Kleingartenliebe

Seit 3,5 Jahren habe ich nun meinen kleinen Schrebergarten. Ich liebe ihn. Wann immer ich Zeit habe, bin ich dort und wühle in der Erde, zupfe Gras und Unkräuter, jage Schnecken und schaue dem Gemüse beim Wachsen zu. Oft nehme ich mir ein Buch mit, doch selten lese ich wirklich darin. Ich schlage es auf und werde abgelenkt vom Summen und Brummen. Dann sitze ich auf der Bank unter der Weinrebe und beobachte die Bienen und die Blumen und freue mich über das wilde Bunt.

Im Beet wächst alles durcheinander. Kraut neben Unkraut, Blumen neben Gemüse, große wilde Stauden neben Kapuzinerkresse. Das angepflanzte Gemüse hat es manchmal etwas schwer bei all dem Durcheinander, den Schnecken, der Feuchtigkeit vom nahe gelegenen Wald, dem Mehltau. Ein paar russische Gurken, Feuerbohnen, Cocktailtomaten, wenige Zucchini haben es dieses Jahr geschafft zu reifen, der Ertrag ist überschaubar. Dafür gibt es Pfefferminze ohne Ende und Zitronenmelisse, die Herrinnen über das Beet, und viele viele Blüten. Eine riesige Wegwarte, Blutweiderich, Lavendel, Goldrute und Herbstastern. Das meiste lasse ich einfach blühen. Für die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge, und weil es einfach schön aussieht.

Vom alten Rebstock, der die Hütte halb bedeckt und von dem es bei der Gartenübergabe vor 3 Jahren hieß, er trage nur saure Früchte, erntete ich dieses Jahr über 45 kg wunderbare süße Trauben. Es hängen immer noch so einige Kilo an unerreichbaren Stellen. Die Vögel freuen sich darüber. Krass, dass ein einziger Stock so viel Ertrag liefern kann.

„Macht so ein Garten nicht viel Arbeit?“, werde ich immer wieder gefragt. Ja klar. Diese Woche stand ich zum Beispiel stundenlang in unserer Küche und kochte die riesige Traubenernte ein. Marmelade (was anfänglich ein richtiges Desaster war), Saft, Gelee, Likör. Das war ein Arsch voll Arbeit. Und manchmal habe ich mich zwischendrin gefragt, warum ich mir das eigentlich antue. Ich könnte ja ebenso gut in meiner freien Zeit in der Hängematte liegen. Cocktails schlürfen, ein Buch lesen. Irgendwas anderes machen. Tatsächlich ist es aber so, dass es mir Spaß macht. Ich finde das bei all dem Chaos, das ich drumherum anrichte, bei all der Arbeit und Zeit, die das kostet, 100000 mal befriedigender, als mir im Büro (oder zuhause) den Hintern breitzusitzen. Ich freue mich darüber, dass es im Garten kunterbunt wächst, dass ich immer wieder Neues lerne, dass aus Samen Setzlinge, aus Setzlingen Pflanzen, aus Pflanzen wieder Samen werden. Ich freue mich, wenn supertolle Sachen wie Saft & Likör und Pfefferminztee dabei herauskommen. Und das alles 100% ungespritzt und voll bio und (erwähnte ich das schon?) extrem lecker. Und wenn es mal nicht so klappt, die Schnecken alles fressen, es zu viel oder zu wenig regnet und sich Mehltau über die Kürbisse zieht, schmiede ich halt Pläne fürs nächste Jahr, sinniere über Hügelbeete und doktore im Kopf an neuen Pflanzensorten rum.

Vor drei Jahren, als ich den überwucherten Garten übernahm, hätte ich nie gedacht, dass mich das Gärtnern mal so packen könnte. Inzwischen habe ich meine Leidenschaft noch ausgedehnt auf den Balkon (Tomaten, Salat, Kräuter) und den Hinterhof (Blumen, Kräuter, Tomaten). Die Nachbarinnen von rechts und links sind auch gut dabei und so entsteht so langsam eine richtig nette Hinterhofkultur mit Fachgesimpel über Pflänzlein, Setzlingstausch und Gießgemeinschaften. Ich hätte vor drei Jahren auch nicht gedacht, dass das Gärtnern so ein prima Thema ist, mit dem eins wunderbar mit allen möglichen Leuten in Kontakt kommt. Urban Gardening Projekte, Permakultur, Balkongärtnern, Mundraub, partielle Selbstversorgung, ökologische-politische-soziologische-psychologische Aspekte – es gibt unglaublich viele Ansatzpunkte, über die man sich austauschen kann. Von wegen einsames Gemuggel im engen Schrebergarten!

Ich freue mich schon jetzt auf mein 4. Garten-, Balkon- und Hinterhofjahr und werde hoffentlich wieder die Zeit haben, stundenlang zu werkeln, zu fachsimpeln oder einfach dazusitzen und die Pflanzen und Tiere zu beobachten.

Kleingartenliebe

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