Steter Tropfen

„Der Text für die Broschüre ist gut“, sagt die Kollegin. „Aber an der Stelle hier steht noch ‚Mitarbeiter‘, das musst du noch gendern.“

„Stimmt, mach ich“, erwidert der Kollege.

Ich sitze daneben und freue mich. Es gibt keine Diskussion, keine dummen Sprüche, kein Augenrollen. Vor 6 Jahren war das noch anders. Es gab nur „Mitarbeiter“, die Texte waren im generischen Maskulinum verfasst und Hinweise darauf wurden nicht selten als „persönliche Empfindlichkeit“ abgetan. Es ist besser geworden. Nicht immer, nicht perfekt, aber es ist ein Anfang – und es bemühen sich nun auch andere darum. Es ist schön zu sehen, dass sich langsam etwas verändert.

Typisch Mädchen – typisch Jungs. Alles ganz natürlich. Oder?

Es ist doch typisch, dass die meistens Jungs gerne toben und kämpfen, Bewegungsspiele und Waffen lieben, mehr Konflikte produzieren und diese lautstark lösen? Dass die meisten Mädchen fürsorglicher und kreativer sind, ruhigere Spiele bevorzugen, weniger Aufmerksamkeit einfordern und rosaglitzer über alles lieben? Und nicht nur typisch – sondern NATÜRLICH! Wegen der Hormone (Testosteronschub!!!) und der unterschiedlichen Gehirnentwicklung. Das fällt quasi vom Himmel bzw. liegt in den Genen – da ist der Einfluss von außen doch recht begrenzt („Von uns haben sie das gewiss nicht!!!“). Nicht wahr?

Andererseits:

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Kleine Auswahl zum Weiterlesen:

Profx. Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache

Ich möchte zum Vortrag von Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache – und komme im Vorfeld immer wieder ins Straucheln, wenn ich FreundInnen davon erzähle. Weil ich nicht weiß, wie ich über Hornscheidt sprechen, welches Pronomen ich verwenden soll. Hornscheidt lehnt die Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter ab und bittet um geschlechtsneutrale Anrede, wie es explizit auf der Website heißt: „Wenn Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, bitte verwenden Sie nicht-geschlechts-binäre Anreden Ihrer Wahl.“ Was bedeutet das für das Reden in der 3. Person? Er/sie fällt damit weg, „es“ geht auch nicht. Der Vortrag wird das wohl klären.

Hornscheidt ist Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin. Im Vortrag geht es hauptsächlich darum, wie eine empowernde (also eine selbstermächtigte, nicht fremdbestimmte) Sprache aussehen könnte. Voraussetzung für eine möglichst gerechte Sprache ist zunächst einmal, Selbstbenennungen zu respektieren, Fremdbenennungen zu vermeiden und von Diskriminierung Betroffenen aktiv zuzuhören. Aktiv bedeutet hier: nicht nur da zu sitzen und zu schweigen (und sich heimlich einen Teil dabei denken), sondern ggf. auch nachzufragen, aber eben nicht mit der eigenen Meinung oder eigenen Intention darüberzubügeln (a la: „Aber wenn ich „Student“ sage, meine ICH doch ALLE mit“).

Eine empowernde Sprache hat viele Elemente. „Strategische Re-Signifizierungen“ zum Beispiel, wenn also Begriffe mit einer neuen Bedeutung belegt werden. Oder das Re-Claiming, die (Wieder-)Aneignung von Begriffen, wie „Weiber“ in den 80ern, Dyke, Krüppelfrauen (-lesben) etc. Dazu kommen Neubildungen von Wörtern (wie dyke-trans) oder Wortteilen (wie x/iks). Das x ist zum Beispiel ein Versuch, eine Bezeichnung für Personen zu finden, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen. Mit dem x wird die Zuordnung zu einem Geschlecht praktisch durchkreuzt. Es ist verwendbar als Pronomen und als Endung, mit der das Genus ersetzt wird. Also: Professx oder Studierx (jeweils „iks“ ausgesprochen). Daneben gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, um Menschen anzusprechen, wie den wandernden Unterstrich (Stud_entin) oder das Sternchen (Student*in) oder das generische Femininum. Im Reader der AG Feministisches Sprachhandeln gibt es dazu etliche Beispiele.

„Die“ korrekte Sprachregelung, die für alle passt, gibt es nicht, das macht Hornscheidt klar. Es ist vielmehr wichtig, immer im Kontext, in der Situation zu reflektieren und entscheiden, was passt. Eine Sprache, die Geschlecht allgemein neutralisiert, ist nach Hornscheidt nicht das Ziel. Vielmehr soll Sexismus klar benannt werden. So macht es zum Beispiel keinen Sinn, in männerdominierten Bereichen das Gendersternchen zu verwenden und von Präsident*innen der Humboldt-Uni (oder von Deutschland) zu sprechen. Nein, hier sind es ganz klar bisher immer Präsidenten. Jede andere Bezeichnung würde die Machtverhältnisse verschleiern.

Es geht darum, sich darüber klar zu werden, welche Normalisierungen mit Sprache herstellt werden –  ob diese nun intendiert sind oder nicht. Das betrifft natürlich nicht nur den Bereich des Geschlechts, sondern alle Bereiche, die mit Macht und Diskriminierung zusammenhängen. So macht es einen großen Unterschied, ob ich von „Schleusern“ (negativ konnotiert) rede oder von „Fluchthelfern“ (positiv konnotiert), auch wenn ich vielleicht das gleiche meine.

Die von Hornscheidt vorgestellten Bezeichnungen sind alle als Vorschläge zu verstehen, nicht als Regeln oder Vorschriften. Sie sind allesamt aus politischen Bewegungen, aus der Benutzung heraus entstanden und keine Erfindung aus dem akademischen Elfenbeinturm, was Hornscheidt gerne vorgeworfen wird. Allerdings eignet sich gerade die Universität super für ihre Anwendung, da es ja gerade in der Wissenschaft darum geht, möglichst präzise zu formulieren. Hier darf eins präzise sein! Und das präzise Formulieren ist doch wunderschön, so Hornscheidt.

Welches Pronomen wünscht Hornscheidt nun für sich selbst, fragt eine Person aus dem Publikum während der anschließenden Podiumsdiskussion. Keines bzw. einfach den Namen verwenden oder das x. Derzeit zumindest – denn das kann sich auch wieder ändern.

Dass Hornscheidt – und natürlich auch andere Personen, die sich für eine gerechte Sprache einsetzen – damit auf viel Unverständnis, Wut und sogar Hass stößt, ist krass. Es reicht ein einfaches Googlen, um unzählige Artikel dazu zu finden. Hornscheidt selbst hat für Hasstiraden eine eigene Mailadresse eingerichtet, an die Leute „respektlose, übergriffige, gewaltvolle, ignorante Kommentare“ sowie Hinweise, „dass Steuergelder verschwendet werden, Sprache zu erhalten sei, Geschlecht eindeutig nur weiblich oder männlich sei und alles Ähnliche“ richten können. Zudem steht dort der Hinweis:

Oder – Sie nehmen sich die Zeit, um was Nettes und Respektvolles stattdessen an eine Person Ihrer Wahl zu schreiben – und schauen mal, wie sich eine solche Handlung anfühlen würde.

Letztendlich geht es doch darum, respektvoll miteinander zu kommunizieren und die Sprache kreativ dafür zu nutzen. Das erfordert natürlich, Gewohnheiten aufzugeben, sich an Neues zu gewöhnen, Privilegien zu hinterfragen – und das holpert sicher eine ganze Zeit lang. Ich finde es zum Beispiel ganz und gar nicht einfach, auf binäre Pronomen zu verzichten, merke ich beim Erzählen auch nach der Veranstaltung. Fangen wir aber jetzt damit an, aufmerksam zu sein, zuzuhören und eine gerechtere Sprache zu verwenden, wachsen die nächsten Generationen in das Praktizieren einer möglichst nicht-diskriminierenden Sprache hinein.

(Ebenfalls zum Thema: Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache – zum Vortrag von Luise F. Pusch)

Lann Hornscheidt
Lann Hornscheidt

Wer erntet eigentlich die weihnachtlichen Lorbeeren?

Nikolaus und Weihnachtsmann sind ziemlich gut organisierte Arbeitgeber, scheint mir. Niemand bekommt sie je zu Gesicht, niemand hat sie je selbst mit anpacken gesehen. Und trotzdem läuft der Laden, seit Hunderten von Jahren. Heerscharen von fleißigen Arbeiterinnen führen die vorweihnachtlichen Aufträge aus: Sie backen Plätzchen, produzieren Adventskalender, basteln Sterne, dekorieren Wohnungen, kaufen Geschenke, füllen rechtzeitig die Stiefel der Kinderlein und üben mit ihnen Weihnachtslieder. Und sie bereiten alles vor für das große Event, an dem der Weihnachtsmann – hohoho – den Geschenkesack schwingen kann.

Moment jetzt mal. Wir stellen uns in den Dienst zweier alter Herren, die selbst nicht einen einzigen Strohstern basteln, bei den Kindern dann aber die Lorbeeren abgreifen? Die sich Jahr für Jahr pompös feiern lassen, ohne einen Finger zu rühren? Die noch nicht einmal Weihnachtsgeld auszahlen für all die fleißigen Helferlein? Ist das nicht irgendwie ziemlich … äh … überholt? Ausbeuterisch geradezu? Und unfeministisch noch dazu? Die Frauen ackern und die Männer bekommen Ruhm und Ehre?

Da gibt es aber doch noch das Christkind, werden einige sagen. Das arbeitet zwar selbst auch nicht, aber es ist ja auch noch ein Kind, da ist das völlig ok. Außerdem ist es geschlechtlich neutral. Mädchen oder Junge oder was anderes. Mangels Untersuchungsobjekt konnte das wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt werden. Stimmt alles! Aber gegen die Herrenriege kommt es auch nicht an und es hat nur in ganz bestimmten Gegenden das Sagen.

Darum wäre doch mal langsam ein kleine Revolution in der Weihnachtsführungsetage angesagt! Oder zumindest eine kleine Umstrukturierungsmaßnahme. Was meint ihr? An den alten Bischof von Myra erinnert sich heute sowieso keiner mehr, überliefert ist auch nicht viel, er ist also nur noch eine Symbolfigur. Der Weihnachtsmann ist spätestens seit seiner Werbekampagne für eine große Zuckergetränkefirma etwas in Verruf geraten, der könnte eigentlich auch mal abtreten.

Also: Machen wir Nikolaus zu Nikola, das passt dann für er-sie-es, und rasieren diesen albernen Bart ab. Hübschere Klamotten lassen sich sicher auch noch finden. Und beim Weihnachtsmann, tja, da bringt aufpimpen wohl nicht viel. Den ersetzen wir einfach durch …..  Trudi Rentier. Aber ohne rote Nase, wenn’s geht.

Dann haben wir wenigstens mal das mit den Lorbeeren für die Herren aus der Welt. Am Rest können wir danach weiteroptimieren.

Und jetzt entschuldigt mich, ich flüchte mal eben vor den aufgebrachten himmlischen Heerscharen.

Oh schau mal! Ein Eichhörnchen!
Statt Rentier ginge natürlich auch ein Eichhörnchen.

Vom Hut zum Rock: Gehwegschilder

Beim Durchblättern uralter Fotoalben auf dem elterlichen Sofa gestern Abend stach mir dieses Bild ins Auge. Nicht nur, weil ich darauf so entzückend dahinwandele, sondern … ja, offensichtlich sahen in grauer Vorzeit vor vielen Jahren die Gehwegschilder bei uns noch etwas anders aus. Hier ist nachzulesen, dass 1970 der damalige Verkehrsminister Hut & Anzug abschaffte und durch einen Rock ersetzte. Dem ging anscheinend eine längere Kampagne voraus. Vereinfacht: Mann = fremd = Kind soll da nicht mitgehen*. Ersetzt durch: Frau = vertraut/Mutter = Kind soll an der Hand bleiben.

Mann & Kind. 1972 in der Provinz
Mensch mit Hut & Kind. Und ich, 1972 in der Provinz

Das heißt … man kann das natürlich durchaus auch anders lesen:

Das Schild heute
Das Schild heute

*online habe ich nicht viel mehr herausgefunden, Zeit habe ich gerade auch nicht. Also, wer mehr weiß, gerne melden. Es gab 2012 sogar mal eine E-Petition, die sich für eine geschlechtsneutrale Version aussprach. Leider haben nur 45 Personen unterzeichnet.