Ich so beim Friseur II

Ich sitze vor dem Spiegel und sehe Falten. Dicke schwarze Ringe unter den Augen. Große Poren auf der Nase. Scharfe Falten, die sich von der Nase zu den Mundwinkel herabziehen und sich dort merkelesk die Kinnpartie hinunterfräsen. Strähnige Haare, grau-straßenköterkackbraun gestreift, ohne den Hauch einer Frisur. Irgendetwas stimmt mit diesem Spiegel nicht, das sah doch zu Hause nicht so schlimm aus!

Die Friseurin greift mit spitzen Fingern in die Federn, lässt die Haare fallen und fragt, was gemacht werden soll. Waschen, schneiden – und wie genau? Ich starre in den Spiegel und sehe Falten, schwarze Ringe unter den Augen, strähnige Haare. Kacke. Da ist doch Hopfen und Malz verloren. Hinter mir steht die Friseurin, perfekt gestylt, frisch, fröhlich, faltenfrei, überhaupt sehen alle in diesem Salon so aus, auch die Kundinnen, warum zum Teufel sind die überhaupt da? Irgendetwas muss ich jetzt wohl sagen, ach, schneiden Sie das Ganze einfach kürzer, so, dass es wieder wie eine Frisur aussieht, nur bitte nicht wie ein Topf. Wenn das möglich ist. Die Friseurin zupft ein bisschen am Deckhaar rum, zieht in die eine, in die andere Richtung. Hier ein bisschen stufig, da ein bisschen kürzer. Sie versucht zu retten, was zu retten ist. Und macht ihre Sache gut. Die Haare sind jetzt ok. Aber diese Falten. Die schwarzen Ringe unter Augen. Die Pickel. Irgendwas stimmt doch mit diesem Spiegel nicht, oder?

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Frauen deutlich über 30

Unter dem Hashtag #Frauenüber30 posteten letztes Wochenende Dutzende Frauen ein Selbstportrait – also Selfie – von sich auf Twitter. Die Aktion wurde von Helena ins Leben gerufen, die es satt hatte, dass 30 irgendwie wohl als magische Grenze für Frauen angesehen wird, hinter der nicht mehr viel geht. Das Ganze sprach offensichtlich sehr viele an, meine Timeline wurde praktisch geflutet von Selfies. Meine ersten Reaktionen waren fast einheitlich: Krass. Seid ihr alle schön! Und jung.

Ich bin über 40 und damit in dem Alter, in dem die jugendliche Frische doch langsam etwas nachlässt. Die Haut faltet sich, die Haare werden grauer – und die schlaflosen Nächte stecke ich auch nicht mehr so gut weg. Ich bin in dem Alter, in dem Komplimente immer häufiger in Form von Sprüchen wie „du-hast-dich-aber-gut-gehalten“ oder auch „für-dein-Alter-siehst-du-ja-noch-ganz-gut-aus“ daherkommen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass mich das manchmal durchaus freut – es ist ja schließlich ein Kompliment – geht es mir gewaltig auf den Senkel.

Denn: Was soll denn hier „für dein Alter“ heißen? Wie sieht eine ü40-Jährige demnach aus? Was heißt bitte „gut gehalten“? Dass frau in der Regel mit dem Alter an Schönheit verliert? (Im Gegensatz zu den mit dem Alter attraktiv werdenden Männer? Ich kann diesen bescheuerten Mythos nicht mehr hören!) Ist Schönheit jung? Sind Falten und graue Haare nicht schön? Warum ist es erstrebenswert, ständig jünger auszusehen, als man ist? Diesen an das Alter geknüpften Attraktivitätscountdown empfinde ich als einen riesengroßen Mist.

Aber auch wenn ich es bescheuert finde, sitzt das jugendliche Schönheitsideal (plus natürlich Schlankheitswahn), das in jeder blöden Bierwerbung reproduziert wird, doch auch bei mir ziemlich tief, wie ich mal wieder bemerkte. Mich hat (unter anderem)* tatsächlich der Vergleich mit den ganzen jugendlichen Schönheiten, die plötzlich meine Timeline bevölkerten, abgehalten, selbst spontan ein Foto zu posten. Ich war an dem Tag im Garten und sammelte Schnecken ein, war verschwitzt und hatte einen bad-hair-day. Mit den Probe-Selfies, die ich gemacht habe, hätte ich mich bei Fear and Loathing in Las Vegas Teil II bewerben können.

Ich merkte irgendwann, dass ich schwer bemüht war, ein Foto von mir hinzubekommen, auf dem ich nicht wie eine ältere, zerknitterte Mami mit dicken Augenringen aussehe, sondern faltenfrei und möglichst frisch&jung. Ich war also drauf und dran, mich in ein Schönheitsideal zu quetschen, von dem ich an dem Tag einige Kilometer weit entfernt war. Nach mehreren miserablen Fotos machte ich mich grummelnd wieder ans Schnecken sammeln und ärgerte mich ein bisschen ziemlich darüber, dass ich dem jung=attraktiv-Dingsbums doch selber ganz schön verhaftet bin (und recht eitel auch, ich geb’s zu).

Eigentlich ist es absurd: Ein hohes Alter zu erreichen, erscheint sehr erstrebenswert – alt aussehen möchte aber niemand so recht, nicht umsonst werden graue Haare überfärbt und die Falten retuschiert, um deutlich unter dem biologischen Alter daherzukommen. Nun habe ich natürlich keine Ahnung, ob es noch anderen bei #Frauenüber30 so ging wie mir und ob und wie lange die Einzelne an ihrem Bild herumgeschraubt hat, um sich ins einigermaßen faltenfreie Licht zu rücken. Ich hatte ein bisschen den Eindruck von „Schaut her, Frauen über 30 sind durchaus attraktiv und schön, WEIL sie doch irgendwie noch ganz schön jugendlich und frisch aussehen.“

Nein! Oder besser: Ihr #Frauenüber30/40/50/60-110 seid sehr sehr attraktiv und schön! Und zwar WEIL ihr schon etwas älter / alt seid, nicht obwohl! Weil ihr die eine oder andere oder gar schon sehr viele Falten habt. Weil die Haare weißer werden. Weil sich die glücklichen und traurigen Erfahrungen in eure Körper gezeichnet haben und aus euren Augen scheinen. Mir gefällt das. Und wenn ich nicht gerade verschwitzt im Garten herumwerkele oder mir morgens vor dem ersten Kaffee im Spiegel begegne, bin ich meist mit mir selbst auch ganz zufrieden (aber das war mit Mitte 20 auch schon so). Es leben die Falten. Amen.

(* z. B. Aufgabe meiner Anonym-/Pseudonymität. Aber das ist ein anderes Thema)