Kaugummitage. Damned!

Ein weiterer Tag in grau-nass-widerlich. Schwere Wolken hängen über den Bäumen, Nebel über der Stadt. Es ist kalt, es ist widerlich. Und das Schlimmste: Es sind Ferien. Die KiTa ist zu, alle Freund*innen vor dem Grau-in-Grau geflohen, die Spielplätze ob des Dauerregens wie leer gefegt. Stillstand. Langeweile. Feiertage. Tage, die sich wie Kaugummi dahinziehen, Tage, an denen ich die Stunden zähle. Stunden, die wie Schnecken dahinkriechen. Bis es endlich wieder Abend ist, ich wieder ins Bett kann, Buch, Decke über den Kopf, ich will nichts sehen und hören. Schlimm.

Und ich weine doch, wenn der Regen fällt. Dammdamm ... damned damned!
Und ich weine doch, wenn der Regen fällt. Dammdamm … damned damned!

Einzig das Kind ist fidel und versucht, durch stetes Rumgehüpfe etwas Dynamik in die trübe Familiensuppe zu bringen, das Arme. Das Kind will spielen, die Eltern nicht. Das Kind steht an der Türe und plärrt „KiTa!!“, doch die ist zu. Das Kind hat Energie für 10, die Eltern sind schlapp. Dem Kind ist’s langweilig, den Eltern auch. Es ist unerträglich.

„Was würdest du heute tun, wenn du völlig frei entscheiden könntest?“, fragt der Mann.

„Rumgammeln!“ Da muss ich doch keine 2 Sekunden überlegen. Das ist der ideale Tag um im Bett zu bleiben. Sich gar nicht erst anziehen. Allerhöchstens zum Tee kochen aufstehen. Ab und zu in die Küche schlappen und Schokolade suchen. Ansonsten: Lesen! Surfen! Dösen! Ganz vielleicht gegen Nachmittag darüber nachdenken, einen kleinen Spaziergang zu machen. Aber leiderleider wird es dann wie aus Eimern regnen, ich kann mich weiter legitim faul fühlen, die Decke höher ziehen und im Krimi bleiben. Hach.

„Und du?“

„In die Sauna gehen. Dort gemütlich abhängen.“, sagt der Mann wie aus der Pistole geschossen. Auch nicht schlecht. Wobei man dafür das Haus verlassen müsste …

Letztendlich mag dann doch keine/r von uns großherzig die Kindbespaßung alleine übernehmen und so bewegen wir unsere faulen Hinterteile tatsächlich mal nach draußen, auf den Berg, begleitet von Regen und Vogelgezwitscher.

Ein Tag ist geschafft. Liegen nur noch 6 weitere vor uns. Sechs Tage, an denen sich die Sonne vermutlich nicht blicken lassen wird, nass-feucht-kalt-grau-kack. Sechs weitere Tage Langeweile, Kaugummi. Alleine der Gedanke daran ist … nunja, ich erwähnte es bereits. Ich muss was tun! Also klemme mir nachher das Kind unter den Arm und fahre mit ihm zu seinen Großeltern. Dort pisst es zwar auch, aber das Energiebündel verteilt sich auf mehrere und hoffentlich geduldigere Köpfe. Mama + Kind –> in den Zug. Und tschüß!

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Kränkelndes Kind und gekräuselte Nerven

Verklebte Wimpern, verrotzte Nase, glasige Augen, die Lider auf Halbmast – ok, das war wohl nichts mit der Spontanheilung über Nacht. Das Kindchen ist krank, ganz und gar nicht Kita-tauglich, es bleibt heute zu Hause. Und ich mit ihm, die letzten beiden Male hat schließlich der Papi übernommen. Letzterer wird aus dem Haus geschickt, geh‘ in einem Café arbeiten oder sonstwo, unsere Wohnung ist zu klein für ein kränkelndes Kind, eine zart genervte Mami und einen selbstständigen Papa, der in unserem absurd teuren Städtchen noch immer kein externes Büro gefunden hat.

Das arme kleine Kind leidet. Aber anders, als ich es von Nr. 1 kenne. Das blieb einfach einen Tag im Bett, schlief, schwieg und schmorte innerhalb von 24 Stunden die Viren und Bakterien weg. Kind 2 nicht. Das will  nicht schlafen, will nicht liegen, will nicht sitzen, will nicht Buch angucken, will nicht spielen, will nicht kuscheln, will nicht nichts etc. pp. usw. usf. Es hat sich auf einen dauernöligen Ton eingeschossen, so eine Art „aaaaaahhhhhh“, bei dem sich sämtliche meiner Nerven zu einem Klumpen zusammenkräuseln. Nur unterbrochen durch wütende „Neeeeein“s, die im Vergleich dazu fast eine Erholung darstellen.

Als das arme kleine kranke Kind endlich schläft, nach 243 Versuchen und einer Runde mit dem Buggy um den Block (der Kinderwagen hat seit Tagen einen Platten. Könnte den mal bitte jmd. aufpumpen?), bleibt mir nur ein tiefes „uff“.

Ich lerne das Büro doch wieder ganz neu zu schätzen heute. Uff uff uff.

(Frau Frische Brise äußert ähnliches, mit 2 halb-kranken Kinder und einem Frischling zu Hause. Wobei – ob ich das in 20 Jahren vermissen werde? Eher die chaotisch-unkranken Tage wohl.)

… ich räum dann mal später auf

mal einfach langsam machen
es geht auch mit Gemütlichkeit

Ich habe etwas für mich Wesentliches in der Elternzeit gelernt – bzw. versuche es zu lernen –  und zwar mich in freien Stunden einigermaßen streng an den Grundsatz zu halten: Erst das Vergnügen, dann die Arbeit! Denn andersrum bleibt meist nur das Letztere. „Freie Stunden“ bedeuten: Zeit alleine, ohne das kleine Kind, ohne Termine, ohne Erwerbsarbeit. Es hat ein ganzes Weilchen gedauert, bis ich den Dreh raus hatte: Erst auf dem Sofa rumgammeln, Freund/innen anrufen, Internet lesen und sonstige spaßige Dinge tun und dann danach, wenn Zeit bleibt, das häusliche Chaos lichten.

Zunächst lief das nämlich eher so: Kind F. ist aus dem Haus, in Krabbelgruppe (neuerdings) oder mit dem Papa unterwegs und ich verfiel in blinden Aktionismus. Die Wohnung sah aus wie Sau, also Wäsche waschen, spülen, saugen, aufräumen etc. War die Arbeit halbwegs getan, ließ ich mich aufs Sofa fallen. Tee & Krimi, hach wie schön, doch schon kurz darauf zeriss ein „Haaaalllooho, wir sind wieder daha!“ die gemütliche Stille. Nach kurzer Zeit war der Urzustand wiederhergestellt und ich hatte das deutliche Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmte.

Den Dreh zu kriegen, war dennoch nicht leicht, zu tief verwurzelt war (und ist) der Zwang, ständig produktiv zu sein, irgendwas zu tun, die freie und immer zu kurze Zeit optimal zu nutzen: Hausarbeit, über berufliche Perspektiven grübeln oder wenigstens endlich mal wieder kreativ zu sein. Also versuchte ich den Spieß umzudrehn, planmäßig nichts Reproduktives zu tun und zu lernen, dass die Welt von ein bisschen mehr Chaos&Dreck zu Hause auch nicht untergeht. Zumindest temporär nicht.

Und dann stieß ich etwas unverhofft noch auf ein zweites Problem: So lange ich das Kind durch die Gegend schiebe, mich auf dem Spielplatz langweile oder sonstwie beschäftigt bin, hab‘ ich einen dicken Hummelschwarm in Kopf. Gedanken surren hin und her, super Ideen im Gepäck, was ich alles machen könnte, hätte ich die Zeit dazu. Ist es dann so weit, dämmern die kleinen Viecher vor sich hin, verfallen in die Winterstarre. Apathie. Nix im Hirn. Keine Lust auf irgendwas. Das gibt es doch nicht. Stattdessen raunt das blöde Gewissen: Vielleicht doch die Fenster putzen?

Stück für Stück versuchte ich, dem Vergnügen Vorrang zu geben, lange Weile zuzulassen (auch wenn es mir vor mir selbst sehr peinlich ist, dass diese mich heimsucht), mich seit Ewigkeiten wieder in den Krimirausch zu begeben, manchmal einfach nichts zu tun, dem Müßiggang zu frönen.

Nun schaut ab und an die Muse auf ein Küsschen vorbei und ich lade sie zum Verweilen ein. Und bitte sie, doch auch vorbeizukommen, wenn sehr bald schon die Luxuszeiten enden und der Job mit Alltag wieder beginnt.

Schmatz.

P.S.: Als dumpfes Unbehagen schwirrte mir das Thema schon lange im Kopf herum. Etwas systematischer habe ich mich bei der Lektüre von Dorothee Markerts Buch „Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe“ damit beschäftigt. Sie klamüsert auseinander, wie sehr uns die pietistische „Schaffen schaffen Häusle bauen“-Mentalität, in der Müßiggang  keinen Platz findet, heute noch beeinflusst. Eine Besprechung findet sich bei Antje Schrupp.

P.S.II: Ich möchte noch auf einen Artikel bei glücklich scheitern hinweisen, die sich gerade auch eine Auszeit nimmt und sich einfach mal „treiben lassenmöchte.