Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können!

Es macht mich wütend, was mir da gerade über Facebook hereinflatterte: „Geburtshilfe wird für Hebammen unbezahlbar„, schreibt der Deutsche HebammenVerband e.V. Die ohnehin schon horrend hohen Haftpflichtbeiträge, die freiberufliche Hebammen bezahlen müssen, sollen 2014 erneut um 20 % auf über 5000 € im Jahr steigen.

Hebamme Anna verdeutlicht an einem Beispiel, was das bedeutet: Eine Beleghebamme erhält 273,22 Euro für eine Geburt im Krankenhaus. „Da kann man sich mal ausrechnen, wie viele Geburten begleitet werden müssen, nur um die Haftpflichtprämie allein zu stemmen.“ Der Stundenlohn einer Hebamme liegt um die 8 €. Immer mehr Hebammen geben ihren Beruf auf:

Deshalb habe ich jetzt auch diesen dicken Kloß im Hals, wenn ich erneut merke, dass weder ich noch viele Kolleginnen auf Dauer weiterhin voll in diesem Beruf arbeiten können, wenn sie auch davon leben wollen oder müssen.

Mir geht da echt der Hut hoch. Hebamme – das ist für mich ein fundamentaler, unverzichtbarer Beruf in dieser verrückten Welt. Auch aus persönlicher Erfahrung:

Ich habe zwei Geburten hinter mir. Eine Anfang der 90er, eine vor 2 1/2 Jahre. Sie waren beide schwer und völlig anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Das haben sie gemeinsam. Bei Nummer 1 war ich schlicht nicht vorbereitet auf diesen Wahnsinn, nie hätte ich gedacht, dass etwas so weh tun kann, stundenlang. Schlimmer noch war die völlige Entmündigung durch das Klinikpersonal. „Es geht hier nicht um Sie!“ raunzte mich ein Arzt an, als ich zu fragen wagte, was genau sie gerade mit mir und dem Kind anstellten. Bei Nummer 2 musste ich die Hausgeburt abbrechen und mit wehenden Fahnen ins Krankenhaus. Nun, keine Details, das hier sollen keine Geburtsberichte werden. Beide Geburten gingen bekanntlich gut aus und es kamen 2 wundervolle Kinder auf die Welt.

Der große Unterschied zwischen den Geburten war, dass ich bei Nummer 2 ab ungefähr der 14. Woche hervorragend betreut wurde: von zwei Hebammen, bei denen ich abwechselnd alle 4 Wochen einen Termin hatte, immer ca. 45 Minuten lang. Viel Zeit für eine ausführliche körperliche Untersuchung. Und viel Zeit für Fragen, beruhigende Worte, ein Gespräch. Hier war ich kein „Problemfall“ (omg, so jung bzw. so alt!), sondern einfach schwanger, wie schön! Was für ein himmelweiter Unterschied zu den Besuchen bei der Gynäkologin, bei der ich locker eine dreiviertel Stunde im Wartezimmer herumsaß, um nach einer ca. 5-minütigen Untersuchung wieder auf der Straße zu stehen. Die Hebammen hatten eine schier unendliche Geduld. Nie wirkten sie hektisch oder in Eile. Ausführlich beantworteten sie alle meine Fragen – und die des Mannes, der fast immer mit dabei war – und waren mit Rat&Tat auf unserer Seite. Zu der Ärztin ging ich kein einziges Mal mehr.

Die Hebammen begleiteten mich ein großes Stück durch die Geburt und regelten den Übergang in die Klinik auf eine Weise, die sehr beruhigend war. Und sie übernahmen auch die Nachsorge, wie gewohnt mit sehr viel Zeit und dem Angebot, die Geburt noch einmal ausführlich zu besprechen, was ich gerne annahm.

Schon damals war die Situation der freiberuflichen Hebammen prekär: der Stundenlohn niedrig und die Beiträge für die Haftpflichtversicherung horrend hoch.  Die genauen Zahlen habe ich nicht mehr im Kopf. Sie dürften aber um die Werte herum gelegen haben, die die Initiative „Hebammen für Deutschland“ dokumentiert: fast 3690 € für die Haftpflicht und durchschnittlich 7.50 € Stundenlohn VOR der damaligen Haftpflichterhöhung 2010. Dass sich die beiden trotzdem immer so ruhig und gelassen Zeit für die von ihnen begleiteten Frauen genommen haben (und es vermutlich heute noch genau so tun), ist vor diesem Hintergrund absolut bewundernswert.

Ich verdanke diesen beiden freiberuflichen Hebammen sehr viel! Sie haben mich beruhigt, mir einen Teil meiner Sorgen genommen, mir die schönen Seiten der Schwangerschaft gezeigt. Sie haben mich und meine Familie wunderbar begleitet! Das war notwendig und hat uns allen sehr geholfen. Ich wünsche jeder Frau, dass sie so eine Unterstützung und Hilfe in Anspruch nehmen kann, wenn sie das möchte. Und die Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können!

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6 Antworten zu Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können!

  1. Frische Brise schreibt:

    Danke! Das Thema bereitet mir solche Bauchschmerzen.

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  2. vomwerdenzumsein schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich habe 2009 und 2011 meine beiden Töchter im Geburtshaus zur Welt gebracht und es war wundervoll. Davor die Zeit war ich – so wie du es beschreibst – bestens betreut und auch danach im Wochenbett daheim. Es ist ein Jammer, was da vor sich geht. „Mein“ Geburtshaus hat kurz nach der ersten Erhöhung der Haftpflichtversicherung die Geburtshilfe einstellen müssen – nicht mehr bezahlbar. Das ist sehr sehr traurig.

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  3. Bebe schreibt:

    Sehr traurig, sehr wichtig – das was du schreibst Cloudette. Danke! Und ich war immer so stolz, dass ich meinen Freunden in Polen und Großbritannien über Deutschen Hebammen erzählen konnte. Dass es sie gibt und dass eine hervorragende Hilfe ist, die in anderen Ländern NOCH NICHT verfügbar ist. Ich habe immer gehofft, dass Deutschland wird zur Beispiel, der andere folgen. Schade!

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  4. Pingback: Blogschau #2 | A++ Ranting

  5. C. Rosenblatt schreibt:

    Ich höre noch Frau Merkels vollmundiges: „Das werden wir uns ganz genau ansehen“- beim Bürgerdialog letztes Jahr.

    Meine Sicht dazu inzwischen immer mehr: Wenn Babys aus Pimmeln kämen, wär die Nummer (die bereits so oft und bei jeder direkt Betroffenen so umfassend Kräfte fressend beklagt und betrommelt, beprotestiert und be-empört wurde) schon längst durch.

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  6. Pingback: Ist der Hebammenberuf noch zu retten? - Hebammenblog.de

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