Das Kreativitätsloch oder: Der wenn-dann-Modus

„Ich würde ja gerne mal wieder was Kreatives machen, malen oder zeichnen oder so. Früher …“ seufzen die Freundin und ich im Duett. Ja, früher, in grauer Vorzeit, da waren wir alle kreativ.

collage

Kindergartenkunst mit 4

Ich habe gezeichnet, gemalt, mit dem Messer Linolplatten bearbeitet. Es kamen vielleicht nicht die grandiosesten Bilder dabei heraus – und die Bilder meiner begabten Freundinnen fand ich immer schöner. Aber es hat Spaß gemacht und phasenweise war ich wirklich fast rauschartig am Werkeln.

Am aktivsten war ich in der Kindergartenzeit, wo ich einfach vor mich hinkritzelte. Meine Eltern richteten mir eigens einen Schreibtisch in Papas Arbeitszimmer ein und ich behängte die ganze Wand mit meinen Bildern. Als kein Platz mehr war, ließ ich sie an die Decke wachsen. Viele Jahre später besuchte ich den Kunst-LK bei einem etwas exzentrischen-egozentrischen Künstler in Reiterstiefeln und mit fettigem Haaren, dessen Arbeitsaufträge an uns als mal lauteten: „Heute malt ihr mal …. MICH. Wie ich als Ritter auf einem Pferd sitze!“

Meine phasenweisen Kreativitätsschübe hielten an, bis ich ca. Mitte/Ende 20 war. Dann war irgendwann Schluss, ich erinnere mich nicht mehr daran, wann und warum. Mir ging die Energie flöten, der Elan, die Ideen. Danach reichte es nur noch für minikleine Gestalten:

Kreativität in klein …

An Stelle der Kreativität legte sich langsam aber sicher eine Verklärung, ein wehmütiges „ach, ich würde gerne mal wieder“. Mal wieder diesen Rausch verspüren, die Freude & den Zweifel, wenn ich etwas fertig stellte. Ich legte mir Erklärungen im Außen zurecht, die mich am Kreativeln hinderten. Wenn ich mehr Zeit hätte, weniger Stress, mehr Platz, dann … Genau, das war’s, ich hatte keinen richtigen Platz. Seit Jahren wohne ich in einer Zweizimmerwohnung, erst mit Kind1, jetzt mit Partner und Kind2. „Wenn schon kein eigenes Zimmer, dann wenigstens einen eigenen Schreibtisch“, beschloss ich. Denn: Wenn ich den habe, DANN kann ich endlich wieder etwas tun.“

Hmm. Gesagt getan. Den Schreibtisch habe ich nun. Schön groß, reichlich Platz. Mein Malzeug steht direkt daneben im Regal. Aber, ihr ahnt es schon: Ich mache nichts. Ich sitze dort nie, besser: fast nie. Zwei- bis dreimal habe ich die Farben aufgebaut, ein Blatt zurechtgelegt. Und dann eine Stunde draufgeschaut. Weiß. Sehr weiß, so ein Stück Papier. So unberührt, wo soll ich denn anfangen. Und was? Mir fällt nichts ein! Ich kann das gar nicht mehr, die Riesenblockade im Kopf. Letztendlich: Habe ich alles wieder eingepackt. Und seither dient der Schreibtisch als gigantische Ablage für unerledigte Post, Wäscheberge, Krimskrams.

Ok, wenn aber der Schreibtisch nicht das Hemmnis ist, was dann? Das Kind? Das wäre eine naheliegende Erklärung. Mit Nr. 1 hatte ich meine besten Kreativitätsphasen, wenn es ein paar Tage bei meinen Eltern war und ich entspannen konnte. Das ist zumindest derzeit mit Nr. 2 nicht drin. Aber ist es das wirklich? Ich habe zwei Vormittage die Woche Zeit für mich, das Kind ist in der Krippe. Ein ideales Zeitfenster. Aber nein. Ich mache anderes: ich gammel rum, lese, bin unterwegs, hausarbeite manchmal, versurfe die Zeit… Ha! Internet – das ist es, der böse große Zeit- und Kreativitätsfresser. Wenn ich mir eine Pause auferlegen oder nicht so viel surfen würde, dann …

Dann würde ich vermutlich so kreativ werden wie sportlich. Wie war das kürzlich: Wenn ich erst mal eine Jogginghose habe, dann gehe ich laufen. Achne. Ich habe jetzt eine. Also dann: Wenn es wieder wärmer wird, dann … gehe ich auch nicht laufen. Sondern in den Garten (immerhin). Oder surfe. Also doch das böse Internet!

Wie schön, dass es eine Erklärung gibt, es findet sich doch immer ein „Wenn“, das dem „Dann“ im Wege steht.  Das Kreativitätsloch bleibt derweil bestehen. Schade eigentlich.

Dieser Beitrag wurde unter freie Zeit, Internet, Nestgeplauder abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Das Kreativitätsloch oder: Der wenn-dann-Modus

  1. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Wie gut ich das kenne! Was habe ich früher genäht, gehandarbeitet, gemacht, getan. (Ja, auch Sport getrieben.) Und das alles nach einem Acht-bis-Zehn-Stunden-Arbeitstag. Zeitlich gesehen fallen das Kerativitätsloch, das zweite Kind und das Internet ungefähr zusammen, so dass nicht sicher festgestellt werden kann, woran es nun tatsächlich liegt. Schade jedenfalls!

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Ja, mit kids ist halt wenig Zeit und das Internet ist ne tolle Zeitmaschine: einsteigen und huupsss, 3h später wieder aussteigen. Zumindest bei meinem Netzgebrauch ;-). Hauptgrund ist bei mir aber vermutlich schon ein hemmender Perfektionismus, fürchte ich, s.u..

      Gefällt mir

  2. Bebe schreibt:

    Wie traurig! Ich kenne das auch.
    Ich hatte sieben Jahre Zeichnenblokade. Vor einem Jahr, habe ich er mir endlich erlaubt mal wider zu Zeichnen..egal was, egal wie, egal ob gut genug oder nicht. ich habe mir auch erlaubt ganz kleine Schritte zu machen und von mir nichts zu erwarten. Einfach machen. Ich merke aber, dass ich mir der groesste Kritik und die groesste Hindernis bin. Ich mache die besten Ausreden, ich mache die schlimmsten Vorwürfe.

    Ich kann herzlich die Philosophie von „Screw work, let’s play“ empfahlen (gibt’s auch ein Buch und blog). Ich habe deren Mikrozeitblock-Arbeiten ausprobiert und es funktioniert.

    Wie Joda schon sagte: „Do or not do. There is not try“.

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Liebe Bebe, du bringst es auf den Punkt: das größte Hemmnis und meine größte Kritikerin bin ich natürlich selbst. Denn ich kann ja nicht einfach nur so malen, neeee, das muss dann schon was hergeben, auch wenn ich es niemand jemals zeige – und alleine die Angst vor Versagen blockiert jeden Versuch. Es ist bescheuert. Dabei machte mir das mal einfach nur Spaß (im Kindergarten. Der Leistungs-Kack ging ziemlich direkt danach los). Kleine Schritte sind gut, ich werde das beherzigen. Was Joda sagt, natürlich auch.
      Ein Glück hast du deine Blockade überwunden und wieder angefangen zu zeichnen. Du erfreust mich mit deinen Zeichnungen nämlich immer wieder :-)!!

      Gefällt mir

      • Bebe schreibt:

        Danke 😉 Es macht mir immer noch Angst, aber es freut mich mehr 😉

        Versagen….komische weise haben wir (weil bei mir auch so ist) immer Angst davon was andere Leute darüber denken was wir machen. Aber beim kreativ sein der Weg ist wichtig, nicht das was daraus kommt…und bestimmt nicht was andere Leute denken über das was daraus gekommen ist.

        Sich endlich mal erlauben ohne schlechtem gewissen glücklich zu sein….

        Gefällt mir

  3. Katharina schreibt:

    Hach. Bekannt. Ich war aber nie so die Basteltante, stattdessen wollte ich immer schreiben und schreiben und schreiben. Und wenn ich heute mal nicht (beruflich) schreibe, dann möchte ich schreiben und weil so wenig Zeit da ist, müsste es natürlich perfekt sein, was natürlich nicht funktioniert, also schreibe ich gar nichts. Der Vorteil: So habe ich garantiert keinen Misserfolg.

    Wollen wir die inneren Kritikerinnen mal in den Urlaub nach Ouagadougou schicken?

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Zeichen-/Maltante, bitte, nicht Basteltante ;-). Basteln finde ich zwar auch toll, aber nur rein theoretisch, praktisch bin ich ein DAU (dümmste anzunehmende Userin). Blöde innere Kritikerin, ja, das ist genau das Hemmnis. Wie Bebe aber sagt: kleine Schritte machen! Und die Kritikerin in Urlaub schicken, genau :-)!

      Gefällt mir

  4. Pfeffermatz schreibt:

    Der Trick bei solchen Lust-Blockaden soll sein, sich Mini-Ziele zu setzen. So lächerlich „mini“, dass man keine Ausrede hat, es nicht zu tun. Ein solches Ziel wäre z.B. an besagten zwei Vormittagen jeweils „5 Minuten zeichnen“. Vielleicht sogar dazu: „an den anderen Tagen 2 Minuten zeichnen“, einfach der Gewohnheit wegen. Wer auch auch nur einen Strich zeichnen will, braucht nämlich dazu ein Blatt, einen angespitzten Stift, und ausreichend Platz auf dem Schreibtisch. Probiere es mal aus, und schaue, was daraus wird. Wenn’s klappt, versuche ich es auch 😉

    Gefällt mir

    • cloudette schreibt:

      Lieber Pfeffermatz, vielen Dank, so kann ich mir das vorstellen! Kleinklein anfangen. Habs mir fest vorgenommen ab äh … morgen. Wenn ich mir ein Skizzenbuch gekauft habe, dann … Ne, ernsthaft: die Idee gefällt mir, ich werde berichten (und dann kannste auch anfangen, gell ;-))

      Gefällt mir

  5. katobia schreibt:

    *unterschreib* – ich hab‘ nen Master im Wenndann.

    Gefällt mir

  6. Pingback: Schluss mit dem Gejammer. Ab jetzt: The Daily Owl | cloudette

  7. Pingback: DIY-Eulen-Content II: Stempel und Stempelkissen | cloudette

kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s