Kinder mögen Schlittenfahren. Oder etwa nicht?

Sonntag. Die Sonne scheint und oben auf dem Berg gibt es 30 cm Neuschnee. Also Klamotten zusammenpacken und möglichst früh los, damit wir den ganzen Tag Zeit zum Rodeln haben! Das macht Spaß, und Kinder lieben es ja bekanntlich!!!

So die Idee. Eine grandiose Idee. Deren Umsetzung nur leicht vom Plan abwich:

Sonntagmorgen. Es ist dunkel. Kind2 ist wach. Wir nicht. Unseren Zustand könnte man euphemistisch als komatös beschreiben. Wenn wir ganz fest die Augen zusammenkneifen und uns nicht bewegen, dann geschieht doch sicher ein Wunder und wir können noch 5 Minuten schlafen, ja, bitte? … Es hilft nichts, Gebete vor 7 Uhr morgens werden generell nicht erhört. Der Mann übernimmt die erste Schicht, bis ich ihn ablöse und mich unter leicht schlechtgelauntem „Früher-war-mehr-Ausschlafen“-Gemurmel aus dem Bett schäle.

Etliche koffeinhaltige Getränke später, die Falten haben sich langsam auf Normalmaß zurechtgelegt, ist es komischerweise dann schon halb 11 und wir sind theoretisch schon seit einer halben Stunde unterwegs. Praktisch sitzen wir im Bademantel in der Gegend herum und telefonieren mit der ebenfalls leicht verpennten Verabredung. „Es wird ein bisschen später“ – „Oh. Gut. Bei uns auch.“

Noch eine Stunde später schleppen wir Tonnen an Gepäck, Proviant und Fahrgeräte ins eigens ausgeliehene Auto, holen das Besuchskind ab, dessen Eltern und Geschwister krank darniederliegen, und fahren zu den Klängen einer etwas zu fröhlichen Kinderlieder-CD auf den Berg. „Schaut mal, wie schön! Schneeee!!!!“ rufe ich begeistert. Vom Rücksitz ist nichts zu hören. „Kindaaa! Schaut mal! Alles weiß!“ Stille. „I will ein anderes Lied“, ist der einzige Kommentar von den Backbenchers.

Oben auf dem Berg: Märchenlandschaft. Alles weiß zugepudert, Idylle pur. Das finden ca. 5524 andere parkplatzsuchende Leute übrigens auch. Die Sonne scheint, der Schnee glitzert. Jetzt nichts wie raus zur Rodelbahn.

Kind2 weigert sich auszusteigen. Das Besuchskind schläft.

Ich wuchte Schlitten, Bob und ArschPoporutscher aus dem Auto und schaffe es mit Engelszungen, Kind2 aus dem Auto und auf den Bob zu bewegen, mit dem ich es schwitzend zur Rodelbahn ziehe. Der Mann bleibt beim schlafenden Besuchskind zurück.

Die 5524 anderen Leute und unsere Verabredung stehen bereits am Hang, klemmen ihre Kinder auf die Schlitten und sausen los. Ich sitze im Bob und warte. Kind2 steht daneben und wartet ebenfalls. Auf unterschiedliche Dinge allerdings. „Los Kind2, wir fahren!“ „I will net Schlittenfahren, i will zum Auto!!!!!“ „Nun komm schon, das macht Spaß.“ „I will net!!!11!!!!!“. „Los, nur EINMAL.“ „NEEEEIIIINNNN!!!!!“

Eine Viertelsekunde lang erwäge ich, das Kind zu seinem Glück zu zwingen. Schließlich mögen Kinder Schlittenfahren. Sie wissen es im konkreten Fall vielleicht nur nicht. Die Aussicht, dass 5524 Leute ob des ziemlich beeindruckenden Kreischorgans des Kindes die Hotline des Jugendamtes wählen, hält mich dann doch davon ab.

Auch 15 Minuten später gibt es keine nennenswerten Fortschritte in Sachen Kindüberzeugen, und so ziehe ich selbiges zurück zum Auto, wo der Mann noch immer wartet. Wenn Besuchskind und Kind2 erst einmal zusammen auf dem Schlitten sitzen, dann wird das schon, so mein ausgefuchster Plan. Das Besuchskind schläft inzwischen nicht mehr. Allerdings sieht es inzwischen doch eher etwas kränkelnd aus und mag unter keinen Umständen aussteigen, geschweige denn rodeln, sondern sofort heim zu Mama. Kind2 ergreift derweil die Gelegenheit beim Schopf und hechtet schnell mitsamt 4 Tonnen Schnee ins Auto.

„Vielleicht ein klitzekleines Picknick in der Sonne?“ starte ich einen neuen Lockversuch. „Wir haben auch Schokolade dabei. Und Kuchen. Und Chips. Und …“ Die Antwort aus dem Autoinneren beinhaltet irgendwas mit NEIN und MAMA!!!! Ich gebe auf.

Ein letzter Blick auf die verschneite Idylle. Ein letzter Blick auf die Rodelbahn. Dann stopfen wir unser Zeug wieder ins Auto, fahren runter ins Tal, bringen das kränkelnde Besuchskind zu seinen kranken Eltern und laden tonnenweise Gerümpel wieder aus dem Auto. Ermattet sinken wir auf Sofa und essen unser Picknick.

Den nächsten Sonntagsausflug machen wir ins Schwimmbad. Kinder mögen ja schließlich Wasser. ODER ETWA NICHT?

Kind2 in Schlittenfahr-Verweigerungsposition

Kind2 in Schlittenfahr-Verweigerungsposition

 

 

 

 

Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
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8 Antworten zu Kinder mögen Schlittenfahren. Oder etwa nicht?

  1. Pfiffika schreibt:

    Nein, nicht alle Kinder mögen Schnee und Wasser:
    7 Jahre lang war Schlittenfahren doof, Schnee im Gesicht ließ Gebrüll ertönen, bei Beiden… (und ich hatte mich soooooo darauf gefreut, mit meinen Kindern durch den Schnee zu stoben…), 2 Jahre lang hat das kleine Kind sich geweigert, überhaupt gebadet zu werden, geschweige denn in freiwillig in ein Schwimmbecken zu gehen….heulend saß sie am Beckenrand.
    Heute mit 14 und 12 hat sich das gegeben ;-). Naja, teilweise… der reinigende Kontakt mit Wasser ist der Kleinen immer noch nicht angenehm, seufz….

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  2. monikawegner schreibt:

    Ich kann nur beruhigen: DAS kenne ich!!!! Wirklich ALLE, aber auch ausnahmslos ALLE anderen Kinder haben gefühlt SAUMÄßIGEN Spaß, nur MEINE beiden Kinder fechten aus irgendeinem blöden Grund genau HIER in der Wintertraumwelt irgendwelche längst vergessenen Kämpfe aus, oder frieren, oder trotzen, oder… Ich bin schweißgebadet, die Kinder haben sich keinen Zentimeter selber bewegt, während andere Eltern entweder mitrodeln oder fröhlich schwatzend ihren rodelnden und lachenden Kindern zusehen.
    ABER: Das waren bei uns zum Glück häufig die Samstage und der Sonntag danach war dann meilenweit besser… Also vielleicht nächste Woche gleich wieder probieren??

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    • cloudette schreibt:

      Danke, das beruhigt mich schon! Ich glaube zwar im Moment nicht, dass ich mir das nächsten Sonntag noch einmal antun werde … aber wer weiß, wie es am Wochenende aussieht. Vielleicht gehe ich auch einfach ALLEINE rodeln!

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  3. Bebe schreibt:

    Bei Uns war immer Schlittenfahren toll (Schwimmbad gab allerdings nicht, aber dafür See). Wenn ich daran denke, wahrscheinlich deswegen so toll, weil die Eltern es nie mitmachen wollten 🙂

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    • cloudette schreibt:

      hahaha, Bebe, da du könntest recht haben :-D!!! (Komisch, dass Kinder oft so funktionieren. Auf ein NEIN kommt ja fast reflexartig ein I WILL ABER!!!!!!!)

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  4. glitzerkugel schreibt:

    Haha, sehr gut. Der Zwack mag zwar Schlittenfahren, mag aber keinen Schnee. „Und?“, fragt die Tante am Telefon, „Warst Du im Schnee?“ – „NEIN! Schlitten fahren!“
    Und er schafft es tatsächlich, ohne selbst ein Fitzelchen Schnee zu berühren, Schlitten zu fahren. Und juchzt.

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