Wer hat den größten Stress im Land?

Wer arbeitet mehr, wer hat den stressigeren Alltag? Eine Mami mit einem Kind? Mit 2? Mit 3? Berufstätige Eltern? Berufstätige Kinderlose? Wer sitzt mehr in der Sonne, trinkt mehr Latte Macchiato? Der Wettkampf lebt!

Aber von vorne: Ich habe gerade einen Artikel bei Feministmum gelesen, in dem diese einen Tag aus ihrem Mama-Kleinkind-Leben protokolliert. 24 h. Wickeln, Füttern, Anziehen, wieder Wickeln, Anziehen, Kind ins Bett bringen … es dreht sich fast alles um das Kleine. Sie überschrieb ihn mit „Ich nenne es Arbeit“ und resümmierte vorsichtig: mindestens 16 h der 24 sind Arbeit, eher mehr.

Arbeit, aber bitte mit Freude

Unter feministmums Artikel haben sich ruck-zuck Kommentare angesammelt: teils zustimmende, aber auch eine Reihe ablehnender, teilweise auch hämische Kommentare. Eine 3-fach-Mutter findet es „süß“, wenn Einzelkindereltern ein Kind anstrengend finden. Eine Frau findet, der geschilderte Alltag sei für viele Erwerbstätige der pure Luxus. Eine andere meint, dass das alles „Freizeit“ sei. Und überhaupt: Heutzutage müsse ja keiner mehr Kinder bekommen, also bitte nicht jammern.

Meine erste (innere) Reaktion darauf war: Och nö. Hat es sich immer noch nicht rumgesprochen, dass Kinder-Aufziehen Arbeit ist? Was soll das Gehacke? Wieso muss da jetzt eine Wettstreit losgehen, wessen Alltag stressiger ist? Und wieso muss das gleichzeitig einhergehen mit einer Ab- und Bewertung des Alltags der anderen?

Nach einigem Hin und Herüberlegen kam ich dann bei mir selber an: Wie sehe ich das eigentlich? Schätze ich das Kümmern um Kind(er) und Haushalt als Arbeit? Äh, natürlich – sagt mein Hirn sofort. Und ja, auf einer reflektierten Ebene sehe ich das so, ganz entschieden. Aber tiefer in mir drinnen, stimmt das schon nicht mehr so ganz, wenn ich ehrlich bin. Da meldet sich irgendwo mein tiefverwurzeltes christlich-pietistisch-kapitalistisch-chronisch-schlechtes Gewissen und redet was von Faulsein, von Kinder sind Privatvergnügen, von eigentlich-mal-was-Richtiges-Leisten-müssen …

Dieses Gewissen (oder wie man es sonst nennen mag), gibt mir am Ende eines Tages, an dem ich fast ausschließlich mit Familie- und Hausarbeit zu tun hatte, das Gefühl, NICHTS wirklich getan zu haben. Es lässt mich unbefriedigt zurück und mein tagesaktuelles Selbstwertgefühl in den Keller sacken. Diesem Gewissen trete ich dann entschlossen entgegen und zähle auf, wie anstrengend doch alles ist, was ich alles den lieben langen Tag gemacht habe, Kind versorgt & Wäsche gewaschen & aufgeräumt & geputzt & soweiter. Ich äußere das dann auch ab und zu, aber tief in mir drin, bleibt der Zweifel. Eigentlich ist das nicht wirklich viel wert. Und ich dann denke manchmal, das gibt’s doch gar nicht! Wenn ich mich schon selbst so schwer tue, meine eigene Arbeit anzuerkennen, wie kann ich es dann von anderen erwarten? Und letztendlich geht es ja darum, oder? Ich möchte gesellschaftlich für das, was ich tue, Anerkennung.

Gesellschaftliche & persönliche Anerkennung gehen natürlich Hand in Hand. Und es stellt sich schon die Frage, wie man diese erlangt. Zum Beispiel darüber, dass eine Tätigkeit als Arbeit gewertet wird. Bei den Diskussionen, die sich bei feministmum und ebenso bei gluecklich scheitern entsponnen haben, und auch bei mir selbst, sticht hervor, dass der Fokus dabei sehr stark auf „das Anstrengende“ gelegt wird. Damit wird versucht zu untermauern, ums-Kind-kümmern sei Arbeit – oder eben auch keine. Naheliegend, denn der (Erwerbs-)Arbeitsbegriff ist hierzulande ja äußerst negativ konnotiert. Arbeit – das ist Anstrengung, Hierarchien, Arbeitsanweisungen, manchmal blöde Chefs & Kolleg*innen, Routine, Langeweile.

Das passt ja irgendwie alles auch auf die Familienarbeit. Auch die ist anstrengend, oft fremdbestimmt, langweilig, routiniert etc. Statt Kolleg_innen nerven die Kinder oder Partner/innen … Und trotzdem zählt das nicht so richtig. Anstrengung alleine kann also nicht der Knackpunkt sein, der die gewünschte Anerkennung bringt.

Es bringt meiner Meinung nach deshalb nicht viel, im Kampf für die Anerkennung von Familienarbeit darauf zu fokussieren, wie viel Stress Kind/er machen können. Das ruft eher ein fast reflexhaftes: „Das ist doch alles bloß Gejammer, geht doch erst mal richtig arbeiten“ hervor. Und ruckzuck hat man eine „mein-Alltag-ist-viel-stressiger-Competition“, in der sich alle gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Eine Sackgasse.

Aber was dann? Ich weiß auch nicht recht, was nun die „Lösung“ ist. Darauf warten, dass der stete Tropfen den Stein höhlt? Ich fürchte, es wird noch ewig dauern, bis sich die Anerkennung von Familienarbeit auch im Mainstream durchgesetzt hat. Aber bis das passiert ist, bin ich vermutlich tot. Ich brauche also für mich persönlich eine andere Lösung.

Ein kleiner Ansatz ist für mich selbst, nicht beim Stress-Vergleich miteinzusteigen bzw. auszusteigen. Denn der bringt mir nichts. Ich möchte lieber anfangen meinen eigenen inneren Stein höhlen, der sich da über die Jahre in den Magen geklumpt hat. Das geht eventuell schneller: 1. möchte ich das innere Mantra „ich habe nichts hingekriegt den ganzen Tag“ langsam abschalten und mir selbst etwas mehr Wertschätzung entgegenbringen. 2. möchte ich für mich den Arbeitsbegriff etwas umkrempeln und Arbeit als etwas sehen, das mir Spaß macht, das ich gerne mache. Ich möchte gerne zu meiner Erwerbsarbeitsstelle gehen. Ich möchte gerne mit meiner Familie zusammensein, mich um sie kümmern. So als Grundeinstellung. Denn es gibt bei jeder meiner Tätigkeiten immer auch Aspekte, die Spaß machen, befriedigend sind. Dass es auch mal Stress, Hektik, Nerverei geben kann – klar. Aber ich möchte nicht, dass das die default-Einstellung ist und die Freude daran die Ausnahme. Schwer. Sehr schwer. Aber nicht unmöglich, oder?

Was ich mir für die Diskussion um Familienarbeit & Wertschätzung wünsche: dass diese Be- und Abwertung anderer Lebensmodelle, dieses ewige herablassende Vergleichen endlich mal aufhört. Reproduktive Arbeit ist Arbeit, egal wie anstrengend oder locker das der_die Einzelne empfindet. Anstrengung ist kein Maßstab!

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24 Antworten zu Wer hat den größten Stress im Land?

  1. feministmum schreibt:

    Toller Text! Ja, ich hab die Reaktionen auf meinen Text etwas unterschätzt… Deinen Vorschlag finde ich gut, nicht beim „Stressvergleich“ einsteigen und die beschriebenen Strategien gefallen mir. Ich finde es wichtig, die inneren Sätze über Arbeit zu verändern, dennoch erscheint es mir auch wichtig, dem Thema weiterhin eine Öffentlichkeit zu geben (was dir hier aber auf andere Weise auch sehr gut gelungen ist!).

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    • cloudette schreibt:

      Absolut, ich finde es auch wichtig, öffentlich über die Wertschätzung, Verteilung, Entlohnung der Reproduktionsarbeit zu diskutieren … das sollte auch sicher kein Plädoyer für den Rückzug ins Private sein (deshalb auch der Post, genau). Die „Arbeit muss Qual & Mühsal sein“-Falle schnappt halt schnell zu. Die Punkte, die du in deinem Blog als Reaktion auf die Kommentare aufgeführt hast, finde ich auch sehr wichtig.

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  2. Anne schreibt:

    Puh, danke für diesen Artikel. Ich (berufstätige Dreifachmutter mit einem Beruf, den ich sehr liebe und oft als Erholung von der Arbeit zuhause erlebe) habe unter feministmums gutem Beitrag die Kommentare gelesen und dabei jedesmal richtige Wut bekommen. Und alle durcheinander gequirlten Gedanken dazu weder aufschreiben können noch wollen. Die Krönung fand ich den mehrfach angebrachten Vergleich mit „angeschafften Hunden“. Hier in diesem Posting finde ich alle meine Gedanken sehr sortiert und wohlformuliert wieder und kann nur nochmal bekräftigen, dass das gegenseitige Abwerten und Vergleichen aufhören muss (besonders erlebe ich das bei Frauen untereinander). Das ist schlimm und so wird sich in der gesellschaftlichen Anerkennung nichts ändern.

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  3. Pingback: “Anstrengung ist kein Maßstab” | glücklich scheitern

  4. Marie schreibt:

    Also ich sage gleich vorweg, ich habe jetzt nur deinen Artikel gelesen.
    Danke dir für deine Worte, das klingt bei mir stark an. Einen Vergleich zu ziehen, wer gerade mehr „leidet“ kenn ich sowohl auf Arbeits- als leider auch auf Beziehungsebene. Wer ist erschlöpfter, ich die zuhause die Kinder betreute oder mein Mann der arbeiten geht. Und wir beiden hassen es, in dieses Muster zu fallen und lösen das Gott sei Dank sehr schnell wieder auf. Auf gesellschaftlicher Ebene sind da die Mechanismen noch stärker, nur wer anständig leidet, ständig erreichbar ist und Überstunden schiebt ist anscheinend ein ehrgeiziger und erfolgreicher Mensch. Sehr schade, diese Entwicklung.
    Ich denke mir auch oft, wir Erziehenden sitzen auch mal tagsüber im Café, na klar, aber dafür hat mein „Arbeitstag“ weder eine von mir festgelegte Struktur noch einen festen Feierabend. Ich bin gerade mit Säugling 24/7 auf Abruf und da sollte doch der Kaffe nachmittags und das Ratschen mit anderen nicht immer als „hach die Mamas/Papas hängen ja eh nur in Cafés und Parks rum“ definiert werden, viel schöner wäre es doch, sich gegenseitig die eigenen Auszeiten auch zu gönnen. Aber gönnen bedeutet auch das Verhalten und den Lebensstil der anderen zu verstehen und zu reflektieren und da hört es bei uns in der Gesellschaft leider oft schon auf.
    Um so wichtiger, dass wir uns selber sowohl unserer Arbeit und auch unserer Anstrengung gönnen (ja, genau: gönnen!) als auch unserer Freizeiten und Aus-Zeiten 🙂
    Aber naja, die inneren Mantras sind halt lange antrainiert, umso leichter fällt es mir aber diese aufzulösen wenn ich hier lese, dass es anderen auch so geht 🙂

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  5. Miriam schreibt:

    Oh ja, wie gut ich das kenne, dieses Gefühl, dass die Arbeit zu Hause keine wirkliche Arbeit ist bzw. dass mein Wunsch, irgendwas fertig zu nähen in meiner eigenen Einschätzung weniger wiegt als der Wunsch des Mannes, irgendeinen Bug in seinem Code zu finden, den er für seine Erwerbsarbeit geschrieben hat. Meins ist Hobby, seins ist Arbeit. Aber was kann ich dafür, dass er keine anderen Hobbies als seine Erwerbsarbeit hat? Mein Hobby ist auch produktiv!

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  6. Carsten schreibt:

    Ich hab ich schon oft den Gedanken „wer viel arbeitet, leistet auch viel“ angetroffen. Und die ewige Vergleicherei, wer jetzt wann wieviel gearbeitet hat und ob das jetzt anstrengend und wichtig war oder nicht, geht mir auch ziemlich auf die Nerven.

    Ich hab das Glück, dass ich einer Arbeit nachgehe, die mir Spass macht. Manchmal ist das anstrengend, manchmal muss ich lange an etwas arbeiten, manchmal höre ich früh am Nachmittag auf, manchmal hab ich trotzdem keine Lust. Für mich selbst hab ich entschieden, dass ich versuchen will, mich aus der üblichen Gruppendynamik rauszuhalten, die ewige Leistungsbereitschaft und Effizienz im Beruf predigt.

    Dafür will ich immer wenn jemand etwas gut macht, dafür auch loben. 🙂

    Und für mich ist das Brot, das meine Freundin am Wochenende backt, auch mehr Wert eine tolle Beförderung die jemand in der Firma bekommen hat. Und ein wenig neidisch bin ich auf ihre Backkünste auch. 😉

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  7. cloudette schreibt:

    Vielen Dank für eure tollen Kommentare / Beiträge :-)! Es ist schon heftig, dass die Aufrechnerei bzw. der Stress-Wettbewerb bis in Beziehungen hinein geht (wenn auch nicht erstaunlich). Es ist nicht leicht, da rechtzeitig die Bremse zu ziehen. Wichtig finde ich auch, wie Marie schreibt, anderen ihr Leben, ihre Freizeit etc. zu gönnen bzw. sie anzuerkennen, für das, was sie tun.

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  10. Wolkenlos schreibt:

    „Es bringt meiner Meinung nach deshalb nicht viel, im Kampf für die Anerkennung von Familienarbeit …“

    Kindererziehung ist Arbeit, das ist keine Frage. Fensterputzen, den Keller aufräumen, kochen ist auch Arbeit und wenn man eine Familie hat, ist das sogar Familienarbeit. Was ich mich frage: Wieso soll beim „Kampf für die Anerkennung von Familienarbeit“ diese Arbeit von anderen als der betreffenden Familie anerkannt werden? Wieso soll ich die Familienarbeit anderer Leute anderes anerkennen, als das Fensterputzen meines Nachbarn, der keine Familie hat? Die Arbeit des Fensterputzens ist exakt die gleiche. Wieso sollte ich überhaupt der privaten Arbeit andere Leute besondere Anerkennung schulden? Dass sie diese Arbeit verrichten, ist das Resultat eigener Entscheidung. Es ist ihr frei gewähltes Lebensmodell. Ich bin dazu völlig zu recht nicht befragt worden und schulde den Leuten gar nichts, weder Anerkennung noch anderweitige Wertung. Schon gar nicht, wenn die Familienarbeit hauptsächlich von der Frau geleistet wird und damit Rollenbilder verfestigt werden. Mir käme es nie in den Sinn, für mein frei gewähltes Lebensmodell, irgendwelche Bestätigung zu fordern.

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    • Anne schreibt:

      Der Unterschied ist zum Beispiel, dass die geputzten Fenster nicht später denen die Rente bezahlen, die ihre Fenster nicht geputzt haben.

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      • Ute schreibt:

        @Anne
        Das ist eine Milchmädchenrechnung. Es gibt keine Garantie, dass ein Kind später tatsächlich in die Rentenkasse einzahlt. Wird das Kind zum Beispiel Beamter, selbständig, Hausfrau oder arbeitslos zahlt es nichts ein. Und die Leistungen, die das Kind und die Eltern von der Gemeinschaft beziehen, müssen schließlich auch erarbeitet werden.

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    • cloudette schreibt:

      @wolkenlos: Anerkennung bedeutet ja einmal, etwas als „sachlich richtig“ zu sehen. Familienarbeit = Arbeit. Das war der Ausgangspunkt der Diskussion: dass das von vielen offenbar nicht so gesehen wird. Anerkennung kann auch bedeuten: „etwas wertschätzen“. Gerade bei der Familienarbeit hängt das eng zusammen. Es wird nicht als Arbeit gesehen und in Folge davon auch nicht wertgeschätzt, sondern im Gegenteil oft sogar abgewertet.

      Meiner Meinung nach musst du der Arbeit anderer keine „besondere“ Anerkennung schulden. Das hieße ja wieder, ein Lebensmodell über andere zu stellen. Genau darum geht’s mir nicht, sondern um die Anerkennung aller als gleichwertig, um ein Ende der Bewertung. Keins ist besser oder schlechter als das andere.

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      • Wolkenlos schreibt:

        „Familienarbeit = Arbeit. Das war der Ausgangspunkt der Diskussion: dass das von vielen offenbar nicht so gesehen wird.“

        Es steht doch aber jedem frei, sich eine Meinung über Familienarbeit zu bilden. Wenn viele das nicht so seihen wie du, dann ist das deren Sache, nicht deine. Du bist von der Meinung anderer nicht abhängig.

        „Genau darum geht’s mir nicht, sondern um die Anerkennung aller als gleichwertig, um ein Ende der Bewertung.“

        Anerkennung als gleichwertig ist aber auch eine Bewertung. Um etwas als gleichwertig anzuerkennen, muss man es zunächst bewerten, um dann zu dem Schluss zu kommen, es ist oder ist nicht gleichwertig. Allerdings würde das Ergebnis „nicht gleichwertig“ nicht automatisch bedeuten, eines wäre schlechter. Familienarbeit ist einfach etwas ganz anderes. Ich persönlich sehe gar keine Notwendigkeit, sie mit Berufstätigkeit gleichsetzen oder als gleichwertig ansehen zu sollen. Denn dann stellen sich ja weitere Fragen: Ist jede Tätigkeit Arbeit, egal ob sie anstrengend ist, ob man sie tun muss oder bleiben lassen kann, ob sie Spaß macht usw.? Oder warum soll ausgerechnet die Familienarbeit gleichwertig sein mit Erwerbsarbeit und andere Tätigkeiten vielleicht nicht? Ist z.B. mit dem Hund rausgehen Arbeit? Oder nur wenn es ein Familienhund ist, nicht aber wenn ein Single mit seinem Hund rausgeht? Oder ist Gartenarbeit gleichwertig mit Erwerbsarbeit? Oder nur wenn es der Garten der Familie ist, nicht aber, wenn es der Garten eines Singles ist? Dann wäre „Familie“ das Kriterium und die Singles würden sich zu recht beklagen, warum ihre Arbeit nicht gleichwertig sein soll, obwohl es sich um exakt die gleiche Tätigkeit handelt …

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  11. Anne schreibt:

    @Ute: Ich finde, die größere Milchmädchenrechnung ist es, Kinder aufzuziehen als Privatangelegenheit zu betrachten. Selbst wenn ein Teil der Kinder nicht in die Rentenkasse einzahlt (und das sind nunmal nicht die meisten), so sind es doch die Kinder, die unsere Gesellschaft mit allen ihren Sozialleistungen, Steuern usw. überhaupt am Leben erhalten. Wäre also schwierig, wenn alle sich für das Lebensmodell ohne Kinder entscheiden. Insofern hinkt der Vergleich mit dem Fensterputzen gewaltig.Und noch dazu ist es ja bei den meisten Eltern so, dass sie eben beides leisten, Reproduktions- und Erwerbsarbeit. Und es geht, wie Cloudette ja schreibt, nicht um eine zusätzliche Bewertung oder Höherbewertung, sondern um eine Gleichstellung. Dass ich als Mutter z.B. nicht Altersarmut befürchten muss, weil ich für die Erziehung meiner Kinder beruflich zurückgesteckt habe.

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    • Ute schreibt:

      „Ich finde, die größere Milchmädchenrechnung ist es, Kinder aufzuziehen als Privatangelegenheit zu betrachten“

      Das kannst du natürlich finden. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass du, wenn sich Leute in deine Erziehung einmischen, das Aufziehen deiner Kinder sehr wohl und mit recht als Privatangelegenheit betrachtest.

      „so sind es doch die Kinder, die unsere Gesellschaft mit allen ihren Sozialleistungen, Steuern usw. überhaupt am Leben erhalten“

      Nein, es sind die Erwachsenen, die unsere Gesellschaft und die Kinder am Leben erhalten.

      „Wäre also schwierig, wenn alle sich für das Lebensmodell ohne Kinder entscheiden.“

      Ja, wenn alle Menschen gemeinsam im Bodensee baden, läuft er über. Wie gut, dass das nicht passieren wird.

      „Dass ich als Mutter z.B. nicht Altersarmut befürchten muss, weil ich für die Erziehung meiner Kinder beruflich zurückgesteckt habe.“

      Wenn du wegen deiner Kinder zurücksteckst, ist auch das deine private Entscheidung, die von der Gemeinschaft bereits mittels Anrechnung von Erziehungzeiten abgefedert wird.

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  12. cloudette schreibt:

    Ihr inspiriert mich, meine Gedanken hierzu noch ein bisschen mehr zu sortieren, wenn ich es schaffe, gieße ich sie in Artikelform … Hier mal vorab: Eure Einwände (@wolkenlos und @Ute) berühren spannende Fragen: Was ist Arbeit überhaupt? Wann bezeichnen wir eine Tätigkeit als solche? Was resultiert daraus? Und: Sind Kinder reine Privatsache (auch unabhängig von der freiwilligen Entscheidung, welche zu bekommen und sich diese Arbeit „einzubrocken“)? Letztendlich sind die Antworten darauf gesellschaftliche Konventionen, denn sie werden und wurden ja nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort dieser Welt gleich beantwortet. Auf politischer / gesellschaftlicher Ebene sind die Antworten entscheidend, da sie konkrete Maßnahmen (Unterstützung …), gesellschaftl. Position (Anerkennung, um das Wort jetzt noch einmal zu bemühen) etc. nach sich ziehen. Auf persönlicher Ebene können die Antworten natürlich abweichen, da kann ja jede/r zu anderen Überzeugungen kommen.

    @wolkenlos: „Oder warum soll ausgerechnet die Familienarbeit gleichwertig sein mit Erwerbsarbeit und andere Tätigkeiten nicht?“ Weil es bei der Familienarbeit um das Pflegen, Sich-Kümmern, Aufziehen von Kindern (von neuen Mitgliedern der Gesellschaft) geht, nicht um Hunde ausführen oder Hecke schneiden. Wieso sollte das nicht gleichgestellt werden mit bezahlten Tätigkeiten?

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  13. Wolkenlos schreibt:

    „Was ist Arbeit überhaupt?“

    Das kann verschiedens sein. Hausarbeit, Gartenarbeit, Trauerarbeit, Erwerbsarbeit, Schreibarbeit, Handarbeit …

    „Wann bezeichnen wir eine Tätigkeit als solche?“

    Die oben genannten Arbeiten haben alle einen (unterschiedlichen) Aspekt der Notwendigkeit. Das unterschiedet sie vom Hobby oder der reinen Freizeitbeschäftigung.

    Die Leiste verdeutlicht aber, dass nicht jede Arbeit gleichwertig ist. Dafür gibt es auch keinen Grund, denn diese Arbeiten sind zu verschieden.

    „Und: Sind Kinder reine Privatsache?“

    Das sind sie nicht, die Gesellschaft beteiligt sich auf verschiedste Weis an der Aufzucht von Kindern. Die Frage beruht also auf einer falschen Prämisse.
    Nichts desto trotz ist die Entscheidung für Kinder eine private und die hier diskutierte Thematik ist nur denkbar, wenn eine Entscheidung überhaupt möglich ist und sich Menschen gegen Kinder entscheiden. Würden Frauen ihre Reproduktion nicht steuern können, gäbe es das Problem in der Form nicht, denn es gäbe keinen Unterschied zwischen Eltern und Kinderlosen mit der Implikation, letztere hätten es wie auch immer besser und dieser Unterschied müsse kompensiert und Eltern quasi entschädigt werden.

    „Weil es bei der Familienarbeit um das Pflegen, Sich-Kümmern, Aufziehen von Kindern (von neuen Mitgliedern der Gesellschaft) geht, nicht um Hunde ausführen oder Hecke schneiden.“

    Das stimmt so ja nicht. Wenn z.B. Kinder oder die pflegebedürftige Oma einen Hund haben oder einen Garten nutzen, dass ist sind Gassigehen und Heckeschneiden sehr wohl Arbeiten für die Familie. Wenn sich allerding der Single um Hund & Garten kümmert, sind die Tätigkeiten identisch. Unter dem Geichtspunkt, dass alles gleichwertig sein soll, ist nicht einzusehen, warum zwei identische Arbeiten nicht gleichwertig sein sollten. Das wäre nur zu erklären, wenn die Familie quasi als Kunde gesehen wird und die Arbeit wie in der Wirtschaft für diesen Kunden eine Dienstleistung darstellt. So gesehen hätte ein Single keinen Kunden und würde keine Dienstleistung erbringen, sondern wäre der alleinige Nutznießer seiner Arbeit. Dann stellt sich aber die Frage, wieso ausgerechnet die Gesellschaft (und der Single) die Dienstleistung „Familienarbeit“ bezahlen soll, denn Dienstleistungen zahlt der Kunde.
    Eine weitere Frage: Was für Arbeit ist die Arbeit einer Hausfrau, die nur ihren erwebstätigen Mann versorgt? Wieso stellen wir die nicht auch gleich mit der Erwerbsarbeit und zahlen ihr ein Gehalt? Oder wird sie bereits von ihrem ihrem „Kunden“, dem Ehemann, bezahlt?

    „Wieso sollte das nicht gleichgestellt werden mit bezahlten Tätigkeiten?“

    Wieso sollte es? Und wer soll es bezahlen?

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    • cloudette schreibt:

      Familienarbeit ist Erziehung und Versorgung von Kindern (und Pflege v. Angehörigen). Hund ausführen ist i.d.R. keine Familienarbeit, sondern Versorgung eines Haustiers. Hecke schneiden ist keine Familienarbeit, sondern Gartenarbeit. Ich stimme dir ansonsten zu: Es ist egal, wer mit dem Hund rausgeht.
      Und ja, ich sehe es auch so: Kinder sind keine reine Privatsache. Die Entscheidung dafür/dagegen schon.
      Bei dem Punkt der Bewertung sind wir unterschiedlicher Meinung. Ich sehe keinen Grund für eine Bewertungshierarchie, ich sehe noch nicht mal einen Grund für eine Bewertung.

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      • Wolkenlos schreibt:

        „Ich sehe keinen Grund für eine Bewertungshierarchie, …“

        Es ist der Sinn von Bewertung, unterschiedliche oder gleiche Werte festzustellen. Ohne Bewertung gibt es keine Werte.
        In letzter Konsequenz gäbe es ohne Werte kein Geld, keine Preise und keine Löhne aber auch keine moralischen Werte, kein gut oder besser und kein schlecht. Wenn alles gleichwertig ist, ist es gleichgültig und damit wertlos.

        „… ich sehe noch nicht mal einen Grund für eine Bewertung.“

        Dass du deine Arbeit als gleichwertig angesehen haben willst, ist nichts anderes, als der Wunsch nach (einer besseren) Bewertung. Würde deine Arbeit hoch bewertet, hättest du sicher weniger Probleme mit Wertungen. Und das ist auch der Grund, warum Menschen werten. Sie positionieren sich und schaffen Identitäten, indem sie werten.

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  14. bonnie schreibt:

    mein geheimnis ist: ich mag, was ich tu. beruflich, oder privat. ich wundere mich manchmal auch, was andere menschen anstrengend finden, aber mir ist immer klar, dass ich in das leben anderer nicht hineinschauen kann. so wie niemand in meines hineinschauen kann. ich gönne mir das, was ich brauche. schon ganz lange. wenn ich eine pause brauche, weil ich völlig durchgequirlt bin, dann haben meine kinder eben eine stunde lang eine mama, die nicht singt/lacht/späße macht, sondern eine, die mit ihnen auf dem sofa sitzt und gelangweilit tiersendungen guckt. oder aus dem fenster.

    ich kenne meine grenzen. gut, die feinabstimmung mit dem papa ist noch etwas schwierig, weil er sich in vielen punkten von mir unterscheidet, aber das ist, wie so vieles, nur eine frage der zeit. wir müssen ja auch erst noch in dem leben ankommen, uns einarbeiten, strukturen finden, die uns gut tun.

    eine empfehlung kann sein, auf sich selbst zu hören und dem gehörten dann zu folgen. wer besser arbeiten als zuhause-sein kann, der/die soll arbeiten gehen (ja ich weiß, ist nicht immer einfach…aber besser ein schwerer weg als resignation). wer sich als martha-stuarts-meisterschülerin wohlfühlt, der/die soll das bitte auch tun. ich bin derzeit gerne mama im orientierungsmodus, aber ich freu mich auch wieder aufs arbeitsleben. das war auch höllisch anstrengend. aber eben auch verdammt gut.

    sobald wir anfangen, uns an unseren wünschen zu orientieren, werden wir zufriedener und geben genau dies an die nächste generation weiter. die emanzipation läuft und läuft. langsam, aber nicht rückwärts. sie kann nur nicht alle stereotype mit einem schlag auswischen.

    lasst uns doch die sein, die so leben, als wäre die emanzipation zumindest im privaten schon angekommen. das wäre ein riesengeschenk für unsere söhne und töchter, die sich später darüber wundern, dass jemand gezwungen sein kann, zu tun, was er/sie nie wollte. 🙂

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    • cloudette schreibt:

      Schön beschrieben. Es ist natürlich ideal, wenn man das, was man tut, gerne tut. Weiß, was man will. Sich nehmen kann, was man braucht. Auf sich hört. Das ist sicher auch gut als Orientierung für die Kleinen, da stimme ich völlig zu! Cool, dass du das so gut hinkriegst!

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      • bonnie schreibt:

        merci. 🙂 also mir scheint nicht die sonne ausm popo, aber ich glaube, ich kann diesen lifestyle uneingeschränkt weiter empfehlen. und zumindest meine jungs verzeihen mir (bisher) jede schwäche. ich hoffe, dass nicht irgendwann ein therapeut drauf kommt, dass genau DIESES verhalten zu irreparablen schäden an der kindlichen seele führt…:-)

        …ich finde es auf jeden fall gut, sich mit diesen fragen und gefühlen auseinanderzusetzen. und vor allem so selbstkritisch, wie du es oben getan hast. ein großteil der entwertung kommt aus uns. denn auch im berufsleben haben die wenigsten vorgesetzte, die loben/bestärken/fördern. aber die erfolgserlebnisse kommen trotzdem. wenn es zuhause nicht klappt, trotz fürsprache von freundinnen oder lebensabschnittsbekannten, liegt es erstmal an einem selbst. und daran kann man was ändern.

        mehr mama-pushigng-blogs für gebeutelte frauen! mehr reissleinen, rettungsringe und kissen auf dem boden! wir sind bestimmt die tollste mamageneration seit immer, weil es bestimmt besser machen/haben/wissen, als unsere mamas. aaaah…ich geh schokolade essen 🙂

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