Zu viel Kram

Seit ein paar Jahren bekomme ich in regelmäßigen Abständen eine Art Überforderungsanfall ob der ganzen Dinge, die mich umgeben. Die materiellen Dinge. Die Wohnung erscheint mir vollgerümpelt, überall liegt Zeug, die Schränke & Regale quellen über und der Keller ist nicht mehr betretbar. Es ist, als ob die Dinge wie eine Last auf mir liegen, mich richtig belasten.

Ich weiß nicht mehr, wann genau das angefangen hat. Als vor vielen Jahren eine Tante von mir starb und ein Haus hinterließ, vom Keller bis zum Dachboden vollgerümpelt mit Papier. Mit Bücher, Zeitungen, Zeitschriften – alles gehortet zum „irgendwann mal noch lesen“. Der Lebensgefährte war wochenlang mit Verkaufen und Verschenken beschäftigt. Oder als die Großeltern in eine kleinere Wohnung umzogen und tonnenweise Dinge gepackt, entsorgt, entrümpelt werden mussten. Oder als ich einem Freund beim Umziehen half und Kiste um Kiste in den Sprinter schleppte. Darin Bücher ohne Ende, eine umfangreiche Kieselsteinsammlung, LPs, Unterlagen aus dem Studium. Selbst verstaubte Trockenblümchen aus der längst geschiedenen Ehe mussten mit. Nicht nur deren Kram – gerade auch meine eigene Sammlung an Dingen erschien mir mehr und mehr absurd: Wozu das alles?

Durchs Internet geisterte vor einiger Zeit dieses Mem, dass jedeR West-EuropäerIn durchschnittlich 10.000 Dinge sein/ihr Eigen nennt. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt*, es ist jedenfalls eine eingängige Behauptung. Und ich habe keine Ahnung, wie viele Dinge es bei mir sind, ich weiß nur, dass ich geschätzt 4/5 davon nicht wirklich brauche bzw. so gut wie nie benutze. Ich bewahre sie auf. Als Erinnerung. Aus Gewohnheit. Für dem Fall, dass ich sie mal brauchen könnte. Weil es hier irgendwie normal ist, dass jeder Haushalt Bohrmaschine, Hammer, Tischtennisschläger, Schlitten, Bügeleisen, Zelt und weiß der Kuckuck was noch besitzt. Auch wenn zumindest ich diese Dinge doch recht selten brauche und Ausleihen auch eine Option wäre. (So wie fast jede/r ein eigenes WLAN hat, statt mit den Nachbarinnen zu teilen, aber das nur nebenbei.) Das ist ein Riesenfass: Ich müsste dazu Kontakt zu den Leuten nebenan aufnehmen, an fremde Türen klopfen, um Dinge bitten und zudem den Versuchungen der Konsumwelt widerstehen.

Kürzlich sah ich ein kleines Video über die sogenannten Neo-Minimalisten, die so viel weggeben, dass sie das ihnen Verbliebene zählen können. Dass es in einen Rucksack passt. Faszinierend. Allerdings waren es im Film durch die Bank jüngere (vermutlich) alleinstehende Männer ohne größere finanzielle Probleme. Mit Familie erscheint mir doch etwas schwieriger, das so radikal umzusetzen.

Nichtsdestotrotz: Weniger bzw. Second-Hand-Konsumieren, Dinge reparieren und die geplante Obsoleszenz überlisten, Sachen verschenken, die ich nicht benötige – das ist schon mal ein Anfang.  Dieser ganze Überfluss & Konsumwahn und die Verarmung inmitten des Wohlstands – das ist grad ein Thema, das mich ziemlich beschäftigt.

*Ich habe keine wirkliche Quelle gefunden. Die Behauptung taucht zwar an allen möglichen Stellen auf (z. B. zeit.de, sz oder dradio), die Rede ist ab und an von einer Studie, doch referenzieren sich die Artikel stets nur gegenseitig, nirgendwo ist ein Verweis auf die ursprüngliche Herkunft zu finden. Vielleicht habe ich aber auch zu früh mit der Sucherei aufgehört.

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3 Antworten zu Zu viel Kram

  1. Bebe schreibt:

    Wirst du jetzt auch dein Eigentum auf 100 Sachen beschränken? ist gerade sehr groß in England und Polen. Nun, kommt immer die frage: Sind Socken eine oder zwei Dinge? 🙂 http://www.madeinthemoment.com/2011/03/100-things-challenge-reducing-my-life-down-to-100-things/

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    • cloudette schreibt:

      .. wie viel zählt Besteck, Bauklötze, Badeartikel … klar. Ich bin von 100 Dingen weit entfernt und habe nicht sooo arg viel Lust, mich mit Definitionen zu beschäftigen. Mir geht’s eher um mehr Übersichtlichkeit, bewusstes Konsumieren, Konsumkritik. Und um ein Nachdenken über das Privateigentumsmantra (meins!). Finde ich im Übrigen gerade auch deshalb interessant, weil das hierzulande ja schon den Kleinsten beigebracht wird: Mein Sandförmchen, dein Sandförmchen etc…

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  2. B. Cottin schreibt:

    Mit sehr wenig Sachen auskommen, bedeutet oft, sehr funktionale, also teure Gegenstände zu kaufen. Second-Hand-Dinge sind oft nicht so praktisch.
    Mit Kindern kann man nicht minimalistisch sein, wenn man in einer normalen Gesellschaft lebt. Das ist zu hart für sie. Aber den Überblick behalten, das können sie auch lernen – und schätzen.

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