Valencia, liebe Valencia mein. Eine Städtereise mit Kind

In der letzten Urlaubswoche – nach Krankheit und häuslichem Aktionismus – werfen wir unsere Sachen in den kleinen Reisekoffer und fliegen nach Valencia. Wenigstens noch ein bisschen Urlaubsfeeling & Sonne tanken, das ist die Idee. Es ist die erste Städtefahrt mit Kind2. Bislang haben wir große Städte als Urlaubsziel eher vermieden, denn die üblichen Highlights wie Museen besichtigen & Kirchen besuchen, in Cafés rumhängen und Party machen sind mit kleinem Kind nicht drin.

Wir mieten eine kleine Ferienwohnung mitten in El Cabanyal, einem alten Fischerviertel direkt am Meer. Die Stadtverwaltung plant seit Jahren, eine Schneise in das Viertel zu schlagen, um einen prachtvollen Boulevard bis zum Meer zu ziehen (hier ein Video). Proteste aus der Bevölkerung und vermutlich die Finanzkrise haben dem bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Viertel scheint mitten in der Gentrifizierung stecken geblieben zu sein: Einige Häuser sind bereits abgerissen, andere sind hübsch saniert, andere rotten vor sich hin. Es ist eng, bunt, windschief. Hier kann er sich die Mieten noch leisten, erzählt uns ein Anwohner in einer Bar. Wir streifen stundenlang durch das Viertel, durch dessen enge Gassen kaum Autos fahren. Vielleicht weil noch keine Saison ist, vielleicht weil viele Sträßchen wegen des valencianischen Frühlingsfestes Fallas komplett gesperrt sind, vielleicht geht es hier aber einfach immer ein bisschen ruhiger zu.

Valencia ist die erste spanische Stadt, die ich besuche, in der ich den Verkehr einigermaßen erträglich finde. Der Nahverkehr ist super ausgebaut, mit Bus und Metro kommt man schnell herum. Es gibt ein öffentliches Fahrradleihsystem und viele Fahrradwege. Mitten durch die Stadt zieht sich ein kilometerlanger Park, der im ehemaligen Flussbett des Turia angelegt wurde. Es gibt Cafés, Spielplätze, Sportplätze, Skateranlagen, Wasserspiele und futuristische Gebäude in der Ciudad de las artes y las ciencias. Sehr beeindruckend. Hier kann man sich stundenlang aufhalten.

Am Wochenende feiern die Anwohner*innen die Fallas, das große Frühlingsfest, auf der Straße. Das ist so eine Mischung aus Karneval und Silvester. Bunte Kostüme und unglaublich viel Knallerei. Im Viertel bauen sie Festzelte auf, kochen Paella auf der Straße, während die Kinder im Akkord Böller zünden. Ab fünf Jahren aufwärts haben sie alle kleine Holzkästen zum Umhängen, in denen sich die Kracher stapeln. Kein Schritt kann man tun, ohne dass es neben einer knallt und raucht. Ich finde das furchtbar und bin damit beschäftigt, mein Herz zu beruhigen, während Kind2 sich vor Faszination und Freude fast nicht mehr einkriegt und mit Knallerbsen um sich wirft.

Unter der Woche dagegen ist kaum etwas los. Wir sind off-Saison unterwegs, der Strand ist fast leer, die meisten Bars haben noch geschlossen, der Bootsverleih hat zu. Statt Museen zu besichtigen, von denen es so einige gibt in Valencia, schauen wir Menschen beim Arbeiten zu: dem Baggerfahrer, der am Strand meterhohe Berge aus Strandgut, Schlick und Algen zusammenschiebt. Den Arbeitern am Strand, die die Promenade für den Sommerbetrieb vorbereiten. Den Sandburgbauer*innen, die ihre Burgen am Strand bewachen. Der Müllabfuhr, den Öllieferanten, der Feuerwehr. Wir sind stundenlang auf einem sehr tollen Spielplatz am Hafen und beobachten, wie das Riesenrad zusammengebaut wird, mit dem wir dann tatsächlich am vorletzten Tag auch fahren können. Und das alles ohne Internet, ohne Twitter, ohne Ablenkung. Uns bleibt nichts anderes übrig, als ebenfalls zuzuschauen oder meinen Gedanken nachzuhängen. Oder einfach einmal gar nichts zu denken.

Am Sonntag fahren wir in die Innenstadt zum Plaza del Ayuntamiento, auf dem während der Fallas täglich ein Feuerwerk, die Mascetà, stattfindet. Zehntausende strömen auf den Platz. Jeden Tag, drei Wochen lang. Eine Stunde vorher soll man da sein, sagt uns eine Bedienung im Café, ein Bierchen trinken und warten. Das machen wir, nur ohne Bier. Wir sitzen mitten in der Menschenmenge, kauen Sonnenblumenkerne und sind gespannt auf das Spektakel. Das startet pünktlich um 14 Uhr und besteht aus einer gigantischen Knallerei, unglaublichem Lärm und viel Rauch. Meine Ohren dröhnen, um uns herum tobt die Menge und nach 5 Minuten ist der ganze Spuk vorbei. Ein bisschen spinnen sie schon, die Valencianer.

Nach einer Woche reisen wir wieder ab. Es reicht nun auch, das Kind braucht dringend wieder andere Kinder zum Spielen und wir Großen eine Atempause vom Bespaßungsprogramm, auch wenn es Spaß gemacht hat, die Stadt im Kindertempo zu erkunden. Ich trällere ein letztes Mal „Valencia, liebe Valencia mein“ vor mich hin und bin sehr zufrieden mit der Reise.

Fischerviertel El Cabanya

Fischerviertel El Cabanyal

Bunte Häuschen und viel Leerstand

Bunte Häuschen und viel Leerstand

Protest der Anwohnenden: Erneuerung ohne Zerstörung!

Protest der Anwohnenden: Erneuerung ohne Zerstörung!

"Dieses Haus hat einen Besitzer"

„Dieses Haus hat eine*n Besitzer*in“

Der kilometerlange Sandstrand mit Blick zum Hafen  und Riesenrad

Der kilometerlange Sandstrand mit Blick zum Hafen und Riesenrad

Lieblingsbeschäftigung: Leuten beim Arbeiten zusehen

Lieblingsbeschäftigung: Leuten beim Arbeiten zusehen

Mascletá - viel Lärm und Rauch

Mascletá – viel Lärm und Rauch

Ciudad de las Artes y de las Ciencias

Ciudad de las Artes y de las Ciencias

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