Warum ich gerne Blogs lese.

Was findest du denn so toll an diesem Internet?, fragen mich meine Offline-Freund/innen oft, das frisst doch nur Zeit, es steht so viel Quatsch drin und ein bisschen unheimlich ist das ja auch, mit den ganzen Daten und so. Ja, was finde ich so toll? Blogs lesen zum Beispiel. Das mache ich viel, ausführlich, jeden Tag, leidenschaftlich. Blogs?!??

Zu erklären, was ein Blog ist, gelingt mir meistens nicht sonderlich gut. Zu verlockend ist dann die Versuchung, es über einen Begriff zu versuchen. Online-Tagebuch z. B., wie Journelle kritisiert. Oder Online-Essay, wie sie vorschlägt. Zack – erklärt – kapiert doch jede/r. Nur leider funktioniert das nicht recht, denn zu viele Blogs melden sich in meinem Hirn, die nun so gar nicht in diese Raster passen möchten, weder in das eine noch ins andere. Was ist mit Blogs, in denen jeden Tag ein neues Foto erscheint, ein Gedicht, ein Gedankenschnipsel, in denen überwiegend kommentierte Links & Videos gepostet werden? Blogs, in denen heute eine wortreiche Reportage über xy steht und morgen 5 dürre Worte über das persönliche Befinden?

Nein, Blogs sind für mich nicht auf einen Nenner und vor allem nicht auf einen Begriff zu bringen. Aber das macht eigentlich nichts aus, denn so komme ich eher ins Beschreiben, was ich an den Blogs, die ich lese, so sehr schätze und mag.

Viele Blogs lese ich gerne, weil sie Informationen & Perspektiven bringen, die ich in den Mainstreammedien nicht oder nur selten finde, über Netzpolitik z. B., Rassismus, Feminismus, Überwachung oder Bankenrettung. Aber nicht nur die großen Player, auch die vielen kleinen Blogs, die nicht um ein großes Thema kreisen und zwischen Persönlichem auch immer wieder eine Info bringen, die sie irgendwo ausgegraben haben.

Viele Blogs lese ich gerne, weil sie vom Alltag schreiben. Meinen eigenen finde ich nun auch nicht gerade spannend. Aber ich finde es interessant, in den Blogs anderer davon zu lesen. Bei glücklich scheitern zum Beispiel, die viel vom Heranwachsen ihres Kleinen, der genau so alt ist wie meiner, erzählt. Bei Feministmum, wo Politisches überwiegt, oder der Kraehenmutter, die sich manchmal den Frust von der Seele rotzt. Bei vielen anderen, die mutig Persönliches offenbaren, sei es zu Beziehungsproblemen, dem Leben mit Krankheit, Sucht oder dem Hadern mit sich selbst. Manches davon würde ich wohl noch nicht einmal in mein Tagebuch schreiben, aus Angst, irgendwer oder ich selbst könnte es womöglich noch einmal lesen.

Ich bin den BlogschreiberInnen dankbar für ihre Offenheit, für ihr lautes Nachdenken über Alltägliches, an dem sie mich und viele andere teilhaben lassen. Es ist vielleicht ein bisschen Voyeurismus dabei, wenn ich das so lese. Oft entsteht beim Lesen aber auch eine Nähe, das Empfinden von Gemeinsamkeit: Bei anderen ist der Alltag (mit oder ohne Kind) auch nicht viel anders, sind Freude & Sorgen doch auch ähnlich. Oder es gibt mir Anregungen, die Welt mal ein bisschen anders zu sehen.

Viele Blogs lese ich, weil mich die Gedankengänge darin faszinieren, wie bei Antje Schrupp immer wieder und und vielen anderen mehr. Oder weil eine/r etwas in Worte gefasst hat, das mir auch schon im Kopf herum spukte, ich aber nie so treffend hätte beschreiben können (das passiert recht oft).

Ich mag Blogs, die Geschichten erzählen, von großen & kleinen Dingen. Die wunderschönen Porträts von anders anziehen oder das literarische Sammelsurium von silenttiffy. Ich lese Blogs, weil mich die unterschiedlichen Schreibstile faszinieren: von schön erzählten Anekdoten wie bei Herrn Buddenbohm und den Gedanken der Frau Meike bis hin zu orthographischen und grammatikalischen Wüsten, in denen inhaltliche Orchideen blühn. Und ich mag die Linkschleuderblogs wie wirres.net weil ich über sie an viele interessante Artikel gerate.

Ich schätze an vielen Blogs, dass ihre Verfasser/innen die Subjektivität des Geschriebenen explizit machen. Oft rein sprachlich durch das Schreiben in der 1. Person Singular oder über das Reflektieren der eigenen Position. Oder einfach darüber, dass durch die Themenwahl und den Stil die Person durchschimmert. Das setzt sie ab vom so häufig anzutreffenden pseudo-objektiven Geschreibe, das so tut, als seien keine persönliche Erfahrungen und Meinungen mit am Start.

So endet die Frage, was ich denn so toll am Internet finde, meist in einer Schwärmerei für all die kleinen, großen, vielfältigen, mutigen, witzigen, erstaunlichen, erschreckenden Online-Essays, -Tagebücher, -Gedankenspiele, -Geschichten, -Sammelsurien. Oder, achja, einfach: Blogs. Manche von ihnen begleiten mich durch eine Lebensphase hindurch und verschwinden irgendwann wieder aus der Leseliste. Manchen bleibe ich jahrelang treu. Das Schöne an ihnen ist, dass es keine Schublade gibt, in die man sie alle hineinquetschen kann. So braucht es halt manchmal ein paar mehr Worte, um zu beschreiben, was das Faszinierende an ihnen ist.

P.S.: Meine Leseliste findet sich hier rechts –>
Ich hätte sie alle hier im Text verlinken können, was dann doch wenig Sinn macht und ein ziemliches Geschleudere geworden wäre.

Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
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Eine Antwort zu Warum ich gerne Blogs lese.

  1. Bebe schreibt:

    Lesen auf Deutsch ist immer noch eine Herausforderung, aber es gibt nichts besseres fürs Sprache üben als Blogs lesen! Danke 🙂

    Gefällt 1 Person

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