Die virale Verbreitung von Bullshit

Schon wieder. Eine bescheuerte sexistische Werbung für irgendwas. Sich räkelnde Frauen, anzügliche Posen, rosahellblauer Stereotypenmist. Fast jeden Tag spült meine Timeline bei Twitter & Facebook & Feedreader etwas rein – heute ein Video von einem großen Elektronikhändler, in dem …. hhuuuu … n*kte Br*ste zu sehen sind.

Wird das gerade nur gefühlt mehr? Oder sitzen da irgendwelche Marketingmanager*innen und reiben sich die Hände: Mit was können wir denn mal ein bisschen provozieren? So ne hübsche kleine Werbekampagne, die sich anständig viral verbreitet?

Virale Verbreitung ist ein schönes Internet-Phänomen: Irgendetwas, ein Video, Text, Bild, Thema, wird über „gefällt mir“ & shares in der Social Network Blase verbreitet, auf youtube x-mal angeklickt, über Freundinnen von Freunden weitergeleitet, von Mensch zu Mensch, wie ein Virus halt. Weil es witzig ist. Oder skurril. Oder weiß der Himmel was.

Das ist eine super Sache, wenn es wie z. B. beim #Refugeecamp funktioniert: Viele Leute erfahren davon – obwohl die Mainstreammedien zunächst unisono beschlossen hatten, den Protest zu ignorieren.

Oder wenn sich üble Machenschaften eines Unternehmens wie ein Lauffeuer durchs Netz verbreiten. Die Deutsche Bank hatte beispielsweise 2011 gerichtlich versucht, aus einem Video des Zentrums für politische Schönheit über Nahrungsmittelspekulation eine Stelle löschen zu lassen. Das Ganze erreichte über Twitter & co die Mainstreammedien – und die Deutsche Bank hatte ein Problem am Hals: Eine Riesenöffentlichkeit mit dem Vorwurf der Nahrungsmittelspekulation und dem Vorwurf, die Kritik mundtot machen zu wollen. Die Deutsche Bank war in die Medienfalle getapst, das Zentrum für Politische Schönheit hatte das von vorne herein eingeplant.*

Was aber ist, wenn sich mit der Aufregung & Kritik über z. B. geschlechterstereotype, sexistische Werbung auch der Bullshit weiterbreitet? Nämlich die bekloppte Werbung für ein (beklopptes) Produkt? Bei dem eingangs erwähnten Video des Elektronikgiganten schrieb bereits jemand: „Von den Spots wird man in den kommenden Wochen sicherlich noch sprechen.“** Äh, nein! Bitte nicht!

Sonst passiert womöglich das Gleiche wie kürzlich mit den rosa Ü-Eiern für Mädchen***. Es gab viele viele sehr lesenswerte, kluge Blogartikel, viele viele aufgeregte Posts und ein großes Getwitscher auf Twitter. Ein paar Tage lang wurde geschrieben, geliked, geshared, was das Zeug hielt. Irgenwann erfuhr auch die Mainstreammedienriege davon und griff das Thema auf.

Große Bühne für ein kleines Ei. Das sonst vermutlich viele Leute überhaupt nicht wahrgenommen hätten, wage ich zu behaupten. Ich frage mich, ob in diesem Fall der Imageschaden auch nur annähernd an den Dt. Bank-Fall herankommt bzw. ob es überhaupt einen gab. Klar, viele Leute finden die Werbung bescheuert, manche kaufen vielleicht nie wieder ein Ü-Ei oder sonstige Produkte des Unternehmens. Aber wie viele haben schon alleine aus Neugier bei dem rosa Ding zugegriffen? Nach dem Motto: Jetzt möchte ich aber mal sehen, was hier der Aufreger ist?

Hat der Shitstorm (wenn wir ihn so nennen mögen) die Firma zum Umdenken gebracht? Gendersensibel, unsexistischer gemacht? Oder – steile These – war er vielleicht sogar eingeplant im Sinne eines viralen Marketings? Wenn ja, dann hat es gut funktioniert, dann ist hier womöglich mal die andere Seite in die Falle getappt.

Und funktioniert hat es vermutlich auch deshalb, weil Geschlechterstereotype für viele halt eben kein Aufreger ist, sondern völlig „normal“: Mädels mögen rosa, Jungs nicht und dazwischen gibts eh nichts. Und wenn es jetzt ein spezielles Ü-Ei gibt, prima, was ist das Problem?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich mit meiner Einschätzung hier richtig liege. Und wenn ja, was ein guter Weg ist. Zu Sexismus das Maul zu halten, finde ich natürlich auch nicht toll, da juckt es mich auch gleich in den Fingern.

Aber vielleicht sollte man vorher genau hinschauen und abwägen, wem die Kritik nützt oder nützen kann. Ob man mit der Aufregung nicht eher einem Produkt zu Aufmerksamkeit verhilft, das diese nicht verdient. Vielleicht sollte man mit solchen Werbekampagnen verfahren, wie mit anderen Trollen auch: Ignorieren, ihnen kein Forum für ihr Gewäsch bieten, damit der Bullshit sich nicht weiter verbreitet!

Rant-Ende.

*siehe den sehr lesenswerten Artikel von John F. Nebel.
** Quelle hier mal nur der Vollständigkeit halber, lesen lohnt nicht.
*** wer’s nicht mitgekriegt hat (ihr Glücklichen) und wen’s trotzdem interessiert, hier ein Artikel von Antje Schrupp dazu. Aus vielen Gründen lesenswert.

Dieser Beitrag wurde unter Internet, Konsumkram, Rosa&Hellblau abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Die virale Verbreitung von Bullshit

  1. nv schreibt:

    Hm. Kann den Grundimpuls verstehen: Wem nützt denn jetzt die ganze Aufregung, am Ende noch dem Unternehmen, denn auch schlechte Werbung ist gute Werbung, oder wie ging dieser Spruch nochmal. Auf der anderen Seite, utopisch gedacht: Will ich in einer Welt leben, in der die Haltung „Mädels mögen rosa, Jungs nicht und dazwischen gibts eh nichts“ einfach mal so stehen bleiben kann, ohne dass jemand widerspricht? Eigentlich nicht. Problem ist ja auch, dass man sich beim Ignorieren nicht sicher sein kann, obs da eine breite Mehrheit gibt, die mitignoriert und das Unternehmen auf diese Art abstraft. Im Fall n*kte Br*ste in der Werbung würde ich mal schätzen, dass sich sehr viele das sehr gerne anschauen, und in solchen Fällen ist es gut, wenn es einen lauten Protest derjenigen gibt, die zB sagen: Das ist sexistisch und wir prangern das an. Einfach um Stellung zu beziehen. Und weil Ignorieren=Schweigen von außen dem Einverständnis so gefährlich ähnlich sehen kann

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    • cloudette schreibt:

      Ich möchte absolut nicht in einer rosa-hellblau-nixdazwischen-Gesellschaft leben und auch in keiner, in der niemand widerspricht. „Ignorieren als allgemeine politische Strategie“ halte ich für sehr gefährlich. Auf keinen Fall! Und ich stimme dir absolut zu, dass Schweigen als Einverständnis missgedeutet werden kann.
      Neee, ich möchte nicht schweigen, ich widerspreche Sexismus auf vielen Ebenen. Und viele viele viele andere ja auch.
      Nur, ist es nicht vielleicht manchmal bei EINZELNEN Werbekampagnen schlauer, diese nicht mitzupushen? Gibt es nicht noch andere Wege, um sexistische Werbung und die dahinter stehenden Unternehmen anzugehen, als die entsprechende Kampagne einmal durchs Netz zu jagen und wieder zurück? Bewirkt das das Gewünschte? Oder wird’s vielleicht noch schlimmer, weil die WerbefritzInnen die großen und kleinen Aufreger lieben?

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  2. Genau dieserer Spot ist mir schon beim ersten Satz aufgefallen! Ja, verständlich, es gibt aber nur einen winzigen Prozentsatz derer, die deswegen erst recht nicht da kaufen würden. Würd mich mal interessieren, wieviele Neukunden die daurch gewonnen haben [wobei sicherlich die Männer prozentual überwiegen ;)]…wahrscheinlich ne Menge (!) und durch diese Spots kennt jeder den Laden, also werbetechnisch eigentlich alles richtig gemacht…dumm is das trotzdem, nee eigentlich schon eher schmerzhaft, so wie die sich da zum Affen machen. Hin oder her, darüber aufregen ist quasi verschwendete Energie 🙂

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    • cloudette schreibt:

      Ich reg‘ mich über so eine Mist-sexistische Werbung trotzdem auf, sehr sogar, und ich weiß nicht, ob das verschwendete Energie ist. Aber wegen des unbeabsichtigten Werbeeffekts halte ich es nicht in jedem Fall für sinnvoll, der Empörung über Twitter etc. Luft zu machen.

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  3. Ja da hast du recht, so macht man ja auch ungewollt Werbung…Und dass du dich aufregst, ist gut nachzuvollziehen. Ich glaube, die Spots haben wohl die meisten (oder zumindest viele) weiblichen Zuschauerinnen geschockt und angeekelt!

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