Süßigkeiten

Als ich klein war, reglementieren meine Eltern meinen Süßigkeitenkonsum ziemlich stark. Es gab ab und zu eine Winzigkeit aus Mamas Hand – eine Schokolinse, 1-2 Gummibärchen, ein Rippchen (so hieß ein Stück bei uns) Schokolade. Süßigkeiten waren böööse, sie machten dick und schlechte Zähne. Kontrollieren und sparsam dosieren war also das Motto.

Das Süßigkeitendepot war in für mich unerreichbaren Höhen oben im Schrank – und ich hätte es nie gewagt, dort etwas zu stibitzen. Dafür entwickelte ich mit der Zeit ausgefeilte Strategien, um an das geliebte Süßzeug ranzukommen, für das ich schon früh eine ausgeprägte Leidenschaft hatte: Morgens, wenn die Eltern noch schliefen, schlich ich mich an das Frühstückszeugs und vergriff mich am wertvollen und äußerst seltenen Schokoaufstrich, den es damals zeitweise in einer Tube gab (erinnert sich jemand?). War ich zum Kindergeburtstag eingeladen, futterte ich auf dem Weg dorthin die Süßigkeiten, die oben auf dem Geschenk festgeklebt waren. Sobald ich Taschengeld bekam, gab ich alles für Süßkram aus und vor allem rechnete ich jeden Geldbetrag im Kopf sofort in Kinderüberraschungseier und bunte Tüten um. 1 DM = 1 Kinderüberraschungsei = 10 Lakritzschnecken = 20 Colafläschchen = 50 Brausetabletten. Eine super Matheübung übrigens. Toll waren die Wochenenden bei Oma und Opa auf dem Dorf. Dort durften wir Enkelkinder immer den Einkauf übernehmen und uns selbst etwas kaufen, was wir schamlos ausnutzten. Die Beute schmuggelten wir in unser 3er-Zimmer und futterten sie dort über das Wochenende restlos auf. Toll waren natürlich auch Nikolaus und Ostern. Die Schokofiguren bohrte ich immer vom Boden her auf und knapperte den kompletten Rücken bis oben weg, so dass sie von vorne noch wie unangetastet aussahen und die Eltern nichts merkten – bildete ich mir zumindest ein.

Mein Heißhunger auf Süßes hat sich bis heute erhalten. Ich entkomme dem nur, wenn ich es wie die Raupe Nimmersatt halte: Futtern, futtern, futtern – und irgendwann die Reißleine ziehen d. h. den Zuckerkonsum komplett auf Null runterfahren. Keine Schokolade, keine Gummibärchen, kein Kuchen. Nix. So eine No-sugar-Phase lege ich immer wieder nach besonders exzessiven Futterwochen ein und quäle meine Familie mit meinem Leid. Nach ein paar Tagen Verzicht lassen die Entzugserscheinungen nach, aber wehe, ich rieche an einer Tafel Schokolade, dann bricht der Damm und es gibt kein Halten mehr. Schlimm.

Meine Kinder haben das zum Glück nicht von mir übernommen. Sie kommen beide gut mit Süßkram klar. Ob das Typsache ist, ich ein schlechtes Vorbild bin oder meine Erziehungsstrategie (wenig eingreifen, selbst verwalten lassen) aufgeht, weiß ich nicht. Vielleicht alles ein bisschen.

Als ich neulich mal wieder so durch die Wohnung tapste – auf Zuckerentzug, versteht sich, fiel mein Blick auf den noch immer prall gefüllten Osterkorb von Kind2. Ob es ihm wohl auffällt, wenn ich unauffällig den hübschen Hasen mit der Glocke von unten anbohre und vorsichtig den Rücken hinauf … nur ein winzigkleines Stückchen vielleicht? … Aber solch schäbige Tricks waren überhaupt nicht notwendig. Das Kind hat mir einfach einen geschenkt. „Welchen willst du, Mama? Dann kriegst du den. Da!“ Ach ja.

Objekte der Begierde

Objekte der Begierde

Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
Dieser Beitrag wurde unter Nestgeplauder abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Süßigkeiten

  1. Bebe schreibt:

    Mich wundert die ganze Zeit warum kannst du die Selbe Strategie nicht bei dir selber anwenden: wenig eingreifen, selbst verwalten lassen.

    Ich war Jahre lang auch so: ALLES oder NIX.
    Bis ich endlich schlechte Gewissen losgelassen habe und mir erlaubt habe alles zu essen, was ich möchte. Wirklich erlaubt. Nicht auf Zeit, oder bis ich die 3 Osterhasen gegessen habe. Sondern für immer. Ich war einfach müde mit dieser Stimme in meinem Kopf, dass mir die ganze Zeit das Essen reglementierte. Das was nicht einfach und hat lange und mehrere Tüten von Nüssen (Meine Schwachstelle) und Schokotafeln gedauert. Aber ich genieße es jetzt frei zu sein. Frei im Kopf. Endlich!

    Gefällt mir

  2. cloudette schreibt:

    Ich bewundere es, dass du das geschafft und die Stimme losgekriegt hast! Das ist wirklich super. Ich habe das versucht, viele viele Tafeln Schokolade lang, aber den Trick einfach noch nicht raus.

    Gefällt mir

  3. Ich habe das bei meinen Kindern auch so gehalten, sie durften selbst entscheiden, hatten immer Zugang zu ihren Süßigkeiten und sie hatten sogar jeder ihr eigenes Kisterl mit Süßkram, damit es vor dem Geschwisterchen sicher ist.

    Was soll ich sagen – zu Ostern gab es noch Nikoläuse und manchmal hat der Osterhase zu Weihnachten noch raus geschaut.

    Bei Nachbarn war es ganz anders, ähnlich wie Du es aus Deiner Kindheit kennst. Und es gab ewiges Gezanke um den Süßkram.

    Ich glaube auch, je natürlicher der Umgang damit ist, desto weniger entsteht die Sucht.

    Aber bei mir selbst funktioniert es leider nicht mehr. Die Sucht vom Zucker ist zu groß im Körper. Ich muss auch auf gegen 0 reduzieren, damit die Gier aufhört. Dann geht es aber ganz einfach und hört wirklich auf.

    lg
    Maria

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      … bis zur nächsten Schokolade, oder? Zumindest ist das bei mir so. Ich bin froh, dass meine Kinder damit gut klar kommen (zumindest Kind1, das ist ja schon groß und da liegen Erfahrungswerte vor. Kind2 ist da aber auch auf gutem Weg, finde ich).

      Danke für deine Erfahrungen!

      Gefällt 1 Person

  4. Stephanie Jaeckel schreibt:

    Oh, wie ich das kenne. Der Süßigkeitengeiz meiner Eltern. Aber ich hatte Glück: Meine Freundin war Kind aus einem Gärtnereibetrieb und wir haben oft Blumen zu den Leuten nach Hause gebracht und von dem Geld… – kannst Du Dir denken. Wir haben alles bis auf den letzen Pfennig in Süßkram umgesetzt und uns diebisch gefreut über unsere Schätze. Die Freundin habe ich übrigens heute noch und wir schlemmen Süßes, jedes Mal, wenn wir uns sehen (ist nicht so oft, weil wir in verschiedenen Städten leben). Ihr Mann ist übrigens Zahnarzt 😉 – Die Schokoleidenschaft ist mir geblieben. Gerade bei Stress. Und ich kenne auch diesen Entzug. Denn entweder esse ich Schokolade (und dann eher mehr) oder eben nicht (und das ist in den ersten Tagen richtig hart). Ich habe mal gelesen, dass die süssen Naschnasen es leichter bei der Diät haben als die salzigen. Vielleicht ist das ja ein Trost…

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Das ist doch mal schön: eine alte Süßigkeitenfreundinnenschaft 🙂 Leider habe ich zu meinen liebsten Kindergartenfreundinnen keinen Kontakt mehr. Noch ein Schmankerl: Die beste Freundin und ich sind sogar auf Raubzüge im Erzieherinnenzimmer gegangen (da waren wir ca. 5 Jahre alt), bis wir eines Tages in flagranti erwischt wurden. oO, da war die Hölle los!

      Gefällt mir

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s