Elternzeit – kleiner Alltag in der Ferne

Ich hatte ja schon lange vor, mir ein Jahr Auszeit zu nehmen. Raus aus dem Alltag, dem Job, der Routine, den vielen Schubladen, dem Gewohnten. Ich wollte reisen, über das Leben sinnieren, Perspektiven suchen, genießen, Fremdes erfahren. Aber es blieb immer bei dem Vorhaben, „ich würde ja gerne …“. Bis sich das kleine Kind ankündigte. Das wars dann wohl, dachte ich, nix mehr mit Auszeit, jetzt geht’s wieder ans Windelwechseln, Nächte überstehen, Baby beruhigen, füttern, das volle 24h-Programm eben im ersten Jahr.

Die anfänglich etwas trübeingefärbte Sichtweise kam auch daher, dass ich mit Kind 1 damals viel alleine war, keinen Reisepartner hatte, es mir nicht vorstellen konnte, so ein Abenteuer alleine zu managen. Das war nun anders. Und so beschlossen wir, zu dritt loszuziehen – Mama, Papa, Kind – und die Elternzeit als Reisezeit zu nutzen.

„Ich bin dann mal weg“, sagte ich dem Chef. „Schön“, erwiderte der. „Aber kommen Sie wieder.“ Eineinhalb Jahre Elternzeit warteten auf mich.

Der kleine F. kam im Frühjahr 2011 zur Welt. Die ersten Wochen verbrachten wir in unserer häuslichen Höhle, ließen ihn erst einmal in Ruhe ankommen, gewöhnten uns an unser Elterndasein. Als er fast 3 Monate alt war, machten wir uns auf die Reise. Zuerst ganz vorsichtig als Versuchsballon quer durch Deutschland, ausprobieren, wie das mit Baby&Reisen so geht.

Es ging gut. Darum wagten wir uns ein Stückchen weiter weg, nach Italien, dann nach Osteuropa, mit unserem alten Bus und rudimentärer Campingausrüstung. Und als es kälter wurde auf dem europäischen Festland, flogen wir auf die Kanaren. Wir besuchten einen Freund, lernten ein kleines bisschen Spanisch, stromerten durch die faszinierenden Vulkanlandschaften und ließen uns von FreundInnen besuchen. Der Kleine lernte dort, sich robbend fortzubewegen und an Stühlen hochzuziehen, er entdeckte seine Leidenschaft für Sand, den er händeweise in sich hineinstopfte, und bekam die ersten Zähne.

Aber wir wollten noch weiter weg. Nach Mittelamerika. Also packten wir die Familienklamotten in einen Koffer, nahmen die Babytrage und einen Buggy mit und flogen über den großen Teich. Tropische Hitze, fremdes Leben, gewaltige Eindrücke. Mit Wandern war es dort nichts, viel zu heiß, stattdessen waren wir immer auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen. Der Kleine testete den pazifischen Sand, bekam noch mehr Zähne, konnte fast jeden Tag nackt sein und perfektionierte das Krabbeln.

Nach 6 Wochen hatten wir genug und flogen zur Abkühlung in die USA – wo wir sowieso hinwollten zum Abschluss des Reisejahres. Hier konnten wir uns auch wieder bewegen, wir erkundeten viele viele Nationalparks, feierten den 1. Geburtstag von F., trafen einen flötenden Hobbit & gastfreundliche Menschen und legten 1000e Meilen zurück. Das Kind fuhr in gigantisch großen Einkaufswagen durch gigantisch große Supermärkte, testete Wüstensand in Arizona und Schnee in den Rocky Mountains und ließ sich in der Rückentrage durch die Natur schaukeln.

Alltag in der Ferne

Unseren kleinen Alltag nahmen wir natürlich überall hin mit, egal wo wir gerade waren: wickeln, füttern, Nächte durchwachen, Essen kochen, Fingernägel schneiden, Wäsche waschen, Baby bespaßen, all das hatten wir auch in der Ferne. Manches war deutlich komplizierter als zu Hause, babykompatibles Essen zu organisieren zum Beispiel. Oder besser gesagt: Essen, das wir für kompatibel hielten. Wir warfen zugegebenerweise nach und nach die guten Ratschläge unserer Hebammen über Bord, weil z. B. teilweise einfach kein Babyfood ohne Salz&Gewürze&Zucker aufzutreiben war und wir nicht immer die Gelegenheit hatten, selbst zu kochen. Das Klamottenthema war ebenso ein wenig kompliziert, wir hatten ja nur sehr wenig mit. War ein Set außerplanmäßig dreckig, vollgespuckt, verschi…en, wurde es schnell eng. Dann hieß es: per Hand waschen oder einen Waschsalon suchen. Unseren Kram zusammenzuhalten, war eine tägliche Herausforderung, die uns nur mäßig gut gelang. Wir haben x-Sachen vergessen und verloren. Mal war eine Milchflasche weg, mal die Babyjacke, mal ein Body, mal ein Schnuller. Ersatz zu beschaffen, war nicht immer einfach.

Wir waren in dem Jahr fast Tag und Nacht zusammen. So was wie Privatssphäre gab es kaum noch, auf engem Raum bekommt man nahezu alles voneinander mit, kann man sich kaum ausweichen. Gegenseitiges Annerven und Diskussionen um Kleinigkeiten („zieh‘ ihm mal noch die Jacke an, es ist kühl heute“ – „neee, ich finds viel zu warm“ – „…“) gehörten auch zum Alltag. Und klar: Oma, Opa, Familie, Freund/innen waren weit weg. Das war manchmal schade.

Aber trotz der Routinen, die sich auch auf Reisen herausbilden, war der Alltag spannend: immer wieder neue Orte, neue Leute, neue Eindrücke. Ich habe es kein einziges Mal, nicht eine einzige Sekunde bereut, dass wir uns diesen Luxus gegönnt und uns die Zeit füreinander genommen haben. Der Kleine hat zu uns beiden eine sehr enge Beziehung aufgebaut, wir haben gelernt, das Alltägliche zu teilen und wir wissen beide, wie schön&anstrengend der 24h-Alltag mit Baby ist. Wir haben unglaublich viel gesehen und erlebt und: wir hatten fast ein Jahr lang Frühling bzw. Sommer. Die Regentage können wir an zwei Händen abzählen. Das war natürlich grandios.  Der Kleine war viel nackt, wir waren fast den ganzen Tag draußen. „Der F. kann nun sicher die Kontinente am Geschmack erkennen“, mailte uns eine Freundin zu. Das glaube ich auch, so viel Sand, wie er gefuttert hat.

Nun ist die Reisezeit vorbei, der heimatliche Alltag hat uns längst wieder. In wenigen Wochen endet auch die Elternzeit, dann kehre ich tatsächlich ins Büro zurück. Was ich vor 2 Jahren noch für ziemlich ausgeschlossen hielt, habe ich nun hinter mir: die Auszeit. Mit Baby. Ohne das Kind hätte ich mir die Freiheit womöglich nicht genommen.

P.S.: Es war ein sehr eindrückliches&spannendes Jahr, das ich nicht nur in einen Artikel quetschen möchte. Über Wandern mit Baby in der Hohen Tatra habe ich kürzlich schon geschrieben – demnächst folgt ein Bericht zum (kinderfreundlichen) Reiseland USA.

Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
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7 Antworten zu Elternzeit – kleiner Alltag in der Ferne

  1. Bebe schreibt:

    Ich will auch! So Elternzeit zu erleben, nicht besonders Sand essen 🙂 Schön geschrieben. p.s. Übrigens, als F. 6 Wochen war, haben wir schon zusammen gewandert. Und alle haben sich gewundert, dass es überhaupt ging! Fantastisch!

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  2. kraehenmutter schreibt:

    gerade darum kreisen in den letzten wochen immer wieder meine gedanken.
    ich stöbere nach bussen und überlege, ob ich das wohl alleine mit kind schaffen würde.
    eher nein, bzw es wäre mir zu öde, niemanden zum reden/diskutieren/zur unterstützung zu haben.
    also: ein neues baby und damit die elternzeit muss her!
    und evtl vorher noch ein reisekompatibler papa 😉

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  3. cloudette schreibt:

    danke für eure Kommentare! @bebe: ja, das war super. Bei dem Baby hatte ich keine Bedenken, für mich war damals eher fraglich, ob ich das schaffe 😉
    @krähenmutter: zu zweit ist es sicher einfacher, ob mit einem reisekompatiblen Papa oder Freund/in. Ich finde zwar, dass man mit Kind ganz gut in Kontakt mit Leuten kommt, allerdings bleiben der Orgakram, der Alltag an einem alleine hängen und die Abende sind sicher auch etwas einsam … (Party geht ja schlecht, so ohne Babysitter). Ich drück die Daumen!!

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  4. Fraeulein Rabatzki schreibt:

    Wunderbar! Das ist ein Traum! Wir planen eine große Reise, wenn wir Eltern beide unser Studium abgeschlossen haben und der kleine Rabatzki noch nicht zur Schule gehen muss, was zum Glück noch lange dauern wird. Danke für das Teilen deiner Erfahrungen! Wirklich sehr spannend und ermutigend.

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  5. muttervonwelt schreibt:

    Es gibt nichts Besseres als mit Kindern zu reisen! Klar ist es anstrengend manchmal, aber man bekommt den Aufwand millionenfach zurück. Wir sind gerade auf den letzten Kilometern unserer 9 Monate Familien-Afrika Reise und könnten schon die nächste planen. Es war die beste Entscheidung der Welt loszufahren und im Rückblick ist es viel weniger gruselig als wir am Anfang gedacht haben. Einfach losfahren, und wenn es erstmal nur mit dem Zelt nach Schweden ist. Der Mut wächst mit.

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