Gomera – hippieesk und kinderfreundlich

Mit der Fähre geht es von Teneriffa rüber auf die Nachbarinsel, wir hängen die Köpfe in den Wind und halten Ausschau nach La Gomera, die langsam im Dunst zum Vorschein kommt. Die Busfahrt ans andere Ende der Insel führt uns vorbei an Palmen und Nebelwald, viel Grün, es geht in Serpentinen hoch und wieder runter, fast zwei Stunden lang, am Ende sind unsere Elternnerven etwas strapaziert.

Valle Gran Rey. Das Tal öffnet sich weit zum Meer, die Häuser ziehen sich die Hänge hoch, Steilwand, Bananenplantagen, eine staubige Straße verbindet die beiden Ortsteile am Meer, wir wohnen am Playa, kleine Cafés, Straßenmusikanten, Hippieläden. Und man spricht deutsch.

Überall. Im minikleinen Supermarkt, in den ich mit Kind2 nur ungern gehe, da es in seinem Eifer die aufgetürmten Waren zum Einsturz bringt, radebreche ich auf Spanisch am Käsestand und höre die nächste Kundin „ein Stück von dem Käse da bitte und ein Baguette“ sagen. Die Bäckerei wird von Deutschen betrieben, die Hippieläden auch, in den Cafes und Restaurants wird auf deutsch bestellt. Überall Auswander*innen, die sich für den ewigen Frühling entschieden haben oder zumindest den Winter über hier verbringen. Sie bieten Yoga an, Massagen, allerlei Esoterikkram, aber auch Wanderungen und Bootstouren. Irgendwie muss man halt Kohle verdienen, und das ist auf der Insel ganz schön schwer, wie wir öfters hören. Viele deutsche Touristen, viele Kinder, vor allem kleine, das ist super. Wir fallen nirgends auf, alle sind laut, selbst ins Restaurant kann man hier gemeinsam gehen.

Zum Sonnenuntergang trifft man sich bei Dosenbier am Playa, Trommelcombo zur Feuershow, ein paar Euro ins Säckchen, und verbringt den Abend auf der Plaza, wo Künstler*innen und der Seifenblasenmann ihr Bestes geben. Die Kinder sausen in Horden über den Platz, es sind unglaublich viele, ein Gebrüll aus deutschspanischenglisch, die meisten dreckig, fröhlich, frech. Allen voran die Kids, die hier leben, sie sind wild, selbstbewusst und fit. Ein Mädel klettert den Fahnenmast hoch, 5 Meter mit bloßen Füßen, sie ist vielleicht 6 und beeindruckt die Älteren gewaltig. Kind2 findet das Treiben grandios, es lauscht den Trommeln, stellt sich direkt neben die Combo, „mehr, mehr“ und saust mit dem Ferienkind auf dem Laufrad um Karree, derweil wir plaudernd unser Bierchen schlürfen.

Wir lernen viele nette Leute kennen, man sieht sich ja jeden Abend, „und, was habt ihr heute so gemacht“, hören Tratsch und Klatsch, denn an diesem mangelt es hier nicht. Ständig hat jemand neue Geschichten auf Lager, „die Feueruntergangscrew, ha! Das sind ja keine Hippies mehr, die haben nur die Euros in den Augen“, es ist ein Dorf, nicht jede*r ist sich grün. Überhaupt die Hippies, die wohnten früher mal in den Höhlen hinterm Steilhang, where are all the hippies gone, aber alternativ ist es nach wie vor, kein Urlaubsort für aufgebrezelte Flanierfans. Dass wir gleich Leute aus unserem Städtchen treffen, passt dann auch wie Arsch auf Eimer.

Wir sind nun vier Erwachsene, zwei Kleinkinder und ein Baby, und ziehen als Karawane durchs Tal. Um alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, muss dieser manchmal ganz schön groß sein. Es dauert ein Weilchen, bis wir uns zusammentakten, wer steht wann auf, wer muss wann schlafen, wer muss wann essen, aber dann funktioniert unsere kleine Crew ganz gut. Für die Kinder ist es super, die spielen, sandeln, streiten, fahren Boot auf großen Steinen und beschmieren sich von oben bis unten mit Sand. Unseres zumindest.

Nach ein paar Tagen überfällt mich eine dunkle schlechte Laune. Mir geht alles gewaltig auf die Nerven. Die Enge des Tales, die steilen Felswände, die uns hier festhalten. Die Aussicht, an diesem trägen, langweiligen Ort noch 2 Wochen zu verbringen – jeden Tag dasselbe, mit winzigen Variationen, heute an diesen Strand, morgen zum Babybeach, übermorgen zum Playa del Ingles, rumliegen, den Kindern beim Spielen, Streiten, Sandeln zuschauen, gähn. Die Leute nerven mich, alle, vor allem die ganz Coolen. Und ich mich selbst am allermeisten.

Ich bekomme ein bisschen frei, mache bei einer geführten Tour durch den Nebelwald mit, wo ein Geologe Spannendes über die Botanik erzählt. Ich steige die 700 m am Steilhang hinauf und lege mich oben auf der Hochebene ins Gras, lasse die Bienen summen und finde mich und die Welt schon etwas erträglicher.

Danach genieße ich restlichen Urlaubstage, lasse mich und alles treiben, heute dieser Strand, morgen jeder. Ein Ausflug zu Hafen. Sandeln, Streiten, Spielen. Kaffee und Bananen-Schoko-Crepes vom großen Blonden am Playa del Ingles, ein Gomeron nach dem Essen. Abends das Trommeln und die Feuershow. „Und, was habt ihr heute so gemacht?“.

Nach fast drei Wochen verlassen wir Gomera, Serpentinen wieder hoch und runter und auf der Fähre das Gesicht im Wind. Auf Teneriffa treffen wir noch einen Freund und schaffen es sogar, mit der Seilbahn auf den verschneiten Teide zu fahren, fast ganz hoch auf 3.400 m.

Schön war er insgesamt, unser Frühling auf den Kanaren. Auch wenn ich noch nie so strukturiert und durchgeplant gereist bin. Die Variante, einfach loszuziehen und zu schauen, wo es uns gefällt, mag ich nach wie vor doch lieber. Heute hier, morgen dort. Ich hoffe, wir können so eine Reise einmal mit einer weiteren Familie machen. Denn: Ein Zweitkind zum Spielen ist schon viel wert und auch wir Großen freuen uns über Gesellschaft.

Teil I: Frühling auf Teneriffa mit Kind & Co.

Auf geht's nach Gomera
Da vorne ist Gomera
Wanderung mit den Kindern
Wanderung mit den Kindern
Valle Gran Rey
Valle Gran Rey
Seifenblasenmann
Seifenblasenmann
der verschneite Teide
der verschneite Teide
Das Steinboot der Kinder
Das Steinboot der Kinder
Tschüß Gomera
Tschüß Gomera

 

Frühling auf Teneriffa mit Kind & Co

Wir packen unser Reisezeug, fast dieselben Klamotten wie für die Elternzeitreise vor zwei Jahren für uns und viel größere für Kind2 und quetschen alles in den Koffer, der ein bisschen klein ist und fast aus den Nähten platzt. Das Laufrad darf mit, die Kraxe auch, sonst ist Minimalismus angesagt, alte Regel bei uns, das Reisen soll möglichst unbelastet von schweren Dingen sein. Selbst der Kulturbeutel wird geteilt.

Auf Teneriffa hat es um die 20°C. Die sonst so trockene, karge Landschaft im Süden ist überzogen mit zartgrünem Flaum. Lavendel blüht, Wolfsmilchgewächse sprießen, Kakteen so grün. Es braucht nicht wie sonst den zweiten Blick, um die Schönheit der Insel zu entdecken.

El Medano, das kleine Städtchen am Meer, ist eine alte Bekannte. Die Eisdiele, wo es das beste Schoko-Cookies-Eis gibt, das Neptuna mit dem leckeren comida para llevar, der Spielplatz an der Plaza, die Promenade, auf der ein gemischtes Publikum flaniert, alte Leute, junge Leute, Familien, Kitesurfer – zum Umfallen cool, aufgebrezelte Omis und die Funktionsklamottenfront sind hier vereint. Kind2 fährt mit dem Laufrad Slalom durch die Menge und bewundert die dicken Plastik-Motorroller der einheimischen Kinder.

Kind1 & Freund kommen zwei Tage später nach und machen  es sich gemütlich, für entsprechendes Chaos haben wir bereits gesorgt.  Wenn wir vom Frühstück am Strand zurückkehren – das lautlose Hinausschleichen klappt meist eher mäßig gut – stehen die beiden auf und wir planen den Tag. Ausflüge auf die Caldera, die Mondlandschaft der Las Cañadas, die so wirkt, als läge sie schon immer da, schwarzsspitziges Geröll, erkaltete Lava, ein erstarrtes Monument. Wir machen eine kleine Wanderung am Fuße des Teide, den Kind2 Teido nennt, was sehr spanisch klingt, an Schnee und steilen Geröllhängen vorbei. Wir laufen an der Küste entlang auf einem wunderschönen Weg zum Leuchtturm an der Südspitze der Insel, ein Schild weist ihn als Teil des Programms für Solidarität und Steuerung der Migrationsströme aus. Solidarität bezieht sich auf die Mitgliedsstaaten der EU, nicht auf die Menschen, die hier Schutz suchen, versteht sich.

Der Spielplatz gehört zum täglichen Programm, morgens, mittags, abends. Er ist vor allem am Wochenende gerammelt voll, laut und trubelig. Eltern sitzen auf den Steinstufen und betrachten (meist) entspannt das Treiben, trinken Bier, essen Eis und quatschen. Daneben eine Gruppe junger Leute mit Gitarren, ganz für sich, mit ihren Hunden. Überhaupt Hunde, die gibt es wie Sand am Meer, jedes zweite Paar hat geschätzt einen dabei, mir gehen sie auf die Nerven, weil sie gerne mal hinter einem laufradfahrenden Kleinkind hersausen.

Kind2 möchte mit anderen Kindern spielen, so richtig funkt es aber nicht und ist einmal eine Annäherung gelungen, ist das Kind am nächsten Tag nicht mehr da. Es ist ein Kommen und Gehen und wir sind kein guter Ersatz für Spielkumpan*innen. Das war während der Elternzeitreise deutlich anders, da genügten wir noch voll und ganz. Jetzt freuen wir uns auf die nächsten Wochen, in denen eine zweite Familie mit uns weiterreisen wird.

Nach einer Wochen fliegen Kind1 und Freund gut erholt zurück, auch wenn Ausschlafen nicht immer möglich war und wir eine eher partymüde Gesellschaft darstellten. Aber schön war sie, unsere kleine Familienreise. Wir sagen traurig „bis bald“ und schauen noch dem Flugzeug nach, das morgens sehr früh gen Deutschland abhebt.

Fast  3 Wochen liegen noch vor uns. Auf geht’s nach Gomera!

Auf Las Cañadas
Auf Las Cañadas
An Fuße des Teide
An Fuße des Teide
noch mehr Grün
es grünt so grün
noch mehr grün
Leuchtturm in der Ferne
Solidarität der EU-Staaten gegen Flüchtende
Es ist kein romantischer Leuchtturm
Und Kind1 blicket stumm ... auf dem schönen Meer herum
Und Kind1 blicket stumm … auf dem schönen Meer herum
El Medano Idylle
El Medano Idylle
Kletterpartie vorm Teido
Kletterpartie vorm Teido

Fotos archivieren oder: Mein digitales Chaos

Damals, vor vielen Jahren, als ich meine erste Kamera bekam und mit dem Fotografieren loslegte, lief es noch so ab: Film in den Fotoapparat reinfriemeln, 24 oder 36 mal abdrücken, Film raus. Zum Fotogeschäft laufen, Film abgeben, ein paar Tage warten, Fotos & Negative abholen. Das war immer eine spannende Sache, denn man wusste ja nie, was dabei rauskam und ob die Bilder was geworden waren. Die abgezogenen Fotos sammelte ich in einer Kiste, in sehr guten Zeiten klebte ich sie sogar in langen Abendaktionen in ein Album. Die Negative – und jetzt kommt’s – habe ich ab 1983 alle (!) schön säuberlich in Pergaminhüllen eingeordnet, diese beschriftet und durchnummeriert, abgeheftet und im Register zur Seitennummer das Datum und die Hauptmotive vermerkt.

Krass. Ich kann es heute fast selbst nicht mehr glauben. Bis 2003 ging das so. Jahr für Jahr. Manchmal musste ich ein paar Monate nacharbeiten, aber rückblickend ist alles ordentlich sortiert. Was super war, denn ich habe einige Jahre lang selbst s/w-Fotos abgezogen in meiner kleinen Dunkelkammer, die ich 2-3 mal im Jahr in meinem Bad aufbaute. Meistens kurz vor Weihnachten, um Geschenke für die Familie zu produzieren. Da war ein geordnetes Negativarchiv sehr sehr hilfreich.

Hübsch ordentlich sortierte und beschriftete Negative
Hübsch ordentlich sortierte und beschriftete Negative

2003 wird das analoge Archiv immer dürftiger, in meiner großen Fotokiste gibt es noch vereinzelte Negative von den Jahren danach, sortiert ist hier nichts mehr. Ich bin auf die Digitalfotografie umgestiegen, ganz klar. Und seither läuft es komplett aus dem Ruder. Zwar bietet die digitale Welt wunderbare Werkzeuge für die Bildverwaltung. Man kann Metadaten hinzufügen, Schlagwörter, GPS-Koordinaten, wasweißich, kann das Archiv nach diesen durchsuchen und schwuppdiwupp bekommt man z. B. alle Fotos ausgespuckt, die man von Tante Erna in Hintertupfingen geschossen hat.

Ganz einfach, oder? Tatsächlich sieht das bei mir aber so aus: Meine Bilder sind auf ca. 7 verschiedenen Geräten verteilt: 3 externen Festplatten, 1 uraltem Mac vom Mann (der sich nicht mehr aufladen lässt), 2 Linux-Notebooks und neuerdings auch noch auf meinem Rechner im Büro (fragt nicht!). Natürlich liegt nicht überall derselbe Datenbestand, dieselbe Kopie, das wäre ja zu einfach. Aber auch nicht überall etwas anderes, so dass ich einfach alles zusammenkopieren könnte. Nein. Nein. Vielmehr habe ich an manchen Stellen angefangen zu sortieren, Ordner umzubenennen, Fotos von a nach b zu verschieben und an anderen nicht. Verschlagwortet habe ich noch kein einziges Foto. Wird also nichts mit Tante Erna.

Es ist ein totales Chaos. Es. ist. einfach. schrecklich.

Vor jedem neuen Überspielen von Bildern nehme ich mir vor: dieses Mal alles hübsch in entsprechend benannte Ordner abzuspeichern. Was ich dann mache, immer, weil ich gerade keine Zeit habe oder faul bin: Alle Bilder in einen Ordner kippen, diesen „NeueKamera1“ oder ähnlich bescheuert zu nennen. Und den Rechner wieder zuzuklappen.

Die Anzahl der Bilder geht in die Tausende, ein digitaler Mount Everest türmt sich auf meinen Rechnern. Denn mit dem Abschied von der analogen Fotografie kam auch der Abschied von den geordneten 24 – bis 36-Bilder-Serien. Früher überlegte ich mir tatsächlich noch bei jedem Foto: Ist es das wert, soll ich abdrücken? Jetzt wird geknipst, was das Zeug hält. Und so gibt es locker  254 verschiedene Fotos von einem einzelnen Event. Alleine von unserer Elternzeitreise 2011-2012 gibt es mehr Fotos als alle Bilder aus den Jahren 1983-2003 zusammengerechnet. Wahnsinn. Das schaut sich doch kein Mensch mehr an. Und auch diese Bilder sind chaotisch über 3 Geräte verteilt, was mich vor Kurzem echt zum Verzweifeln gebracht hat.

Ich verabschiede mich derzeit von dem Gedanken, hier noch einmal Ordnung reinzubekommen. Es sei denn, es programmiert mir jemand ein intelligentes Programm, das mir das ganze Chaos lichtet. Oder es hat hier jemand einen grandiosen Tipp? Oder ich ziehe mich 3 Wochen in eine Höhle mit Stromanschluss zurück und widme mich dem Sortieren. Unwahrscheinlich. Es bleibt nur: Mir noch einmal vorzunehmen, ab jetzt besser zu strukturieren. Und vielleicht auch einfach mal nicht so viel zu fotografieren, das würde auch etwas helfen.

Was ich aber immerhin zum allerersten Mal geschafft habe: 3 digitale Alben zu gestalten mit einem Teil der Elternzeit-Tour-Fotos. Ich habe sogar eine Software gefunden, die unter Linux vernünftig läuft, das Ganze ist sehr einfach zu bedienen, man muss sich nur ein paar Stunden auf den Hintern hocken, Fotos auswählen, sich für ein Layout entscheiden. Ein Glück habe ich ein bisschen Tagebuch geführt und E-Mails geschrieben, so dass ich einiges rekonstruieren konnte. Die Bücher sind echt schön geworden. Jetzt haben wir was zum Anschauen & Erinnern.

Mein nächstes Projekt ist nun, für Kind2 ein Fotoalbum anzufangen, ganz klassisch auf Papier, damit es mitwachsen kann. Für Kind1 habe ich über Jahre hinweg eines geführt und sie schaut es bis heute gerne an. Es gibt ja bisher erst 384852 Fotos von Kind2, das müsste also noch zu schaffen sein, wenn ich bald damit beginne ^^.

Fotobücher von unserer Elternzeit-Tour. Geschafft!!!
Fotobücher von unserer Elternzeit-Tour. Geschafft!!!

Eine kleine Reise in Frankreich

Ca. 1600 km, viel Käse und Wein, 8 Knollen Knoblauch, 7 Campingplätze, 14 Tage & Nächte in Frankreich. Ach, es war schön!

Wir tuckern Richtung Süden mit vielen Stationen, fahren am Rande des Juragebirges entlang, durchqueren idyllische, einsame Landstriche und bleiben schließlich ein paar Tage an der Ardèche. Die Käsetheken lassen unsere Herzen höher schlagen, das Kind2 kann endlich gefahrlos mit dem Laufrad umherflitzen und dank der immer noch ausgeprägten Papa-Phase schaffe ich es tatsächlich, die beiden Bücher zu lesen, die ich optimistischerweise mitgenommen habe. Wir lassen es langsam angehen. Schneckentage im schönen Frankreich.

Schneckentage
Schneckentage

Bereits an Tag 1 frage ich mich, wie wir den Bus jemals wieder in seinen sauberen Urzustand versetzen sollen. Und nach der ersten Nacht stelle ich fest, dass alle Zeltnachbar/innen ihren Platz am Abend hübsch aufgeräumt und ihren Tisch geputzt haben. Alle – bis auf … naja. Bei uns herrscht das Chaos, aber warum sollte das im Urlaub anders sein als zuhause. Mir scheint, Campen ist etwas für sehr strukturierte Leute. Für Leute, bei denen jedes Ding einen festen Platz hat, die immer wissen, wo die Zahnpasta ist. Oder die Sonnencreme. Die den Sand und Staub von ihren Decken schütteln, bevor sie diese ins Zelt schmeißen ordentlich gefaltet an den dafür vorgesehenen Ort legen. Wir dagegen sind ständig am Suchen. Diese blöde Taschenlampe, wo ist die denn schon wieder? Unglaublich, an wie viel Orten sie sein könnte, es aber nicht ist, bis sie irgendwann in einer Kiste wieder auftaucht.

Wenn ich das Meer seh, brauch ich kein See mehr
Morgendliche Ruhe vor dem Anturm am Meer

Zur Halbzeit landen wir am Meer bei Sète. Ein gruseliger Campingplatz, voll, heiß, staubig. Kein Fitzelchen Schatten. Am Abend fallen die Mücken über uns her. Einmal in den Wellen treiben, eine Nacht überstehen, dann ist es genug, und da wir keine Lust haben, am Meer entlang die Campingplätze abzuklappern und die Spreu vom Weizen zu trennen, fahren wir wieder ins Inland und folgen den Schildern zu einem „Camping Naturist“.

Ein Natur-Campingplatz, genau das, was wir nach dem Partygetöse am Meer jetzt brauchen, wunderschön gelegen, an einer Quelle und einem See, unter hohen Bäumen mit einem lauen Lüftchen umweht. Nur – dass Naturist nicht „Natur“ bedeutet, wie wir mit unseren allenfalls rudimentären Französisch-Kenntnissen annehmen.

Es ist wenig los und darum braucht es ein Weilchen, bis mir dämmert, wo wir gelandet sind. FKK also. Witzig witzig, haben wir das auch gelernt. Wir überlegen kurz hin und her und beschließen dann doch zu bleiben, zumal das Kind nicht mehr Auto fahren mag. Es ist ein erstaunlich entspannter Platz und wir können dank Handy-Babysitter-App und netter Nachbarn im kleinen Restaurant essen gehen. Ganz hervorragend sogar. Alleine wären wir vielleicht auch länger geblieben. Da es aber keine anderen Kinder gibt, fahren wir nach einer Nacht wieder ab.

Bei Anduze finden wir einen sehr schönen  Wanderweg über Stock und Stein, vorbei an süßen wilden Himbeeren, auf einen Berg und um diesen herum. Und eine Eisdiele mit grandios großen Eisbechern. Die Tage vergehen mit Spielplatz, Planschen, Essen, Knofi-Fahne pflegen, Rumgammeln.

Bei Anduze
Bei Anduze

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal in der Nähe von Bourg-en-Braisse Station an einem lauschigen See. Hier gibt es den mit Abstand tollsten Spielplatz mit spannenden Sand- und Schaukelgeräten. Eine ganze ferienbetreute Kinderschar ist unterwegs, ordentlich in rosa-hellblau ausstaffiert. Das rote Käppchen hält die Gruppe beisammen.

Rosa und hellblau sortierte Kinderschar mit roten Mützen
Knirpse in rosa und hellblau. Und ein bisschen orange und rot.

Nach zwei Wochen werfen wir ein letzten Mal den Gaskocher an für den Morgenkaffee, ein letztes Croissant, noch einmal in den Supermarkt, dann geht es zurück. Bus schrubben, Klamotten sortieren und das Gefühl haben, dass wir lange lange weg waren.

Mein erster Frankreich-Urlaub. Toll war’s – hoffentlich bald wieder!

Bei Bourg-en-Braisse. Rückfahrt
Bei Bourg-en-Braisse. Letzter Tag.

Ich bin dann mal weg – wo auch immer

Urlaubsplanung im Hause cloudette & co.:

8 Wochen vorher:

„Wo fahren wir denn hin?“

„Hmmm, mal schaun. Kommt auf’s Wetter an. Wir könnten ne Fahrradtour mit dem Anhänger machen. An der Donau oder so. Oder wir leihen uns den Bus. Ist ja noch ein bisschen Zeit.“

4 Wochen vorher:

„Fahrradfahren könnte anstrengend werden mit Kind2. Da kommen wir nicht wirklich voran.“ (Subtext: Wir sind zu faul)

„In der Tat. Vielleicht doch lieber den Bus ausleihen?“

„Ok, ich frag‘ mal.“

2 Wochen vorher:

„Bus geht klar. Und jetzt?“

„Mhhh. Lass uns mal schauen. Ist ja noch ein bisschen hin.“

1 Woche vorher:

„Die Kollegin empfiehlt Slowenien. Südfrankreich soll auch schön sein. Bretagne? Oder Kroatien?“

„Hmm. Wir können ja mal recherchieren.“

3 Tage vorher:

*surfenbiszumAbwinkenohneErgebnis*

1 Tag vorher:

„Wir könnten ja auch einfach losfahren und dann schauen, wo es schön ist.“

„ok“

Äh, ja. Wir spielen dieses Spiel mit wechselnden Rollen. Immer wieder – so ähnlich. Mit 354 Tipps im Kopf, ohne Plan. Klar ist immerhin: Campen. Mit dem geliehenen Bus. Wahrscheinlich Frankreich. Wein Käse Croissant – das sind überzeugende Argumente!

Ich bin dann also mal weg. Bis bald!

Auf in den Süden
Auf in den Süden?

Besuch beim Töchterchen

Zu Besuch beim Töchterchen in der Großstadt. Es ist lausig kalt dort oben im Norden. Grau in Grau in Grau. Werbeblätter flattern durch die Straßen, bis sie zu einer Pampe am Wegesrand verklumpen, wir ziehen die Kragen hoch gegen den Winter, von Frühling ist hier noch keine Spur. 3 Monate haben wir uns nicht gesehen, schön ist das Wiedersehen. Nun haben wir fast 3 Tage zum Plaudern und um die Häuser ziehen.

Ein Besuch beim Töchterchen ist immer auch eine kleine Reise in die Vergangenheit, in alte Zeiten, als ich mit ihr hier oben wohnte, bis wir nach der Grundschule gen Süden zogen. Vertraute Ecken, viele Freund/innen sind noch hier, Erinnerungen an die WGs auf dem Lande. Mit 18 zog es das Töchterchen wieder in den Norden. In die Großstadt, die ich nie mochte, grau fand ich sie. Langweilig. Äußerst langweilig. In die ich nur fuhr, um auf ein Konzert zu gehen, auf den Flohmarkt, auf Demos, selten zum Shoppen.

Kunst, Kälte, Lakritz-Kola
Kunst, Kälte, Lakritz-Kola

Erst langsam entdecke ich ihre schönen Seiten bei meinen Besuchen. Die Cafés, die Vielfalt an Menschen und Läden, die alten Klinkerhäuser, die spannenden Viertel. Es ist die Stadt mit der vermutlich höchsten Kiosk-Dichte der Welt, an fast jeder Straßenecke gibt es einen. Und in ihnen ein grandioses Bunte-Tüten-Angebot und abgefahrene Getränke. Lakritz-Cola. So zum Beispiel.

Ah, ich liebe das ja!
Bunte-Tüten-Kultur. Ah, ich liebe das!

Hier torkeln besoffene Punks durch die Gegend, haste mal’n Groschen. Hier reiht sich ein edler Rote-Punkte-Rüschen-Schnickschnack-Laden an den nächsten. Bioladen neben Dönerbude, Cafés im US-Stil, teure Boutiquen und verranzte Ecken. Ein Viertel mitten im Gentrifizierungsprozess, Kündigungen für alteingesessene Imbissbuden, steigende Mieten und Immobilienpreise auf einem Niveau, wie ich es von unserem beschaulichen Puppenstuben-Städtchen kenne. Auf der anderen Seite verkauft die Stadt hier eine ehemalige Grundschule, einen Riesenkasten, günstig an eine Projektgruppe für gemeinsames Wohnen, erzählt ein Freund. Über das Mietshäusersyndikat ist gewährleistet, dass es hier keinen Mietwucher, keine Spekulationen geben wird. Super!

Mit dem Um-die-Häuser-ziehen wird es nicht so viel, es ist zu kalt und die Tochter ist im Zockerfieber. Wizard heißt das Spiel, komische Figuren auf komischen Karten, nach einer Runde ist mir klar: Das ist einfach „Stiche ansagen“. Ha! Das habe ich früher fanatisch gespielt. Tagelang. Wochenlang. Mit einem Poker- oder Skatblatt. Auch das ist eine Reise in die Vergangenheit, das stundenlange Zocken in der WG-Küche. Noch ne Runde, wir haben Zeit, keine Termine. Herrlich. Mit den Karten kann ich mich nicht recht anfreunden, also wir haben das ja früher mit einem einfachen Skat-… Mensch Mama, das sagst du jetzt zum 500. Mal, die Tochter verdreht die Augen. Tja, ist doch aber auch so, also früher …. Tsss.

Am nächsten Morgen sitze ich alleine in der Küche, mit dem Ausschlafen war es wieder nichts, auch ohne Bio-Wecker wache ich Schlag 7 auf. Es dauert lange, bis sich jemand blicken lässt, 7 ist ja quasi mitten in der Nacht. Ich habe Zeit, um die wenigen Kaffeevorräte wegzuschlürfen und festzustellen, dass WG-Küchen noch genau so aussehen wie vor äähmja 20 Jahren. Ein Sammelsurium an Stühlen, Einrichtungsgegenständen, Tassen. Gewürzgläser am Deckel aufgehängt, bezogen mit einer leichten Fettschicht.

Die Tage gehen wie im Flug ins Land, von zu Hause tröpfeln Nachrichten rein, Kind2 geht es gut, „Mama Dug“ sagt es = Mama ist mit dem Zug weg. Und kommt bald wieder. Am Sonntag morgen heißt es leider schon Abschied nehmen, ich sitze im Zug und brause gen Süden. Meine Klamotten riechen nach Holzfeuer vom Ofenanheizen, nach Essen vom großen WG-Gekoche. Ich bin müde von den langen Abenden und kurzen Nächten. Ich bin beglückt von den schönen Tagen mit dem Töchterchen. In wenigen Stunden bin ich wieder zu Hause, im Provinzstädtchen, bin wieder Kleinkindmama, bin wieder in meiner Alltagswelt. Ich freue mich darauf, sehr sogar, und bin ein ganz klein wenig wehmütig. Ein Lächeln und ein Tränchen. So ist das manchmal.

Impressionen

National-Park-Hopping. Von einer Schönheit zur nächsten

Als wir im Februar aus der tropischen Hitze Mittelamerikas in Kalifornien ankamen, atmete ich erst einmal tief durch. Kühle Luft, fantastisch! Endlich wieder bewegen, ohne dass der Schweiß überall herunterläuft und die Sonne die Glieder schwer werden lässt.

L.A. – groß. Viele Palmen. Riesige Supermärkte. Nach unserem Leben auf dem Lande in Panama mit überwiegend Linsen, Reis, Bananen und Bier, waren wir etwas geplättet von dem Megaangebot. 113 verschiedene Sorten Cornflakes, hochglanzpoliertes Obst, gigantische Einkaufswagen. Wehe, man vergisst etwas und muss zurücklaufen: bei den Dimensionen artet das in Sport aus. Das Überangebot schlug sich ziemlich schnell nieder: Trotz „guilt-free Snacking“ & etlichen Wanderungen nahmen wir alle miteinander deutlich zu.

guilt-free Snacking. Na dann! | Wir sind immer ein Carpool | Einkaufserlebnis

Nach einer kurzen Runde durch Hollywood rüsteten wir uns für die Weiterreise. Mietwagen, Gaskocher, Jahreskarte für die National Parks, Espressomaschine und ein warmer Pullover, damit hatten wir die wichtigsten Dinge beisammen. Wir fuhren zunächst die legendäre 1 gen Norden, machten ein paar Tage Halt in Monterey und besuchten das bezaubernde Pinnacles National Monument. Bei San Francisco versuchte ich das erste und einzige Mal, mit Öffis und zu Fuß einen Park zu erreichen. Nach 4 Stunden trennte mich nur noch ein 6-spuriger Highway vom Spielplatz – und ich gab auf. Ok. Autokultur, ich habs kapiert. Ab da nur noch mit dem Wagen. Der kleine F. musste sich wohl oder übel daran gewöhnen. Und als „Carpool“ – einem mit mind. 2 Personen besetzten Wagen – hatten wir meistens Vorfahrt auf der Überholspur.

Außer in den National Parks. Da ließen wir die Karre auf irgendeinem Parkplatz stehen und gingen zu Fuß. Stundenlang. Zunächst ein paar kleinere Runden durch den Sequoia NPark und den Angeles NForest, allerdings waren hier viele Straßen noch gesperrt, es lag Schnee & war etwas zu kalt für unsere spärliche Garderobe.  Als dann auch noch ein fetter Sturm angekündigt wurde, fuhren wir ein paar Kilometer weiter, in die Wüste. Und von dort Richtung Osten nach Arizona. Auch in die Wüste. Wir wanderten zwischen meterhohen Kakteen im Tonto National Forest umher, durchstreiften bei Prescott die Wälder und warfen einen Blick in den Grand Canyon. Bilder hatte ich davon schon gesehen, aber auf dieses gigantomanische Naturmonument war ich nicht vorbereitet. Mir lief es kalt den Rücken herunter: gespaltene Erde, bis zu 1800 m geht’s in die Tiefe, skurille Felsformationen, wohin man schaut. Da will ich runter. Irgendwann einmal, wenn Kind 2 größer ist oder mich Kind 1 begleitet. Mit dem V. Oder alleine.

Von der Wüste in den Schnee: Tonto NF – Red Rocks, Pixie NF – Capitol Reef – Rocky Mountains

Immer an den Canyons entlang ging es weiter nach New Mexico, Colorado und Utah, durch grandiose Landschaften, vorbei an bizarren Felsformationen und faszinierenden Farbspielen. Wir hüpften von einem Park zum nächsten und waren immer wieder überwältigt von den Naturschönheiten: National Bridges, Staircase Escalante, Red Rocks Pixie … einer meiner liebsten war: Capitol Reef, wo diese unglaublich schiefen Megafelsen wie gigantische Schiffe gen Himmel brechen.

Wir waren fast jeden Tag draußen in der Natur. Der Kleine kam in die Trage auf den Rücken, und so stromerten wir stundenlang durch die Landschaft. Der Sohn war inzwischen alt genug, die (vielen) Pausen mit Erkundungen zu verbringen: Er fraß sich durch Wüstensand (natürlich), stocherte mit Ästen im Waldboden, hatte zum ersten Mal Schnee in den Händen und ließ sich wie wir auf den Berggipfeln den Wind um die Nase blasen.

Blick aus der Trage | Gipfelbier | Wie wahr!

Meist blieben wir nur ein paar Tage und Nächte an einem Ort, in einem günstigen Motel. Oder wir besuchten Freund/innen und Verwandte. Einmal auch eine flüchtige Twitterbekanntschaft und eine Familie, die wir ein paar Wochen vorher in Panama kennengelernt hatten. Ich habe selten so großzügige & nette Gastfreundschaft erlebt.

Witzigerweise hängen in vielen Motels die gleichen Bilder über den Betten. Vielleicht der Harmonie wegen?

In den USA lässt es sich super mit kleinem Kind reisen, finde ich: Wir hatten nie Probleme, eine Unterkunft zu finden, nie Beschwerden, das Baby sei zu laut (im Unterschied zu Las Palmas /ES, wo die Nachbarn nachts an die Wand hämmerten). Die Spielplatzbegegnungen waren überwiegend nett, die Leute überhaupt sehr freundlich, in Restaurants waren immer Hochstühle vorhanden und das Beste: an (fast) jedem Spielplatz gibt es Toiletten & Grillstellen. Ein echtes Feature!

Alltagsimpressionen: Kochen auf dem Spielplatz & im Kofferraum. Fütterung vor’m Motel

Wir hatten eine tolle Reisezeit erwischt von Ende Februar bis Anfang Mai: Die Wintersaison war vorbei, die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Es war also nicht viel los, die Motels waren fast überall günstig und kaum belegt. Und klimatisch war es super. Ein schöner Abschluss unserer Elternzeitreise.

Nach ca. 6000 Meilen Autofahrten, wenigen Städten, vielen National Parks, wunderschönen Wanderungen, unglaublich beeindruckenden Erlebnissen, netten Begegnungen, kehrten wir wieder nach Deutschland zurück. Nun begann der „heimatliche“ Alltag mit kleinem Kind, an den wir uns erst gewöhnen mussten. Und wie das mit tollen Momenten so ist: Auch sie geraten in Vergessenheit, verblassen langsam vor dem Gewohnten oder Neu-Erlebten. Wir haben Fotos, die uns beim Erinnern helfen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten. Und ich schreibe darum auch ein bisschen davon auf. Zum Teilen & Bewahren.

P.S. 1: Bei blog.zwzora habe ich ein kleines Video gefunden, bei dem ich sofort Sehnsucht bekomme: aus dem Auto heraus gefilmt ein kleiner Einblick in die fantastische Canyonwelt. An vielen Stellen waren wir auch.

P.S. 2: Im Waldo Canyon (Colorado) wütete im Juni 2012 ein Feuer und zerstörte große Teile davon. Tausende Menschen wurden obdachlos. Wir waren dort noch Ende April unterwegs. Traurig.

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Elternzeitreise Post 1: Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra, Slowakei
Elternzeitreise Post 2: Kleiner Alltag in der Ferne