What to do mit alten to-do-Listen?

Ein viel zitierter Grundsatz für gelungenes Ausmisten lautet so ungefähr: Alles, was länger als 1 Jahr (oder lassen Sie es 2, 3, 4, 5 sein) unausgepackt im Keller vor sich hindümpelt, kann getrost entsorgt oder verschenkt werden. Das Gleiche gilt für Klamotten: Was im Schrank nur Platz wegnimmt, aber nie angezogen wird –> weg damit. Jahrelang ungelesene Bücher –> aussortieren. Es macht ein bisschen Arbeit, klar. Aber der Lohn sind aufgeräumte Schränke, lichte Regale und Kellerräume, bei denen eine problemlos die Türe aufbekommt und auf Anhieb die Weihnachtsdeko findet. Und nicht nur das! Das Entsorgen von materiellem Ballast wirkt reinigend auf Kopf und Seele, es winken kreative Schübe und das Gefühl, das Leben im Griff zu haben. Klingt toll.

Ob das funktioniert, kann ich Ihnen leider nicht sagen, denn ich habe es nie bis zu diesem nirwanagleichen Zustand gebracht. Auf halber Strecke verliere ich meist die Lust, packe den aus allen Ecken gleichzeitig herausgezogenen Krempel in irgendeine große Kiste, stopfe den Klamottenberg zurück in den Schrank und überlasse die Weihnachtsdeko ihrem Schicksal. Kein Wunder, dass die kreativen Schübe weiter auf sich warten lassen und ich noch nicht herausgefunden habe, wie das mit dem Leben im Griff haben geht.

Um im allgemeinen häuslichen und psychischen Chaos noch einigermaßen durchzusteigen, lege ich dafür Listen an. To-do-Listen. Da steht das übliche Zeug drauf, das eine machen muss, aber gerne im Eifer eines vollgerümpelten Lebens verdrängt: Steuererklärung, Haustreppe putzen, Probeabo kündigen, ein Foto für das Freund*innenbuch der K2-Freundin ausdrucken, doppelseitiges Klebeband einkaufen und weitere Wichtigkeiten. Das eine oder andere erledige ich sogar. In ganz hellen Momenten schreibe ich extra Punkte auf die Liste, die ich sowieso machen werde, damit ich sie am Abend durchstreichen kann. Herrlich! Was geschafft!! Zum täglichen Klein-Klein kommen die Punkte, die seit Wochen & Monaten auf der Liste stehen und deren Bearbeitung eigentlich dringend notwendig wäre: Wasserhahn reparieren (ein anderer dieses Mal). Neue Matratzen kaufen. Hosen flicken. Badezimmerfenster reparieren lassen, Keller entrümpeln … etc pp.

Und dann stehen noch Dinge auf den Listen, die ich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten mit mir herumschleppe: Fotoalbum für K2 anlegen (seit fast 5 Jahren). Die alte Eckbank, die ich vor ca. 13 Jahren auf dem Sperrmüll fand, abschleifen und in ein hübsches shabby-chic-Möbel verwandeln. Mein krudes Englisch verbessern (seit sicher 20 Jahren). Wieder regelmäßig zeichnen (seit ebenfalls 20 Jahren). Megakommunikativ werden und ungezwungen mit Menschen umgehen (seit 30 Jahren).

Und nun zurück zum Thema „Entrümpeln“.  Was sagen die Ratgeber eigentlich zu solch jahrelang mitgeschleppten und teils nichtmateriellen Ballaststoffen, die in den Verwinkelungen des Lebens Staub ansetzen? Macht es Sinn, diese Punkte einfach mal zu streichen? Ballast abwerfen? Das Leben vereinfachen? Dinge, die ich jahrelang nicht aus dem Keller geholt habe, brauche ich offensichtlich nicht im Alltag. Und Punkte, die jahrelang auf einer to-do-Liste stehen? Offensichtlich sind sie mir wichtig genug, dass ich sie immer wieder aufschreibe. Offensichtlich sind sie mir nicht wichtig genug, sonst würde ich sie einfach (hahahahaha. Oh. Entschuldigung) mal angehen. Oder muss ich dafür erst einmal meine Wohnung und den Keller entrümpeln, um Platz für die notwendigen kreativen Schübe zu schaffen?

Dekobild mit (fast) keinem Zusammenhang zum Text
Dekobild mit (fast) keinem Zusammenhang zum Text

Bücher 2015

+++ Dieser Artikel wird Ihnen präsentiert in Kooperation mit zwei „lebhaften“  Vierjährigen, die eine blöde Erwachsene an einem blöden Laptop sehr blöd finden und dringend Unterstützung beim Basteln, Verstecken, Wohnung verwüsten etc. benötigten. Darum ist er leider etwas weniger klug, fundiert, spritzig und so weiter geworden, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Da 2015 aber demnächst bekanntlich rum ist, geht er nun so raus.  Nunja. Sehen Sie es uns nach. Danke. +++

Im März habe ich auf Wunsch von Mama007 fünf Bücher vorgestellt, die ich in diesem Jahr auf jeden Fall lesen wollte. Geschafft habe ich davon genau eines: „Der Bildhauer“ von Scott McCloud. Dabei habe ich relativ viel gelesen, nämlich ca. 30 Bücher, nur eben andere als geplant. Es waren einige Bücher dabei, die ich eher lau, aber unterhaltsam genug fand, um sie bis zur letzten Seite zu lesen (u.a. besagten Bildhauer). Und viele, die ich sehr gerne gelesen habe.

Meine Favoritinnen dieses Jahr sind:

  • Platz 1 ganz klar: „Scherben“ von Ismet Prcic. Prcic erzählt von seinen Kinder- und Jugendjahren im Bosnienkrieg und seinem Leben im Exil in den USA in Form von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen an seine Mutter, aus Sicht des Kindes/Jugendlichen und eines Frontkämpfers. Ich fand dieses Buch unglaublich gut ge- und beschrieben (auch wenn ich nur die deutsche Übersetzung las), mitreißend, ergreifend, dramatisch, traurig. Selten habe ich so ein einfühlsames und emotionales Buch von einem Mann gelesen. Es ist sicher kein Buch für die 5 Minuten Lesezeit kurz vorm Einschlafen, sondern eher für  eine mehrstündige Zugfahrt.
  • 3 Comics von Guy Delisle: „Pjöngjang“. „Aufzeichnungen aus Birma“ und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“. In Nordkorea war Delisle alleine im Auftrag seiner Firma, in Burma und Jerusalem gemeinsam mit seiner Frau, die dort für Médecins sans frontières arbeitete, während er sich  einem großen Teil um das Kind (Burma) bzw. beide Kinder (Jerusalem) kümmerte. In kurzen, sehr toll gezeichneten Szenen gibt er einen interessanten und persönlichen Einblick in Alltag & Politik der drei Länder.
  • Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Über Feminismus, Sexismus, Ausbeutung usw mit vielen persönlichen Erfahrungen von Penny u. a. aus der Occupy Bewegung. Gefallen hat mir ihr rotziger, rasanter  und trotzdem sehr einfühlsamer Stil und ihre Kritik am Neoliberalismus. Mehr dazu hier.
  • Constanze Kurz  und Frank Rieger beschreiben in Arbeitsfrei die Automatisierung der Arbeitswelt. Es ist äußerst faszinierend zu lesen, mit welchen Techniken heute in Deutschland in großen landwirtschaftlichen Betrieben, Bäckereien, Mühlen ein Großteil der Arbeit von Maschinen übernommen wird.
  • Art Spiegelman: Maus. Ein Klassiker, den ich erst jetzt gelesen habe. Spiegelman zeichnet die Geschichte seiner Eltern, Überlebende der Shoah, in Sosnowitz/Polen, Auschwitz, Schweden und USA aus Perspektive seines Vaters, der ihm seine Erfahrungen erzählte. Spiegelman reflektiert zudem darüber, ob es angebracht ist, die Shoa in einem Comic zu verarbeiten. In dieser Form, finde ich, absolut JA.
  • Ruth Picardie: „Es wird mir fehlen, das Leben„. Ich habe das Buch zufällig in einer Bücherkiste gefunden (oder andersrum – wäre ich esoterisch veranlagt, haha) und verschlungen. Es ist ein sehr bewegendes, lustiges, unglaublich trauriges Buch über Krebs, Abschiednehmen und Sterben, zusammengesetzt aus E-Mails, die Picardie im letzten Jahr ihres Lebens schrieb.
  • Sofi Oksanen Fegefeuer. OMG, was für ein Buch. Dicht, gewaltig, literarisch. Über zwei Frauen in Estland, deren Lebensgeschichte, miteinander verwoben, in Krieg, Gewalt und Liebe.

Nimmt eine noch die Bücher dazu, die ich abgebrochen habe, waren es sicher über 50. 2015 war in der Hinsicht sicher ein Rekordjahr. Noch nie habe ich so viele Bücher nach wenigen Seiten, der Hälfte oder sogar kurz vor Schluss in die Ecke gepfeffert. Weil sie mir nicht gefallen haben, zu lustig, zu traurig, zu mäandernd, zu ausschweifend, was weiß ich was waren. Wie heißt es so schön: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher – oder vielleicht besser: für Bücher, die gerade einfach nicht passen. Der Vorsatz bleibt für 2016 bestehen.

 

 

Kleine Ferne vom Alltag

Ein paar Tage unterwegs sein. Alleine mit dem Zug fahren. Alleine im Abteil, die Füße auf dem Gegenübersitz, das Buch vor der Nase, wie im Rausch, lesen, lesen, lesen. Eintauchen in die Geschichte und vor lauter Lesefieber vergessen, die vielen mitgenommenen Podcasts zu hören. Lesen, bis das Buch fertig ist und der Zug in die ferne Stadt einrollt, wo das große Kind und Freund am Bahnhof stehen. Küsschen, Umarmung. Leckere Pizza futtern, reden, während der Pizzamann uns alleine im leeren Restaurant zurücklässt, um Bestellungen auszuliefern. Spät abends noch völlig fit, denn kein Wecker quakt am nächsten Morgen.

Das WG-Kind miaut vorm Zimmer, wieder umdrehen, weiterdämmern, um nichts kümmern müssen. Barfuß in die Küche tapsen und mit Kaffee zurück ins noch warme Bett, räkeln, weiterlesen.

Bei der Freundin ankommen und im Café Schokoladenkuchen essen. Reden reden reden. Fast ohne Pause, mäandernd durch die Themen, und zwischendurch versuchen, den Anfangszipfel wiederzufinden, wie kamen wir jetzt da drauf? Es ist anregend, und wie so oft auf Reisen überfällt mich eine Sehnsucht, den ganzen Kram zusammenzupacken und wegzuziehen aus dem Gewohnten, so sehr ich es auch mag.

Bei der anderen Freundin, Gefährtin aus Land-WG-Zeiten, im Bauwagen sitzen. Tee trinken, Gestricktes bewundern, von schweren Themen zu leichten und zurück, Lebkuchen essen und vom vertrauten Geruch beseelt per Flashback in die Vergangenheit reisen.

Durch den Tag treiben, die Gedanken schweifen lassen. Mit dem großen Kind durch die Gegend ziehen, Pudelmütze kaufen und ein Strickpulli, der ein bisschen kratzt. Gentrifizierungsschuppen neben Ramsch und Netto. Im hippen Café  stehen alte Schultische und Stühle, ist die Bekritzelung wohl original? Quatsch, sagt das Kind, da stünde sonst Fick dich, Alta und ähnlich Poetisches. Also nachgemacht, es hat trotzdem was. So unterwegs bin ich geneigt, alles ok zu finden, das muss die Reisemilde sein.

Nach drei Tagen ein Anruf, es geht zurück. Wieder Zug fahren, wieder lesen lesen lesen in dem Buch, das unter dem Bett vom großen Kind lag und mich völlig fasziniert. Ein kurzer Ausflug in die Ferne vom Alltag. Mit unglaublich viel Zeit, Intensität, Ideen. Die Inspirationen nehme ich mit und hoffe, dass sie nicht so schnell verblassen.

So wahr!
So wahr!
Hipper Laden mit alten Schultischen. Und eher nicht originaler Bekritzelung.
Hipper Laden mit alten Schultischen. Und eher nicht originaler Bekritzelung.
Kaffee mit Katzenpfötchen und - jajaja! - Franzbrötchen
Kaffee mit Katzenpfötchen und – jajaja! – Franzbrötchen
(Mir fällt gerade auf, dass ich fast nur Futterfotos mitgebracht habe. Dabei habe ich nicht nur gegessen. Ehrlich.)

10 Dinge, die mich das Gärtnern (nicht) gelehrt hat

1. Mein Einfluss darauf, was wie wächst, ist äußerst bescheiden und die Gründe für tolles Wachstum sind nicht unbedingt nachvollziehbar. Bei der direkten Nachbarin sprießen die Erbsen wir verrückt – bei mir nicht. Bei mir wächst der Knoblauch – bei der Nachbarin nicht. Sätze wie „säe doch xy, das wächst garantiert überall“ sind falsch (naja, gut, Pusteblumen vielleicht).

2. Es gibt Tiere, die mal eben 20 Tulpenzwiebeln fressen.

3. Gartennachbarschaftliche Tauschereien sind grandios und müssen nicht gegenseitig sein (a gibt Tomatensetzlinge an b, b gibt Knoblauch an c, c gibt Stauden an a, d gibt b und c Bier aus …). Zu Erntezeiten ist die Frage: „Wollt ihr Zucchini (bitte!!!)?“ allerdings ein running gag.

3. a Sehr schön sind  auch die nachbarschaftlichen Kommunikationen:
„Und, bist du auch da?“ – „jo“
„Da wird aber kräftig g’schafft!!“ – „Haja, immer!“
Ne, im Ernst: Unsere Gartennachbarinnenschaft ist toll!

4. Aber zurück zum Gärtnern: Es gibt unglaublich viele unglaublich abgefahren Pflanzen. Ich könnte stundenlang zuschauen, wie sie wachsen, und ich lasse alles stehen, was mir gefällt – Unkraut hin oder her.

Laut Gartenexpertinnen wohl ein Unkraut. Aber ein schönes. Und die Bienen mögen es auch.
Laut Gartenexpertinnen wohl ein Unkraut. Aber ein schönes. Und die Bienen mögen es auch.

5. Ich kann Ausgesätes nicht von Unkraut unterscheiden – außerdem sind die Schnecken meist schneller. Darum bevorzuge ich Setzlinge. Gelernt: Auch wenn es mir angesichts frühlingshafter Temperaturen schon im Februar in den Fingern juckt: Nicht zu früh mit Aussäen anfangen. Denn dann kann eine den Balkon ca. 2 Monate nicht benutzen, da man den ganzen Krempel ja erst Mitte Mai nach den Eisheiligen ins Freie setzen kann. Theoretisch. Siehe Punkt 6.

6. Ich bin nicht abergläubisch. Aber dass dieser f***cking Eisheilige Servatius mir meine 2 Tage zuvor rausgesetzten Tomaten, Gurken und Peperoni komplett verhagelt (und das Dach der Gartenhütte in ein Sieb verwandelt) hat, finde ich dann doch ziemlich kacke. Immerhin machte es nun aber Sinn, dass ich den ganzen Balkon voller Setzlinge hatte, so konnte ich zumindest die Tomaten ersetzen (und die Nachbarinnen gleich mitversorgen). Nächstes Jahr warte ich die Eisheiligen ab.

7. An Punkt 6 schließt sich dieser – von Dr_Gretchen treffend formuliert – an:

8. Das einzige, das Hagel ziemlich sicher überlebt, ist das hier:

Wozu sind die jetzt gleich noch mal gut?

9. Das einzige wirksame Mittel gegen Schnecken (wenn eins nicht gerade mit der Giftkeule die armen Igel etc. vergiften will) ist das:

Nicht schön, aber es hilft: Anti-Schnecken-Tupperdings
Nicht schön, aber es hilft: Anti-Schnecken-Tupperdings

10. Die Natur ist der reinste Wahnsinn (dass das Zeug jedes Jahr wieder wächst!) und unberechenbar. Zum Glück kann ich das aus Spaß machen, kann einfach Ausprobieren und muss nicht davon leben (Hagel, Schnecken, Dauerregen, kein Regen, Wühlmäuse, Nährstoffmangel, Fäule etc. pp. sind für mich zwar zum Beispiel saublöd, aber eben keine Katastrophe).

So, das waren jetzt schon 10 Punkte. Was mache ich mit den restlichen 534? Lesen Sie doch einfach die anderen 10-Punkte-Listen, z. B. im Gärtnerinnenblog (und hier) und bei der Frischen Brise.

Hier noch ein Blick ins Gärtchen:

Das Gemüse-Blumen-Unkraut Beet
Das Gemüse-Blumen-Unkraut Beet

Das „Business-Festival“ re:publica 2015. Ein persönliches & kritisches Fazit.

Als ich zur re:publica fuhr, nahm ich mir eigentlich fest vor, sie nicht mit dem 31. Chaos Communication Concress zu vergleichen. Dort war ich im Dezember und es war Liebe auf den ersten Blick. Nicht nur bei mir, auch bei meiner Familie, mit der ich angereist war. Einen Lobgesang habe ich hier veröffentlicht. Mich hat dort so ziemlich alles begeistert: die Vielfalt und Tiefe der Vorträge, die interessanten, offenen und verspielten Menschen, die Aufbruchsstimmung, die politischen Statements, der tolle Kinderbereich, die kreative Gestaltung der Räume … Die Begeisterung und das leichte Hüpfen im Bauch halten sich bis heute, wenn ich daran denke.

Auf der re:publica war ich auch zum ersten Mal und – ich nehme es fairerweise mal vorweg – es wurde keine Liebe, auch nicht auf den 2. Blick. Vielleicht auf den 3. – und damit komme ich zunächst einmal zum absoluten Highlight meiner Reise:

Auf der re:publica gab es sehr schöne Begegnungen mit Leuten, deren Blogs ich lese und denen ich auf Twitter folge. Oder die ich einfach so dort kennengelernt habe. Ich bin noch nie so vielen Leuten, die ich vorher nie gesehen hatte, spontan in den Arm gefallen. „Ach, du bist die soundso, wie toll dich mal zu sehen!!“. Das war wirklich schön. Manche Begegnungen waren intensiv, manche eher flüchtig, ich habe mich auf jeden Fall gefreut, so viele einmal persönlich zu sehen und ein paar Worte zu wechseln. Gerne hätte ich mich mit der einen oder anderen länger und in Ruhe unterhalten, für mich als Small-Talk-DAU waren diese vielen kurzen Begegnungen eine Herausforderung. Die netten Menschen wären für mich der einzige Grund, noch einmal auf die re:publica zu fahren, es ist einfach eine tolle Gelegenheit, Leuten zu begegnen und diese mit der Zeit auch ein wenig besser kennenzulernen. Außerdem verbrachte sehr schöne Abende mit einer alten Freundin und einen mit @alsmenschverkleidet und @buntzone. Hier war Zeit und Raum für intensive Gespräche, viel Flausch und Herz. Das war einfach schön!

Wenn ich aber ehrlich bin, habe ich es dann natürlich doch gemacht, ich habe die Veranstaltung mit dem ccc verglichen, dauernd, sorry. Schon am Eingang, als ich auf ein Schild stieß, auf dem verlautet wurde, dass während der Veranstaltung gefilmt und fotografiert werde, während es auf dem ccc völliger Konsens war, dass eins ohne Einverständnis natürlich keine Aufnahmen von Personen macht. Kleiner, aber feiner Unterschied. Ich habe verglichen, weil für mich die beiden Konferenzen zunächst auch einiges gemeinsam haben, in meiner Vorstellung zumindest. Beides, so dachte ich, sind Veranstaltungen, bei denen Leute zusammenkommen, die sich gerne im Netz bewegen und dieses und die Gesellschaft kritisch und kreativ mitgestalten möchten. Aber halt! Die re:publica ist ja neuerdings gar kein Community Event mehr, sondern offiziell ein Business-Festival (!), wie ich im Vorfeld von den Veranstalter!nnen erfuhr. Da stellten sich bei mir erstmals die Nackenhaare etwas hoch.

Die Veranstalter!nnen hatte ich übrigens angeschrieben, um mich nach Angeboten für Kinder und Familien* zu erkundigen. Womit ich beim nächsten Punkt wäre: Eigentlich planten wir, nach der erfolgreichen Tour nach Hamburg einen Familienausflug zur re:publica zu machen. Auf Twitter fragte ich also vorab mal rum, wer so alles mit Kindern käme und wie die Erfahrungen aus den Vorjahren seien. Die Antworten waren, gelinde gesagt, ernüchternd, darum fragte ich direkt nach. Auf die Mail an die republica kam u.a.:

„Bisher haben wir als Business-Festival keine nachhaltige Infrastruktur für einen Kidsspace entwickelt und auch keine Erfahrung wie z.B. relevante, pädagogische Inhalte für die Kids angeboten werden können.“

Man plane irgendetwas, genaueres wisse man noch nicht. Auf meine Bitte, mich auf dem Laufenden zu halten, kam nichts mehr, so dass der Mann nach einigem Hin und Her beschloss, mit dem Kind2 zu Hause zu bleiben. Das erschien uns stressfreier. Und ich muss sagen: Das war eine gute Entscheidung. Ich kann mir im Nachhinein nicht vorstellen, dass wir uns dort mit Kind sonderlich wohl und gut aufgehoben gefühlt hätten. Angefangen vom Kinderbereich, der mitten im Geschehen in der Riesenhalle platziert war, im totalen Getöse der Tagung. Es gab dort ein kleines Planschbecken mit ein paar Bällen („Bällebad“ höhö), es lag ein bisschen Lego und Bastelkram rum, der Lärmpegel war unglaublich hoch (von der Musik und den Leute, nicht wegen der Kinder). Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das vierjährige Kind2 es länger als 10 Minuten dort spannend gefunden hätte. Die Sessions waren natürlich nicht kinderkompatibel, es war überall voll und über dem Innenhof hing permanent eine Rauchwolke. Verspielte Nerds, die den Kleinen irgendwas erklärt hätten, habe ich auch keine gesehen. Nüscht für das Kind, fand ich. Innerlich seufzte ich also erleichtert auf – schließlich hatte ich ja auch dadurch frei – und widmete mich dem Programm.

Ich weiß nicht in wie vielen Vorträgen ich war. Aus ca. 30 % bin ich vorzeitig raus, weil sie sich für mich als belanglos herausstellten, bei 40 % habe ich durchgetwittert, weil ich zu faul war rauszugehen, der Rest war eine Mischung aus ganz interessant und/oder gut performed, wenn auch zumindest teilweise inhaltlich etwas flach. Highlights waren für mich die Vorträge von Juna zur jüdischen Blogosphäre, der von Journelle zur Vielfalt von Beziehungen in Zeiten des Internet, der von Felix Schwenzel zur Kognitiven Dissonanz („Wahrheit ist ein Kompromiss“ – kann eins ja nicht oft genug sagen!), der von Jasna Lisha Strick zu Critical Crafting (und zwar vor allem deshalb, weil hier mal was Kritisches, nicht-mainstreammäßiges von der Bühne kam). Den Vortrag von Ines Dorian Gütt zu „Surveillance Art und die fehlende Ästhetik der digitalen Massenüberwachung“ fand ich interessant, der hätte ruhig noch etwas tiefer einsteigen können. Außerdem war ich in der Kinderfotos-im-Netz-Session, wo ich mich zu 100% den Statements von @dasNuf anschließen konnte – nämlich keine erkennbaren Fotos und Namen von Kindern im Netz zu veröffentlichen.

Natürlich war ich in vielen womöglich tollen Vorträgen auch nicht. Weil ich mich mit dem temporären Mitbewohner beim Kaffee festgequatscht hatte und nicht früh genug loskam, weil ich mit Leuten im Gespräch war oder beim Klo anstand. Oder weil ich, während der gefeierte Astronaut sprach, lieber im Park im Cafe Eule saß, weil mir alles zu viel wurde und ich eine Auszeit brauchte. Aber erklärt das die schlechte Trefferquote? Ich hatte irgendwann das blöde Gefühl, dass ich mir zielsicher immer die falschen Vorträge herausgesucht hatte – womöglich war der parallele viel besser! Lustiger! Warum lachen die nebenan so und klatschen wie verrückt? Oder wurden da gerade animinierte Gifs eingeblendet? Ich fragte Leute in der Halle nach Tipps und Favorit!nnen, aber so richtige Empfehlungen bekam ich nicht. Auch sah ich kein Leuchten in den Augen ob des grandiosen Vortrags von xx. Habe ich also wirklich nichts verpasst? (jaja, außer Alex, ich weiß ^^), waren die Themen einfach nicht so meine Baustelle, waren die aufrüttelnden, visionarischen, widerständigen, inspirierenden Sessions einfach total dünn gesät? Mich hat es jedenfalls thematisch nicht gepackt.

Um die Meckereien jetzt mal abzuschließen, erwähne ich noch schnell, dass die Räumlichkeiten recht nüchtern waren, es keine kreative Deko gab und sich das Gelände gegen Abend doch relativ fix leerte. In der großen Haupthalle wurden ab 20 Uhr tonnenweise Flyer in große Müllsäcke gesammelt – um am nächsten Morgen wieder neue zu verteilen. Gerüchten zufolge soll es in Nebengebäuden Partys gegeben haben. Ob diese rauschend waren, vermag ich nicht zu sagen, da ich mich zu Privatveranstaltungen verabredetet hatte. Die Stimmung lud mich jedenfalls nicht zum gechillten Verweilen ein.

Mein Fazit: Die re:publica hat mich mit ihrem „Flair“ eines Business-Festivals leider nicht begeistert, was ein bisschen schade ist.  Die Hauptausrichtung auf Social-Media-Irgendwas, digitales Marketing, Popkultur und Twitterwitzchen war für mich persönlich im Großen und Ganzen nicht besonders inspirierend und interessant.  Nun ja. Aber ich hatte trotzdem superschöne Tage in Berlin, habe tolle Leute getroffen, mich gut unterhalten und bin sehr froh, dass ich die Reise unternommen habe! Ich hatte Zeit, war unglaublich entspannt und konnte mich erholen, was hauptsächlich daran lag, dass der Mann netterweise mit dem Kind zu Hause geblieben war und ich mich einfach mal treiben lassen konnte. Wie toll, vielen Dank dafür! Und herzlichen Dank auch an meine reizende Gastgeberin für den Unterschlupf!

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* Herzlichen Dank an dieser Stelle an Frau Mierau und Aluberlin, die mit großem persönlichen Engagement die kleine, sehr feine Blogfamilia-Konferenz ins Leben gerufen haben. Mit Kinderbetreuung! Eigentlich wollte ich ohne Kind da erst nicht hin, habe mich wegen der netten Leute aber umentschieden. Vielen Dank, dass ich noch kommen durfte, das war alles sehr liebevoll und toll gemacht!!!

P.S. Einige Vorträge werde ich wohl noch nachschauen. Wie die von Zygmunt Bauman und Mareike Kaiser & Raul Krauthausen beispielsweise. Und den vom Astronauten vielleicht auch.

Der Kinderbereich. Mit Bällebad (rechts)
Der Kinderbereich. Mit Bällebad (rechts)
Symbolbild Vortrag
Symbolbild Vortrag

Urwald auf dem Balkon

„Also, do glaub i net dro“, sagt der Bauer auf dem Markt zu mir, als ihn ich nach den Eisheiligen frage. Die Eisheiligen, so alle mir bekannten Gartenratgeber, vom alten Pötschke bis hin zu irgendwelchen Gartenblogs, müssen unbedingt abgewartet werden, bevor eins empfindliches Junggemüse wie Tomaten und Gurken ins Freiland setzen könne. Es könnte ja noch Nachtfrost geben. Der Bauer dagegen hält das für Quatsch, Klimaerwärmung und so, schließlich seien schon die Apfelbäume am Blühen und es komme nur noch sehr selten vor, dass es so spät im Frühling noch nachts friere.

Also packe ich meine 3 Gurken ein, die 4. lasse ich sicherheitshalber zu Hause, und setze sie in den Kleingarten. Prompt setzt am nächsten Tag Dauerregen ein, es wird schnatterkalt und ich fahre mit schlechtem Gewissen raus in den Garten, um die armen schlappen Gestalten wieder einzusammeln und zurück zur Herde auf den geschützten Balkon zu bringen. Dort warten 27 Tomaten, 9 Salbei, 8 undefinierbare kleine Grünlinge (leider vergessen, was ich da in die Töpfe versenkt habe), 5 Chili und eine Restgurke auf Gesellschaft.

Es ist das erste Mal, dass ich selbst gesät habe. Es kann sein, dass ich es ein winzigkleinesbisschen übertrieben habe. Dass ich ein minibisschen zu früh damit angefangen haben, denn das Grün wuchert wie verrückt vor sich hin, so dass kaum noch ein Plätzchen für mich auf dem Balkon übrigbleibt. Aber es ist ganz wunderbar. Faszinierend. Unglaublich, was aus einem kleinen Samenkorn so wächst. Morgens schaue ich als erstes, was meine Kinder Pflanzenschar so macht, rücke hier ein Stöckchen zurecht, gebe dort ein bisschen Wasser dazu,  freue mich an den ersten Blüten der Gurken und hoffe, dass ein paar Bienen vorbeikommen zum Befruchten (sonst klappt das nicht mit den Gurken, oder?). Noch eine Gartenaussetzaktion traue ich mich gerade nicht, jetzt warte ich doch zumindest bis nach der Republica, bis ich die Pflanzen in den Garten bringen kann. Einige bleiben auf dem Balkon, ein paar tausche ich mit den Gartennachbarinnen, ein paar verschenke ich. Und nächstes Jahr fange ich vielleicht ein bisschen später mit dem Aussäen an …

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Es sind Tomaten! Nicht was Sie denken!!