Profx. Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache

Ich möchte zum Vortrag von Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache – und komme im Vorfeld immer wieder ins Straucheln, wenn ich FreundInnen davon erzähle. Weil ich nicht weiß, wie ich über Hornscheidt sprechen, welches Pronomen ich verwenden soll. Hornscheidt lehnt die Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter ab und bittet um geschlechtsneutrale Anrede, wie es explizit auf der Website heißt: „Wenn Sie mit Profx. Lann Hornscheidt Kontakt aufnehmen wollen, bitte verwenden Sie nicht-geschlechts-binäre Anreden Ihrer Wahl.“ Was bedeutet das für das Reden in der 3. Person? Er/sie fällt damit weg, „es“ geht auch nicht. Der Vortrag wird das wohl klären.

Hornscheidt ist Professx für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin. Im Vortrag geht es hauptsächlich darum, wie eine empowernde (also eine selbstermächtigte, nicht fremdbestimmte) Sprache aussehen könnte. Voraussetzung für eine möglichst gerechte Sprache ist zunächst einmal, Selbstbenennungen zu respektieren, Fremdbenennungen zu vermeiden und von Diskriminierung Betroffenen aktiv zuzuhören. Aktiv bedeutet hier: nicht nur da zu sitzen und zu schweigen (und sich heimlich einen Teil dabei denken), sondern ggf. auch nachzufragen, aber eben nicht mit der eigenen Meinung oder eigenen Intention darüberzubügeln (a la: „Aber wenn ich „Student“ sage, meine ICH doch ALLE mit“).

Eine empowernde Sprache hat viele Elemente. „Strategische Re-Signifizierungen“ zum Beispiel, wenn also Begriffe mit einer neuen Bedeutung belegt werden. Oder das Re-Claiming, die (Wieder-)Aneignung von Begriffen, wie „Weiber“ in den 80ern, Dyke, Krüppelfrauen (-lesben) etc. Dazu kommen Neubildungen von Wörtern (wie dyke-trans) oder Wortteilen (wie x/iks). Das x ist zum Beispiel ein Versuch, eine Bezeichnung für Personen zu finden, die sich nicht dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen. Mit dem x wird die Zuordnung zu einem Geschlecht praktisch durchkreuzt. Es ist verwendbar als Pronomen und als Endung, mit der das Genus ersetzt wird. Also: Professx oder Studierx (jeweils „iks“ ausgesprochen). Daneben gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, um Menschen anzusprechen, wie den wandernden Unterstrich (Stud_entin) oder das Sternchen (Student*in) oder das generische Femininum. Im Reader der AG Feministisches Sprachhandeln gibt es dazu etliche Beispiele.

„Die“ korrekte Sprachregelung, die für alle passt, gibt es nicht, das macht Hornscheidt klar. Es ist vielmehr wichtig, immer im Kontext, in der Situation zu reflektieren und entscheiden, was passt. Eine Sprache, die Geschlecht allgemein neutralisiert, ist nach Hornscheidt nicht das Ziel. Vielmehr soll Sexismus klar benannt werden. So macht es zum Beispiel keinen Sinn, in männerdominierten Bereichen das Gendersternchen zu verwenden und von Präsident*innen der Humboldt-Uni (oder von Deutschland) zu sprechen. Nein, hier sind es ganz klar bisher immer Präsidenten. Jede andere Bezeichnung würde die Machtverhältnisse verschleiern.

Es geht darum, sich darüber klar zu werden, welche Normalisierungen mit Sprache herstellt werden –  ob diese nun intendiert sind oder nicht. Das betrifft natürlich nicht nur den Bereich des Geschlechts, sondern alle Bereiche, die mit Macht und Diskriminierung zusammenhängen. So macht es einen großen Unterschied, ob ich von „Schleusern“ (negativ konnotiert) rede oder von „Fluchthelfern“ (positiv konnotiert), auch wenn ich vielleicht das gleiche meine.

Die von Hornscheidt vorgestellten Bezeichnungen sind alle als Vorschläge zu verstehen, nicht als Regeln oder Vorschriften. Sie sind allesamt aus politischen Bewegungen, aus der Benutzung heraus entstanden und keine Erfindung aus dem akademischen Elfenbeinturm, was Hornscheidt gerne vorgeworfen wird. Allerdings eignet sich gerade die Universität super für ihre Anwendung, da es ja gerade in der Wissenschaft darum geht, möglichst präzise zu formulieren. Hier darf eins präzise sein! Und das präzise Formulieren ist doch wunderschön, so Hornscheidt.

Welches Pronomen wünscht Hornscheidt nun für sich selbst, fragt eine Person aus dem Publikum während der anschließenden Podiumsdiskussion. Keines bzw. einfach den Namen verwenden oder das x. Derzeit zumindest – denn das kann sich auch wieder ändern.

Dass Hornscheidt – und natürlich auch andere Personen, die sich für eine gerechte Sprache einsetzen – damit auf viel Unverständnis, Wut und sogar Hass stößt, ist krass. Es reicht ein einfaches Googlen, um unzählige Artikel dazu zu finden. Hornscheidt selbst hat für Hasstiraden eine eigene Mailadresse eingerichtet, an die Leute „respektlose, übergriffige, gewaltvolle, ignorante Kommentare“ sowie Hinweise, „dass Steuergelder verschwendet werden, Sprache zu erhalten sei, Geschlecht eindeutig nur weiblich oder männlich sei und alles Ähnliche“ richten können. Zudem steht dort der Hinweis:

Oder – Sie nehmen sich die Zeit, um was Nettes und Respektvolles stattdessen an eine Person Ihrer Wahl zu schreiben – und schauen mal, wie sich eine solche Handlung anfühlen würde.

Letztendlich geht es doch darum, respektvoll miteinander zu kommunizieren und die Sprache kreativ dafür zu nutzen. Das erfordert natürlich, Gewohnheiten aufzugeben, sich an Neues zu gewöhnen, Privilegien zu hinterfragen – und das holpert sicher eine ganze Zeit lang. Ich finde es zum Beispiel ganz und gar nicht einfach, auf binäre Pronomen zu verzichten, merke ich beim Erzählen auch nach der Veranstaltung. Fangen wir aber jetzt damit an, aufmerksam zu sein, zuzuhören und eine gerechtere Sprache zu verwenden, wachsen die nächsten Generationen in das Praktizieren einer möglichst nicht-diskriminierenden Sprache hinein.

(Ebenfalls zum Thema: Auf dem Weg zu einer gerechten Sprache – zum Vortrag von Luise F. Pusch)

Lann Hornscheidt

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Eine Antwort zu Profx. Lann Hornscheidt über geschlechtergerechte Sprache

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