Familiencamping auf dem Chaos Communication Camp #cccamp15

Nach dem tollen Chaos Communication Congress im Winter meldeten wir uns als Familie beim Chaos Communication Camp im Sommer an. Das Camp findet alle 4 Jahre statt und ist so eine Art riesiges Klassentreffen für Hacker und Häcksen, Nerds und Geeks aller Art, Freunde und Freund*innen, Interessierte, Kinder etc. pp. Ich war sehr gespannt. Ein Zeltlager mit tausenden Leuten, wie würde das wohl werden?

Wir reisten bereits 3 Tage vor der offiziellen Eröffnung des Chaos Communication Camps an, was sich als hervorragende Idee entpuppte. So konnten wir entspannt das Gelände erkunden, zuschauen, wie alles aufgebaut und dekoriert wurde, und die Nachbar*innen kennenlernen. Denn das Gelände füllte sich kontinuierlich, bis irgendwann ca. 5000 Leute darauf herumspazierten und Zelt an Zelt stand.

Das Camp fand im Ziegeleipark Mildenberg statt, einem Industriemuseum mit riesigen Hallen, weiten Flächen, alten Gebäuden, verrosteten Maschinen, einem tollen grünen Gelände und einer Bahn, die einmal um das Areal herumtuckerte. Eine der Bahnen wurde rechts schnell gehackt und in ein fahrbares Partygefährt verwandelt mit Bällebad, Cocktailbar und viel Glitzer, das abends seine Runden drehte.

Family-Village

Das Camp war zum großen Teil in Villages organisiert, denen eins sich spontan oder bereits im Vorfeld zuordnen konnte. Die Camps waren interessensgeleitet (Anarchie-, Queer-, Foodhacking-Camp u.a.) oder mit einem Ort verknüpft (Berlin-Camp BER, Freiburger CCC etc.). Wir campten im Family-Village, naheliegend, denn dort tummelten sich natürlich viele viele Kinder. Es gab ein Gemeinschaftsküchenzelt und ein Zirkuszelt mit tonnenweise Duplo zum Spielen, und es lag direkt an einem kleinen, sehr netten See, der die doch meist überfüllten Duschen hervorragend ersetzte. Im Küchenzelt hatte Andreas die Organisation der Gemeinschaftsküche übernommen und kümmerte sich um die Verwaltung des Kostenbeitrags (für die, die mitmachen wollten), das Einkaufen, den Essensplan. Geschnippelt und gekocht wurde gemeinsam, dafür melden sich jeden Tag Freiwillige. Das war super, so musste eins sich um nicht all zu viel kümmern, konnte sich den ganzen Tag über Brote schmieren und abends ein leckeres Essen essen.

Programm

Das offizielle Programm war – im Vergleich zum überquellenden Angebot bei der Chaos Communication Conference –  überschaubar. In zwei riesigen Zelten gab es 5 Tage lang Vorträge zu allen möglichen Themen. Da der Mann und ich uns wieder im Kind-beaufsichtigen abwechselten, konnten wir beide jeweils zu Veranstaltungen gehen. Ich war z. B. beim Vortrag von Anne Roth zum NSA-Untersuchungsausschuss, bei Refugees Emancipation, beim Vortrag zu The infiltration and physical surveillance of social movements, etc. pp. (hier sind alle Aufzeichnungen). Daneben gab es das selbstorganisierte Programm: Wer Lust hatte, bot einfach einen Workshop an oder hielt einen Vortrag, zeigte einen Film oder initiierte eine Diskussionsrunde. Das Angebot zu überblicken, war völlig unmöglich. Zwar gab es einen Kalender im Camp-Wiki, aber vieles erfuhr eins nur über Mund-zu-Mund oder über Zettelchen, die überall rumhingen. Es gab Yoga, Raketenworkshops für Kinder (und Große), Einführungen ins Programmieren, Hackerspaces, DIY ohne Ende (Gummibärchen, Kosmetik, Technik). Ich war z. B. beim Lila Podcast, der meiner Meinung nach deutlich gehaltvoller war als der eine oder andere Podcast der Podcastikonen, dafür aber viel spärlicher besucht, leider. Oder beim Workshop von Andre Holm zur Gentrifizierung in Berlin. Bei einer feministischen Diskussionsrunde etc. pp.

Das Kind war stundenlang beim Chaos Emergency Responce Team, wo es die Feuerwehrleute mit Fragen löcherte, im Feuerwehrauto rumkletterte und den Krankenwagen besichtigte. Und wir waren gemeinsam beim Start der selbstgebastelten Raketen. Tagsüber hatte das Kind oft keine Lust, das family-Camp zu verlassen, da gab es genug zu spielen. Ein großer Programmpunkt war: einfach nur rumhängen. Am See (es hatte ja über 30°C), im family-Zelt, bei den Nachbar*innen oder in der Marina außerhalb des Geländes, wo es sehrrrr schön ruhig war und wo ich mit dem Kind einige Auszeiten mit Eis und aufs Wasser schauen eingelegt habe.

Denn laut und trubelig war es während der 5 Camp-Tage fast ununterbrochen. Nachts gab es Musik bis zum Morgen, die Kinder waren früh wach – und zumindest unseres weigerte sich beharrlich, einen Mittagsschlaf zu machen, was sich nach ein paar Tagen doch ziemlich bemerkbar machten, denn vor 23 Uhr war es nie im Bett (“ I WILL ZUR PARTY!!!“). Jeden Abend streunten wir über das Camp.

Zusammenleben

Das Camp trug zwar das Chaos im Namen, chaotisch war es aber nicht. „Da ist jedes Open-Air-Festival chaotischer“, sagte jemand im family-Zelt. Es gab ein paar wenige Regeln wie: das Gelände bleibt autofrei (bis auf Lieferungen und Camper, die allerdings nicht mehr bewegt werden durften), die Fluchtwege dürfen nicht zugezeltet werden und „be excellent to each other“. Was ich so mitgekriegt habe, hat das super geklappt. Ich habe nicht eine einzige besoffen rumpöbelnde Person gesehen, kein Gebrülle, Müllberge, kein Geglotze, wenn eins nicht mainstreammäßig unterwegs war etc. Der Frauenanteil war insgesamt noch sehr überschaubar (außer im  Familienbereich), allerdings waren unter den Speaker*innen viele. Bei einer quer-feministischen Diskussion sagte jemand sinngemäß: „Auch wenn hier noch nicht alles perfekt ist, so ist es doch ein besserer Ort als die meisten, die ich kenne.“

Über 1000 freiwillige Helfer*innen, die Angels, sorgten dafür, dass die Sanitäranlagen auch am Ende des Tages noch benutzbar waren, das Internet immer funktionierte und dass das Camp überhaupt stattfinden konnte.

Apropos Internet: Extra für das Camp hat der CCC kilometerlange Kabel durch die brandenburgsche Pampa verlegt und über so genannte Datenklos (pinkfarbene Dixies) ein gigantisches Netzwerk über das Camp gelegt.

Fazit

Es war, Überraschung!, sehr toll auf dem cccamp15. Super organisiert, tolles Programm, nette Leute, prima Gelände. Auch für das Kind (4,5 Jahre alt) war es sehr entspannt, es konnte sich recht autonom bewegen, es wurde nirgends angeschissen (höchstens freundlich gebeten, irgendwas zu tun oder lassen) und es hatte einen Rießenspaß mit dem ganzen Angebot (Partywagen, See, Spielsachen). Für das nächste Mal würde ich gerne ein paar befreundete Familien / Freund*innen überreden mitzukommen. Wir könnten uns dann mit Babysitten abwechseln und gemeinsam  Party machen. Der Mann und ich konnten praktisch nicht gemeinsam rumziehen, was etwas schade war. Und da ich nun nicht gerade das Small-Talk-Ass bin, tat ich mich schwer, mich irgendwo dazuzumischen und Leute anzusprechen.

Nach 8 Tagen Camp reisten wir wieder ab auf einen mecklenburg-vorpommerischen Campingplatz am See. Und so sehr wir dort auch die Ruhe genossen, waren wir Großen doch ziemlich wehmütig und ein bisschen scheu der „normalen“ Welt gegenüber, wo eins ständig damit rechnen muss, wegen irgendetwas angeblökt und schräg angeschaut zu werden. Wie wäre es, wenn das Campleben der Normalzustand wäre?, fantasierten wir. Sicher keine schlechte Welt.

Die ccc-Rakete darf nicht fehlen!

Die ccc-Rakete darf nicht fehlen!

Der Partyzug. Extrem beliebt bei groß&klein.

Der Partyzug. Extrem beliebt bei groß&klein.

Yarnbombing-Deko. Überall.

Yarnbombing-Deko. Überall.

Storm Trooper Besuch am Strand.

Storm Trooper Besuch am Strand.

geduldiges Beantworten von 5234 Trillionen Fragen beim Chaos Emergency Rescue Team

geduldiges Beantworten von 5234 Trillionen Fragen beim Chaos Emergency Rescue Team

Rost & Faden

Rost & Faden

Wichtigste Haltestelle: Spiegeleimuseum

Wichtigste Haltestelle: Spiegeleimuseum

Raketenstart

Raketenstart

Lest mehr Schilder. Und Zettel.

Lest mehr Schilder. Und Zettel.

This is not Berlin

This is not Berlin

Be excellent

Be excellent

noch mehr Schilder

noch mehr Schilder

Zelt an Zelt an Zelt

Zelt an Zelt an Zelt

Typisch: überall Kabel. Und Datenklos (rechts). Und im Hintergrund das family-Zelt.

Typisch: überall Kabel. Und Datenklos (rechts). Und im Hintergrund das family-Zelt.

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Familie, Feminismus & Firlefanz
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5 Antworten zu Familiencamping auf dem Chaos Communication Camp #cccamp15

  1. Kai schreibt:

    Danke für den anschaulichen Bericht. Bei der Zahl 5000 bin ich zusammengezuckt, war aber dann sehr überrascht, wie entspannt Du die Atmosphäre trotz des Trubels schilderst. Fein!

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  2. Petra schreibt:

    hey, gut beschrieben und tolle Bilder! und ich fand es ebenfalls super, euch dort kennen zu lernen und gemeinsam abzuhängen! Und nächstes Mal ist das Kind dann eh schon nicht mehr betreubar 😉

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  3. Pingback: Familienausflug zum #32c3 | cloudette

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