Warum ich eine Pause brauche

„Wenn wir hier sturmfrei haben, feiern wir ne Strohwitwenparty!“, sagte ich zur Mitbewohnerin.

„Auja, wir sitzen auf dem Balkon, trinken Malibu und bloggen wie verrückt.“

Das war der grobe Plan für die Woche, in der die Männer auf Reisen waren. Was daraus wurde: aus dem Balkon die Küche, aus dem Malibu Radler und aus dem Bloggen … nunja: nichts. Wir saßen abends beisammen und redeten, über dies und jenes, wir besprachen unser Bloggerinnen-Dasein hoch und runter. Und wird schrieben beide keine Zeile, aus unterschiedlichen Gründen. Bei der Mitbewohnerin, die ein erfolgreiches Blog auf Polnisch betreibt, puzzelt sich ihr Leben nach erfolgreicher Dissertation neu zusammen. Und mir wuchs mein digitales Leben gerade ein bisschen über den Kopf.

Jede freie Sekunde nutzte ich in den letzten Monaten für das Netz, ließ mich mittreiben von vielen Geschichten, verfolgte Blog-Soaps und Berichte. Mit einer Hirnhälfte hing ich stets auf Twitter, ich surfte durch meine 282 abonnierten Blogs, war sogar auf Facebook unterwegs. Ich formulierte Gedanken in 140 Zeichen, chattete mit den Twitter-Damen, schrieb Kommentare.

„Das ist ein bisschen so, als würdest du jeden Tag Besuch von mehreren Freundinnen bekommen“, sagt die Mitbewohnerin dazu. Ja. Und jede davon erzählt ihre Geschichten. Traurige, schöne, fröhliche, trübe, spannende. Über die erfolglose Jobsuche, den fehlenden KiTa-Platz, das letzte gelesene Buch, die Beziehungskrise, die Ferienpläne, undsoweiterundsofort. Dazu kommt noch die politische Groß- und Kleinwetterlage. Prism, Überwachung, Asylpolitik etc. pp. Und die Säue, die durchs Twitterdorf rennen, aufgeregte Tweets, Retweets, Posts. Durch meinen Kopf spukten 10000 Dinge, Schicksale, Aufreger von vielen Menschen. Und ich fühlte mich irgendwann etwas getrieben. Überfordert.

Verrückt, oder?

Oder auch nicht. Denn hinter all den Geschichten stecken Menschen. Menschen, die ich zwar nicht persönlich kenne, die mir aber über die Zeit trotzdem nahe gekommen sind. Von deren Leben ich einen Ausschnitt über ihre Blogs mitbekommen habe und über Twitter, den großer Zwitscherfluss. Die große Kunst ist hier vielleicht, auszuwählen, zu sortieren, nicht alles in den Kopf zu lassen. Das ist Neuland, für mich zumindest. Ich habe noch keinen Weg gefunden, damit umzugehen.

Die Offline-Welt hat Schwierigkeiten, das nachzuvollziehen. Ich begann irgendwann, heimlich auf dem Klo zu lesen und zu twittern. Nicht nur, weil ich dort meine Ruhe hatte, sondern weil ich keine blöden Kommentare hören wollte. Es ist von Zeitverschwendung die Rede, von Banalitäten, die ins Netz gepustet werden. Man kennt das ja, die twittern doch alle, dass sie gerade in der Sonne sitzen und in der Nase bohren, wer braucht das schon, das wahre Leben findet dort nicht statt.

Mich erstaunt diese Urteilssicherheit immer wieder. Etwas zu bewerten, das man nicht kennt, von dem man allenfalls ein vages Bild hat, keine eigenen Erfahrungen. Manchmal ärgert mich das gewaltig, dann möchte ich nur mit Menschen darüber reden, die sich auch einmal kopfüber in das Netz gestürzt haben, die nachvollziehen können, was das heißt. Wie die Mitbewohnerin zum Beispiel. Und der Freund. Sie wissen, was ich meine. Sie kennen die Bereicherung, die Faszination, die tollen Kommunikationen. Und sie kennen auch die Überforderung.

Ist es Zeitverschwendung? Manchmal, vielleicht. Oder es ist einfach Zeitverwendung. Zeit, die mit Job und Kind einfach immer knapp ist, ein kostbares Gut. Die ich mir besser einteilen möchte.

Ich beschloss also, mal eine kurze Pause zu machen, zumindest in der Strohwitwenwoche, damit das Alleinzuständigsein für das Kind nicht so anstrengend wird. Aus der einen Woche wurden zwei. Und dann drei. Dann vier. Ich fühle mich tatsächlich entspannter, präsenter im Offline-Dasein. Ich gehe arbeiten, buddel stundenlang im Garten rum, bin  mit dem Kind auf Spielplätzen, mit der Mitbewohnerin am Quatschen, lese Bücher. Alles ganz gechillt, wenig Aufreger – bis auf die, die ich über die Nachrichten mitbekomme (das sind derzeit auch schon ganz schön viele).

Kann man Menschen vermissen, die man eigentlich nicht kennt? Ja. Sehr sogar. Ich vermisse die Twitteritas, die Mädels (und ein paar Jungs), die Kommunikationen mit ihnen. Ihre Sprüche, ihr Leben, ihre Kommentare. Momatka hat das kürzlich auch beschrieben. Ich unterschreibe.

Die Frage ist jetzt, wie ich eine Balance finden kann. Wie ich es schaffe, mich nicht wieder kopfüber in den Twitterstrom zu stürzen, nicht alles zu lesen, alles in meinen Kopf zu lassen. Es wird mir schnell zu viel. Ich möchte das, was ich mache, konzentriert tun. Nicht gedanklich halb im Netz sein, wenn ich mit dem Kind unterwegs oder auf der Arbeit bin. Ich möchte mich andererseits nicht rechtfertigen müssen, wenn mir eine Unterhaltung im Netz genau so wichtig ist, wie ein Gespräch offline. Ich weiß noch nicht, wie ich das mache. Wahrscheinlich muss ich auswählen, meine Blogrolle abspecken. Mir Online-Zeiten setzen. Nur noch all x-Tage lesen … Keine Ahnung. Meine Freundinnen kommen ja auch nicht jeden Tag zu Besuch – das würde mich Höhlenbewohnerin auch schwer überfordern.

Ihr seht, ich bin ein bisschen ratlos, wie sich das wohl lösen wird. Vielleicht bin ich morgen wieder da, vielleicht nächste Woche, im Herbst, ich weiß es nicht. Bis dahin: Gehabt euch wohl, genießt den Sommer und lasst es euch gut gehen! <3!

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Über cloudette

Familie, Feminismus & Firlefanz
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15 Antworten zu Warum ich eine Pause brauche

  1. Mama arbeitet schreibt:

    Ich wachte heute morgen mit dem Gedanken auf, dass ich wohl weniger twittern sollte (bei mir auch verbunden mit den dazugehörigen Blogs, die ich allesamt lese, wenn ich folge). Das Gefühl, alle diese Geschichten und Menschen mit im Leben zu haben, kenne ich gut. Es ist in meinem Kopf und fängt an, das Real Life zu beinflussen. Durch Denken in 140 Zeichen, durch Denken an bestimmte Twitterer/Blogger in ganz normalen Alltagssituationen, durch Fixierung auf dieses Online-Leben. Ob und wie ich das dosieren muss, weiss ich auch noch nicht. Denn noch ist es nicht zu viel. Aber ich bin ja auch unausgelastet – kein Freund, keine feste Arbeit. Da ist Raum für solche Spielereien.

    Jedenfalls wünsche ich dir eine gute, fruchtbare Auszeit, und bin gespannt, was du draus machst!
    Liebe Grüsse, Christine

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  2. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Oh Cloudette, wie gut ich dich verstehe! Mir geht es ja gerade sehr ähnlich, wobei ich noch nicht mal twittere … Und auch ich stelle fest, wie viel entspannter mich diese Auszeit macht. Deswegen verschwinde ich jetzt auch ganz schnell wieder – nicht, ohne dir einen wunderbaren Sommer zu wünschen!

    Herzlichst
    Marie

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  3. momatka schreibt:

    Ich finde gerade auch kein Zurück ins Twitter-Land. Natürlich denke ich viel an die Twitteritas (wie du so schön sagst), aber so richtig kann ich mich (noch) nicht überwinden, wieder reinzuschauen, aus Sorge, gleich wieder mitgerissen zu werden. Ich genieße noch immer die Ruhe und das konzentrierte Arbeiten. Vielleicht ist es ja ein Sommer-Phänomen. Liebe Grüße.

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  4. Bebe schreibt:

    Gut auf den Punkt gebracht! Für mich war unsere Strohwitwenwoche großartig! Endlich mal entspannt, konzentriert, zufrieden – da! Wie man die Balance findet, weiß ich auch nicht…besonders wenn keine Balance (sehe die Straßen, Bußhaltestellen, Märkte, Unis und Strände – voll mit Leuten mit den Nasen in Handys) wird zu Norm. Und wenn es zu Norm wird, ist die Erwartung an online und verfügbar sein (mindestens in meinem Kopf) viel größer.

    Gestern während Wanderung habe ich festgestellt, dass ich mich da im Wald nur alleine fühle (in positiven Sinne), aber nie einsam. Einsam geht es mir meistens im Netz. Vielleicht hat das was mit der Emigration, weil ich Freunde aus der Heimat nur online bei Hochzeiten, Kinderkriegen, Sorgen und Plänen begleiten kann (einerseits toll dass es möglich ist!). Wir haben zwar Kontakt mit einander und wir bemühen uns auch am Laufenden zu bleiben, aber ich spüre auch die Entfernung…mit den Jahren wird es größer. Vielleicht muss ich mal lernen, los zu lassen.

    Sommer sollte so wie so Blog-frei sein, wie Sommerferien in der Schule. So hätte niemand schlechte gewissen, konnte die Sonne genießen und im September alles den Freunden erzählen. Bloggen kann man so wie so viel besser machen, wenn draußen kalt und nass wird.

    Ich frage mich, wie konnte ich Malibu vergessen?! Ich muss mal wieder Einkaufen gehen!
    Eins hoch!

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  5. Nesselsetzer schreibt:

    Ich halte den innerlichen Kampf zuwischen „virtuell und real“ für ziemlich sinnlos. Wichtig ist als erstes das zu tun was nötig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist real betrachtet ziemlich wenig. Die übrige Zeit füllt sich mit eigenen Interessen, egal ob Buch, Garten, Twitter oder Blog schreiben oder Blogs lesen. Und die dummen Sprüche über die Zeitverschwendung stammen zumeist allesamt von denjenigen, die den Anschluss verpasst haben und jeden abend stundenlang sinnlos vor der Flimmerkiste sitzen (hö hö …).

    Das eigene Interesse ist ein ausreichender Balancegeber zur Bestimmung, wieviel Zeit man für etwas aufwenden will. Wer wissbegierig ist muss eben viel lesen. Alles andere ist irrelevant.

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  6. Alltagsheldin schreibt:

    Aus genau diesen Gründen möchte ich gar nicht erst mit Twitter anfangen… Bin jetzt eh schon immer viel zu lang im Internet unterwegs (was aber auch damit zusammenhängt, dass ich gerade erst mein blog http://www.kleineundgrosseleute.de gestartet habe). Seitdem kriege ich nachts viel zu wenig Schlaf. Es fühlt sich an wie ein Doppelleben, das dann irgendwann das erste „echte“ Leben zu überschatten droht und – ja: süchtig macht. Ich fand z.B. Leute schon immer doof, die mit ihren Freunden oder Kindern im Cafe / am Spielplatz usw. sitzen und gar nicht wirklich „da“ sind, weil sie auf ihr Gerät starren – so will ich einfach nicht sein. In diesem Sinne: Dir noch einen schönen Offline-Sommer!

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  7. cloudette schreibt:

    @Christine & Marie & Momatka: Vielen Dank für die guten Wünsche! Und es beruhigt mich, das ihr das nachvollziehen könnt <3!
    @Bebe: Malibu Malibu Malibu!!!! Ich fand unsere Strohwitwenwoche auch toll. Es lebe die Sommerpause. Was du über das Einsam-/Alleinsein schreibst, kann ich gut verstehen.
    @Nesselsetzer: Ich beschäftige mich gerne mal mit "sinnlosen" Dingen ;-). Aber im Ernst: Ich mache keine Unterscheidung zwischen virtuell – real, sondern zwischen online und offline. Das ist beides für mich sehr real, wäre es das nicht, hätte ich nicht so ein Problem damit. Mein Umgang damit ist (noch) nicht sehr pragmatisch. Das wäre wohl einfacher, wenn es nur ums Lesen von Fachartikeln ginge, nicht um Kommunikation & Geschichten von Menschen.
    @Alltagsheldin: Ich kenne beides: Oft habe ich die Nase im Smartphone und kommuniziere mit Leuten. Das ist für mich dann genauso wichtig, wie die Kommunikation offline und ich fände es unhöflich meinen online-Gesprächspartnerinnen gegenüber, das einfach mal so zu unterbrechen. Ich weiß aber auch, dass es nicht wirklich toll ist, jemandem gegenüber zu sitzen, der online ist und einen sozusagen nicht wahrnimmt. Real ist für mich beides. Die Kunst ist, eine Balance zu finden. Für mich zumindest ist das gerade das große Thema.

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  8. Nesselsetzer schreibt:

    @Cloudette: Ich unterscheide nicht einmal zwischen online und offline. Dann müsste ich beim Telefonieren ebenso zu einem Gespräch vis à vis eine Unterscheidung machen. Insofern verstehe ich die Online-Pause nicht wirklich, denn „online“ ist für mich ein selbstverständlicher Teil meines Lebens (geworden), auf den ich nie mehr verzichten möchte, gerade wegen des Kommunzierens. Wer käme heute noch auf die Idee, eine Telefonpause zu machen?

    Außerdem denke ich, dass der Gruppendruck von den Menschen, die das Kommunizieren über das Internet nicht verinnerlicht haben eher das Problem sind. Die erzeugen nämlich schnell ein schlechtes Gewissen nach dem Motto „Offline ist wichtiger“. Das sehe ich allerdings nicht so.

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    • cloudette schreibt:

      Ja, ich kann deiner Erklärung folgen. Ich finde offline auch nicht grundsätzlich wichtiger. Bei „online“ für eine Pause anzusetzen, macht für mich trotzdem Sinn, hier habe ich die Möglichkeit, Kommunikation/Informationsflut etc. einzuschränken, im offline-Part kann ich das selten (es sei denn, ich lasse mich krank schreiben und schicke die Familie in die Wüste … äh, ja). Ich vereiere außerdem wirklich Stunden im Netz, bin wenig fokussiert, ziehe mir alles rein, verfolge empathisch alle möglichen Blogs – da ich sehe für mich (das muss ja für andere bzw. für dich ja nicht so sein) wirklich Lernbedarf bzw. ich bin am überlegen, wie ich damit besser umgehen kann.

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  9. erzaehlmirnix schreibt:

    Ich finde das argument „sinnlos“ immer irgendwie lustig. Warum müssen Hobbies den sinnvoll sein? Und wer bestimmt das? Warum ist ein Hobby wie Gärtnern sinnvoller als Twittern? Hobbys sind doch dazu da Spaß zu haben, wenns nur um den Sinn ginge wären es ja Pflichten

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  10. Greta schreibt:

    Liebe Cloudette, das hast Du sehr gut beschrieben, für mich sehr nachvollziehbar! Ich habe während meiner Kur nur dreimal den Rechner angeschaltet – weil ich das Schreiben so ganz dann doch nicht lassen konnte – und die Zeit so sehr genossen… dass ich jetzt auch nach einem Weg suche, wie ich es hinbekommen kann: die liebgewordenen, anregenden, schönen Blogs weiter zu verfolgen, die auf meiner Leseliste stehen (tut mir jedesmal weh, da jemanden zu streichen)… und trotzdem ein bisschen mehr Zeit für das Offline-Leben zurückzugewinnen, auch wenn es zwischen Wäschekorb und Schulmaterialliste manchmal viel weniger verlockend ist als das Bloggen. Wünsche Dir, dass Du einen guten Weg für Dich findest. Und ich trotzdem dann und wann von Dir lesen kann! Liebe Grüße Greta

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    • cloudette schreibt:

      Danke, liebe Greta! Mit dem Bloggen mache ich sicher weiter und bei Twitter schaue ich vorsichtig ab und zu rein. Vielleicht muss es auch erst wieder ein bisschen abkühlen 😉

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  11. Jan S. Kern schreibt:

    Liebe Cloudette, vielleicht gibt es andauernde Balance ja nicht (wie das Wort an sich ja schon sagt – man balançiert!), und sie muss ständig erneuert werden…
    Auch ich finde es nicht einfach (und das, obwohl ich nicht „twittere“, nur blogge, und das erst seit sechs Monaten), ein Gleichgewicht zu halten…ich für mich weiss inzwischen, dass ich mindestens zwei, drei Tage in der Woche am Besten gar nichts in die Richtung tue, ganz und gar „offline“ lebe – und das ohne Wertschätzung – es wird mir sonst nur einfach alles ZUVIEL…
    Also, schönen Sommer in jedem Fall,
    mit freundlichen Grüssen (auch an Deine Eulen ;))
    Jan

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    • cloudette schreibt:

      Lieber Jan, ja – kluger Gedanke, das Bild mit dem Balancieren gefällt mir! Wünsche dir auch ein gutes Gleichgewicht. Und danke für die Grüße an die Eulen 😉

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