Gelesen – gehört – gesehen 12/2020

Bücher

  • Lange ist es her, dass mich zwei Bücher so in Bann gezogen haben wie Bodentiefe Fenster und Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling. So gut beobachtet, beschrieben, geschrieben: die Überforderungen und Ansprüche, die Mutterschaft/Kinder haben mit sich bringen (die man aber den Nachbarinnen gegenüber nicht zugeben sollte). Die unausgesprochenen, oft negierten Hierarchien, die sich ergeben, wenn die einen qua Herkunft mehr materielle Sicherheit im Background haben als die anderen – und das im eher links-bürgerlichen (Prenzlauer Berg) Milieu, wo man die Gleichheit leben möchte (Baugruppen, Wohnprojekte ….). Wehe, man spricht darüber – oder noch schlimmer: schreibt darüber, wie die Protagonistin im Schäfchen-Buch bzw. die Autorin selbst. Sehr mutig, finde ich. Wenn es Stelling wie ihrer Protagonistin erging, dann hat sich ihr Freund*innenkreis nach der Veröffentlichung ihrer Bücher vermutlich erst mal sehr ausgedünnt.
  • Ebenfalls in wenigen Stunden inhaliert (auf eine Empfehlung von Antje Schrupp): Die schlechteste Hausfrau der Welt von Jacinta Nandi. Dieses Buch hat mich fertig gemacht. Es war eine Achterbahnfahrt zwischen Lachanfällen, weil es manchmal so wahnsinnig witzig geschrieben ist, und abgrundtiefen Seufzern, weil es manchmal unerträglich, wirklich unerträglich ist. Worum geht’s? Darum, dass Jacinda Nandi, wie sie behauptet, eine schlechte Hausfrau ist, sogar die schlechteste der ganzen Welt, weil sie das mit dem Putzen, dem Haushalt, dem ganzen Mental Load Ding nicht so recht auf die Reihe kriegt. Das findet auch ihr Freund, der dauernd an ihr herummeckert, sie zu chaotisch und die Wohnung zu dreckig findet – selbst aber keinen Finger im Haushalt rührt. Sogar der Teenie-Sohn der Autorin, der eigentlich auch nichts im Haushalt macht, macht unterm Strich mehr. Das Ungewöhnlich an der Situation ist, so Nandi, „dass mein Freund zugibt, dass er nicht vorhat mitzumachen. In vielen deutschen Haushalten existiert der Mythos von einer 50/50 Mitarbeit, gleich aufgeteilt zwischen den Partnern. Was utopisch klingt – und auch echt utopisch bleibt“. Ein Buch über Haus- und Carearbeit und die riesengroße Wut darüber, dass der Großteil idR nach wie vor an den Frauen hängen bleibt.

Video

  • Das Pilecki-Institut veranstaltet gerade eine Online-Vortragsreihe über dokumentarische Comics „Living Archives – a laboratory for documentary comics„. Ich habe mir den Vortrag von Ulli Lust zu ihrer Graphic Novel „Flughunde“ angeschaut, einer Adaption des Romans von Marcel Beyer. Flughunde spielt während des NS und wird erzählt aus der Perspektive eines Akustik-Ingenieurs und der ältesten Tochter von Joseph Goebbels. Ulli Lust gibt in ihrem Vortrag Einblicke in den Entstehungs-und Rechercheprozess des Comics. Sie zeigt Materialien, Fotos, Bilder, die sie als Grundlage verwendet hat sowie Szenen aus dem Comic. Am Ende beantwortet sie noch Fragen zur Zusammenarbeit mit dem Autor Beyer, zum Urheberrecht und dazu, wie es ihr mit dem Thema ging. Sehr spannend, dieser Blick hinter die Kulissen!
    (Buch und Comic habe ich noch nicht gelesen …. das werde ich wohl nachholen)

Podcasts

  • In der Pandemia-Reihe geht es um „Die Welt. Die Viren. Und wir“. Sars CoV-2 ist natürlich großes Thema, aber auch andere Viruserkrankungen werden besprochen, z. B. die Pocken. Spannend fand ich gerade die Folge über die Masern – Wenn die Lüge überlebt: Wie gefährlich sind sie (Spoiler: ziemlich), wie kam es zum Ausbruch 2019 auf Samoa, wie kam es zu der Behauptung, die Masernimpfung verursache Autismus und warum hält sie sich so hartnäckig, obgleich längst widerlegt?
  • Und noch etwas eigentlich durchweg schönes und inspirierendes zum Schluss: Im Podcast Raabe & Kampf reden Melanie Raabe und Laura Kampf jede Woche montags ca. eine halbe Stunde über ihre Berufe, ihr kreatives Tun und über den Prozess drumherum. Melanie ist Schriftstellerin und hat schon einige Bestseller veröffentlicht (meist Thriller). Laura Kampf baut und erfindet Dinge. Ich bin sofort zum Fangirl mutiert, es macht einfach Spaß, diesen beiden sympathischen, witzigen, interessanten, klugen (… Fangirl, ihr merkts, gell) Frauen zuzuhören … und dabei womöglich selbst etwas Kreatives zu tun.

 

 

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2 Antworten zu Gelesen – gehört – gesehen 12/2020

  1. Anonymous schreibt:

    Vor allem das 2. Buch klingt spannend. Kannst du es mir mal leihen? Ich würde gerne wissen, wer noch schlechter den Haushalt schmeißt. Ich hocke mal wieder zwischen nicht verräumten Taschen und Kartons voller Kruschd, Wäschebergen, bei denen ich nicht weiß, was davon vielleicht sogar schon gewaschen ist, sowie eine Geschirrschrank, der in 4 Zimmern gleichzeitig zu wohnen scheint…. 😒

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