Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra

Zipfelmütze vor Bergzipfel in der Hohen Tatra

In der Hohen Tatra / Slowakei sind wir zufällig gelandet, auf unserer Elternzeittour im letzten Jahr. Wir waren in Polen unterwegs und hatten nach einigem Städtekucken Lust auf Land und Natur. Ein Freund empfahl uns, über die Grenze zu fahren und so tuckerten wir auf die slowakische Seite, mieteten eine Ferienwohnung und schauten von der Ferne auf die schroffen Gipfel der Tatra. Auf das „kleinste Hochgebirge der Welt“, wie sie gerne genannt wird. Dort wollten wir hin, am besten ganz hoch.

Wir waren anfangs skeptisch – ganztägige Wandertouren, geht das überhaupt mit kleinem Baby? Sind über 2000 m nicht zu hoch für das Kind und schaffen wir das mit unserer Kondition? Meine jedenfalls war nach Schwangerschaft, noch währender Stillzeit und viel viel SchokoladenKuchenEis in den letzten Monaten eher dürftig. Und so fingen wir erst mal langsam an mit einer kleinen Tour auf ausgetretenen Wegen inmitten vieler Sonntagsausflügler bis zur Seilbahnstation Skalnate Pleso und fuhren von dort wieder runter. Sehr schön bereits, wunderbare Ausblicke.

Aber ein bisschen mehr Herausforderung durfte es dann doch sein. Wir fragten unsere Vermieterin und bekamen haufenweise Empfehlungen. Mit Baby? Kein Problem. Nicht schwindelfrei (ich)? Kein Problem. Und so machten wir uns an den nächsten Tagen jeweils in aller Frühe auf, bepackt mit Kind in der Manduca und tonnenweise Picknick, fuhren mit Bus oder Tatrabahn (die einmal unten langfährt) zu unseren Ausgangspunkten und stiefelten los. Jedes Mal ein bisschen weiter. Jedes Mal ein bisschen höher. Jedes Mal ein bisschen einsamer. Denn wie fast überall dünnt es sich doch merklich aus, je weiter man sich von Seilbahnen, Parkplätzen und sonstigen Infrastrukturen entfernt.

Die Wege führen anfangs immer durch ein Waldgebiet, das durch einen Orkan 2004 schwer beschädigt wurde. Die Schneise der Zerstörung ist noch gut zu sehen, die Hälfte der Bäume stürzte um. Über 1600 m finden sich nur noch vereinzelt Bäume, dafür kniehohe Zwergkiefern, Wacholder, Gräser, Blumen, Flechten. Die Wanderpfade sind super ausgeschildert & angelegt, aber steil, sehr steil. Oft felsig, steinig, voller Geröll. An manchen Stellen gibt es Ketten zum Festhalten und Hochklettern, denn sobald es etwas feucht oder eisig wird, verwandelt sich das Ganze in eine Rutschpartie. Ganz sicher nichts für ältere Leute, dachte ich so, bis wir links und rechts von slowakischen und polnischen Wander/innen überholt wurde: Dicke, Dünne, Alte, Junge. Leute, denen ich arroganterweise nach Augenschein allenfalls eine Lifttour plus Sahnetorte im Ausflugslokal zugetraut hätte – sie kletterten wie die Bergziegen die steilen, felsigen Wege hoch. Unsere Vermieterin war wohl auch eine von der Sorte, denn von wegen kein Problem, wenn nicht schwindelfrei: Für mich zumindest war es eines. Bei 2-3 Stellen habe ich gestreikt, weil sich mein innerer Esel auf stur stellte und keinen Schritt weiter über die unabgesicherte Geröllpiste laufen oder über den steilen Pass klettern wollte. Ein falscher Schritt – und tschüss. Zumindest kam es mir so vor. Und dann war da ja auch noch das Baby …

Das Baby klemmt wie ein Äffchen hinten dran

Ja, das Baby. Wir konnten unsere anfänglichen Bedenken doch recht bald über Bord werfen. Das klappte insgesamt sehr gut. Das Kleine saß mit seinen 6 Monaten meist sehr zufrieden in der Trage, an meinen oder V.s Rücken geklemmt wie ein kleines Äffchen. Oft hat es geschlaften oder in die Gegend geschaut oder vor sich hingebrabbelt. Es hat sich über die vielen Dobrý deň (Guten Tag) und Ahoj! (Hallo) gefreut – und wir natürlich auch. Wir hatten schon von vornerein viele Pausen eingeplant – trotzdem war das Timing nicht immer ganz einfach: Wenn das Baby direkt vor dem Pass mitten im Nirgendwo keine Lust mehr auf die Trage oder Hunger hatte und wir zwischen Geröll am Wegesrand rasten mussten. Wenn wir uns in der Zeit verschätzten und nur mit Mühe noch vor Sonnenuntergang wieder unten ankamen.

Oft haben wir Pausen gemacht. Zum Stillen, auf Bergwiesen herumliegen und Grashalme berühren. Um die grandiose Landschaft zu genießen, den Blick ins Land schweifen zu lassen, an einem blauenblauenblauen Bergsee zu verweilen. Um zurückzublicken auf das bereits Geschaffte und um Herz & Atem ein wenig zu beruhigen. Um auf dem Gipfel ein bisschen stolz zu sein. Oder in einer der Berghütten, wo wir erschöpft süßen leckeren Tee in uns hineinschütteten und Schokolade und Pirogen aßen.

Das Schöne an der Hohen Tatra ist, dass es nur an den Außenhängen einige Lifte und Straßen gibt. Der größte Teil ist geschützter Nationalpark. Es ist still, es ist Natur pur, es ist wunderschön. Viele Gipfel dürfen nur mit Bergführer/innen erklommen werden, Querfeldeinlaufen ist nicht erlaubt und von November bis Mitte Juni sind die meisten Wege komplett gesperrt. Die Wanderhütten werden zu Fuß von Sherpas beliefert – anscheinend die letzten in Europa. Von Frauen und Männern, die tonnenweise Wasser, Bier, Schokolade, Gasflaschen, Klopapier, Souvenirs und tausend Dinge mehr auf die Wanderhütten schleppen. Pro Gang bis zu 100 kg Lasten auf bis zu 2250 m hoch. Von den Versorgungsstationen sind das über 700 Höhenmeter. Und das teilweise mehrmals am Tag. Wir hatten schon Schwierigkeiten, uns selbst, das Baby und unser Picknick hochzuschleifen. Es gibt Sherpas, die setzen so ein Kind einfach noch ganz oben drauf:

Die Sherpas schleppen alles: 80l Wasser, Rucksäcke, Essen, Kinder ….

Nach zwei Wochen verließen wir die Slowakei und fuhren in strömendem Dauerregen nach Deutschland zurück. Ein bisschen beseelt, sehr beeindruckt. Das verzückte Gefühl hält bis heute an, denke ich an die Tatra zurück. Wir hatten vermutlich großes Glück, dass wir die sie so kennenlernen durften. Es waren nicht mehr viele Leute unterwegs, es gab noch keinen Schnee, es war trocken – ein perfekter indian summer, Sonnenschein, bunter Herbst. Die Tatra hat bei uns die Begeisterung für Berge geweckt und Maßstäbe gesetzt: „tatraesk“ ist seither unsere Auszeichnung für besonders schöne, einmalige, beeindruckende, gebirgige Wanderwelten.

Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
Dieser Beitrag wurde unter Elternzeit, Reisen, Wandern mit Kind abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Wandern mit Baby: Die Hohe Tatra

  1. Bebe schreibt:

    Dobrý deň! Wie schön. Ich wünsche mir mal mit Euch zusammen in Polen wandern, obwohl ich die Sahnetorte-Gruppe bin. Inzwischen, I will watch this space 😉 Das war ich, Der Käsekuchenmonster.

    Gefällt mir

  2. feministmum schreibt:

    Wandern in der Hohen Tatra, das wollte ich schon lange mal machen…danke für diesen schönen Bericht! Jetzt bin ich motiviert, das auch mit Baby zu tun! Und übrigens: Herzlich Willkommen in der Blogosphäre, schön, dass du da bist!

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar & Willkommensgruß 🙂 Wenn es konkret wird mit der Tatra und du Interesse an Tourentipps hast, kannst du dich gerne per Mail melden (s. about). Grob kriege ich das noch zusammen (Dauer, Wegepunkte, Höhenmeter).

      Gefällt mir

  3. aggressivnuss schreibt:

    Gipfelmützchen! Unglaublich schön diese Bilder.

    Gefällt mir

  4. Miriam schreibt:

    Das Bild mit dem Mützchen ist ja wirklich der Hammer!!!
    Aber was ich mich ernsthaft frage: Sind die Sherpas tatsächlich aus dem Himalaya in die Slowakei gezogen? 😉

    Gefällt mir

  5. Pingback: Wandern mit Baby in der Hohen Tatra | Stories & Places

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s