Dreckspatzen und Spielplatzdramen

Heute auf dem Matschspielplatz bei uns um die Ecke: Es ist heiß. Sehr heiß.  Ein Rudel Kleinkinder springt herum, alle in Windel & T-Shirt & Sonnenhut. Die Wasserpumpe läuft fast durchgehend, die Kleinen drängeln sich mit Eimern bewaffnet am Wasserstrahl. Es hat sich bereits ein kleiner Matschsee gebildet. Zwischen zwei Mini-Kindern, ca 1 1/2, und ihren Müttern spielen sich dramatische Szenen ab:

„Lara-Clara, NICHT hinsetzen!!! Bleib stehen!“

Die Mami zerrt L-C wieder hoch. Igitt, die Windel ist schon ein bisschen dreckig. L-C schreit wütend. Das Freundinnenkind probiert die Pfütze auch gleich mal aus. Doch auch ihre Mami findet das weniger witzig.

„Mia-Pia!!! NICHT hinsetzen. AUFSTEHEN!“

„STOPP!!! NICHT hinsetzen, habe ich gesagt!!!“

Erneutes Hochzerren. L-S wehrt sich wütend. M-P lässt sich auf den Hosenboden fallen.

„LARA-CLARA!!! Du kannst Pitschi-Patschi machen mit den Händen. ABER NICHT HINSETZEN!!!!“

„MIA-PIA, STEH AUF!“

Beide Mütter sind durchgängig damit beschäftigt, den Nachwuchs vom Matsch fernzuhalten. Die anderen Kinder sind schon ein kleines bisschen älter und spielen vorsichtig mit Eimerchen & Schäufelchen. Die Mamis überwachen das Geschehen aus der Nähe. Kein Kind macht sich dreckig.

Bis auf meins. Das ist nass und dreckig. Von Kopf bis Fuß. Es isst Sand. Und sitzt im Matsch. Äußerst zufrieden. Ich lasse es spielen und lese auf dem Handy Nachrichten. Aber heute ist nicht mein Tag, ich fühle mich unwohl, beobachtet von den anderen Mamis (Papis sind keine da, die tauchen hier hauptsächlich am Wochenende auf). Das Geschrei geht mir zunehmend auf die Nerven. 20 Minuten später, das Drama läuft noch, beschließe ich zu gehen. Auf einen anderen Spielplatz, der nicht direkt im Wohngebiet liegt. Dort ist es meistens ein bisschen entspannter. Aber auch da sind keine Schmuddelkinder. Ich werde angesprochen: Das Kind isst Sand, es hat was im Mund …

Das Kind ist klein, 15 Monate alt. Ausgeprägte orale Phase. Alles kommt in den Mund. Ich könnte mich gut den ganzen Tag damit beschäftigen, es davon abzuhalten, Sand, Stöcke, Steine abzulutschen. Sich einzusauen. Aber wozu der Stress? Es hat noch nie etwas verschluckt, es probiert einfach aus. Es war auch noch nie richtig krank. Der Sand kommt hinten wieder raus. Der Rest lässt sich waschen. Also, was soll’s? Wann in seinem Leben kann man sich noch mal so unbeschwert in eine Matschkuhle setzen, mit beiden Händen darin rumwühlen, probieren wie es schmeckt? Auf Woodstock vielleicht. Aber sonst?

Das einzige Problem, das ich damit habe, sind die anderen Eltern, die Kommentare, die Blicke. Manchmal prallt das an mir ab. Manchmal fühle ich mich echt rabenmuttermäßig und unwohl.

Selten treffen wir auf andere Dreckspatzen und ich frage mich, warum das so ist. Ich verstehe es wirklich nicht. Warum dürfen sich die Kinder nicht dreckig machen? Warum tun sich die Eltern den Stress an und bewachen den Nachwuchs auf Schritt und Tritt? Und last but not least: Warum gehen sie dann überhaupt auf so einen Spielplatz?

Achja. Spielplatz. Zum Dreckspatzen-Thema kommen dann noch die Themen „Wahrung der Besitzverhältnisse“ (Carla-Marla, lass das Schäufelchen liegen, das gehört einem anderen Kind, hier ist deins, spiel‘ mit deinem) und „Rundumbespaßung“ („Leo-Cleo, wollen wir noch eine Burg bauen, schau, hier ist dein Eimer. Oder willst du rutschen? Oder lieber schaukeln?“). Aber dazu ein anderes Mal.

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8 Antworten zu Dreckspatzen und Spielplatzdramen

  1. holger krekel schreibt:

    Sehr treffend 🙂

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  2. Peline P. schreibt:

    als erstes musste ich schmunzeln, dann lachen! schöner stil und vorallem inhaltlich zu bejahen! 🙂

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  3. kraehenmutter schreibt:

    wir sind hier auch mit abstand die größten dreckspatzen weit&breit.
    wenn ich mit dem sohn vom spielplatz zurückkomme, ists mir oft auch richtig unangenehm von allen seiten in der bahn so gemustert zu werden.
    keine ahnung, wie die anderen eltern das machen, dass ihre kinder so sauber bleiben..? wäre mir aber sicher zu anstrengend.

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    • cloudette schreibt:

      Viel zu anstrengend, ja! Und was für eine Spaßbremse wäre es für den Kleinen! Eine alte Dame, die den Dreckspatz ein Weilchen beobachtet hatte, meinte kürzlich zu uns: „Kinder müssen 7 Pfund Dreck essen, bis sie groß werden.“ Ich hätte sie knutschen können 🙂

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  4. Jaaaaaaa,genau!!!Wir fangen gerade erst an Spielplätze zu frequentieren+haben trotzdem schon ähnliche Erfahrungen gemacht…das kleine Wusel hat sich gleich beim 1.Mal playground ungefähr 3Kilo Sand gleichzeitg in den Mund geschoben+fand es wunderbar,ein paar duftedreckige Beweisfotos später war es amtlich:Sand,Dreck und Gemantsche sind dauerhaft toller als alles mitgebrachte Spielzeug+mir macht(e) es unglaublich viel Spaß dabei zuzusehen wie sich das kleine Wusel freutentdecktausprobiert…wir sind aber oft die Einzigen,die sich so auslassen…und woher eigentlich diese Angst vorm Dreck,dieser Drang nach nettadrett+blankgeputzt???Seid wann sind Feuchttücher im Gesicht wichtiger als der Spaß,den die Kids beim SichAusprobieren haben???Himmel,es sind KINDER…danke jedenfalls für deinen Beitrag!Dreckspatzen united:)!

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  5. Christiane schreibt:

    fremde omi: „der kleine hat ja sand im mund! – hier hast du einen keks, dann musst du keinen sand essen!“…
    mmmooaarrrgh!!! „danke!“ *süßsauerlächelnd*
    netter fand ich da einen 3jährigen, der sohnemann (damals 9 monate) halb fasziniert halb angeekelt schöne sandbrocken reichte, die dankbar verspeist wurden…
    hachja, die kleinen!
    7 pfund… ob die täglichen portionen zellstoff/pappe/papier wohl auch dazu zählen?

    grüße aus bei dresdn 🙂

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    • cloudette schreibt:

      Ich kann es gar nicht mehr zählen, wie oft wir angesprochen wurden … oder das Kind direkt. Teilweise auch von anderen Kindern „das darf man abber nich“. Naja, geschadet hat es dem Kleinen nicht – ich bin trotzdem froh, dass die Phase jetzt wohl vorbei ist. Uff. 😉
      Viele Grüße nach bei Dresdn (schön!)

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