Kinderlogik. Heute: der Urlaubskalender

Auch in diesem Jahr erwartet Kind2 wieder voll Ungeduld den Urlaub. Täglich erwacht es mit der Frage „Wann gehn mir in Uuuurlaub?“ und es findet „im August“ eine äußerst unbefriedigende Antwort. „NEIN JETZT, I WILL JETZT!!!!“.

Damit sich das Kind den Zeitraum bis zur ersehnten Abreise besser vorstellen kann (und um meine Nerven zu schonen), habe ich ihm einen Urlaubsabreißkalender gekritzelt*. Ich hängte das Ding an die Wand und erklärte dem Kind, wie es funktioniert .

Ich: „Da darfst du jetzt jeden Tag einen Zettel abmachen und wenn alle ab sind, fahren wir in den Urlaub.“

K2: „Okeeee. Wenn die alle ab sind, dann fahrn wir??“

Ich (milde): „Ja, Kind2. Dann fahren wir.“

K2 (denkt kurz nach): „Okee. Dann mach ich die JETZT ALLE ab. Dann fahrn wir!“

-.-

Logisch, oder?

Urlaubskalender
Urlaubskalender

*den Tipp gab mir @nightlibrarian vor einem Jahr

Familienausflug zum 31c3

Die Vorstellung, mit einem dreijährigen Kind auf eine Konferenz mit ca. 12.000 Leuten zu fahren, klingt nicht gerade entspannt. Ein Glück hatte ich mir vorher darüber nicht all zu viele Gedanken gemacht, denn womöglich hätte ich mich abschrecken lassen. Viel mehr zögerte ich, zum 31c3, dem jährlich stattfindenden Chaos Communication Congress, nach Hamburg zu fahren, weil mir der Termin zwischen den Jahren nicht passte. Traditionell ist das eine Zeit, in der ich mich am liebsten ohne Termine treiben lasse, ohne große Verpflichtungen, ohne Plan. Auf die vielen hundert Kilometer Zugfahrt nach Hamburg hatte ich auch keine große Lust.

Nachdem dann aber auch Kind1 die Idee „voll cool“ fand und bereit war, ihren Heimaturlaub bei uns vorzeitig abzubrechen, buchten wir die Kongresstickets und fuhren am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertags nach Hamburg. Ob es daran lag, dass die Fernbusse der Bahn inzwischen massive Konkurrenz machen, oder viele Leute noch unterm Weihnachtsbaum lagen, weiß ich nicht: Der Zug war jedenfalls recht leer, wir hatten ein Abteil für uns und waren umgeben von ein paar Nerds und Familien mit kreischenden Kleinkindern. Herrlich. Wir waren nicht die lautesten. Ich habe selten so eine entspannte Zugfahrt erlebt.

Der 31c3 fand im edlen Hamburger Congress Centrum (CCH) statt, einem Ungetüm, dessen mit Teppich überzogene Treppen, Flure, Säle sich verwinkelt über mehrere Etagen und Gebäudekomplexe ziehen. Ich hatte noch am 3. Kongresstag Schwierigkeiten mit der Orientierung. Der erste Durchgang entlockte Kind1 bereits ein „Woooooh, wie cool“. Das ganze CCH war von oben bis unten dekoriert. Es hingen silberne Fische von der Decke, eine Etage war mit großen Kristallelementen beleuchtet, es gab mit Stellwänden abgetrennte Bereiche und diverse Höhlen und Zelte zum Chillen, viele Installationen, einen aus alten Kassettenrekordern gebauten Roboter (wenn ich das richtig erkannt habe) und 10000 Dinge mehr. Die Kongressteilnehmer*innen trugen dazu bei, dass sich die Räume über die Tage hinweg weiter wandelten, es kamen hier und da Dinge dazu, die Geländer und Türgriffe wurden mit bunter Wolle yarn-bombing-mäßig umstrickt und selbst auf den Toiletten fanden sich witzige Kunstwerke – bemalte Klopapierrollen zum Beispiel.

Im Erdgeschoss gerieten wir gleich in einen riesigen Saal, in dem es nur so von Leuten wimmelte und dutzende Maschinen vor sich hinbrummten. In einer Ecke, so schön!, stand eine TARDIS. An einem Stand liefen mehrere 3D-Drucker. Man konnte, wenn man zeitig dran war, seinen Kopf einscannen und als Miniatur ausdrucken lassen. An einem anderen ratterte eine Stickmaschine, die im Affenzahn einprogrammierte Applikationen auf Stoff stickte. Das Herz so manchen Nähnerds sollte da höher schlagen. Die Kind2-Freundin, die mit ihrem Papa bereits an Tag0, also am Vorabend, da war, ließ sich eine 3-D-Eule ausdrucken und einen Pulli mit einem Fabeltier besticken. Als wir ankamen, waren dafür die Schlangen schon zu lang, aber alleine das Zuschauen war schon spannend.

Unser Hauptanlaufpunkt war der Kids Space, wo es tonnenweise Duplosteine, eine elektrische Modelleisenbahn, ein großes Bällebad und vieles mehr gab. Hier konnte man wirklich gut entspannen. Kind abstellen –> sich selbst in eine Ecke setzen: prima. Ich konnte sogar einen ganzen Vortrag von der Türe zum Saal 1 aus, der direkt an den Kids Space angrenzte, verfolgen. Kind2 wollte gar nicht mehr weg und es gab so manchen Abend, an dem wir nur unter Aufwendung aller Überredungskünste und eigentlich nie vor Mitternacht aus dem CCH kamen.

Aber nicht nur im Kinderbereich ging es mit dem kleinen Kind gut. Ich hatte nie und nirgends das Gefühl, dass Kinder stören könnten. Im Gegenteil. Es gab unglaublich viele Leute, die auch den kleinen Kindern geduldig technische Geräte erklärten, mit ihnen zusammen stundenlang irgendwelche ferngesteuerten Viecher durch die Gegend laufen ließen, mit den Kids (oder auch ohne) im Bällebad untertauchten und sich mit Bällen bewarfen. Anfangs war ich noch ein bisschen in einem Hab-acht-Modus, sehr bald überließ ich die Interaktionen aber Kind2 und mischte mich nicht mehr ein. Die meisten Leute, denen wir begegneten, kommunizierten direkt und auf Augenhöhe mit dem Kind. Es kam prima klar. Ein Typ spielte zum Beispiel fast eine Stunde mit ihm und vielen anderen Kindern im Bällebad und bedankte sich beim Gehen bei jedem einzelnen für das tolle Spiel.

Da der Mann und ich uns  in der Begleitung von Kind2 abwechselten, konnten wir beide in den einen oder anderen Vortrag, mit Leuten quatschen, durch die Gänge schlendern oder gemütlich Kaffee im Nerd Café trinken („Was willst du denn für den Kaffee?“ – „Ey, du hast ihn doch noch gar nicht probiert! Trink erst mal!!“). Kind1 und ich machten so manche Erkundungstour und entdeckten immer wieder spannende Ecken oder chillten auch mal einfach nur so vor uns hin.

Natürlich liefen viele Vorträge, bei denen ich noch nicht einmal den Titel verstand (ich bin nun mal keine Programmiererin). Es waren aber auch unglaublich viele dabei, die ziemlich allgemeinverständlich und politisch waren. Der Vortrag des Zentrums für politische Schönheit „Mit Kunst die Gesellschaft hacken„, der standing ovations bekam. Der von Martin Haase, der die Digitale Agenda der Bundesregierung aus linguistischer Perspektive auseinandernahm. Trackographie – you never read alone, bei dem es am Beispiel von Newsseiten darum ging, was so alles von wem mitgetrackt wird. Oder der zum Informationsfreiheitgesetz. Fast alle wurden aufgezeichnet, man kann sie sich hier anschauen.

Für mich war der 31c3 von der Grundstimmung her wirklich genial. Der Frauenanteil bewegte sich zwar in einem recht überschaubaren Bereich, was den Vorteil hatte, dass eine auf dem Klo nie anstehen musste, ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass ein cool-männliches-Dominanzgehabe vorherrschte. Etliche Frauen traten als Speakerinnen auf und waren unglaublich präsent. Ich nahm einen breiten kritischen Konsens wahr – bei sicher vorhandenen Millionen Differenzen. Und viel Humor bei all den ernsten Themen zu Überwachung und co. Subversiv & verspielt, vielfältig & kreativ, spaßig & ernst, eine Schmiede für Widerstand aller Art. A new dawn!

Von der Idee besinnlicher Tage zwischen den Jahren at home oder auf einer Insel werde ich mich wohl verabschieden. Schließlich möchte ich auf jeden Fall wieder auf den Kongress. Entspannt war es letztendlich ja auch dort und nachdem auch die Rückfahrt einfach super lief und das erschöpfte Kind über 2h unter dem Tisch im Zugabteil schlief, war es ein rundum tolles, inspirierendes Ereignis.

Ich freue mich darauf, dass Kind2 dann nicht nur Spaß mit Insektenrobotern und im Bällebad haben wird, sondern zunehmend auch bei den vielen Angeboten für große und kleine Leute mitmachen kann. Nächstes Jahr also wieder: Familienausflug zum #32c3!

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  • Fast alle Vorträge als Video: ccc-TV
  • John F. Nebel hat einen treffenden Rückblick geschrieben: 31c3 – die letzte Bastion
  • Patricia Cammarata hat das Chaos-Patinnen-Konzept ausprobiert. Sie war begeistert und schreibt 31c3 – kommt alle. Dem kann ich mich nur anschließen. Ich habe mich übrigens ganz besonders über die Plauderstunde mit ihr im Nerdcafé gefreut!

(Leider hatte ich nur meine besch … Handykamera. Ich hätte eigentlich Stunden alleine mit rumlaufen und fotografieren zubringen können)

yarn bombing!
yarn bombing!
Das CCH wird zum CCC
Das CCH wird zum CCC
Eine der vielen (ferngesteuerten) Spielereien
Eine der vielen (ferngesteuerten) Spielereien
Kids Space - bereits spät in der Nacht und schon leicht verwüstet
Kids Space – bereits spät in der Nacht und schon leicht verwüstet
Leuchtende Luftballons beim google-Spiel
Leuchtende Luftballons beim google-Spiel
Kristallbeleuchtung
Kristallbeleuchtung

 

 

Was ich mache, wenn das Kind im Bett ist

Es ist Abend, das Kind2 ist im Bett, fast wäre ich beim „Der Mond ist aufgegangen“ singen – dem derzeitigen Lieblingssong – miteingeschlafen. Schon beim Buch anschauen holte ich mir fast eine Kieferstarre vor lauter Gähnen. Doch damit ist jetzt Schluss, denn jetzt,  jippii, ist viel Zeit, um ein paar tolle Dinge für mich zu tun.

Es stehen ein paar Dinge auf meiner virtuellen to-do-Liste, die ich längst mal der Reihe nach abhaken möchte:

Ich möchte mich bei meiner weit entfernt wohnenden Freundin melden, der ich vor einer Woche versprach, zurückzurufen. Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen und schon lange nicht mehr ausführlich gesprochen. Oh. „Ausführlich“ …. äh …. das geht dann sicher eine Stunde und mehr, und eigentlich bin ich gar nicht kommunikativ aufgelegt, ich habe den ganzen Tag über schon geredet, im Büro, beim KiTa-Elterngespräch, mit dem Kind, mit dem Mann, es reicht mir eigentlich für heute. Ich rufe sie ein anderes Mal an, ganz sicher. Jetzt bin ich zu schlapp.

Und dann ist da noch die andere Freundin, die letzte Woche Geburtstag hatte, der ich nicht einmal eine SMS schrieb – ok, auch die rufe ich nicht an, ich bin inzwischen eh so spät dran, das kann noch ein paar Tage warten.

Also heute keine kommunikativen Interaktionen, keine eigentlich dringend notwendige Freundinnenschaftpflege mehr, es geht mir so ähnlich wie Eva, die heute auf umstandslos darüber schrub.

Dann eben ein bisschen politische Bildung, das kann nicht schaden. Ich könnte zum Beispiel weitere re:publica-Vorträge hören, ein paar habe ich bisher schon geschafft: die Vorträge von journelle (Beyond Porn oder Die digitale sexuelle Revolution), Nele Tabler & Andrea Meyer, (#idpet – Wenn Partizipation und Grundrechte kollidieren), Felix Schwenzel (Wie ich lernte, die Überwachung zu lieben), Sascha Lobo (Rede zur Lage der Nation) und Susanne Mierau (Der Online-Elternclan) – alle sehr empfehlenswert! Aber es gibt noch so viele mehr (Empfehlungen anyone?)! Ich schaue ein paar Minuten in verschiedene Vorträge rein, die über netzpolitik.org u.a. in den Feedreader flatterten, und merke, dass ich mich nicht recht konzentrieren. Zu schlapp.

Dann liegt da noch der Comic von Bechdel – jaaa, genau DIE Bechdel vom gleichnamigen Test  – den ich mir gekauft hatte, nachdem @dressedasahuman einen Link dazu twitterte. Allerdings: Es ist keine leichte Kost, man muss sich ziemlich konzentrieren, es geht um Tochter-Mutter-Beziehungen und wimmelt nur so von Anspielungen und Exkursen in die Psychologie. Ohoh, wäre schade, das nur mit halbem Hirn zu lesen, also wird das nichts. Zu schlapp.

Ok. Keine Interaktionen, keine Bildung. Dann vielleicht ein bisschen zeichnen? Oder die Küche aufräumen (urgs)? Wäsche waschen? Das häusliche Chaos lichten? Nein. Da war irgendwas mit „zu schlapp“.

Ich lege eine Denkpause ein und suche die Schokoladenvorräte in meinem Kleiderschrank. Kokos und Karamell, wen es interessiert. Ich denke an Mama007, die mir kürzlich nach meiner Litanei riet, gute Schokolade zu genießen. Und das mache ich. Ziemlich ausführlich. Ich koche Tee und beschließe: Nein, es reicht für heute, genug getan. Zu schlapp.

Dann lande ich, wer hätte es gedacht, noch einmal vorm Rechner, schlendere bei Twitter vorbei und hinterlasse:

TwitterdingsEin wenig ärgere ich mich über den Schreibfehler im Tweet, die Perfektionistin lässt grüßen, und dann tue ich genau das. Werfe alle weiteren Vorhaben über Bord und mache nach einem kleinem Chat mit dem Twitterclan die Kiste aus.

Bettdecke bis unters Kinn. Tee. Buch. Schlafen. Morgen ist schließlich auch noch ein Abend.