen wir hier sowieso nicht hin bzw. dafür bräuchte ich 3 Tage Extraurlaub, aber zumindest so, dass es auf den ersten Blick hier super aussieht. Dass diverses Getier kein Fressen findet und ggf. Besuch hier rein kann, während wir weg sind, ohne das Grausen zu kriegen.

Und, der wichtigeste Grund: Ich liebe es, wenn ich zurückkomme, die Wohnung aufschließe und für einen kurzen Moment denke „Ach, ist es hier schön“. Einen kurzen Moment, bis wir unser ganzes Urlaubsgerümpe hier reinschafft haben und es wieder aussieht wie gewohnt. Wie Sau halt.

Ich weiß, ich weiß, Säue sind sehr reinliche Tiere ^^
Ich weiß, ich weiß, Säue sind sehr reinliche Tiere ^^

Valencia, liebe Valencia mein. Eine Städtereise mit Kind

In der letzten Urlaubswoche – nach Krankheit und häuslichem Aktionismus – werfen wir unsere Sachen in den kleinen Reisekoffer und fliegen nach Valencia. Wenigstens noch ein bisschen Urlaubsfeeling & Sonne tanken, das ist die Idee. Es ist die erste Städtefahrt mit Kind2. Bislang haben wir große Städte als Urlaubsziel eher vermieden, denn die üblichen Highlights wie Museen besichtigen & Kirchen besuchen, in Cafés rumhängen und Party machen sind mit kleinem Kind nicht drin.

Wir mieten eine kleine Ferienwohnung mitten in El Cabanyal, einem alten Fischerviertel direkt am Meer. Die Stadtverwaltung plant seit Jahren, eine Schneise in das Viertel zu schlagen, um einen prachtvollen Boulevard bis zum Meer zu ziehen (hier ein Video). Proteste aus der Bevölkerung und vermutlich die Finanzkrise haben dem bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Viertel scheint mitten in der Gentrifizierung stecken geblieben zu sein: Einige Häuser sind bereits abgerissen, andere sind hübsch saniert, andere rotten vor sich hin. Es ist eng, bunt, windschief. Hier kann er sich die Mieten noch leisten, erzählt uns ein Anwohner in einer Bar. Wir streifen stundenlang durch das Viertel, durch dessen enge Gassen kaum Autos fahren. Vielleicht weil noch keine Saison ist, vielleicht weil viele Sträßchen wegen des valencianischen Frühlingsfestes Fallas komplett gesperrt sind, vielleicht geht es hier aber einfach immer ein bisschen ruhiger zu.

Valencia ist die erste spanische Stadt, die ich besuche, in der ich den Verkehr einigermaßen erträglich finde. Der Nahverkehr ist super ausgebaut, mit Bus und Metro kommt man schnell herum. Es gibt ein öffentliches Fahrradleihsystem und viele Fahrradwege. Mitten durch die Stadt zieht sich ein kilometerlanger Park, der im ehemaligen Flussbett des Turia angelegt wurde. Es gibt Cafés, Spielplätze, Sportplätze, Skateranlagen, Wasserspiele und futuristische Gebäude in der Ciudad de las artes y las ciencias. Sehr beeindruckend. Hier kann man sich stundenlang aufhalten.

Am Wochenende feiern die Anwohner*innen die Fallas, das große Frühlingsfest, auf der Straße. Das ist so eine Mischung aus Karneval und Silvester. Bunte Kostüme und unglaublich viel Knallerei. Im Viertel bauen sie Festzelte auf, kochen Paella auf der Straße, während die Kinder im Akkord Böller zünden. Ab fünf Jahren aufwärts haben sie alle kleine Holzkästen zum Umhängen, in denen sich die Kracher stapeln. Kein Schritt kann man tun, ohne dass es neben einer knallt und raucht. Ich finde das furchtbar und bin damit beschäftigt, mein Herz zu beruhigen, während Kind2 sich vor Faszination und Freude fast nicht mehr einkriegt und mit Knallerbsen um sich wirft.

Unter der Woche dagegen ist kaum etwas los. Wir sind off-Saison unterwegs, der Strand ist fast leer, die meisten Bars haben noch geschlossen, der Bootsverleih hat zu. Statt Museen zu besichtigen, von denen es so einige gibt in Valencia, schauen wir Menschen beim Arbeiten zu: dem Baggerfahrer, der am Strand meterhohe Berge aus Strandgut, Schlick und Algen zusammenschiebt. Den Arbeitern am Strand, die die Promenade für den Sommerbetrieb vorbereiten. Den Sandburgbauer*innen, die ihre Burgen am Strand bewachen. Der Müllabfuhr, den Öllieferanten, der Feuerwehr. Wir sind stundenlang auf einem sehr tollen Spielplatz am Hafen und beobachten, wie das Riesenrad zusammengebaut wird, mit dem wir dann tatsächlich am vorletzten Tag auch fahren können. Und das alles ohne Internet, ohne Twitter, ohne Ablenkung. Uns bleibt nichts anderes übrig, als ebenfalls zuzuschauen oder meinen Gedanken nachzuhängen. Oder einfach einmal gar nichts zu denken.

Am Sonntag fahren wir in die Innenstadt zum Plaza del Ayuntamiento, auf dem während der Fallas täglich ein Feuerwerk, die Mascetà, stattfindet. Zehntausende strömen auf den Platz. Jeden Tag, drei Wochen lang. Eine Stunde vorher soll man da sein, sagt uns eine Bedienung im Café, ein Bierchen trinken und warten. Das machen wir, nur ohne Bier. Wir sitzen mitten in der Menschenmenge, kauen Sonnenblumenkerne und sind gespannt auf das Spektakel. Das startet pünktlich um 14 Uhr und besteht aus einer gigantischen Knallerei, unglaublichem Lärm und viel Rauch. Meine Ohren dröhnen, um uns herum tobt die Menge und nach 5 Minuten ist der ganze Spuk vorbei. Ein bisschen spinnen sie schon, die Valencianer.

Nach einer Woche reisen wir wieder ab. Es reicht nun auch, das Kind braucht dringend wieder andere Kinder zum Spielen und wir Großen eine Atempause vom Bespaßungsprogramm, auch wenn es Spaß gemacht hat, die Stadt im Kindertempo zu erkunden. Ich trällere ein letztes Mal „Valencia, liebe Valencia mein“ vor mich hin und bin sehr zufrieden mit der Reise.

Fischerviertel El Cabanya
Fischerviertel El Cabanyal
Bunte Häuschen und viel Leerstand
Bunte Häuschen und viel Leerstand
Protest der Anwohnenden: Erneuerung ohne Zerstörung!
Protest der Anwohnenden: Erneuerung ohne Zerstörung!
"Dieses Haus hat einen Besitzer"
„Dieses Haus hat eine*n Besitzer*in“
Der kilometerlange Sandstrand mit Blick zum Hafen  und Riesenrad
Der kilometerlange Sandstrand mit Blick zum Hafen und Riesenrad
Lieblingsbeschäftigung: Leuten beim Arbeiten zusehen
Lieblingsbeschäftigung: Leuten beim Arbeiten zusehen
Mascletá - viel Lärm und Rauch
Mascletá – viel Lärm und Rauch
Ciudad de las Artes y de las Ciencias
Ciudad de las Artes y de las Ciencias

Am Rhein ist es tatsächlich schön!

Wir waren fünf Tage am Rhein, wer hätte gedacht, dass ich dort jemals Urlaub machen würde. Ich fand es zwar schon immer toll, mit der Bahn an den vielen Burgen und der Loreley vorbei zu fahren, aber dort tatsächlich ein paar Tage zu bleiben, ist mir nie in den Sinn gekommen. Das hörte sich für mich viel zu sehr nach Torte-Kaffee-Dauerwellen an, vermutlich auch, weil meine Oma so sehr von ihrem „Vater Rhein“ schwärmte.

Eigentlich wollte ich überhaupt nicht wegfahren, ich war ausnahmsweise mal null reiselustig – aber es war wie immer in den Ferien bzw. Feiertagen: Die KiTa hatte zu, alle Spielkamerad*innen von Kind2 waren weg, verplant, bei den Großeltern untergebracht (*neid*). Was tun? Tagelang mit dem quirligen Kleinkind zuhause ein Bespaßungsprogramm überlegen? Das klappt meistens schlecht und führt zu zunehmender Gereiztheit bei allen Beteiligten, zumal auch noch Regen angesagt war. Also packten wir am Ostermontag unseren Campingkram, prüften zum 1542. Mal die Vorhersage und stellten fest, dass nicht etwa in Frankreich, sondern im Rheingau das Wetter super werden sollte. Na gut, fahren wir da halt mal hin, all zu weit ist es von uns aus ja nicht.

Wir landeten, nach zwei Campingplatzbesichtigungen unten am Rhein, schließlich auf einem Ponyhof, einem idyllisch mitten in der Botanik oberhalb von Rüdesheim gelegenen Bauernhof mit vielen Ziegen, Schafen, Ponys, Hasen, Katzen etc. pp., einer großen Apfelbaumwiese, auf der man campen kann, zwei antiquierten Spielplätzen und jeder Menge Platz. Ein Paradies für Kinder, von denen es dort einige gab (auch wenn insgesamt nicht viel los war). Kind2 schloss sich der Kinderhorde an und sauste mit ihr über die Wiese. Es durfte Lagerfeuer machen, Ponys abbürsten, Ziegen füttern, der Katze Milch geben, auf den ausrangierten alten Traktoren herumklettern und abends vor dem Schlafengehen noch allen Tieren „Gute Nacht“ sagen. Fantastisch!

Vom Ponyhof aus kann man mit dem Rad nach Rüdesheim hinunterrollen (zurück heißt es allerdings schieben, es sei denn, man ist superfit) und dort gut im Park rumsitzen, wirklich spannend ist das allerdings nicht. Der Spielplatz stammt zum Großteil noch original aus den 70ern, mit blau-rot-gelben Klettergerüsten samt Fliegenpilzdach – ich hatte einen kleinen Flashback. Irgendwie scheinen die Rüdesheimer*innen ein Faible für diese alten Dinger zu haben, ich habe insgesamt 3 solcher Spielplätze entdeckt, einen davon auf dem Ponyhof, dort sogar mit einem Original Pferdekarussel.

Dafür gibt es in Bingen – mit der Personenfähre 15 Minuten über den Rhein – zwei gigantisch tolle Spielplätze, die alleine schon einen Besuch wert sind: Einer ist einem Rheinkahn nachempfunden, voller Sand, Spielgeräten und Matschecke. Der andere ist ein riesiger Wasserspielplatz mit Holzburg, Kletterwand, Holzkahn und vielen Ecken, um sich zu verstecken. Für groß und klein spannend, wirklich toll gemacht. Leider war das Wasser noch nicht an – ich schätze mal, im Sommer ist es dort der Hit! Beide Spielplätze sind im ehemaligen Landesgartenschaugelände, das sich über fast 3 km am Rhein entlangstreckt. Dort gibt es Cafés, Blumen, eine Skaterbahn, Ausstellungen … und das Ganze ist fahrrad- und autofrei und somit mit kleinen Kindern sehr sehr entspannt. Zumal es sogar Stühle und Liegen gibt, auf denen man herumfläzen kann.

Wir haben es im Park stundenlang ausgehalten. Kind2 war begeistert und buddelte vor sich hin. Ab und zu haben wir nachgeschaut, ob es noch da ist, und ansonsten unseren Kaffee geschlürft oder in den Himmel geschaut.

Die Kombination Ponyhof + Spielplätze in Bingen war wirklich toll, absolut empfehlenswert mit Kindern. Zudem kann man noch viele andere spannende Sachen in der Gegend machen, z. B. auf dem Rhein rumschippern, Seilbahn fahren, Burgen besichtigen. „Oh wie ist es am Rhein so schön“, trällerte meine Oma gerne vor sich hin. Ja, ich muss zugeben: da hatte sie sehr recht!

Spielplatz in Rüdesheim. Das ist doch 70er Jahre, oder?
Spielplatz in Rüdesheim. Das ist doch 70er Jahre, oder?
Auf dem Weg zur Fähre in Rüdesheim
Auf dem Weg zur Fähre in Rüdesheim
Sand- und Matschspielplatz in Form eines Rheinkahns
Sand- und Matschspielplatz in Form eines Rheinkahns
Der Wasserspielplatz - leider noch ohne Wasser
Der Wasserspielplatz – leider noch ohne Wasser
Ziege auf dem Ponyhof
Ziege auf dem Ponyhof
Pferdekarussel aus den frühen 70ern. Funktioniert noch!
Pferdekarussel aus den frühen 70ern. Funktioniert noch!