Das Marmeladen-Massaker

Wenn ich bei meinen Eltern bin, blättere ich gerne mal in den dort herumliegenden Natur-Hochglanz-Zeitschriften. Gerade jetzt im Herbst reihen sich die DIY-Einmach-Einkoch-Vorratshaltungsartikel aneinander. In dieser sauberen, übersichtlichen Welt (die der Zeitschriften natürlich. Wobei es bei meinen Eltern auch höchst sauber ist. Selbstverständlich) sieht das alles so einfach aus. So einfach, dass ich das sicher auch mal probieren kann. In Gedanken stehe ich also Landliebelust-like in meiner blitzsauberen Küche, lasse das Obst ein bisschen köcheln, fülle es in rustikale Gläser und beklebe diese anschließend mit verklärtem Blick mit wunderhübschen Etiketten und garniere sie noch mit einem trockenen Lavendelsträußchen. Selbstverständlich arbeite ich so strukturiert, dass größere Putzarbeiten dabei nicht anfallen (von Putzen ist in diesen Heftchen eh nie was zu lesen).

Praktisch nähere ich mich diesem Hochglanzbild derzeit langsam an. Sehr langsam. Als Übungsobjekt wählte ich ca. 25 kg Weintrauben aus dem Garten, die ich zu Saft, Marmelade etc. verarbeiten wollte (s. Bild 1). Ich startete also hochmotiviert und begann in stundenlanger Kleinstarbeit die Trauben abzuzupfen, um die Früchte anschließend zu pürieren. Ich pürierte und pürierte und schaffte es tatsächlich, nicht die ganze Küche vollzuspritzen. Stolz ließ ich den Pürierstab ganz kurz und – jaja, gaaanz sicher – umfallsicher in der Schüssel stehen, um schnell einen Topf zu holen. Wie sich der Stab dabei selbstständig machen konnte, ist mir ein Rätsel. Machte er aber. Und mit ihm ein Teil der Fruchtbrühe, die munter in der Küche und auf meiner Strumpfhose herumspritzte (selbstverständlich bin ich immer schick angezogen, wenn ich in der Küche arbeite). Ich nahm das natürlich mit Humor, höhö, wie ungeschickt, muss ich gleich mal ein Foto machen und twittern (s. Bild 2. Zum Twittern kam ich dann aber nicht, siehe weiter unten). Ich wischte das ganze Geschmodder auf und stellte die Brühe auf den Herd.

Als die Fruchtbrühe schon langsam am kochen war, fiel mir siedendheiß ein, dass ich das Geliermittel vergessen hatte. Wie kann eins nur so blöd sein! Schnell die Tüte aufgerissen, Packungsinhalt in die Brühe … WIE KANN EINS NUR SO BLÖ …. Ich vermute mal, SIE wissen, was passiert, wenn Geliermittel mit heißer Flüssigkeit in Berührung kommt? Ja? Ich weiß es jetzt auch. Es geliert. Und zwar zu fetten Klumpen, die sich null und gar nicht mit der Restsuppe verbinden. So ein Schei…!! Da ich jedoch grundoptimistisch bin, nahm ich ein Sieb, um die Gelierklumpen abzusieben und kippte die Brühe durch Sieb und Trichter in das erste Glas. Unten kam tatsächlich feine Marmelade raus. Cool. Ich kippte weiter … und bedachte nicht, dass die Flüssigkeit durch Sieb und Trichter ziemlich langsam läuft. Sprich: Das Glas war nun schon voll, das Sieb allerdings auch noch. Verflixter Kackmist! Natürlich lief das Glas komplett über und saute mir die Ablage, diverse Küchenhandtücher plus ein paar der anderen Gläser und Deckel voll.

Bei Glas 2, das noch nicht vom heißen Matsch kontaminiert war, war ich vorsichtiger – ich lerne ja dazu. Allerdings erwischte ich wohl aus Versehen den falschen Deckel, was beim Auf-den-Kopf-stellen des Glases die nächste Sauerei verursachte. Mein Gefluche war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr jugendfrei – und zum Abfotografieren dieser Peinlichkeiten kam ich auch nicht mehr. Meine Laune war etwas frostig. Irgendwie schaffte ich es, 4 Gläser zu füllen. In der Küche sah es mittlerweile aus, als hätte ein Massaker stattgefunden (auch kein Foto. Siehe Laune).

Sie meinen, jetzt reicht es aber? Ja? Ich auch. Es war aber noch nicht ausgestanden. Die Marmelade wurde nämlich nicht fest. Nicht ein kleines bisschen. Was ja auch kein Wunder war, da das Geliermittel ja komplett in sich verklumpte. Ich zog also nochmal los, kaufte neues Gelierzeugs und startete abends nochmal eine Aktion. Und machte alles richtig. Also fast alles. Ich kippte die nun kalte Pseudomarmelade in einen Topf, wusch und sterilisierte die Gläser erneut, rührte Gelierdings in die kalte Brühe, kochte alles auf, füllte sie in das erste Glas, schraubte es zu, stellte es auf den Kopf. AAAAARGGGH, DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN!!! Ich erwischte wieder den falschen Deckel!! Große Sauerei! Zu dem Zeitpunkt erwägte ich, sämtliche beknackten Naturliebelandlustheftchen mit all ihren beknackten DIY-Marmeladen-Bildstrecken zu verklagen. Wegen Vortäuschens falscher Tatsachen. Oder einfach so. Weil ich sie hasse!!!

Die nächsten verschmierten Handtücher wanderten in die inzwischen fast volle Waschmaschine. Weil ich nun keine sauberen mehr hatte, mussten die alten Lätzchen von K2 ran, die ich ganz unten in der Schublade noch fand. Die Restmarmelade, die inzwischen verdächtig braun am Topfboden brodelte, kam in die verbliebenen sauberen Gläser. Es ergab genau 2. Zwei Marmeladengläser, ein Dutzend rosa verfärbter Handtücher, eine komplett vollgesaute Küche sowie leicht unterirdische Laune waren das Ergebnis dieser stundenlangen Aktion. Wenigstens wurde die Brühe dieses Mal fest. Ziemlich fest sogar. Ich vermute mal, wir benötigen einen Meißel, um sie aus den Gläsern zu bekommen.

Das mit den Etiketten bekam ich dann aber noch hin. Wenn auch ohne verklärtes Lächeln. Und ohne Lavendelsträußchen (s. Bild 3).

(Und ja, zugegeben: Sie schmeckt gut. Sehr gut sogar. Extrem gut um genau zu sein. Vielleicht sollte ich einen weiteren Versuch starten. Übung macht ja bekanntlich die Meisterin. Die Küchenrenovierung sollte ich wohl aber auf Danach verschieben.)

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Bild 1: Die Ernte

Erste Massakerspuren

Bild 2: erste Massakerspuren

2 Gläschen. 2. ZWEI!!!

Bild 3: 2 Gläschen. 2. ZWEI!!!

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5 Antworten zu Das Marmeladen-Massaker

  1. blaupause7 schreibt:

    you made my day. obwohl dir während dieses kampfs bestimmt nicht zum scherzen zumute war… nachdem ich ähnliches erlebt hatte, beschloss ich, den guten alten dampfentsafter aus dem keller zu holen und alle trauben zu entsaften. den Saft haben wir dann in flaschen abgefüllt, und bei bedarf davon gelee gekocht.

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    • cloudette schreibt:

      Einen Entsafter habe ich auch geliehen … das geht ganz gut, sieht eins mal von den verbrannten Fingerkuppen ab, die mit heißem Saft kontaminiert wurden ^^, und von der Riesensauerei, die ich damit in der Küche veranstaltet habe. 😀 Wäre Stoff für einen weiteren Artikel :,-)

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  2. Pingback: Kleingartenliebe | cloudette

  3. B. Cottin schreibt:

    Für das nächste Mal : man braucht Marmeladengläser gar nicht auf den Kopf zu stellen! Es genügt, sie ganz voll zu füllen, den Deckel mit hochprozentigem Alkohol auszuspülen, und vor dem Zuschrauben schnell das Gewinde mit einem feuchten Küchenkrepp sauber zu wischen. Letzeres geschieht, damit der Deckel nicht anklebt und später problemlos zu öffnen ist. Gut zuschrauben und später das leise „klock“ geniessen, das entsteht, wenn sich die Marmelade und die Restluft beim Abkühlen zusammenziehen. Hält jahrelang.

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    • cloudette schreibt:

      Danke!, nächstes Mal werde ich das so machen! Ich hatte das irgendwo zwar schon mal gelesen, mich dann aber doch nicht recht getraut. Das leise „klock“ habe ich nur beim Saft genossen (es ist wirklich toll!!).

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