Ein Baum fällt um

Ich war weit genug weg, um nicht erschlagen zu werden, und nah genug dran, um mir einen Riesenschreck einzufangen.
Der Sturm kam innerhalb von Minuten, hektisch packten wir unsere Siebensachen im Gärtchen zusammen und radelten gen Hause. Ich machte eine kleinen Abstecher zur Mülltonne an der Wiese, als der Sturm aufkam. Der Wald rauschte, Blätter flogen mir um die Ohren. Dann ein knarzenden Geräusch, ein Rumms – und wie ein Streichholz kippte der große Baum in der Mitte der Partywiese um. Bumm. Einfach so. Nie flitzte ich schneller über die Brücke, wer weiß am Waldrand schon, ob mir nicht der nächste auf den Kopf kracht. Den Müll nahm ich mit.

Als der Sturm vorüber war, fuhr ich noch einmal hin. Ein Mann stand da, es dämmerte schon, er weinte „So ein schöner Baum, das war der schönste hier“, sagte er. Wir standen eine Weile schweigend beisammen. Ein mächtiger, sehr alter Baum. Er war innen völlig morsch, ihn hielt nur noch der äußere Ring zusammen.

Zum Glück waren an dem Abend keine Menschen auf der Wiese, im Unterschied zum Tag davor, als viele die laue Sommernacht feierten. Wie oft saßen auch wir in seinem Schatten. Mit gutem Gefühl werde ich wohl so schnell nicht mehr unter einem Baum Schutz vor Regen & Sturm suchen. Mannomann.

Umgeknickt
Umgeknickt. The day after.
Attraktion heute
Attraktion heute
Innen völlig morsch
Innen völlig morsch
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Party mit Oma im Krankenhaus.

Das geplante Kaffeetrinken mit Oma endet abrupt: mit einem Sturz über die Türschwelle auf den gefließten Küchenboden. Binnen Sekunden bildet sich ein riesen Horn auf ihrer Stirn, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Großer Schreck, Schwesterchen und ich beschließen, sie schnell ins Krankenhauses zu fahren.

Nach rasanter Fahrt, einer fast übersehenen Straßenbahn und längerer Suche nach dem Eingangsbereich landen wir an der Notaufnahme. Wir werden sofort von der pompösen Wartehalle in den Backstagebereich geführt, als wir das Alter nennen. 94, oh weia, die Dame soll sich bitte hinlegen, nicht dass sie zusammenklappt. Wir sitzen zu dritt auf der Krankenliege im Kämmerchen, noch leicht schockiert, es wird doch hoffentlich nichts Schlimmes sein.

Oma findet als erste die Worte wieder und beginnt, den verpassten Kaffee und, viel schlimmer, den ebenfalls verpassten traditionellen Sekt zu beklagen. Ob sie den Arzt wohl fragen kann, ob sich das heute noch nachholen ließe? Vielleicht nicht als erstes, empfehlen die Schwester und ich, und die Sorge entlässt uns schon langsam aus ihrem Griff. Wer Sekt trinken möchte, dem kanns so schlecht nicht gehen. Wir reißen erleichtert die ersten albernen Witze, über Holzköpfe und ähnliche Tiefsinnigkeiten, während Oma den einen und anderen Schwank aus ihrem Leben erzählt.

Das Kämmerchen ist eng, abgeschabte Möbel, rissige Wände, abgelaufene Prüfplaketten auf medizinischen Geräten. Hinter den Kulissen ist nichts mehr pompös, eher abgefuckter 70er-Jahre-Charme. Oma ist inzwischen beim Rezitieren von Volksliedern angelangt und läuft zu altgewohnter Form auf.  Das Ganze bekommt skurrile Züge, hier fehlt wirklich nur noch der Sekt, die Party ist in vollem Gange. „Oma, ein bisschen mehr Gebrechlichkeit würde die Warterei eventuell verkürzen, die hören dich doch die ganze Zeit quietschfidel quatschen“, meint die Schwester zwischendurch, immer wieder von Gekicher geschüttelt. Wäre dieses Riesenhorn auf Omas Stirn nicht,  das sich so langsam knallblau verfärbt, wir könnten getrost wieder nach Hause gehen.

Nach zwei Stunden Klamauk kommt ein junger Arzt vorbei, schätzungsweise ein Drittel so alt wie Oma, die sich sofort kerzengerade in Form setzt. „Das muss geröntgt werden, tragen Sie denn ein Hörgerät?“, fragt er.

Oma: „Neee, wissen Se, ich hab‘ ja nur noch 10 % Sehvermögen“  (Äääh, Oma, moment, Thema verfehlt?!  …), “ … Und die Dinger sind ja so klein. Wenn mir das rausrutscht und runterfällt und ich drauftrete, da sind doch 2000 € futsch!“

Um die Schwester ist es nun endgültig geschehen, sie verlässt fluchtartig den Raum und bricht im Flur mit einem Lachkrampf zusammen. Mir laufen die Tränen über das Gesicht, während die Röntgenschwester die kichernde Oma in die Röhre schiebt.

Nach drei Stunden – wir sind inzwischen bekannt wie bunte Hunde – können wir endlich nach Hause gehn: Es ist alles in Ordnung, der Oma wird „erstaunliche Fitness“ attestiert. „Jetzt hab‘ ich euch den ganzen freien Nachmittag verdorben.“ Ach Oma, will ich sagen, doch da macht sie schon weiter „… aber andererseits: Ich war euch ja auch immer eine gute Oma und lustig war’s auch, oder?“ Genau das wollte ich eben sagen. Und: lange nicht mehr so viel gelacht! Das mit dem Sekt holen wir nach!

Dreckspatzen und Spielplatzdramen

Heute auf dem Matschspielplatz bei uns um die Ecke: Es ist heiß. Sehr heiß.  Ein Rudel Kleinkinder springt herum, alle in Windel & T-Shirt & Sonnenhut. Die Wasserpumpe läuft fast durchgehend, die Kleinen drängeln sich mit Eimern bewaffnet am Wasserstrahl. Es hat sich bereits ein kleiner Matschsee gebildet. Zwischen zwei Mini-Kindern, ca 1 1/2, und ihren Müttern spielen sich dramatische Szenen ab:

„Lara-Clara, NICHT hinsetzen!!! Bleib stehen!“

Die Mami zerrt L-C wieder hoch. Igitt, die Windel ist schon ein bisschen dreckig. L-C schreit wütend. Das Freundinnenkind probiert die Pfütze auch gleich mal aus. Doch auch ihre Mami findet das weniger witzig.

„Mia-Pia!!! NICHT hinsetzen. AUFSTEHEN!“

„STOPP!!! NICHT hinsetzen, habe ich gesagt!!!“

Erneutes Hochzerren. L-S wehrt sich wütend. M-P lässt sich auf den Hosenboden fallen.

„LARA-CLARA!!! Du kannst Pitschi-Patschi machen mit den Händen. ABER NICHT HINSETZEN!!!!“

„MIA-PIA, STEH AUF!“

Beide Mütter sind durchgängig damit beschäftigt, den Nachwuchs vom Matsch fernzuhalten. Die anderen Kinder sind schon ein kleines bisschen älter und spielen vorsichtig mit Eimerchen & Schäufelchen. Die Mamis überwachen das Geschehen aus der Nähe. Kein Kind macht sich dreckig.

Bis auf meins. Das ist nass und dreckig. Von Kopf bis Fuß. Es isst Sand. Und sitzt im Matsch. Äußerst zufrieden. Ich lasse es spielen und lese auf dem Handy Nachrichten. Aber heute ist nicht mein Tag, ich fühle mich unwohl, beobachtet von den anderen Mamis (Papis sind keine da, die tauchen hier hauptsächlich am Wochenende auf). Das Geschrei geht mir zunehmend auf die Nerven. 20 Minuten später, das Drama läuft noch, beschließe ich zu gehen. Auf einen anderen Spielplatz, der nicht direkt im Wohngebiet liegt. Dort ist es meistens ein bisschen entspannter. Aber auch da sind keine Schmuddelkinder. Ich werde angesprochen: Das Kind isst Sand, es hat was im Mund …

Das Kind ist klein, 15 Monate alt. Ausgeprägte orale Phase. Alles kommt in den Mund. Ich könnte mich gut den ganzen Tag damit beschäftigen, es davon abzuhalten, Sand, Stöcke, Steine abzulutschen. Sich einzusauen. Aber wozu der Stress? Es hat noch nie etwas verschluckt, es probiert einfach aus. Es war auch noch nie richtig krank. Der Sand kommt hinten wieder raus. Der Rest lässt sich waschen. Also, was soll’s? Wann in seinem Leben kann man sich noch mal so unbeschwert in eine Matschkuhle setzen, mit beiden Händen darin rumwühlen, probieren wie es schmeckt? Auf Woodstock vielleicht. Aber sonst?

Das einzige Problem, das ich damit habe, sind die anderen Eltern, die Kommentare, die Blicke. Manchmal prallt das an mir ab. Manchmal fühle ich mich echt rabenmuttermäßig und unwohl.

Selten treffen wir auf andere Dreckspatzen und ich frage mich, warum das so ist. Ich verstehe es wirklich nicht. Warum dürfen sich die Kinder nicht dreckig machen? Warum tun sich die Eltern den Stress an und bewachen den Nachwuchs auf Schritt und Tritt? Und last but not least: Warum gehen sie dann überhaupt auf so einen Spielplatz?

Achja. Spielplatz. Zum Dreckspatzen-Thema kommen dann noch die Themen „Wahrung der Besitzverhältnisse“ (Carla-Marla, lass das Schäufelchen liegen, das gehört einem anderen Kind, hier ist deins, spiel‘ mit deinem) und „Rundumbespaßung“ („Leo-Cleo, wollen wir noch eine Burg bauen, schau, hier ist dein Eimer. Oder willst du rutschen? Oder lieber schaukeln?“). Aber dazu ein anderes Mal.